[17] R. C. DARWIN / DIE ENTWICKLUNG DES PRIESTERTUMS UND DER PRIESTERREICHE

In diesem Beitrag kann man folgende Kapitel aus dem Buch “Die Entwicklung des Priestertums und der Priesterreiche” von Rudolf Cronau (Pseudonym “Randolph Charles Darwin”) lesen:

Ein komplettes Inhaltsverzeichnis des Buches befindet sich in Beitrag 1.

„„Mit der Durchsetzung dieses Gedankens erreichte das Papsttum den Höhepunkt seiner Macht. Es hatte für seine Inhaber eine alles bisherige Menschentum überragende Sonderstellung geschaffen, wie eine gleiche weder ein absoluter Kaiser, noch die Inkas des südamerikanischen Priesterreiches Tahuantinsuyu, noch die Lamas des Priesterreiches Tibet, noch die Mikados Japans jemals besaßen. Es war„, wie Professor Heinrich Wolf in seiner „Kirchengeschichte“ treffend bemerkt, „die Vergottung des höchsten Kirchenfürsten„.“,

„Wie bereits im Vorwort dieses Buches gesagt wurde, kam die Erkenntnis, daß Wissen Macht bedeute, zuerst jenen Schamanen, die infolge schärferen Beobachtens der in der Natur sich abspielenden Vorgänge und durch schlaues Ausnützen dieser Kenntnisse einen gewaltigen Einfluß über ihre dümmeren und abergläubischen Stammesgenossen erlangten. Da ihnen hierdurch Vorteile aller Art zuflossen, ja, sogar eine Sonderstellung eingeräumt wurde, so mußten sie folgerichtig darauf bedacht sein, ihre Stammesgenossen in immerwährender Unwissenheit zu erhalten; hätte doch jede denselben zuteil werdende Aufklärung eine Abnahme des eigenen Ansehens und der damit verbundenen Vorteile bedeutet. In früheren Abschnitten dieses Buches wurde auch nachgewiesen, daß die Schamanen und Fetischpriester solche Personen, welche die Macht der Schamanen oder die Echtheit ihrer angeblichen Wunder anzuzweifeln wagten, entweder auf geheimnisvolle Weise verschwinden ließen oder sich ihrer gelegentlich der Gottesgerichte entledigten.

Aus genau den gleichen Gründen und in genau der gleichen Weise verfuhren sowohl die Priester des Altertums wie des Mittelalters. Stets bemüht, die ihrem Einfluß unterstehenden Völker in Unwissenheit und im Bann des Aberglaubens zu halten, beseitigten sie alle Personen, die ihren Lehren, ihrem Ansehen und ihrer Machtstellung irgendwie gefährlich wurden. Nach Tausenden und aber Tausenden zählen die Männer, die ihren Drang nach Wissen und nach Erkenntnis, ihr Streben nach Wahrheit und ihre frei verkündigten Ansichten über das Wesen der Gottheiten und die großen Rätsel des Daseins mit dem Leben bezahlen mußten.“,

„Als die gefährlichsten Gegner jeder von der ihrigen abweichenden Meinung erwiesen sich aber doch die Priester der christlichen Kirche. Schon während der ersten Jahrhunderte des Bestehens der christlichen Sekte vernichteten die Kirchenväter planmäßig alle Handschriften und Bücher, die wegen der in ihnen niedergelegten Ansichten vom allein wahren Glauben abwichen und darum als „häretisch“ oder ketzerisch betrachtet wurden.“,

„Überblicken wir den Werdegang der Menschheit, so ist nicht zu verkennen, daß die schlimmsten Hemmnisse zu ihrem Fortschritt und Aufstieg in der steten Bevormundung und absoluten Intoleranz jener Priester bestanden, die aus selbstsüchtigen Absichten die Wissenschaften als ihr Alleingut betrachteten, die Völker aber jahrtausendelang im Bann des Aberglaubens hielten, um sie zu beherrschen und widerstandslos ausbeuten zu können. Wie sie jede freie Geistesregung, jede von ihren Lehren abweichende Glaubensform gewaltsam zu ersticken suchten, so geht auch heute noch ihre Forderung dahin, daß ihnen die volle Herrschaft über das gesamte Unterrichtswesen überlassen bleiben müsse, damit die Erziehung der heranwachsenden Geschlechter ganz in ihrem Sinne geschehe.“,

Bildung macht frei! Jene Völker und Staaten werden die freiesten sein und die größte Zukunft haben, welche die besten Schulen und Universitäten besitzen und ihren Wissenschaftlern volle Freiheit des Denkens und Lehrens gewähren. Es wird und muß die Zeit kommen, wo solche „Ritter vom Geiste“ an Stelle der Priester treten und ihr Wissen frei und ungehindert der Menschheit übermitteln werden. Nicht gekennzeichnet durch Tonsur, Stola oder Talar, nicht getrieben von Habgier und Herrschsucht, nicht geknebelt durch Syllabus und Modernisteneide, werden sie aller Welt das echte Evangelium verkünden, den Geist der Duldung und wahren Nächstenliebe. Mit ihrem auf Erkenntnis beruhenden reichen Wissen werden sie der Menschheit den Frieden bringen und so wirkliche Befreier, wirkliche Erlöser werden. Und wenn es gilt, die Schönheiten und Wunder der Natur, die Allgewalt ihrer Gesetze zu preisen, so werden sie auch stets echte, von der Wahrheit ihrer Lehren überzeugte Priester sein.

Ab hier geht es weiter mit dem Originaltext des Buches:


DIE PÄPSTE DER NEUZEIT ALS ÜBER- UND GOTTMENSCHEN

Für die freiheitlichen Bestrebungen und politischen Zustände der Menschheit ist kein Ereignis von so gewaltigem Einfluß gewesen wie die im Jahre 1776 erfolgte Unabhängigkeitserklärung der 13 britischen Kolonien Nordamerikas und die Aufrichtung der Union. Gleich einem Feuerbrand verbreitete sich der durch Thomas Jefferson in Worte gefaßte und durch George Washington in die Tat umgesetzte Freiheitsgedanke über die ganze Welt. Er flackerte zuerst in Frankreich auf und führte dort im Jahre 1789 zu einer Revolution, während welcher die hochklingenden Forderungen: „Freiheit und Gleichheit! Menschenrechte und Volksregierung!“ voll Begeisterung ausgerufen wurden und verwirklicht werden sollten. Die reichen Besitzungen und Schätze der Kirche wurden für Nationaleigentum erklärt, die Klöster aufgehoben und alle Geistlichen zur Ablegung des Bürgereides gezwungen. Dieser Revolution reihten sich in den unter furchtbarster Ausbeutung seitens weltlicher und geistlicher Unterdrücker seufzenden spanischen Kolonialländern Mittel- und Südamerikas ähnliche Unabhängigkeitskämpfe an, während welcher Jose de San Martin, Simon Bolivar, Antonio de Sucre, Manuel Belgrano, Miguel Hidalgo und andere den von den nordamerikanischen Helden gesetzten Vorbildern nacheiferten und ihre gänzlich heruntergekommenen Heimatländer einer besseren Zukunft entgegenführten. —

In Mitteleuropa entfesselte das gleiche Freiheitsverlangen den erfolgreichen Krieg des Jahres 1813 gegen das Joch Napoleons. Als aber die Völker, welche dieses Befreiungswerk glücklich vollbracht hatten, nun auch einen Anteil an der Regierung in Form parlamentarischer Vertretungen begehrten, da schlossen sich die noch streng absolutistisch gesinnten, in beständiger Angst vor dem Umsturz lebenden Herrscher, vor allem der russische Zar, die Habsburger sowie die Könige von Frankreich, Spanien, Preußen und Holland zu einer „Heiligen Allianz“ zusammen, die den wachgewordenen Freiheitssinn der Völker zu unterdrücken suchte und diese mit allen Mitteln zum altgewohnten Untertanengehorsam zurückbringen wollte.

Diese sogenannte „Reaktionszeit“ wurde von den Päpsten als eine passende Gelegenheit erachtet, sich bei den Herrschern in empfehlende Erinnerung zu bringen. Wie vor zwei- oder dreitausend Jahren die Brahmanen Indiens ihren Fürsten klargemacht hatten, daß sie ohne den Beistand der Priester niemals erfolgreich und glücklich sein könnten, so verstanden nun auch die Päpste die „Herrscher von Gottes Gnaden“ davon zu überzeugen, daß die Religion, der Altar die stärksten Stützen der Throne seien. Das leuchtete insbesondere den noch ganz in mittelalterlicher Gedankenwelt lebenden, jedem freien Luftzug abholden Habsburgern und ihrem allmächtigen Minister Metternich ein. Nicht minder den im Königreich Bayern regierenden, streng katholischen Wittelsbachern und den über Sachsen herrschenden Wettinern, die sich seit dem Jahre 1697 gleichfalls wieder dem Katholizismus zugewendet hatten. Um System in das gemeinsame Vorgehen gegen die nach geistiger Freiheit verlangenden Ruhestörer zu bringen, erweckte Papst Pius VII. auch den im Jahre 1773 aufgehobenen, in Wirklichkeit aber niemals erloschenen Jesuitenorden zu neuem Leben, dessen Mitglieder nunmehr an allen Höfen eine überaus rege Tätigkeit entfalteten[Den unheilvollen Einfluß der Jesuiten erkennend, hatte die Regierung des Königreiches Portugal dieselben im Jahre 1759 ausgewiesen. Frankreich tat das gleiche im Jahre 1764; Spanien, Neapel und Parma folgten im Jahre 1767. Auf vielseitiges Drängen, auch seitens mancher Kirchenfürsten, entschloß sich Papst Clemens XIV., „um Frieden in der Kirche zu erhalten“, den Jesuitenorden am 21. Juli 1773 aufzuheben. Bald darauf starb der Papst an Gift, das ihm, so wurde behauptet, von den Jesuiten beigebracht worden sei. Papst Pius VII. erneuerte den Jesuitenorden im Jahre 1814.]. Auch in Frankreich bestrebte sich eine klerikal-legitimistische Partei im Bunde mit dem König Karl X. (1824—1830), die Erinnerungen an die Revolution des Jahres 1789 auszulöschen. Dort, wie in Spanien, Portugal, Italien und Deutschland wurden alle freiheitlichen Regungen gewaltsam unterdrückt und ihre Anstifter standrechtlich erschossen oder zur Flucht nach England und Amerika getrieben. —

Aber auf die Dauer ließ sich das Verlangen der Völker nach größerer Freiheit und Selbstbestimmung doch nicht niederhalten. Denn als am 22. Februar des Jahres 1848 in Paris eine neue Revolution ausbrach, rief die Kunde der dortigen Vorgänge sowohl in Deutschland, Österreich und Italien ähnliche, die politische Freimachung anstrebende Volkserhebungen hervor. In Deutschland und Österreich glückte es den Machthabern abermals, dieselben gewaltsam niederzuschlagen. In Italien hingegen, das gleich Deutschland seit Jahrhunderten in einzelne, in ihrer Zerrissenheit schwache, lebensunfähige Staaten aufgelöst gewesen war, kam es nach langem Ringen, an dem der aus Amerika herbeigeeilte Freiheitskämpfer Garibaldi einen hervorragenden Anteil hatte, zur Vereinigung sämtlicher Fürstentümer zu einer Republik.

In jener Zeit der Wirren saß auf dem päpstlichen Stuhl Pius IX., dessen von 1846—1878 währende Regierung sich zu einer der eigenartigsten in der ganzen Geschichte der römisch-katholischen Kirche gestalten sollte.

Als Rom im November 1848 zum erstenmal von den Rothemden Garibaldis eingenommen wurde, floh Pius am 25. November in Verkleidung nach Gaëta. Als bald darauf die in Rom gebildete Volksvertretung ihn ersuchen wollte, zurückzukehren, weigerte er sich, die an ihn abgesandte Deputation zu empfangen. Infolgedessen wurde am 9. Februar 1849 die weltliche Regierung des Papstes als erloschen erklärt und der Kirchenstaat der neuen Republik einverleibt. Pius aber wandte sich sowohl an Napoleon III. von Frankreich wie an die Herrscher von Österreich und Spanien um Beistand. Dieser wurde gewährt, so daß nach heftigen Kämpfen der von fremden Waffen beschützte Papst am 12. April 1850 nach Rom zurückkehren konnte.

Aber er war nicht länger der gleiche Mann, der durch sein leutseliges Wesen sich früher in hohem Maße die Gunst des Volkes erworben hatte. Völlig verbittert hatte er sich den Jesuiten in die Arme geworfen und suchte nun mit Hilfe der ihm von Napoleon III. zur Verfügung gestellten französischen Truppen seine Herrschaft über den Kirchenstaat durch ein wahres Schreckensregiment wiederherzustellen. —

Im Jahre 1861 wurde aber aus der italienischen Republik ein Königreich mit Viktor Emanuel von Sardinien an der Spitze. Der größere Teil des Kirchenstaates wurde diesem Königreich nach schweren Kämpfen abermals hinzugefügt. Und als im Jahre 1870 Napoleon III. während seines unglücklichen Krieges mit Deutschland sich genötigt sah, seine anders benötigten Truppen aus Rom zurückzuziehen, nahm Viktor Emanuel die Gelegenheit wahr, einen neuen Handstreich gegen die Residenzstadt des Papstes zu unternehmen. Siegreich zog er am 20. September in Rom ein und machte das Sommerschloß der Päpste, den Quirinal, zum Königspalast. Am 2. Oktober ließ er die Bevölkerung der Stadt darüber abstimmen, ob die Stadt gleichfalls dem Königreich einverleibt werden oder fernerhin unter der Herrschaft der Päpste verbleiben wolle. Die Abstimmung ergab 40785 Stimmen für und nur 46 Stimmen gegen die Vereinigung!

Ein am 13. Mai 1871 erlassenes Garantiegesetz sicherte dem Papst volle Anerkennung seiner Oberherrlichkeit über die römisch-katholische Kirche; desgleichen wurde ihm das Recht zugestanden, eine Leibwache zu halten und sowohl Gesandte fremder Länder zu empfangen wie auch eigene Gesandte auszusenden. Ferner wurden ihm drei Gebiete: der Vatikan, der Lateran und die Villa Gandolfo zur Verfügung gestellt. Obendrein wurde ihm eine jährliche Rente von 3225000 Lire angeboten.

Während Pius IX. die Oberhoheit über die Kirche als sich von selbst verstehend fortübte, nahmen weder er noch einer seiner Nachfolger die von dem „Raubstaat“ Italien und dem exkommunizierten „gotteslästerlichen“ König Emanuel bewilligte Rente in Anspruch. Auch zogen sie vor, den Vatikan, das größte der ihnen zugestandenen Gebiete, zu ihrem ausschließlichen Aufenthalt zu machen. Sie wollten fortan als „Gefangene“ gelten, die in Ruhe jenem Tage entgegensehen, wo eine empörte Welt die so schmachvoll behandelten Stellvertreter Gottes in alle früher innegehabten Rechte und Besitztümer wieder einsetzen werde. Diese eigenartige Haltung der Päpste gegenüber dem Königreich Italien blieb bis zum Jahre 1929 die gleiche, denn keiner der Päpste, die Pius IX. nachfolgten, hat den Vatikan jemals verlassen. —

Papst Pius IX. machte die Zeit seiner Herrschaft noch durch eine Reihe anderer Maßnahmen denkwürdig. Im Jahre 1851 schloß er mit der damaligen Königin Isabella II. von Spanien ein Konkordat oder Übereinkommen, nach welchem das römisch-katholische Glaubensbekenntnis als das in Spanien allein zulässige zu gelten habe und die Ausübung jeder anderen Richtung streng verboten sein solle. Ein gleiches Übereinkommen wurde im Jahre 1862 mit der südamerikanischen Republik Ekuador getroffen. Ein drittes Konkordat mit dem Kaiser Franz Joseph I. von Österreich übertrug die Überwachung sämtlicher Schulen sowie die Zensur der in Österreich gedruckten oder eingeführten Literaturwerke und Zeitungen der katholischen Geistlichkeit. Auch wurde das kanonische Kirchengesetz anerkannt und jede dagegen im Widerspruch stehende weltliche Bestimmung aufgehoben. Kaiser Napoleon III., der Beihilfe des Papstes zur Aufrechterhaltung seines wankenden Thrones bedürftig, wurde in ähnlicher Weise dienstbar gemacht. Sogar manche deutsche Staaten, vor allem Bayern, Hessen und Württemberg, erwiesen sich geneigt, mit Rom engere Verbindung zu unterhalten.

Weiter ist noch anzuführen, daß Pius IX. am 8. Dezember 1854 in die Kirchenlehre auch den Glaubenssatz aufnehmen ließ, daß gleichwie Christus ohne die von Adam und Eva auf die gesamte Menschheit übergegangene Erbsünde empfangen und geboren worden sei, die gleiche Reinheit auch für Maria, die Mutter Gottes, zu gelten habe. Diese Lehre von der „unbefleckten Empfängnis Maria“ (Immaculata conceptio) bildet seitdem einen Glaubenssatz der katholischen Kirche.

Peinliches Aufsehen erregte, daß Pius im Jahre 1867 auch den Inquisitor Pedro Arbues, den gleichen, der sich während des 13. Jahrhunderts durch seine in Spanien über angebliche Ketzer verhängten Torturen und Todesstrafen zum Fluch für die arme Menschheit gemacht hatte, durch Heiligsprechung in die Klasse der von allen Gläubigen hoch zu Verehrenden erhob.

Noch zwei weitere Überraschungen wurden der Welt durch Pius IX. zuteil. Die erste war die am 8. Dezember 1864 erfolgte Veröffentlichung des „Syllabus„; die zweite die am 8. Dezember 1869 erfolgte Eröffnung eines im Vatikan abgehaltenen Konzils, das in seiner Sitzung vom 24. April 1870 die Unfehlbarkeit des Papstes als eine Lehre der katholischen Kirche verkündigte.

Es ist notwendig, auf beide Handlungen näher einzugehen. Der von mehreren, aus Theologen bestehenden Kommissionen seit längerer Zeit sorgfältig vorbereitete „Syllabus“ war eine Liste sämtlicher „Irrtümer“, die irgendwie gegen die Lehren und Interessen der Kirche verstießen, darunter die Irrtümer der Vielgötterei, der Naturreligionen, der religiösen Gleichgültigkeit, des Vernunftglaubens und aller Arten des Freidenkertums. Zu solchen Irrtümern wurden auch alle Vereinigungen gezählt, die sich die Verbreitung der Bibel angelegen sein ließen oder in irgendeiner Weise für Freiheit, Fortschritt und Aufklärung eintraten.

Durch diesen Syllabus, der zuerst einer Versammlung von 300 aus allen Teilen der Welt gekommenen Bischöfen vorgelegt wurde, wird weiter gefordert, daß in allen Staaten von Rechts wegen nur ein Glaubensbekenntnis, und zwar das „allein wahre“ der katholischen Kirche herrschen solle; ferner, daß die katholische Kirche als eine unabhängige, dem Staat übergeordnete Gewalt zu betrachten sei, die einer Anerkennung seitens des Staates nicht bedürfe und sich, frei von jeder staatlichen Beaufsichtigung, ungehindert bewegen und entfalten könne. Auch sei der Papst von Gottes wegen als ein völlig unabhängiger Fürst zu betrachten, dem auch eine weltliche Herrschaft zukomme. Entstehe irgendwo zwischen der Kirche und einem Staat eine Meinungsverschiedenheit oder ein Streit, so habe der Staat nachzugeben, da geistliches Recht über dem weltlichen stehe. In religiöse Fragen irgendwelcher Art dürfe der Staat sich nicht einmischen; dagegen sei die eigentliche Trennung der Kirche vom Staat nicht zulässig. Alle weltlichen Herrscher seien der Jurisdiktion der Kirche unterworfen, und es komme dem Papst zu, zu unterscheiden, welche von diesen Herrschern rechtmäßig seien. Von Gottes und Rechts wegen habe die Kirche auch vollen Anspruch auf die Schulen, damit den Kindern jene Art von Erziehung zuteil werde, die dem Geist der Kirche entspreche. Weiter beanspruche die Kirche auch die Gerichtsbarkeit in allen die Ehe betreffenden Angelegenheiten sowie die letzte Entscheidung über die Gültigkeit oder Ungültigkeit eines Eides.

Der Syllabus betonte demnach in der schärfsten Weise die alten Ansprüche der Kirche auf sämtliche ihr angeblich von Gott verliehenen unveräußerlichen Rechte. Zugleich verdammte er aber auch alles, was im modernen Staats- und Gesellschaftsleben irgendwie den Anschauungen und Interessen der Kirche und des Papsttums widersprach. Er verlangte ferner für die Kirche absolute Kontrolle über das Erziehungswesen, wie über die gesamte Kultur und Wissenschaft. —

Wurde dieser Syllabus von der aufhorchenden Welt mit maßlosem Staunen entgegengenommen, so sollte nur fünf Jahre später eine noch größere Überraschung folgen. Um dieselbe so eindrucksvoll als möglich zu gestalten, war wiederum eine glänzende Generalversammlung aller Kirchenfürsten der Welt nach Rom einberufen worden. Ihrer 759 hatten sich eingestellt und wohnten der am 8. Dezember 1869 erfolgenden feierlichen Eröffnung des „Vatikanischen Konzils“ bei. Der eigentliche Zweck desselben war in der Einberufungsbulle nicht angegeben worden; aber gar bald wurde offenbar, daß derselbe in nichts Geringerem bestand, als in der Durchsetzung des Dogmas von der absoluten Gewalt und Unfehlbarkeit des Papstes. Waren auf früheren Konzilen zuerst die Kirche, dann die Konzile als solche für irrtumlos erklärt worden, so sollte die gleiche Eigenschaft nunmehr auch dem Papst zuerkannt werden. Während der darüber entstehenden langwierigen Verhandlungen fehlte es nicht an Widersprüchen. Die Erzbischöfe von Wien, Prag und Mainz ließen Schriften verteilen, in denen ausgeführt war, daß die alte Kirche von der Unfehlbarkeit eines Bischofs von Rom nichts gewußt, denselben in ihren Glaubensstreitigkeiten auch nie als Schiedsrichter angerufen habe, daß demnach die päpstliche Unfehlbarkeit der katholischen Kirche unbekannt sei und mit den Überlieferungen derselben nicht im Einklang stehe. Es wurden ferner von zahlreichen dem Konzil beiwohnenden Bischöfen Adressen an den Papst gerichtet, welche die Bitte enthielten, er möge die Frage der Unfehlbarkeit nicht zur Verhandlung kommen lassen. Noch am Abend des 15. Juli des Jahres 1870 suchte eine Abordnung solcher Bischöfe den Papst zu beschwören, von diesem „Unglück der Kirche“ Abstand zu nehmen. Aber trotz aller Einwendungen hielt Pius an seinem Vorhaben fest, exkommunizierte diejenigen, welche sich nicht entschließen konnten, das Opfer ihrer besseren Überzeugung darzubringen, und führte am 18. Juli eine Abstimmung herbei, in der von 535 Anwesenden 533 mit „Ja“ und nur 2 mit „Nein“ antworteten. Unmittelbar vorher waren 55 Bischöfe abgereist, um nicht an der Abstimmung teilnehmen zu müssen. Durch die Bulle „Pastor aeternus“ wurde nunmehr vom päpstlichen Stuhl aus als ein „von Gott geoffenbarter Glaubenssatz“ verkündigt, daß, wenn der Papst von seinem Lehrstuhl aus (ex cathedra) spreche und kraft seiner höchsten apostolischen Gewalt über eine von der gesamten Kirche anzunehmende, den Glauben oder die Sitten der Menschheit betreffende Lehre entscheide, sein Urteil infolge des dem heiligen Petrus zugesicherten göttlichen Beistandes jene Unfehlbarkeit besitze, mit welcher der Erlöser seine Kirche ausgestattet wissen wollte. Daher seien die Entscheidungen des Papstes aus sich selbst unabänderlich, ohne erst der Zustimmung der Konzile, der Kirche zu bedürfen.

Mit der Durchsetzung dieses Gedankens erreichte das Papsttum den Höhepunkt seiner Macht. Es hatte für seine Inhaber eine alles bisherige Menschentum überragende Sonderstellung geschaffen, wie eine gleiche weder ein absoluter Kaiser, noch die Inkas des südamerikanischen Priesterreiches Tahuantinsuyu, noch die Lamas des Priesterreiches Tibet, noch die Mikados Japans jemals besaßen. Es war„, wie Professor Heinrich Wolf in seiner „Kirchengeschichte“ treffend bemerkt, „die Vergottung des höchsten Kirchenfürsten„.

So geschehen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts!

Gottvater im päpstlichen Ornat, mit Pallium und dreifacher Krone. Hauptteil eines von Hubert van Eyck gemalten Altarbildes in Gent.

Gottvater im päpstlichen Ornat, mit Pallium und dreifacher Krone.

Hauptteil eines von Hubert van Eyck gemalten Altarbildes in Gent.

Einer der bedeutendsten Künstler des Mittelalters, der um das Jahr 1366 in Flandern geborene Hubert van Eyck vollendete im Auftrag des in Gent lebenden reichen Patriziers Judous Vyts und dessen Ehefrau Lisbetta fürderen Grabkapelle einen gewaltigen, mit mehreren Seitenflügeln versehenen Altarschrein, auf dessen Hauptblatt er den thronenden Gottvater darstellte. Sein herrliches Greisenhaupt ist mit der Tiara, der dreifachen Krone, geschmückt; um den Hals ist das Pallium gelegt. Während die linke Hand ein goldenes Zepter hält, ist die rechte segnend emporgehoben. Zu Füßen der majestätischen Gestalt ruht die Krone eines weltlichen Herrschers, zum Zeichen, daß alle irdischen Gewalten von Gott verliehen sind.

Genau diesem Gemälde entsprechend ist die Pose, welche die Päpste einzunehmen lieben, wenn sie sich bei außergewöhnlichen Gelegenheiten dem gläubigen Volke zeigen oder sich in der Sixtinischen Kapelle des Vatikans in feierlicher Prozession umhertragen lassen. —

Der Papst Pius XI. auf dem Sedia gestatoria genannten Tragsessel in der Sixtinischen Kapelle des Vatikans

Der Papst Pius XI. auf dem „Sedia gestatoria“ genannten Tragsessel in der Sixtinischen Kapelle des Vatikans.

Nach einer in der französischen Zeitschrift „Illustration“ gegebenen Originalzeichnung.

Daß diese „Vergottung“ sich bis in unser 20. Jahrhundert hinein fortsetzte, erhellt aus folgenden Tatsachen:

Als man Anno 1925 in Rom das „Heilige Jahr“ feierte, wurde für die aus allen Ländern der Christenheit erwarteten Pilger eine Anweisung gedruckt, die sie über ihr Verhalten in Gegenwart des „Heiligen Vaters“ belehrte. Es hieß darin:

„Bei der Privataudienz, wo man allein vom Heiligen Vater in seinem Zimmer empfangen wird, geschieht die Einführung durch einen geistlichen Kammerherrn. Sobald man des Papstes ansichtig wird, kniet man mit dem rechten Knie nieder, macht dann einige Schritte vorwärts und wiederholt die Kniebeugung. Dann kniet man auf beiden Knien vor dem Heiligen Vater und küßt ihm den Fuß. Während der Unterredung bleibt man knien. Nach der Audienz geht man rückwärts, den Blick auf den Papst gerichtet, unter der Wiederholung der doppelten Kniebeugung hinaus.“

Die in Briefen ihm zu gebenden Anreden haben zu lauten: „Sanctitas sua“, „Sanctissimus Dominus Noster“ oder „Beatissimus Pater“.

Für seine während des „Heiligen Jahres“ 1925 nötigen Fahrten bediente Papst Pius XI. sich eines Prunkwagens, der von sechs fleckenlos weißen Pferden gezogen wurde. Da völlig tadellose Schimmel in Italien nicht gefunden werden konnten, so wurden solche durch eine besondere nach Ungarn geschickte Gesandtschaft aus dem berühmten Gestüt des Grafen Esterhazy herbeigeschafft. Denkt man sich diesen Prunkwagen umgeben von den in mittelalterlichen Kostümen steckenden päpstlichen Schweizergardisten und gefolgt von einem Heer geistlicher Würdenträger in kardinalroten, violetten, weißen, schwarzen, braunen und anderen Farben prangenden Ornaten, so ist es für fromme Christen nicht ratsam, einen Vergleich anzustellen mit jenem im 12. Kapitel des Evangelium Johannis geschilderten Einzug Jesu in Jerusalem, währenddem der Sohn Gottes bescheiden auf einem Eselsfüllen einherritt. —

MÄRTYRER DER ERKENNTNIS UND WISSENSCHAFT

Wie bereits im Vorwort dieses Buches gesagt wurde, kam die Erkenntnis, daß Wissen Macht bedeute, zuerst jenen Schamanen, die infolge schärferen Beobachtens der in der Natur sich abspielenden Vorgänge und durch schlaues Ausnützen dieser Kenntnisse einen gewaltigen Einfluß über ihre dümmeren und abergläubischen Stammesgenossen erlangten. Da ihnen hierdurch Vorteile aller Art zuflossen, ja, sogar eine Sonderstellung eingeräumt wurde, so mußten sie folgerichtig darauf bedacht sein, ihre Stammesgenossen in immerwährender Unwissenheit zu erhalten; hätte doch jede denselben zuteil werdende Aufklärung eine Abnahme des eigenen Ansehens und der damit verbundenen Vorteile bedeutet. In früheren Abschnitten dieses Buches wurde auch nachgewiesen, daß die Schamanen und Fetischpriester solche Personen, welche die Macht der Schamanen oder die Echtheit ihrer angeblichen Wunder anzuzweifeln wagten, entweder auf geheimnisvolle Weise verschwinden ließen oder sich ihrer gelegentlich der Gottesgerichte entledigten.

Aus genau den gleichen Gründen und in genau der gleichen Weise verfuhren sowohl die Priester des Altertums wie des Mittelalters. Stets bemüht, die ihrem Einfluß unterstehenden Völker in Unwissenheit und im Bann des Aberglaubens zu halten, beseitigten sie alle Personen, die ihren Lehren, ihrem Ansehen und ihrer Machtstellung irgendwie gefährlich wurden. Nach Tausenden und aber Tausenden zählen die Männer, die ihren Drang nach Wissen und nach Erkenntnis, ihr Streben nach Wahrheit und ihre frei verkündigten Ansichten über das Wesen der Gottheiten und die großen Rätsel des Daseins mit dem Leben bezahlen mußten.

Weil der griechische Sophist Protagoras in einer Schrift erklärt hatte, nicht zu wissen, ob es wirklich Götter gebe und wie sie beschaffen seien, mußte er die Flucht ergreifen, fand dabei aber seinen Tod. Weil der Naturphilosoph Anaxagoras behauptete, die Sonne sei eine feurige Masse und tausendmal größer als ganz Griechenland, und weil er zuerst den Gedanken der Annahme eines von der Materie losgelösten Weltgeistes ausgesprochen und gelehrt hatte, wurde er mit Verbannung bestraft. Nur der Fürsprache seines mächtigen Freundes Perikles hatte er es zu danken, daß er der Hinrichtung entging. In ähnlicher Weise wurde Aristarchos von Samos verfolgt, welcher um das Jahr 250 die Ansicht zu äußern wagte, daß die Erde sich drehe und um die Sonne kreise. Am bekanntesten ist das Schicksal des Sokrates. Angeklagt, von der Staatsreligion abgefallen und ein Atheist, ein Gottesleugner geworden zu sein, wurde er im Jahre 399 v. Chr. vor den Richterstuhl geschleppt, verurteilt und gezwungen, den todbringenden Schirlingsbecher zu leeren. —

Als die gefährlichsten Gegner jeder von der ihrigen abweichenden Meinung erwiesen sich aber doch die Priester der christlichen Kirche. Schon während der ersten Jahrhunderte des Bestehens der christlichen Sekte vernichteten die Kirchenväter planmäßig alle Handschriften und Bücher, die wegen der in ihnen niedergelegten Ansichten vom allein wahren Glauben abwichen und darum als „häretisch“ oder ketzerisch betrachtet wurden. Wie man die Schriften des Arius öffentlich verbrannte und ihn selbst durch Gift aus dem Wege räumte, so zerstörte man auch alle Handschriften, die von seinen Anhängern in Afrika und in den germanischen Ländern geschrieben worden waren. Desgleichen verfielen die manchen Kirchenvätern nicht zusagenden Werke der Philosophen Origenes, Porphyrius und anderer der Vernichtung. Späterhin wurden auch alle Wahrheitsucher, die im Anblick der tausendfältigen Wunder der Natur und im Sinnen über die großen Rätsel des Lebens zu anderen als von der Bibel gelehrten Anschauungen gekommen waren und denselben Ausdruck zu verleihen wagten, als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Diesem Schicksal verfiel im Jahre 1155 auch Arnold Brescia, weil er durch seine Reden gegen den weltlichen Besitz der Kirche und die von den Päpsten angestrebte Weltherrschaft den Unmut dieser Stellvertreter Gottes erregte. Nicht besser erging es im Jahre 1416 Johann Hus und seinem Anhänger Hieronymus von Prag. Ferner dem Dominikanermönch Girolamo Savonarola, der gleichfalls gewagt hatte, das entartete Papsttum und den überschwenglichen Luxus der geistlichen und weltlichen Fürsten seiner Zeit in öffentlichen Reden anzugreifen. Er wurde am 23. Mai des Jahres 1498 den rächenden Flammen überliefert. Auch der Philosoph Giordano Bruno mußte im Jahre 1600 sterben, weil er betreffs der unbefleckten Empfängnis der Mutter Gottes sowie über die Verwandlung des geweihten Brotes und Weines in den Leib und das Blut Christi Ansichten geäußert hatte, die sich mit der vorgeschriebenen Lehre nicht vertrugen. Er wurde mundtot gemacht, indem man ihn erhängte. Um zu verhindern, daß er durch irgendein Wunder zu neuem Leben erwache, ließ man seine Leiche verbrennen und die Asche in den nächsten Fluß werfen.

In ähnlicher Weise verfuhr man im Jahre 1619 in Toulouse mit dem gelehrten Italiener Lucilio Vanini, der angeklagt wurde, gleichfalls ein Atheist zu sein. Man riß ihm die Zunge aus dem Halse, worauf man ihn verbrannte. —

Weil der an der Universität zu Salamanka in Spanien angestellte Professor Luis de Leon den hebräischen Urtext der Bibel höher als die im Auftrag der Päpste veranstaltete lateinische Übersetzung, die sogenannte „Vulgata“, stellte, wurde er fünf Jahre lang eingekerkert. Und der Astronom Galileo Galilei hatte sich im Jahre 1615 vor dem päpstlichen Inquisitionsgericht zu verantworten, weil er, im Gegensatz zur Bibel, beweisen wollte, daß die Erde sich drehe und um die Sonne kreise. Unter Androhung der Tortur und des Todes auf dem Scheiterhaufen wurde er am 22. Juni 1633 gezwungen, seine ketzerischen Behauptungen zu widerrufen. Obendrein mußte er allwöchentlich für drei Jahre lang die sieben Bußpsalmen rezitieren und den Rest seines Lebens in Arceti bei Florenz verbringen, wo er in völliger Abgeschlossenheit den ihm zugeschriebenen Ausspruch: „E pur si muove!“ = „Sie bewegt sich doch!“ vor sich hinmurmeln durfte, ohne dadurch Entsetzen zu erregen. —

In ähnlicher Weise suchte das Priestertum mit allen erdenklichen Mitteln jede aufklärende, fortschrittliche Bewegung zu ersticken. Allen Vernunftgründen hielten sie die angeblich von Gott empfangenen „Offenbarungen“ entgegen, die in der Bibel niedergelegt seien und an denen niemand rütteln noch deuteln dürfe. Mit welcher Beharrlichkeit an den Naturanschauungen dieses Buches festgehalten wurde, ist daraus ersichtlich, daß an der ganz von Jesuiten beherrschten belgischen Universität Löwen bis zum Jahre 1797 gelehrt wurde, daß die Sonne sich um die den Mittelpunkt des Weltalls bildende Erde drehe. Ferner ist zu bemerken, daß die römische Kirche erst im Jahre 1822 die Verbreitung von Büchern gestattete, die über die tatsächliche Bewegung der Erde wie über ihre Stellung zum Weltall Aufschluß gaben. —

Daß das Papsttum es an Bemühungen nicht fehlen ließ, die Länder des gesamten Christentums den gleichen Zuständen zu unterwerfen, wie solche im Priesterreich Tibet bestehen, ist aus jenen wichtigen Aktenstücken zu ersehen, die während der zweiten Hälfte des 19. und zu Anfang des 20. Jahrhunderts aus dem Vatikan hervorgingen. Am 8. Dezember des Jahres 1864 erließ der damalige Papst Pius IX. die Enzyklika „Quanta cura“ und den bereits in einem früheren Abschnitt erwähnten „Syllabus„, in dem er alle Wissenschaft und Philosophie rücksichtslos verdammte, die sich nicht der Autorität der römischen Hierarchie unterordne oder anpasse. (Syll. 1—14. 57.) Jede Freiheit des Denkens und Glaubens wurde verworfen (Syll. 15—18), die Rede- und Preßfreiheit, die Frucht unendlich langen Ringens, wurde „eine schreckliche Seuche“ genannt. Desgleichen lehnte der Papst jede Versöhnung mit dem Fortschritt, dem Liberalismus und der modernen Zivilisation auf das entschiedenste ab (Syll. 80).

Papst Pius X. ging noch einen beträchtlichen Schritt weiter, indem er im Juli des Jahres 1907 in einem besonderen Erlaß gegen den „Modernismus“ und die „Freiheit der Wissenschaft“ eiferte. Die Veranlassung dazu war durch einige deutsche Wahrheitsucher katholischen Glaubens gegeben worden, durch die Theologieprofessoren Schell in Würzburg, Ehrhard in Straßburg, Schnitzer in München und andere. Dieselben hatten sich erkühnt, auf Grund ihrer gewissenhaft angestellten Forschungen verschiedene Abhandlungen und Bücher zu veröffentlichen, die hie und da von den kirchlich festgelegten Anschauungen abwichen. Sie wurden deshalb vom Papst als „entgleiste, unbotmäßige Gecken, die von sich reden machen möchten“, sowie „wegen ihrer Anmaßung und frechen Neugier“ scharf gemaßregelt und zum Widerruf ihrer Schriften gezwungen. Um Wiederholungen solcher unliebsamen Vorkommnisse für alle ferneren Zeiten vorzubeugen, wurden nunmehr auch alle Priester eidlich verpflichtet, auf jede Selbständigkeit des Denkens zu verzichten und sich nicht bloß äußerlich, sondern auch innerlich den Lehren und Vorschriften der Kirche zu unterwerfen. Mit anderen Worten: die Priester, und mit ihnen die an Universitäten lehrenden geistlichen Professoren müssen schwören, niemals, bis zum letzten Atemzuge eine andere Meinung in den wichtigsten Dingen haben zu wollen, als die Kirche gestattet.

Dieser den Priestern und Professoren der katholischen Christenheit auferlegte sogenannte „Modernisteneid“ bedeutet demnach wohl die schlimmste Knebelung, die jemals über Geistesarbeiter verhängt wurde. Sind sie doch durch diesen Eid zu dem gleichen Kadavergehorsam verurteilt, den der Gründer des Jesuitenordens von dessen Mitgliedern verlangte: „Willenlos gleich einem Leichnam sollt ihr sein!“ —

Der Modernisteneid richtet sich selbstverständlich auch gegen jede Anerkennung der von Lamarck und Darwin begründeten und durch Haeckel und viele andere Forscher bekräftigten Evolutionstheorie oder Entwicklungslehre, derzufolge die Entstehung der verschiedenen Arten der Tierwelt wie auch der verschiedenen Rassen des Menschen das Ergebnis rein natürlicher Entwicklung aus weit niedrigeren Formen sei.

Die Leiter der Kirche erkannten sehr bald, daß diese Lehre die wichtigsten Glaubenssätze des Christentums aufs schwerste gefährde, ja, sie geradezu in Frage stelle. Denn mit Anerkennung dieser Lehre werde der Mosaische Bericht über die in nur sechs Tagen erfolgte Erschaffung der Welt und aller auf Erden vorkommenden Lebewesen einschließlich der ersten Menschen zu einer haltlosen Legende. Desgleichen der Bericht von dem Aufenthalt der ersten Menschen im Paradiese und ihrem Sündenfall. Werde der Glaube an diesen Sündenfall vernichtet, so sinke damit auch der Glaube an die für das Christentum so überaus wichtige Lehre der vom ersten sündig gewordenen Menschenpaar auf das gesamte Menschengeschlecht übergegangenen Erbsünde, und weiterhin die damit in engster Verbindung stehende Lehre, daß zur Errettung der mit der Erbsünde belasteten Menschheit das Erscheinen und der Opfertod eines Erlösers notwendig gewesen seien.

Diese dem christlichen Glauben drohenden Gefahren erkennend, bemühten sich die Leuchten der katholischen Kirche mit einem geradezu erstaunlichen Eifer und Aufwand von Scharfsinn, ihren Gläubigen klarzumachen, daß die Entwicklungslehre nichts weiter als eine völlig unbewiesene, jeder sicheren Grundlage entbehrende Hypothese sei, die über kurz oder lang gleich manchen anderen von phantasiebegabten Gelehrten aufgestellten Hypothesen auf dem Schutthaufen wissenschaftlicher Irrtümer enden werde. Denn „dieser teuflischsten aller Irrlehren“ stehe in unerschütterlicher Wahrheit der Schöpfungsbericht der von Gott den Menschen gegebenen Bibel gegenüber, an deren Worten zu zweifeln Todsünde sei. Dementsprechend ist in allen katholischen Ländern und Schulen das Eingehen auf die Darwinsche Entwicklungslehre auf das strengste verboten. Dagegen wird die vor vielen tausend Jahren von unwissenden orientalischen Nomaden am abendlichen Lagerfeuer ersonnene Legende von der Erschaffung des ersten Menschen aus einem Erdenkloß noch heute von den Priestern der allein wahren Kirche als eine feststehende Tatsache verkündigt und mitsamt allen anderen im Alten Testament niedergelegten Naturanschauungen von vielen Millionen denkfaulen Gläubigen andachtsvoll entgegengenommen.

Wer das bestreiten möchte, sei auf die Tatsache hingewiesen, daß im Jahre des Heils 1925 von der in Cleveland, Ohio, tagenden Generalversammlung des „Katholischen Central-Vereins“ folgende Resolution angenommen wurde:

„Wir erklären ausdrücklich, daß es die Pflicht eines christlichen Staates ist, die fundamentalen Prinzipien des Christentums intakt zu erhalten; aber wir sehen mit Besorgnis den kürzlichen Versuch eines Staates der Union, sich zum Dolmetscher der Ergebnisse der Wissenschaft und der Offenbarung zu machen. Das Problem der Evolution hat seit Jahrhunderten die ernste Aufmerksamkeit ehrlicher Wissenschaftler gefesselt; aber sie haben bis jetzt noch keine derartigen beweiskräftigen Momente gefunden, daß die Welt ihre Theorie als feste Tatsache hinnehmen kann. Wir ruhen sicher in der Überzeugung, daß die Tatsache der Schöpfung nicht durch ihre Art zerstört werden kann. Wir bezeugen unseren Glauben an Gott Vater den allmächtigen Schöpfer des Himmels und der Erde. Wir bezeugen unseren Glauben an die Erschaffung des Menschen nach dem Ebenbild Gottes, welches zu Gott zurückkehren soll, von dem es ausgegangen ist.

„Wir verurteilen jene falschen Wissenschaftler, welche aus einer reinen Theorie eine Tatsache machen wollen, welche die Evolution als Mittel benutzen, um die Religion zurückzusetzen oder gar ihre Grundlagen untergraben und vernichten wollen, und welche die Kühnheit haben, zu behaupten, daß Religion und Wissenschaft sich unversöhnlich gegenüberstehen.“

Ferner sei daran erinnert, daß im Jahre 1926 zu Dayton, im Staate Tennessee, ein Prozeß ausgefochten wurde, der mit der Amtsentsetzung des jungen Professors John Scopes endete, weil derselbe gewagt hatte, seinen Schülern aus einem in anderen Staaten gebrauchten Lehrbuch der Naturwissenschaften einen Abschnitt über die Entwicklungslehre vorzulesen.

In Holland wurde um dieselbe Zeit, im März des Jahres 1926, der Pastor J. H. Geelkerken von der in Amsterdam tagenden Generalsynode der kalvinistischen Kirche wegen Ketzerei ausgestoßen, weil er während einer Predigt gewagt hatte, die tatsächliche Versuchung Evas im Paradiese durch die Schlange anzuzweifeln und dieses Begebnis mehr figürlich betrachtet wissen wollte.

Auch der hochbetagte Bischof der protestantischen Episkopalkirche von Amerika, William Montgomery Brown, wurde im Jahre 1925 von der in Neuorleans tagenden Generalkonvention seines Amtes entkleidet, weil er sich gegen die theologische Lehre erklärte, daß Gott wegen der von Adam begangenen Sünde die gesamte Menschheit verflucht habe.

Seinen Richtern gegenübergestellt, bekannte sich der Greis des Vergehens gegen die Lehre der Kirche schuldig, erklärte dabei aber auch, daß es schweres Unrecht sei, Männer zu brandmarken, die nicht imstande seien, alle in der Bibel geschilderten Vorkommnisse buchstäblich zu glauben. Den Konzilien stehe nicht das Recht zu, ihre Priester an Glaubenssätze zu binden, die mit der modernen Wissenschaft und modernen Lebensanschauungen nicht länger in Einklang stehen. Die Welt sei der Meinung, daß die Theologen an alte Phrasen, für die nicht einmal göttliche Autorität beansprucht werden könne, gebunden seien und über unnützen Wortklaubereien den Forderungen der Gegenwart gegenüber sich taub verhielten. Derjenige von seinen Richtern möge den ersten Stein auf ihn werfen, der behaupten könne, frei von allen Zweifeln zu sein, wenn man ihm die Fragen vorlege, ob Gott den ersten Menschen aus Erde formte; ob Gott einer Schlange erlaubte, seine Pläne über den Haufen zu werfen, und ob ein allgütiger Gott Billionen von Menschen für alle Ewigkeit zu den Qualen der Hölle verurteilte.

Mit 95 gegen 11 Stimmen verfügte das Generalkonzil des Bischofs Absetzung! —

Wären die Völker und ihre parlamentarischen Vertreter nicht auf dem Wege wirklicher Erkenntnis und wahrer Menschlichkeit einigermaßen fortgeschritten, so dürfte man wohl heute noch das traurige Schauspiel erleben, daß gar manche Wahrheitssucher und Wahrheitskünder mitsamt ihren Werken zu Asche verbrannt würden. Daß die Drohung mit dem Scheiterhaufen von jeher unzählige Männer davor zurückschreckte, ihrer wahren Gesinnung Ausdruck zu verleihen, ist aus den hinterlassenen Schriften des im Jahre 1733 in Frankreich gestorbenen römisch-katholischen Pfarrers Jean Meslier zu ersehen, die auf Betreiben Voltaires gedruckt wurden und in Frankreich sowohl wie in den Niederlanden und an anderen Orten ungeheures Aufsehen erregten[Eine deutsche Übersetzung, von Anna Knoop veranstaltet, erschien unter dem Titel: „Glaube und Vernunft“ im Jahre 1880 in Neuyork.].

Man fand nach dem Tode Mesliers seine Schrift; „Le Bon Sens“ („Der gesunde Menschenverstand“) in einem Umschlag, auf dem geschrieben stand, daß er nicht gewagt habe, die Erkenntnisse, zu denen er während seines Lebens als Priester gekommen sei, auszusprechen, dieses aber nun sterbend tun wolle. Sich an seine Gemeindemitglieder wendend, erklärt er, daß er in den priesterlichen Stand eingetreten sei aus Gehorsam gegen seine Eltern. „Als Pfarrer mußte ich meine Amtspflichten verrichten; aber wieviel habe ich nicht in mir selbst gelitten, wenn ich gezwungen war, Euch fromme Lügen zu predigen, die ich im Herzen verabscheute. Wie sehr habe ich mein Amt verabscheut, und welche Gewissensbisse hat mir Eure Leichtgläubigkeit verursacht! Tausendmal hatte ich die Absicht, Euch die Augen zu öffnen, aber eine Furcht, welche meine Kraft überwog, hielt mich zurück und zwang mich, bis zu meinem Tode zu schweigen!“ —

Erst in neuester Zeit und in Ländern mit freisinnigen Regierungen haben kühnere Männer als Meslier es gewagt, mit dem priesterlichen Stand, in den sie vielleicht aus wahrer Zuneigung eingetreten waren und dem sie für längere Zeit angehörten, zu brechen und ihren Ansichten rückhaltlos Ausdruck zu verleihen. Zu solchen ehemaligen Priestern der katholischen Kirche gehören der deutsche Ex-Jesuit Graf Paul von Hoensbroech, der französische Theologieprofessor und Abt Alfred Loisy, der englische Klostermönch Joseph McCabe, die amerikanischen Ex-Priester Jeremiah J. Crowley, William B. Fleck, F. Chiniquy und viele andere, die sich erst nach schwersten inneren Kämpfen entschlossen, dem geistlichen Stand zu entsagen, um ohne Gewissensbisse ihrer inneren Überzeugung leben zu können.[Die wichtigsten Werke der hier genannten Ex- Priester sind: Hoensbroech, „Das Papsttum in seiner sozial-kulturellen Wirksamkeit“ (Leipzig); Loisy, A., „Mein Duell mit dem Vatikan“; McCabe, J., „Twelve Years in a Monastery“; „Why I left the Church“; „Popes and their Church“; „Bankruptey of Religion“; Crowley, J., „Romanism, a Menace to the Nation“; „The Pope, Chief of White Stavers, High Priest of Intrigue“; Chiniquy, F., „Fifty Years in the Church of Rome“; „The Priest, the Woman and the Confessional“.]

DER GEGENWÄRTIGE KAMPF UM DIE FREIHEIT DES DENKENS UND DER WISSENSCHAFTEN

Hält man Umschau über die gegenwärtige Lage der zum Christentum sich bekennenden Völker, so kann niemand sich gegen die Wahrnehmung verschließen, daß der viele Jahrtausende alte Kampf des Priestertums gegen Aufklärung und Freiheit des Denkens noch heute in vollem Gange ist und schwere Gefahren in Menge birgt.

Infolge der vom Papsttum unablässig gemachten Anstrengungen, seine ihm angeblich von Gott verliehenen Rechte zu behaupten und durchzusetzen, kam es noch in neuester Zeit in Mexiko, Nikaragua, Kolumbia, Peru und anderen Ländern zwischen den klerikalen Parteien und den nach Fortschritt, Aufklärung und Freiheit der Wissenschaften verlangenden liberalen Elementen zu heftigen Kämpfen, ja, förmlichen Bürgerkriegen. In anderen Ländern, wie z. B. den Vereinigten Staaten von Amerika sind ähnliche gefährliche Gegensätze in der Entwicklung begriffen und geben, wie in einem früheren Kapitel dargelegt wurde, Anlaß zu den ernstesten Befürchtungen für die Zukunft.

In Europa gestaltete sich die Lage während des Weltkrieges ebenfalls zu einer den Frieden und das Schicksal der Völker schwer bedrohenden. Unruhe und Verworrenheit herrschen überall, in erster Linie dadurch verursacht, daß drei große, bisher monarchistisch regierte Länderkomplexe: Rußland, Österreich und Deutschland zu Republiken wurden, deren Leitung beständigem Wechsel unterworfen ist, was mancherlei Glaubensgenossenschaften Gelegenheit bietet, allerlei ihnen willfährige Politiker an die Spitze zu bringen. Daß darin insbesondere Rom erfolgreich ist, kann nicht überraschen, wenn man in Erwägung zieht, daß sowohl die diplomatischen Beziehungen Roms zu den Ländern der Christenheit wie auch die Ausführung der von Rom gegebenen Weisungen stets in die geschicktesten Hände gelegt werden. —

An der Spitze der vatikanischen Diplomatie steht in absoluter Machtvollkommenheit natürlich der Papst; aber er hat einen Staatssekretär zur Seite, der ihn über alle politischen Vorgänge unterrichtet hält, die diesem von den in fremden Ländern angestellten päpstlichen Nuntien oder Gesandten sowie von den Kardinälen und Erzbischöfen übermittelt werden. Dieser Staatssekretär sendet die päpstlichen Nuntien aus. Er empfängt auch die von fremden Mächten an den Vatikan abgeordneten Gesandten, desgleichen solche Privatpersonen, die einflußreiche Körperschaften oder mächtige Interessen vertreten und wertvolle Mitteilungen geben können. Gegenwärtig unterhält der Vatikan mit etwa 35 Ländern diplomatische Beziehungen. In Europa mit Spanien, Portugal, Griechenland, Rumänien, Ungarn, Österreich, Jugoslawien, Polen, Litauen, Livland, Estland, Deutschland, Bayern, Schweiz, Monako, Frankreich, Belgien, Holland und England. Ähnliche Beziehungen bestehen mit sämtlichen Republiken Mittel- und Südamerikas, ausgenommen mit Mexiko, Kuba und Uruguay. In Ländern, deren Regierungen keine diplomatischen Beziehungen zu dem Vatikan unterhalten, liegt die Berichterstattung ebenfalls in den Händen bewährter, meist dem Jesuitenorden angehörenden Personen, die sich aber nicht durch ihre geistliche Tracht kennzeichnen. Aus dieser Darlegung ergibt sich, daß die gesamte christliche Welt mit einem wohlorganisierten Netz überspannt ist, dessen Fäden im Vatikan, in den Gemächern des Staatssekretärs zusammenlaufen. Diesem Sekretär unterstehen drei Abteilungen. Die Beamten der ersten Abteilung haben sich mit allen irgendwo vorkommenden außergewöhnlichen Begebenheiten vertraut zu machen und Stellung zu denselben zu nehmen. Die Beamten der zweiten Abteilung erledigen die weniger wichtigen, gewöhnlichen Ereignisse, während in der dritten Abteilung die in alle Welt ausgehenden apostolischen Kundgebungen oder Bullen verfaßt werden.

Seit einer Reihe von Jahren ist als Nachfolger des äußerst geschickten Kardinals Rampolla der Kardinal Gasparri Staatssekretär, ein am 5. Mai 1852 geborener Jesuit, dessen scharfer Verstand, ausgezeichnetes Gedächtnis und entschlossene Herrschernatur ihn für diesen Posten besonders befähigen. Er war auch im Jahre 1904 von dem damaligen Papst Pius X. zum Oberhaupt einer aus 16 Kardinälen und 42 Beratern bestehenden Kommission auserkoren worden, die den Auftrag erhielt, die gesamten, von der katholischen Kirche seit ihrem Bestehen beanspruchten Rechte zu ordnen und zu einem neuen Gesetzbuch, einem neuen „Codex juris canonici“ zusammenzufassen. Es handelte sich dabei hauptsächlich darum, Veraltetes auszuscheiden, Brauchbares den Verhältnissen der Gegenwart anzupassen, und Neues hinzuzufügen. Die Kommission begann ihre Tätigkeit im November 1904, benötigte aber volle zwölf Jahre, um ihre Aufgabe zu vollenden. Es war am 27. Mai 1917, einem Pfingstsonntag, daß das in lateinischer Sprache gehaltene neue Gesetzbuch angenommen und den Oberen der Kirche als Richtschnur überwiesen wurde. Als einzig maßgebende Quelle für die Verwaltung der Kirche, für Rechtsprechung und Rechtsunterricht trat es am 19. Mai 1918 in Kraft. Es beharrt natürlich auf dem seit jeher von der katholischen Kirche angenommenen Standpunkt, daß alle Gewalt und damit auch alles Recht von Gott ausgehe und daß der Papst als Statthalter Gottes auf Erden anzusehen sei. Es beharrt auch auf der Ansicht, daß der Papst durch göttlichen Beistand in allen Dingen unfehlbar sei, wenn er als Oberhirt und Lehrer der gesamten Christenheit von seinem Lehrstuhl aus in Sachen des Glaubens oder der Sitten spreche. Ferner bestimmt das Gesetzbuch, daß das katholische Bekenntnis alle seine Anhänger verpflichte zu glauben, was in den Heiligen Schriften enthalten ist und was die Kirche durch ihre Entscheidung und Lehren als Glaubenssätze verkündigt. Unabhängig von jeder weltlichen Gewalt habe die Kirche auch das Recht und die Pflicht, alle Völker das Evangelium zu lehren. Diese Lehre anzunehmen, seien alle Völker durch göttliches Recht verpflichtet (c. 1322, Nr. 2). Die Gleichberechtigung jeder anderen Glaubensgemeinschaft wird streng abgelehnt, dagegen der Standpunkt vertreten, daß jeder, der die Taufe empfangen habe, in irgendeiner Art dem Papst angehöre. Solche getaufte Nichtkatholiken oder „Acatholici“, d. h. Protestanten, Evangelische usw., sind den Bischöfen, in deren Sprengeln sie sich aufhalten, „im Herrn anbefohlen“. Desgleichen sind katholische Gatten verpflichtet, die „Bekehrung des nichtkatholischen Partners klug zu betreiben“. —

Auf die vielen scharfen Gegensätze in dem Verhältnis zwischen Kirche und Staat einzugehen, fehlt es hier an Raum. Es sei deshalb auf eine von dem Reichsgerichtsrat Dr. Georg Müller im Jahre 1928 veröffentlichte Schrift „Das neue Rechtsbuch der katholischen Kirche“ verwiesen. —

Während des Weltkrieges gelang es dem Staatssekretär Gasparri auch, den Vatikan von allen Fährnissen und Verwicklungen des Krieges freizuhalten. Zudem war es ihm vergönnt, den Sturz der drei mächtigsten Gegner Roms zu erleben, des Zaren, des deutschen Kaisers und des Sultans, deren Reiche sich in Republiken verwandelten. Mit der Ermordung des Zaren verlor die orthodoxe oder griechisch-katholische Kirche ihr Oberhaupt. Mit der Abdankung des deutschen Kaisers schieden die Hohenzollern aus, die seit den Tagen des Großen Kurfürsten von Brandenburg die stärksten Stützen des Protestantismus gewesen waren. Mit der Absetzung des türkischen Sultans erlosch auch dessen Stellung als geistiges Oberhaupt des Islam.

Seit dem Untergang des Zarentums macht Rom gewaltige Anstrengungen, die etwa 158 Millionen zählenden, über Rußland, den Balkan und die Levante verbreiteten Anhänger der orthodoxen Kirche für eine Wiedervereinigung mit der etwa 305 Millionen Mitglieder zählenden römisch-katholischen Kirche zu gewinnen, von der sie seit der im Jahre 1054 erfolgten Spaltung getrennt gewesen ist. In einer am 13. September 1928 unter dem Titel „Rerum Orientalum“ erlassenen Enzyklika forderte der Papst sämtliche Bischöfe der katholischen Kirche auf, mit allen Mitteln dahin zu wirken, die Mitglieder der griechisch-katholischen Kirche und andere im Orient bestehenden christlichen Glaubensgenossenschaften zur Rückkehr in den Schoß der „allein wahren römisch-katholischen Kirche“ zu bewegen, damit es fortan nur „einen Hirten und eine Herde“ geben solle. Um zu der Annäherung beizutragen, wurde eine besondere Hilfsgesellschaft, die „Catholic Near East Welfare Association“ ins Leben gerufen, außerdem in Rom ein Orientalisches Institut gegründet, dessen Studenten sich vorwiegend aus den Ländern des Ostens rekrutieren.

In England, dessen König Georg V. nebst Gemahlin dem Papst im Mai des Jahres 1923 einen persönlichen Besuch abstatteten, scheint eine Wiedervereinigung der an den Zeremonien der katholischen Kirche festhaltenden Episkopalkirche mit Rom nur noch eine Frage der Zeit zu sein.

In Frankreich wurden seit dem Jahre 1926 nicht nur die diplomatischen Beziehungen zum Vatikan wieder aufgenommen, sondern auch die im Jahre 1901 ausgewiesenen religiösen Orden, gegen einhundert an der Zahl, wieder zugelassen. Hier ist es hauptsächlich Poincaré, der durch Begünstigung der Klerisei ihre Hilfe erkaufen und dadurch seinen Posten sichern will. —

In dem armseligen Rest des ehemaligen Habsburgischen Kaiserreichs, in der Republik Österreich, wo 94 Prozent der Bevölkerung dem katholischen Glauben angehören, lag seit einer Reihe von Jahren das Amt des Kanzlers in den Händen des Monsignore Ignatz Seipel. Ihm war demnach die Erledigung aller inneren wie auch aller äußeren Angelegenheiten anvertraut.

In Deutschland gelang es der katholischen Zentrumspartei, schon während der Regierung des Kaisers Wilhelm II. mancherlei wichtige Zugeständnisse, sogar die Wiederzulassung der Jesuiten, zu erlangen. Heute ist das Zentrum unter den zahlreichen Parteien der deutschen Republik die einflußreichste und beständig bemüht, die durch die Reformation verursachten Verluste Roms auszugleichen und womöglich neue Eroberungen zu machen. Daß den Leitern dieser Partei Rom weit mehr am Herzen liegt als das eigene Vaterland, ist daraus zu ersehen, daß gleich nach dem Weltkrieg versucht wurde, die vorwiegend katholischen Rheinlande zu einem vom Deutschen Reich losgelösten Freistaat zu machen. Gegenwärtig sollen Pläne im Gange sein für eine Vereinigung Bayerns, Württembergs, Badens und der Pfalz zu einer „Republik Südwestdeutschland“. Das uralte römische Rezept: „Divide et impera“ = „Teile und herrsche!“, durch dessen Anwendung die römischen Zäsaren so große Vorteile über die süd- und westdeutschen Stämme gewannen, wird demnach auch vom Papsttum für seine Zwecke benützt, die in nichts anderem als der weiteren Zerstückelung des Deutschen Reiches und der weiteren Schwächung, ja, womöglich der gänzlichen Vernichtung des gesamten Germanentums bestehen. Warum?

Weil die Germanen von jeher eine aus freiheitliebenden Stämmen bestehende Rasse bildeten, die sich niemals blindlings der Herrschaft solcher Schamanen und Fetischpriester unterwarf, welche im Dasein der morgenländischen und romanischen Völker eine so große Rolle spielten. Weder Tacitus noch andere römische Schriftsteller wußten von solchem Priestertum zu berichten. Dagegen ist wohlbekannt, welch zähen Widerstand die alten Sachsen, Friesen und Dithmarschen allen christlichen Bekehrungsversuchen entgegensetzten. Sicherlich ist es auch nicht ohne Bedeutung, daß gerade diesem Germanentum der größte Reformator, Luther, entsprang und daß die Reformation gerade in den altsächsischen und friesischen Landen ihren stärksten Halt gewann und ihre bedeutenden Vorkämpfer hatte. —

Eine außerordentliche Überraschung wurde der Welt im Februar des Jahres 1929 dadurch zu teil, daß es dem päpstlichen Staatssekretär Gasparri gelang, auch in der seit 1870 zwischen dem Vatikan und der italienischen Regierung schwebenden „Romfrage“ einen Ausgleich herbeizuführen. Er bediente sich dabei jenes Faschistenführers und Gewaltmenschen Mussolini, der einige Zeit zuvor, als es sich im Parlament um die Durchbringung einer wichtigen Vorlage handelte, die gegnerischen Volksvertreter dadurch unfähig machte, an der Abstimmung teilzunehmen, daß er sie einzeln von seinen Leuten aufgreifen und bis zum Halse mit — Rizinusöl vollfüllen ließ.

Hatte Mussolini dadurch bewiesen, daß er den Spruch „Der Zweck heiligt die Mittel!“ anerkenne und die schwierigsten Fragen in genialer Weise zu lösen verstehe, so wurde er nun auch von Gasparri erkoren, um die heikle Romfrage zu einer den Vatikan befriedigenden Lösung zu bringen. Das geschah durch den Abschluß eines Konkordates, das für das italienische Volk und seine Regierung nichts anderes als die völlige Preisgabe sämtlicher während der Zeit von 1848—1870 gemachten liberalen Errungenschaften bedeutet. Gipfelt dieses Übereinkommen doch darin, daß dem Papst seine frühere Stellung eines unabhängigen Souveräns innerhalb der ihm zuerkannten erweiterten „Vatikan Stadt“ wieder eingeräumt worden ist, und zwar mit allen Rechten eines kirchlichen wie weltlichen Herrschers.

Zu seinen bisherigen Befugnissen, Gesandte fremder Länder zu empfangen und seine Nuntien auszusenden, sind die Rechte gekommen, eigene Münzen zu prägen, eigene Banknoten und Postwertzeichen zu verausgaben, sowie eigene Telegraphen und Fernsprechstationen einzurichten. Auch die Anlage eines eigenen Bahnhofs mit päpstlichen Sonderzügen wurde zugestanden. Die „freiwillige Gefangenschaft“, welche die Päpste sich seit dem Jahre 1870 auferlegt hatten und die darin bestand, daß sie die nächste Umgebung des Vatikans niemals verließen, ist demnach beendigt. Agitations-, Erholungs- und Besuchsreisen dürften fortan im Kalender der Päpste eine große Rolle spielen. —

Das Konkordat enthält ferner die Bestimmung, daß auch das Königreich Italien nunmehr einen Botschafter zum Vatikan entsendet, wogegen der Papst sich am königlichen Hof durch einen Nuntius vertreten Jäßt, dem im diplomatischen Korps der Vorrang vor den Vertretern aller anderen Länder zugestanden ist. Von äußerster Wichtigkeit ist ferner, daß in Italien der Katholizismus als Staatsreligion gilt und das für das ganze Königreich das kanonische Kirchengesetz in Kraft tritt, und zwar in des Wortes vollster Bedeutung wider Ketzer und andere Gegner der Kirche. In der Rechtspflege genießen katholische Geistliche wieder eine Ausnahmestellung, indem sie bei begangenen Verbrechen nicht mehr vor die Staatsgerichte, sondern vor bischöfliche Gerichte gestellt werden und etwaige Strafen nicht in Gefängnissen, sondern in Klöstern abzubüßen haben. Anstatt der Zivilehen werden nur noch kirchlich geschlossene Ehen als rechtsgültig anerkannt. Religionsunterricht muß sowohl in allen Volksschulen wie in allen höheren Lehranstalten eingeführt werden. Sämtliche Mönchs- und Nonnenorden, die im Jahre 1870 ausgewiesen wurden, dürfen wiederkehren und sich die Verbreitung und Anwendung katholischer Lehren und Grundsätze angelegen sein lassen. Nichtkatholischen Bekenntnissen ist hingegen jede Proselytenmacherei verboten. —

Als Entschädigung für die im Jahre 1870 verlorenen Ländereien wurde dem Vatikan die Summe von 1750000 Lire bewilligt. Dieses Konkordat wurde am 11. Februar im Lateranpalast von dem Kardinial Gasparri für den Papst, von Mussolini für den König unterzeichnet. Es bedeutet nichts Geringeres, als daß dadurch die Bevölkerung Italiens mit einem Schlage den gleichen Zuständen wieder ausgeliefert wurde, von denen sie sich nach langen, schweren Kämpfen befreit hatte. —

Zwei Tage nach der Unterzeichnung des Konkordates, am 13. Februar, pries Papst Pius XI. in einer Ansprache an eine Abordnung von Theologiestudenten die zwischen dem Vatikan und der italienischen Regierung geschlossene Vereinbarung als „einen Schritt zum Weltfrieden!“ — Das gerade Gegenteil dürfte der Fall sein. Denn angefeuert durch die während des Weltkriegs eingetretenen, die Ausbreitung des Katholizismus begünstigenden Veränderungen sowie durch den soeben in Italien gewonnenen gewaltigen Sieg wird das über ein so ungeheures, wohlorganisiertes Heer blindlings ergebener Streiter gebietende Papsttum zweifellos zu weiteren Vorstößen gegen freies Denken und freies Menschentum ausholen. Mit aller Macht strebt es nach einer Ausrottung des Protestantismus und sämtlicher nichtkatholischen Glaubensgenossenschaften, nach einer Re-Katholisierung der Welt, in erster Linie des ganzen europäischen Kontinents. In diesen Bestrebungen wird es voraussichtlich weitere Erfolge in solchen Ländern erzielen, deren professionelle Politiker und Streber gleich Poincaré und Mussolini darauf bedacht sind, ihre Stellungen mit Hilfe der katholischen Kirche zu befestigen, unbekümmert darum, welche gefährlichen Zugeständnisse sie den unersättlichen und herrschsüchtigen Vertretern dieser Kirche zu machen haben. Da aber die liberalen Elemente und Parteien mancher Länder sich ihrer höchsten Menschenrechte, des freien Denkens und Handelns nicht widerstandslos berauben lassen wollen, so sind alle Vorbedingungen dafür vorhanden, daß sich auch noch während unseres 20. Jahrhunderts viele schwere Glaubenskämpfe auf Erden abspielen werden. Das bedeutet nichts anderes, als daß dem Moloch Religion auch fernerhin Millionen Menschen zum Opfer fallen werden. —

* * *

In seinem weitverbreiteten Werk: „Die Welträtsel“ faßte der berühmte Jenaer Professor Ernst Haeckel sein Urteil über das Papsttum des Mittelalters in folgende Sätze:

„Während eines Zeitraumes von 1200 Jahren, vom vierten bis zum sechzehnten Jahrhundert, hat der Papismus das geistige Leben Europas fast vollkommen beherrscht. Die Weltherrschaft des Papismus prägte dem Mittelalter seinen finsteren Charakter auf; sie bedeutete den Tod alles freien Geisteslebens, den Rückgang aller wahren Wissenschaft, den Verfall aller reinen Sittlichkeit. Von der glänzenden Blüte, zu welcher sich das Geistesleben im klassischen Altertum erhoben hatte, sank dasselbe unter der Herrschaft des Papsttums bald zu einem Niveau herab, das mit Bezug auf die Erkenntnis der Wahrheit nur als Barbarei bezeichnet werden kann. Man rühmt wohl am Mittelalter, daß andere Seiten des Geisteslebens zu reicher Entfaltung gekommen seien, Dichtkunst und bildende Kunst, scholastische Gelehrsamkeit und patristische Philosophie. Aber diese Kulturtätigkeit befand sich im Dienste der herrschenden Kirche und wurde nicht zur Hebung, sondern zur Unterdrückung der freien Geistesforschung angewendet. Die ausschließliche Vorbereitung für ein unbekanntes ,ewiges Leben im Jenseits‘, die Verachtung der Natur, die Abwendung von ihrem Studium, die im Prinzip der christlichen Religion innewohnt, wurde von der römischen Hierarchie zur heiligen Pflicht gemacht. Eine durchgreifende Wandlung zum Besseren brachte erst im Beginn des 16. Jahrhunderts die Reformation.“ —

Angesichts der heute in der Christenheit obwaltenden Zustände ist nicht zu verkennen, daß eine neue weitaus durchgreifendere Reformation nötig geworden ist. Luther war ein Mann, dessen Tätigkeit von manchen jener engbegrenzten Anschauungen beeinflußt wurde, die für seine Zeit bezeichnend waren, aber auf unser an geistigen Errungenschaften unendlich viel reicher gewordenes 20. Jahrhundert nicht länger Anwendung finden können. Wir glauben nicht länger an die von habgierigen und herrschsüchtigen Schamanen und Priestern den Menschen des Altertums und Mittelalters beständig vorgehaltenen Schreckgespenster, an übelgesinnte Dämonen und Plagegeister, die als Urheber aller Krankheiten und Unfälle betrachtet wurden. Wir glauben nicht länger an Fegfeuer, Hölle und Teufel, noch daran, daß Hochfluten, Blitz- und Hagelschläge sowie gefährliche Seuchen von einem rachsüchtigen Gott verursacht werden, um eine ungläubige, opferunlustige Menschheit zu strafen. Unsere Männer der Wissenschaft, unsere Ingenieure, unsere Ärzte haben uns vielmehr davon überzeugt, daß solche angeblichen „Heimsuchungen“ auf durchaus natürlichen Ursachen beruhen und daß denselben durch das Errichten von Dämmen, durch Blitzableiter, durch Reinlichkeit, Quarantäne und andere zweckentsprechende Maßnahmen vorgebeugt werden kann. Unsere modernen Naturforscher, Weltreisenden und klarsehenden Schriftsteller lehrten uns erkennen, daß die uns umgebende Natur, unsere herrlichen Wälder, unsere schneebedeckten, lichtumfluteten Hochgebirge weitaus schönere und erhabenere Tempel sind, als alle jemals von Menschenhand errichteten halbdunklen Moscheen, Dome und Kathedralen.

Sie zeigten uns ferner, daß diese Naturtempel weit größere Offenbarungen und Wunder bergen als jene, die in Fetischhütten und Pagoden von Magiern und Zauberpriestern ihren abergläubischen Stammesgenossen vorgegaukelt wurden. Manche moderne Philanthropen haben auch dargetan, daß man durch weise Stiftungen an Erziehungsanstalten und Universitäten der Menschheit weit mehr nützen kann, als durch fromme Schenkungen an Kirchen und Klöster. Man vergegenwärtige sich beispielsweise den der gesamten Menschheit zugute kommenden Nutzen der sogenannten „Rockefeller Foundation„, einer viele Millionen Dollars betragende Stiftung, die sich die Bekämpfung und Ausmerzung des Gelben Fiebers, der Schlafkrankheit, des Hakenwurms, der Malaria und anderer gefährlichen Krankheiten, die bisher ungezählte Opfer hinwegrafften, zur Aufgabe machte.

Man vergegenwärtige sich ferner den unendlichen Segen, der jener Stiftung entsprang, die in der letztwilligen Verfügung des im Jahre 1896 verstorbenen schwedischen Chemikers Alfred B. Nobel vorgesehen war. Ihrzufolge werden alljährlich die Zinsen eines 35 Millionen Kronen betragenden Kapitals an solche Personen verteilt, die in dem betreffenden Jahre auf dem Gebiet der Physik, der Chemie, des Gesundheitswesens, der Literatur, oder der Förderung des Völkerfriedens, der Völkerverständigung Hervorragendes leisteten. Die solchen Personen zuteil werdenden pekuniären Anerkennungen sollen es denselben ermöglichen, mit ausreichenden Mitteln weiterzuforschen und dadurch noch Größeres, Schöneres und Wertvolleres zu vollbringen. Unter den 145 bisher Ausgezeichneten befinden sich die Namen von Männern und Frauen, die durch ihre Erfindungen, Verbesserungen oder inhaltlich wertvollen Werke Weltruf erlangten und deren die Menschheit noch nach Jahrhunderten als wahrhaften Wohltätern gedenken wird.

Der solchen Stiftungen entspringende reiche Segen brachte die Welt zu der Erkenntnis, daß die Wissenschaft der wertvollste Besitz der Menschheit ist, da sie uns nicht nur die Gefahren und Übelstände der Vergangenheit erkennen läßt, sondern auch die Pflichten der Gegenwart wie die Aufgaben der Zukunft zeigt. Dadurch wird es uns möglich, Gefahren ähnlicher Art vorzubeugen und unsere Lebensverhältnisse beständig zu verbessern.

Überblicken wir den Werdegang der Menschheit, so ist nicht zu verkennen, daß die schlimmsten Hemmnisse zu ihrem Fortschritt und Aufstieg in der steten Bevormundung und absoluten Intoleranz jener Priester bestanden, die aus selbstsüchtigen Absichten die Wissenschaften als ihr Alleingut betrachteten, die Völker aber jahrtausendelang im Bann des Aberglaubens hielten, um sie zu beherrschen und widerstandslos ausbeuten zu können. Wie sie jede freie Geistesregung, jede von ihren Lehren abweichende Glaubensform gewaltsam zu ersticken suchten, so geht auch heute noch ihre Forderung dahin, daß ihnen die volle Herrschaft über das gesamte Unterrichtswesen überlassen bleiben müsse, damit die Erziehung der heranwachsenden Geschlechter ganz in ihrem Sinne geschehe. Seitdem Papst Pius IX. diese Forderung in seinem am 8. Dezember 1864 veröffentlichten „Syllabus“ erhob, wird sie in allen Ländern mit katholischer Bevölkerung beständig aufs neue gestellt, und zwar mit der Begründung, daß die Staaten weder ein historisches Recht, noch auch die Befähigung zum Erziehen und Unterrichten besäßen. Da in vielen staatlichen Schulen kein Religionsunterricht erteilt werde, so seien diese verderblichen Schulen abzuschaffen und durch von Priestern beaufsichtigte, resp. geleitete Schulen zu ersetzen. Demgemäß bildet die Schulfrage noch heute eines der wichtigsten und heißumstrittensten Probleme, die zwischen den Regierungen zahlreicher Länder und den Leitern der katholischen Kirche verhandelt werden. Während die Priester sehr wohl wissen, daß die Fortdauer ihrer Macht und ihres Ansehens lediglich von der Fortdauer des Glaubens der Menschheit an ihre Lehren abhängt, so erkennen aufgeklärte Staatsmänner der Gegenwart andererseits, daß die Fortdauer solcher Priesterherrschaft die gleichen schweren Gefahren in sich birgt, von denen die Völker der früheren Zeitalter beständig heimgesucht wurden: Glaubenswirren und Religionskriege ähnlicher Art, wie sie den Fortbestand mancher Völker völlig in Frage stellten.

Bildung macht frei! Jene Völker und Staaten werden die freiesten sein und die größte Zukunft haben, welche die besten Schulen und Universitäten besitzen und ihren Wissenschaftlern volle Freiheit des Denkens und Lehrens gewähren. Es wird und muß die Zeit kommen, wo solche „Ritter vom Geiste“ an Stelle der Priester treten und ihr Wissen frei und ungehindert der Menschheit übermitteln werden. Nicht gekennzeichnet durch Tonsur, Stola oder Talar, nicht getrieben von Habgier und Herrschsucht, nicht geknebelt durch Syllabus und Modernisteneide, werden sie aller Welt das echte Evangelium verkünden, den Geist der Duldung und wahren Nächstenliebe. Mit ihrem auf Erkenntnis beruhenden reichen Wissen werden sie der Menschheit den Frieden bringen und so wirkliche Befreier, wirkliche Erlöser werden. Und wenn es gilt, die Schönheiten und Wunder der Natur, die Allgewalt ihrer Gesetze zu preisen, so werden sie auch stets echte, von der Wahrheit ihrer Lehren überzeugte Priester sein.

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