[9] R. C. DARWIN / DIE ENTWICKLUNG DES PRIESTERTUMS UND DER PRIESTERREICHE

In diesem Beitrag kann man folgende Kapitel aus dem Buch “Die Entwicklung des Priestertums und der Priesterreiche” von Rudolf Cronau (Pseudonym “Randolph Charles Darwin”) lesen:

Ein komplettes Inhaltsverzeichnis des Buches befindet sich in Beitrag 1.

„Der von den Schamanen der Naturvölker und den Priestern des Altertums aus selbstsüchtigen Absichten beständig wachgehaltene Glaube an die Allgegenwart übelgesinnter Geister und Dämonen wurde von den von gleicher Selbstsucht und Machtgier beherrschten Seelsorgern der Christenheit übernommen. Und in der Erkenntnis, daß die Furcht vor den Mächten der Finsternis ein nie versagendes Mittel sei, die abergläubische Menschheit in Unterwürfigkeit zu halten und zu steten Opfern bereitzumachen, ließen sie es sich besonders angelegen sein, diesen Wahnglauben systematisch weiterauszubilden und zu fördern. In diesen Bemühungen waren sie so erfolgreich, daß die Angst vor allerhand unsichtbaren Dämonen gleich einem lähmenden Fluch über allen Bekennern des Christentums lastete, ihr Dasein vergiftete, ihren Fortschritt und Aufstieg hemmte und ihnen unermeßliche Opfer an Geld und Gut aufbürdete, die, wären sie für Zwecke der Aufklärung und Bildung verwendet worden, Glück und Segen ohne Ende hätten bringen müssen. —“,

„Die auf beständige Vermehrung der Teufelsfurcht bedachten Päpste und Kirchenfürsten des Mittelalters begnügten sich aber nicht damit, bloß durch Wort und Schrift auf die Gemüter ihrer Mitmenschen einzuwirken. Der nachhaltigen Wirkung bildlicher Darstellungen wohl bewußt, zogen sie zahlreiche Maler und Zeichner in den Dienst der Kirche und stellten ihnen die Aufgabe, die vielerlei Schliche des Teufels, wie auch die Schrecken des Fegefeuers und der Hölle, möglichst eindrucksvoll in Gemälden oder derben Holzschnitten zu veranschaulichen.“,

„Die uralte Vorspiegelung, daß ein Zusammengehen der weltlichen Herrscher mit den Priestern für beide Teile ersprießlich sei, wurde auch von den römischen Päpsten in überaus geschickter Weise zur allmählichen Erweiterung ihres Einflusses und ihrer Macht angewendet. Vornehmlich in ihren Beziehungen zu den Beherrschern der deutschen Länder. Bei den Germanen war die Königswürde ursprünglich nicht erblich. Die Könige gingen vielmehr immer wieder durch Wahl aus den Edelingen oder erprobtesten Kriegern hervor.“,

„Beständig unter dem Einfluß aufeinander eifersüchtiger Pfaffen stehend, gestaltete sich die Regierung Heinrichs für Deutschland zu einer Zeit schlimmster Wirren, die vom Priestertum, insbesondere den römischen Päpsten, unablässig zur Erweiterung ihrer Macht ausgenützt wurden. Schon zur Zeit der Minderjährigkeit Heinrichs hatten sie Vorkehrungen getroffen, um die völlige Unabhängigkeit des Papsttums von jeder weltlichen Macht herbeizuführen.“,

Sämtliche Kaiser und Könige sollten fortan ihre gesamten Befugnisse vom Oberhaupt der Kirche zu Lehen empfangen und den Papst als Lehnsherrn und höchsten Schiedsrichter in allen Angelegenheiten anerkennen müssen.„,

„Schon im jüdischen Gesetz vorgebildet und von den Kirchenvätern in die Einrichtungen der christlichen Kirche übernommen, war der Bann in den Händen der römischen Päpste zu einem furchtbaren Mittel zur Erzwingung ihrer Zwecke und Ziele geworden.“,

„Zunächst setzte er die bereits von früheren Päpsten angeregten Zölibatsgesetze in Kraft, durch welche alle in einem ehelichen Verhältnis lebenden Priester für abgesetzt erklärt wurden. Obwohl die Ehe zu allen Zeiten als der heiligste und stärkste Bund zwischen Menschen betrachtet und gepriesen wurde, obwohl die Bedeutung der Ehe für die Erhaltung der Staaten und der menschlichen Gesellschaft allgemein anerkannt wurde, obwohl zahllose Priester bis dahin solche Eheneingegangen hatten und sich in denselben glücklich fühlten, unternahm Gregor VII. es dennoch, die Ehe bei Geistlichen um jeden Preis auszurotten. Und zwar zu dem ausgesprochenen Zweck, sämtliche Priester der christlichen Kirche von allen Banden zu lösen, durch welche ihre Familien sie mit den weltlichen Mächten, mit der Gemeinde, dem Staat, der Heimat und dem Vaterlande verknüpften. Sie sollten fortan kein anderes Interesse als das der Kirche haben, ihr willenlos mit Leib und Seele dienen und eine absolut gefügige Heermacht bilden, die dem Papsttum Roms jederzeit zur Durchführung seiner Ziele zu Gebote stehe.„,

„Durch die Ohrenbeichte wurde es jedem Christen zur strengsten Pflicht gemacht, wenigstens einmal jährlich einem Priester ein Bekenntnis seiner Sünden abzulegen. Der Priester befragt dabei den Beichtenden nach seinen Sünden, um ihm dann als Vertreter Gottes unter Verpflichtung gewisser Bußleistung die Lossprechung oder Vergebung (Absolution) zu erteilen. Der Hauptzweck zum Erlaß dieses Beichtgesetzes war zweifellos der, durch diese Beichte nicht nur die Heimlichkeiten und verborgenen Pläne aller Herrscher und einflußreichen Personen zu erfahren, sondern auch in den Gemeinden die Gewalt über jede einzelne Familie, über jedes einzelne Mitglied zu erlangen und sich dadurch die unbedingte Herrschaft über die gesamte Menschheit zu verschaffen.“

Ab hier geht es weiter mit dem Originaltext des Buches:


TEUFEL UND HÖLLE IM GLAUBEN DES CHRISTLICHEN MITTELALTERS

Der von den Schamanen der Naturvölker und den Priestern des Altertums aus selbstsüchtigen Absichten beständig wachgehaltene Glaube an die Allgegenwart übelgesinnter Geister und Dämonen wurde von den von gleicher Selbstsucht und Machtgier beherrschten Seelsorgern der Christenheit übernommen. Und in der Erkenntnis, daß die Furcht vor den Mächten der Finsternis ein nie versagendes Mittel sei, die abergläubische Menschheit in Unterwürfigkeit zu halten und zu steten Opfern bereitzumachen, ließen sie es sich besonders angelegen sein, diesen Wahnglauben systematisch weiterauszubilden und zu fördern. In diesen Bemühungen waren sie so erfolgreich, daß die Angst vor allerhand unsichtbaren Dämonen gleich einem lähmenden Fluch über allen Bekennern des Christentums lastete, ihr Dasein vergiftete, ihren Fortschritt und Aufstieg hemmte und ihnen unermeßliche Opfer an Geld und Gut aufbürdete, die, wären sie für Zwecke der Aufklärung und Bildung verwendet worden, Glück und Segen ohne Ende hätten bringen müssen. —

Wie in früheren Abschnitten dargelegt wurde, war der Glaube an böse Geister allen orientalischen Völkern des Altertums gemeinsam. Die Parsen glaubten beispielsweise an einen „Ahriman“ geheißenen „Herrn der Finsternis“, einen Widersacher des Lichtgottes Ormuzd. Dieser Ahriman galt als der Inbegriff alles Bösen und Gemeinen, als der Dämon der Lüge, der Mißgunst und des Betrugs. Von ihm hörten die Juden reden, als sie sich in Gefangenschaft zu Babylon befanden. Dadurch ging dieser Dämon auch in die religiösen Vorstellungen der Juden über. Aber er wurde hier mit dem hebräischen Wort Satan = „Widersacher“ bezeichnet, unter welchem Namen er im Alten Testament als das düstere Gegenbild des Gottes Jahve, als der Urheber aller Landplagen und Heimsuchungen erscheint. In den Büchern des Neuen Testaments tritt er auch unter dem Namen „Luzifer“ = „der aus dem Himmel Ausgestoßene“, als „Belial“ = „der Nichtswürdige“ und „Beelzebub“ = „der Gott der Fliegen und alles anderen Ungeziefers“ auf. Sein besonderes Vergnügen bestehe darin, die Menschen zur Sünde zu verleiten und vom Reiche Jahves abtrünnig zu machen. Er habe sich sogar an Jesus herangewagt, sei aber von demselben abgewiesen worden. Besseren Erfolg habe er mit Judas Ischariot gehabt, den er zum Verrat des Gottessohnes veranlaßte und dadurch dessen Verurteilung und Kreuzigung herbeiführte.

Diese neutestamentlichen Angaben bildeten die Grundlage für die in die christliche Dogmatik übergegangene Vorstellung von einem mächtigen Dämon, der an der Spitze eines ganzen Heeres übelwollender Geister stehe und in beständigem, rastlos tätigem Gegensatz gegen Gott und dessen Reich gedacht wurde. Im Griechischen wurde dieser Dämon mit dem Wort „Diabolos“ bezeichnet, woraus im Altdeutschen „Tiuval„, im Hochdeutschen „Teufel“ und im Englischen „Devil“ wurde. Als solcher erlangte er in dem Glauben der Christen eine so außerordentliche Bedeutung, daß es notwendig ist, auf dieselbe näher einzugehen, da sonst das Verständnis für manche wichtige Vorkommnisse in der europäischen Geschichte, wie z. B. die bedingungslose Unterwürfigkeit vieler mächtiger Könige und Kaiser unter den Willen der römischen Päpste fehlen würde.

Hatten die Hebräer den Satan mehr geistig aufgefaßt, so verliehen hingegen die christlichen Kirchenväter und Päpste dem Teufel eine körperliche Gestalt, die sich dem Geist des abergläubischen Volkes tief einprägte. Da sie vorgaben, daß der Böse mit Vorliebe zur Nachtzeit auf Raub ausgehe, so wurde er mit allen Eigenschaften der Finsternis und allen Merkmalen unheimlich umherschleichender Nachttiere ausgestattet. Seine Hautfarbe sei tiefschwarz, nur die geschlitzten Augen leuchteten gleich jenen eines Panthers in phosphoreszierendem Feuer. Um den Gegensatz zu den mit goldenen Fittichen geschmückten Engeln Gottes hervorzuheben, versah man den behaarten Rücken des Satans mit einem Paar mächtiger Fledermausflügel, durch die es ihm möglich sei, sich ungehört an die Schlafenden heranzustehlen. Aus der Stirne ließ man ihm ein Paar spitze Hörner emporwachsen. Die langen Ohren und den Bart entlehnte man dem übelriechenden Ziegenbock. Die fleischlosen Hände endigten in Geierkrallen, die dürren Beine in Pferdehufe. An sein Hinterteil heftete man einen bis auf die Waden herabbaumelnden Kuhschwanz. Um den scharfen Unterschied gegen die stets von wunderbarem Wohlgeruch umwallten Engel des Himmels noch mehr hervorzuheben, sagte man dem Teufel nach, daß er bei seinem Abfahren und Verschwinden stets einen überwältigenden Gestank zurücklasse, der dem in der Nähe Befindlichen den Atem raube und für viele Wochen in der Nase haften bleibe.

Versuchung des Heiligen Antonius. Nach einem Kupferstiche von Martin Schongauer

Versuchung des Heiligen Antonius.

Nach einem Kupferstiche von Martin Schongauer.

Hatte man so dem Feind der Menschen eine bestimmte Gestalt gegeben, so schrieb man ihm nichtsdestoweniger auch die Fähigkeit zu, alle erdenklichen Verkleidungen annehmen zu können. Weiblichen Opfern, die er zur Sünde verleiten wolle, nahe er sich mit Vorliebe als schmucker Jägersmann, als schneidiger Ritter in feuerrotem Samtgewand oder als junger Prinz in Brokat und schimmernder Seide. Jünglinge und Männer hingegen versuche er in Gestalt einer verführerisch schönen Buhlerin, die mit dem Entblößen ihrer körperlichen Reize keineswegs zurückhalte. In solcher Verkleidung habe er sich sogar an manche glaubensstarke Anhänger und Vorsteher der Kirche herangewagt, um sie zum Abfall vom Reiche Gottes zu verleiten.

Die viele Bände umfassenden Werke, die das Leben der Heiligen der christlichen Kirche schildern, enthalten unzählige Beschreibungen von Szenen, wo der Teufel in den mannigfaltigsten Vermummungen den Gottesmännern zusetzte, um sie in ihren frommen beschaulichen Betrachtungen zu stören und aus ihrem Gleichmut zu bringen. Ein klassisches Zeugnis dafür bot Richalmus, der Abt eines Zisterzienserklosters. Dieser fromme Gottesmann betrachtete die ihn plagenden Läuse und Flöhe als Verbündete des Teufels. Denn wenn er beim Sinnen über den großen Problemen des Jenseits die Kapuze aufsetze und über die Augen ziehe, damit das Tageslicht nicht das im Herzen aufgehende innere Licht beeinträchtige, so meldeten sich diese Teufel gar bald und bissen ihn am Kopf, damit er die Kapuze lüfte, sich kratze und dadurch von seinen inneren Betrachtungen abgelenkt werde. Wenn er bei geistlicher Lektüre sitze, so mache der Teufel ihn schläfrig. Beim Messelesen mache er ihn schwindlig, benehme ihm beim Singen die Stimme oder verursache, daß lauter falsche Töne herauskämen. Aus dem gleichen Grunde veranlaßten die Teufel auch seine häufigen Blähungen und trieben ihm den Bauch oft dermaßen auf, daß er den Gürtel lösen müsse. Wenn dann die Teufel nachgaben und Richalmus den Gürtel wieder strammer anzog, so stellten die Teufel sich bald von neuem ein und machten dem wackeren Abte angst. —

Die auf beständige Vermehrung der Teufelsfurcht bedachten Päpste und Kirchenfürsten des Mittelalters begnügten sich aber nicht damit, bloß durch Wort und Schrift auf die Gemüter ihrer Mitmenschen einzuwirken. Der nachhaltigen Wirkung bildlicher Darstellungen wohl bewußt, zogen sie zahlreiche Maler und Zeichner in den Dienst der Kirche und stellten ihnen die Aufgabe, die vielerlei Schliche des Teufels, wie auch die Schrecken des Fegefeuers und der Hölle, möglichst eindrucksvoll in Gemälden oder derben Holzschnitten zu veranschaulichen. Allbekannt sind die Gemälde, welche die Versuchung des heiligen Antonius darstellen. Auf demselben erscheint Satan in Gestalt eines schönen, tief dekolletierten Weibes, das mit einer vollen Karaffe süßduftenden Weines und allerhand Leckerbissen den Gottesmann von seinen frommen Übungen abzulenken sucht. —

Mittelalterliche Darstellung des Höllenrachens. Nach einem Holzschnitt aus dem Jahre 1498

Mittelalterliche Darstellung des Höllenrachens.

Nach einem Holzschnitt aus dem Jahre 1498.

Auf zahlreichen anderen bildlichen Darstellungen sehen wir Menschen auf ihren Sterbebetten, hart neben oder über ihnen einige Teufel, bereit, sich der entschwindenden Seele zu bemächtigen. Aber auch ein Priester ist zur Stelle, um die letzten Wünsche des Sterbenden zu vernehmen und jene Vermächtnisse zu verzeichnen, mit denen er sich den Beistand und die Gnade des Himmels, ja, die ewige Seligkeit erwerben könne. —

Ein charakteristisches Beispiel mittelalterlich phantastischer Vorstellungen von teuflischen Wesen bietet auch ein berühmter Kupferstich Martin Schongauers, der gleichfalls eine Versuchung des heiligen Antonius darstellt. Was das Tierreich an Absonderlichkeiten aufweist, ist hier zu überaus grotesken Dämonen zusammengefügt, die von allen Seiten Angriffe auf den Gottesmann unternehmen. Da sieht man solche mit Affenfratzen und Fischschwänzen; andere, deren Körper über und über mit Stacheln besetzt sind. Einer besitzt den Kopf eines Ziegenbocks, aber den schlanken Leib und die Extremitäten eines Salamanders. Über dem Heiligen schwebt ein abschreckend häßliches Weib mit Hängebrüsten, Kuhfüßen und Fledermausflügeln. Und was sonst in den Lüften fliegt, kreucht und fleucht, ist mit widerlichen Warzen, Zotteln, Stacheln und anderen Anhängseln und Auswüchsen behaftet. —

Den angeblichen Verkündigern der christlichen Liebe blieb es auch vorbehalten, das Hauptquartier Satans, die Hölle, als den scheußlichsten unter allen jenen Orten auszugestalten, wo Ungläubige, Zweifler und andere mißleitete Menschenkinder ihre Strafen für begangene Sünden empfangen. Man sehe beispielsweise das berühmte Wandgemälde auf dem „Campo santo“, dem Friedhof zu Pisa in Italien, um zu erkennen, in welcher Weise die Pfaffen das Volk zu beeinflussen suchten. In haarsträubenden Gruppenbildern ist dargestellt, wie die Gehilfen des Teufels den von Flammen umloderten Verdammten geschmolzenes Blei, siedendes Pech und brennenden Schwefel in die Hälse gießen; wie sie die Sünder und Gottesleugner an langen Bratspießen rösten oder mit stumpfen Sägen von oben nach unten halbieren. Wir sehen, wie mißgestaltete Dämonen den Weibern mit glühenden Zangen die Zungen und Brüste ausreißen oder sie in anderer, nicht wiederzugebender Weise quälen. Inmitten dieses mehrere Stockwerke zeigenden Schreckensortes thront Satanas, der Höllenfürst, ein Scheusal von so abschreckendem Aussehen, wie ähnliche glücklicherweise nur selten der irregeleiteten Phantasie mittelalterlicher Maler entsprangen. Ein weißglühender Panzer bedeckt den von Schlangen umringelten Leib. Der Kopf ist von Flammen umloht. Die Krallenhände haben eben einige zappelnde Sünder ergriffen, um sie zu zerquetschen und dem flammensprühenden Rachen zuzuführen. —

Im Dienst der Kirche stehende Zeichner und Holzschneider wetteiferten, der Christenheit des Mittelalters in möglichst eindrucksvoller Weise vor Augen zu führen, welche Strafen alle diejenigen im Fegfeuer und in der Hölle zu gewärtigen hätten, die sich irgendeiner Unterlassungssünde oder gar eines Vergehens wider die Satzungen der heiligen Kirche oder die von Gott eingesetzten Diener derselben schuldig machten. Was könnte an schauerlicher Wirkung auf abergläubische, furchtsame Gemüter jene Darstellung des Höllenrachens übertreffen, die in Form eines Holzschnittes im Jahre 1498 weithin verbreitet wurde? Und wie mußte das in Frankreich entstandene Bild der Höllenstrafen alle diejenigen beeinflussen, die sich irgendwie schuldig wähnten! —

Höllenstrafen. Nach einem aus dem Jahre 1500 stammenden Holzschnitt in dem Werk L'art de mourir

Höllenstrafen.

Nach einem aus dem Jahre 1500 stammenden Holzschnitt in dem Werk „L’art de mourir“.

Solchen bildlichen Darstellungen entsprachen natürlich jene haarsträubenerregenden Beschreibungen der Hölle, die von den Priestern mit wahrer Wollust in ihren sonntäglichen Predigten vor allem Volk, vor jung und alt entworfen wurden. Da wechsele furchtbarste Glut mit eisigster Kälte; da herrsche undurchdringliche, nur zuweilen von grellen Blitzen durchzuckte Finsternis; da walle und woge erstickender Qualm. Und nagender Hunger, unendlicher Durst, tödliche Mattigkeit, Schlangenbisse und fressende Krankheiten, Ungeziefer und Gewürm, Erstarren in Eis und Brennen in lodernden Flammen seien die ewig andauernden Strafen, welche die Abtrünnigen, die Ketzer, die Gottlosen und jene treffe, die sich den Anordnungen der Kirche widersetzten. Kein Wunder, daß durch solche Blasphemien die Phantasie des armen, unwissenden Volkes derart erregt wurde, daß es den Teufel und seine Genossen allüberall, in tausend verschiedenen Verkleidungen zu sehen meinte: in jedem sonderbar geformten Felsen, in jedem seltsam gestalteten Tier, in jedem häßlichen alten Weib. In jedem körperlichen Schmerz, in jeder Krankheit, in jeder Versuchung witterte man die Wirksamkeit und Kraft desjenigen, der den Worten der Bibel zufolge „einhergehe wie ein hungriger Löwe und suche, wen er verschlinge“. Um den Anschlägen und Klauen dieses Unholdes zu entgehen, stürzte das toll gemachte abergläubische Volk an die Altäre und verschrieb sein Hab und Gut der Kirche. Das war die Zeit, wo den Pfaffen der Weizen blühte, wo sie mit den durch das Austreiben der bösen Geister erworbenen Schätzen, mit den an den Sterbebetten erpreßten Stiftungen und Vermächtnissen ihre Truhen und Kästen füllten, wo allerorten reich bepfründete Abteien und Klöster entstanden, in denen feiste Mönche und Nonnen auf Kosten des schwerarbeitenden, in Frondienst gepreßten Volkes ein Faulenzerdasein und Lotterleben führten. Als Dank für ihre gottgefälligen Taten wurden die mühseligen und beladenen Laien mit Ausblicken auf den Himmel vertröstet, einen Ort unbeschreiblicher Herrlichkeit, wo endlose Scharen glückseliger Wesen, in makelloses Weiß gekleidet und mit goldenen Flügeln versehen, in überirdischem Lichtglanz dahinschweben, um den majestätisch auf goldenem Throne sitzenden Gott-Vater, den zu seiner Rechten sitzenden Erlöser und den in Gestalt einer Taube über den beiden schwebenden Heiligen Geist in ewigen Lobgesängen zu preisen. So, wie es der im Jahre 1321 in Ravenna gestorbene Florentiner Dante Alighieri, Italiens größter Dichter, es in seiner „Divina Comedia“ oder „Göttlichen Komödie“ es der Christenheit geschildert hat.

DAS PAPSTTUM IN SEINEN KÄMPFEN MIT DEN DEUTSCHEN KÖNIGEN UND KAISERN DES FRÜHEN MITTELALTERS

Die uralte Vorspiegelung, daß ein Zusammengehen der weltlichen Herrscher mit den Priestern für beide Teile ersprießlich sei, wurde auch von den römischen Päpsten in überaus geschickter Weise zur allmählichen Erweiterung ihres Einflusses und ihrer Macht angewendet. Vornehmlich in ihren Beziehungen zu den Beherrschern der deutschen Länder. Bei den Germanen war die Königswürde ursprünglich nicht erblich. Die Könige gingen vielmehr immer wieder durch Wahl aus den Edelingen oder erprobtesten Kriegern hervor. Erst als im Jahre 752 der bisherige Major domus oder Hausmeier Pippin sich des Königtumes bemächtigte und bei der Krönung von mehreren fränkischen Bischöfen weihen ließ, begann der von dem Priestertum eifrig geförderte Begriff des „Gottesgnadentums“ der Herrscher auch bei den deutschen Stämmen sich zu entwickeln. Die Könige, die in diesem Begriff einen wirksamen Schutz gegen die Auflehnung der Untertanen, gegen Angriffe auf ihre nunmehr heilige, unantastbare Person erkannten, ließen sich von den Priestern bei Antritt ihrer Regierung salben und krönen; in Urkunden und öffentlichen Bekanntmachungen begannen sie sich der Formel zu bedienen: „Wir von Gottes Gnaden König“; und so wurde der Begriff von dem Gottesgnadentum der abendländischen Herrscher künstlich erzeugt, künstlich herausgebildet. Befestigten so die Regenten mit Hilfe der Priesterschaft dem Volke gegenüber ihr Ansehen, so mußten sie dagegen dem Priestertum beständig Zugeständnisse machen, deren Gefährlichkeit viel zu spät erkannt wurde.

Schon Pippin sah sich zwei Jahre nach seiner priesterlichen Krönung genötigt, dem Papst zum Dank für die ihm verliehene Sanktion mit einem großen Heer gegen den Langobardenkönig Aistulf, der nach der Eroberung von ganz Italien trachtete, zu Hilfe zu kommen. Aistulf wurde besiegt und zur Abtretung bedeutender Ländereien um Rom und Ravenna gezwungen. Pippin schenkte dieselben dem Papst, womit nun das geistige Oberhaupt der christlichen Kirche zugleich weltlicher Fürst wurde. Damit wurde die weltliche Herrschaft des Papsttums begründet.

Mit dieser Schenkung war allerdings die Bestimmung verbunden gewesen, daß der Papst den König Pippin als Lehnsherrn anzuerkennen habe. Aber schon unter der Regierung Karls des Großen, des Nachfolgers Pippins, zeigte es sich, welche Ziele das Papsttum im Auge habe.

Vertieft man sich in das Leben Karls des Großen, so kann man sich der Wahrnehmung nicht entziehen, daß es den an seinem Hof verkehrenden Bischöfen schon frühzeitig gelang, diesen gewaltigen Mann mit einem derartigen Fanatismus für die Ausbreitung des Christentums zu erfüllen, daß er glaubte, eine höhere Sendung zu haben, das Christentum unter allen nichtchristlichen Völkern, den „Heiden“ siegreich zu machen. In diesem Wahn beging er gegen die Sachsen Grausamkeiten, die seinem weltgeschichtlichen Ruhm gleich einem Makel anhaften. Obwohl einer seiner priesterlichen Geheimräte, der Angelsachse Alkuin, der frühere Vorsteher einer Klosterschule zu York, ihm ans Herz gelegt hatte, daß eine wirkliche Bekehrung zum Christentum der Taufe stets voraufgehen müsse, so fiel doch Karl über die freien Sachsen her, um sie gewaltsam zu Christen zu machen. Die mit seinem Heer ziehenden Scharen von Priestern, Äbten und Bischöfen der römischen Kirche schändeten allüberall die Heiligtümer der keinerlei Priester kennenden Sachsen. So schlugen sie die Irmensul nieder, einen uralten gewaltigen Baum, der allen Sachsen als das Sinnbild des Lebens und der Zeiten verehrungswürdig war und unter dem sie ihre Landesversammlungen, Gerichte und Volksfeste gehalten hatten. Drei Tage wurden benötigt, um alles zu zerstören, was zu diesem im Eggegebirge gelegenen geweihten Bezirk gehört hatte. Aber 30 Jahre waren auch nötig, um die wegen der Schändung ihres Nationalheiligtums erbitterten Sachsen zu besiegen und zur Annahme der Taufe zu zwingen. Nicht eher konnte das geschehen, als bis Karl den Kern des Sachsenvolkes vernichtet hatte, indem er die zu einer gütlichen Verhandlung nach Verden an der Aller eingeladenen sächsischen Edelinge und Vollfreien, 4500 an der Zahl, von seinen Heerhaufen umringen und alle, ohne Ausnahme, an einem Tage enthaupten ließ. Durch diesen unwürdigen Gewaltakt wurde die Kraft des sächsischen Trotzes und Widerstandes gebrochen. —

Von beispielloser Härte zeugen auch die Gesetze, die den Sachsen nach ihrer Niederzwingung vorgeschrieben wurden. Sogar auf leichtere Vergehen gegen die von den Priestern erlassenen Gebote war Todesstrafe gesetzt. Wer sich nicht freiwillig der Taufe unterwarf, hatte Gütereinziehung, Verurteilung zu Leibeigenschaft, Verstümmelung und Todesstrafe zu gewärtigen. Wer gar nach altsächsischer Weise an Quellen, Bäumen oder in Hainen betete und Opfer darbrachte oder sich an Festmahlen beteiligte, die zu Ehren der „Teufel“ — so wurden von den Priestern die Gottheiten der sächsischen Naturreligion genannt — abgehalten wurden, mußte hohe Geldstrafen entrichten und verfiel bis zu deren Zahlung als Fronknecht in die Dienstbarkeit der Kirche.

Weniger streng als mit den hartnäckig an dem Glauben ihrer Väter hängenden Sachsen verfuhr Karl mit den heidnischen Avaren, zumal dieselben seinen Schutz gegen die Slawen angerufen und um Wohnsitze in der an der Donau gelegenen Markgrafschaft Osterland, dem späteren Österreich, gebeten hatten. Die zu ihrer Bekehrung gebrauchten Mittel waren manchmal eigenartig. So wandten die von dem Erzbischof von Salzburg ausgesendeten Missionare mit Vorliebe das folgende an: sie luden die Edelleute, die Freien wie auch die Unfreien oder Knechte der Avaren zu sich zu Tisch. Denen, die bereits getauft waren, ließ man, auch wenn sie bloße Knechte waren, die Speisen in vergoldeten Schüsseln vorsetzen; den Ungetauften hingegen, auch wenn sie Freie waren, wurden die Speisen in rohen Schüsseln gereicht, in solchen, welche man den Hunden vorsetzte. Diese Art von Anschauungsunterricht wirkte überaus bekehrend auf Edelleute wie Knechte, und darum bedienten die Missionare sich dieses Mittels besonders gern. Das nötige Geld zu solchen Speisungen wurde vom Erzbischof geliefert. Damit es diesem an Mitteln wie Eifer zur Bekehrung niemals fehle, hatte Karl ihm den drittenTeil aller Einkünfte überwiesen, welche von den Bekehrten einkommen würden[Zimmermann, „Deutsche Geschichte“, I, 389.].

Daß die von der Kirche, insbesondere von den Päpsten zum Durchführen ihrer Absichten angewendeten Mittel und Kniffe keineswegs immer einwandfrei seien, sollte Karl der Große übrigens auch an seiner eigenen Person erfahren, als er sich im Jahre 800 in Rom befand, um auf Grund seiner Siege über den Langobardenkönig Desiderius die Würde eines römischen Kaisers anzunehmen.

Es war am Weihnachtstage, als Karl sich in die Peterskirche begab, um dem Gottesdienst beizuwohnen. Nach Beendigung der Messe kniete er vor dem Altar zum Gebet nieder. Da plötzlich trat Papst Leo III. hervor, setzte dem in Andacht Versunkenen eine goldene Krone auf das Haupt und rief: „Carolo Augusto, dem von Gott gekrönten großen und friedenbringenden Kaiser der Römer, Leben und Sieg!“ Der Ruf wurde von der versammelten Menge aufgenommen, worauf der Papst dann mit der einen Hand den Mund, mit der anderen die Hand des Gekrönten berührte, ihn salbte und sich gegen ihn verbeugte. Gleichzeitige Chronisten wissen zu berichten, daß diese Krönung durch den Papst durchaus gegen den Willen Karls gewesen sei; denn dieser habe aus eigenem Siegerrecht Kaiser sein und sich selber die Krone aufsetzen wollen. Er habe sich später geäußert, daß er trotz des hohen Feiertages die Kirche nicht betreten haben würde, hätte er von der ihm zugedachten Überrumpelung gewußt. Daß er dieselbe keineswegs billigte, geht auch daraus hervor, daß er dreizehn Jahre später, als er in Aachen die Regierung seinem Sohn Ludwig übergab, denselben weder durch den Papst noch durch einen seiner Abgesandten krönen ließ, sondern seinem Sohn befahl, die Krone vom Altar zu nehmen und mit eigenen Händen sich aufzusetzen. Ebenso sicher ist aber auch, daß die Päpste aus der durch Leo III. vollzogenen Krönung Karls des Großen fortan das Recht ableiteten, den jeweiligen Kaiser durch ihre Salbung und Weihe zu bestätigen. Durch Wort und Bild sorgten sie weiterhin auch für die Verbreitung der Anschauung, daß kein Herrscher als wirklich eingesetzt gelten könne, bis er seine Weihe durch den Statthalter Gottes auf Erden, den Papst, empfangen habe, der ihn mit dem heiligen Öl salbe und mit Zepter und Krone belehne.

Bezeichnend ist, daß Papst Leo, der die Krönung Karls vollzogen hatte, diesen Gedanken auch in einem mächtigen, dreiteiligen Mosaikbilde zum Ausdruck bringen ließ, das in dem zum Empfang und zur Bewirtung fürstlicher Personen dienenden großen Saal des Lateranpalastes in Rom angebracht wurde und heute noch zu sehen ist. Besonders die beiden unteren Teile des Kolossalbildes sind bemerkenswert. Auf dem zur Rechten ist Christus dargestellt, wie er dem knienden Papst die Schlüssel des Himmels und der Hölle, dem knienden Kaiser hingegen die Kreuzesfahne übergibt. Das soll bedeuten, daß Christus selbst jene beiden Gewalten eingesetzt habe, welche die Welt regieren sollen: die geistliche, verkörpert durch den Papst, und die weltliche, verkörpert durch den Kaiser. Noch bezeichnender ist das Bild zur Linken. Es zeigt den Apostel Petrus als den Statthalter Christi auf Erden, wie er seinem Nachfolger, dem Papst Leo III., eine Stola als Abzeichen seiner göttlichen Oberhoheit, dem Kaiser Karl hingegen das Banner der streitenden Kirche übergibt. Von großer Wichtigkeit sind die in dem Bilde angebrachten lateinischen Inschriften. Neben der Gestalt des Apostels Petrus ist zu lesen: Sanctus Petrus, „Der heilige Petrus“; neben der Gestalt des Papstes hingegen: Sanctissimus Dominus Leo Papa, „Derallerheiligste Herr und Papst Leo“. Dagegen ist der Kaiser mit den kurzen Worten abgetan: Dominus Carolus regi, „Der Herr König Karl“. Es ist einleuchtend, wie unendlich viel höher diesen Bildern und Inschriften zufolge das Amt des Papstes als das des Kaisers ist! — Vergegenwärtigt man sich ferner, daß diese Bilder den wichtigsten Wandschmuck jenes Saales bildeten, wo die nach Rom kommenden Fürsten empfangen und bewirtet wurden, so kann man über den Zweck, die wirkliche Bestimmung dieses Bildes keinen Augenblick im Zweifel sein.

Ein wichtiges Zugeständnis, das die Päpste der Regierung Karls auch abzugewinnen wußten, war das Recht der Erhebung des Zehnten. Ein solches Recht bestand bereits, wie in einem früheren Abschnitt dargelegt wurde, in Palästina, wo es von den jüdischen Priestern beansprucht worden war. Da die christlichen Priester sich ganz nach dem Muster der jüdischen gebildet hatten, so verlangten sie auch gleich diesen den zehnten Teil der gesamten Ernte für sich. Nachdem Karl der Große diese seit mehreren Jahrhunderten geltend gemachten Ansprüche bewilligt und gesetzlich bestätigt hatte, dehnten die Priester diese Ansprüche allmählich auf alles mögliche aus, auf die Herden, das Geflügel, auf die gesamten gewerblichen Erzeugnisse. —

Teil eines vom Papst Leo III. im Lateran gestifteten Mosaikbildes zur Erinnerung an die durch ihn vollzogene Krönung Karls des Großen

Teil eines vom Papst Leo III. im Lateran gestifteten Mosaikbildes zur Erinnerung an die durch ihn vollzogene Krönung Karls des Großen.

Verfolgt man die weiteren Beziehungen zwischen den deutschen Kaiser-Königen und dem Papsttum, so wird ersichtlich, daß das letztere seine auf Mächteerweiterung abzielenden Bestrebungen mit zähester Beharrlichkeit fortsetzte. Kaum hatte Kaiser Karl der Große im Jahre 814 seine Augen zum letzten Schlummer geschlossen, so ließen die Hofgeistlichen es sich angelegen sein, seinen mit allen Eigenschaften eines liebenswürdigen Privatmannes begabten Sohn und Nachfolger Ludwig ganz unter ihren Einfluß zu bringen und für alle Pläne des Papsttumes willfährig zu machen. Das gelang ihnen vortrefflich; denn Ludwig war im Gegensatz zu seinem Vater ein Mann ohne jede Willenskraft und Herrschergabe. Psalmensingen und Bibellesen waren ihm lieber als die Erledigung schwieriger Reichsangelegenheiten. Desgleichen bereitete ihm die Gründung und Ausstattung eines Klosters weitaus mehr Freude, als ein Heer zur Sicherung der Reichesgrenzen anzuführen. Als Dank für seine übertriebene Hingebung an die Kirche und seine verschwenderische Freigebigkeit gegen die Geistlichkeit wurde ihm später auch das Prädikat „der Fromme“ verliehen.

Einem solchen mit allen Tugenden eines gottergebenen Familienvaters begabten Herrscher gegenüber konnte das Papsttum offen auftreten. Hatte schon Leo III. sich gebärdet, als ob ein Kaiser Ludwig, der sich eigenhändig die Krone aufs Haupt gesetzt habe, gar nicht existiere, so glich sein Nachfolger, Stephan IV., diese selbstherrliche Handlung Ludwigs dadurch wieder aus, daß er den König in Reims aufsuchte und ihm in der Kirche während des Gottesdienstes eine zu diesem Zweck aus Rom mitgebrachte Krone aufsetzte. Das geschah lediglich, um erkennen zu lassen, daß das Papsttum die Gültigkeit jener eigenhändig verrichteten Krönung nicht anerkenne, sondern die päpstliche Salbung für jeden König unerläßlich halte, auch wenn er bereits vom Reichstag ernannt worden sei. —

Daß seine Frömmigkeit den Herrscher keineswegs vor weiteren Demütigungen seitens des Papsttums und der hohen Geistlichkeit schützten, ward offenbar, als Ludwig, trotzdem er erst 40 Jahre alt war, sich dazu bereden ließ, schon im Jahre 817 seinen ältesten Sohn Lothar zu seinem Mitregenten und Nachfolger, und dessen Brüder Pippin und Ludwig zu unter der Oberherrlichkeit Lothars stehenden Unterkönigen oder Verwaltern bestimmter Länderstriche zu machen. Diese eigentümliche Anordnung war nicht ohne Mitwirkung der am Hof befindlichen geistlichen Würdenträger erfolgt, die den Kaiser in systematischer Weise durch fromme Übungen, das Lesen von Erbauungsschriften, Gebete, Büßungen und mehrtägiges Fasten mürbe bis zur Widerstandslosigkeit gemacht hatten. Wie Zimmermann in seiner „Deutschen Geschichte“ (I, 432) hervorhebt, wurde diese seltsame Thronfolgeordnung zur Quelle einer ganzen Reihe von Kriegen, in denen die Brüder nicht nur widereinander, sondern auch gegen den Vater und der Vater wider die Söhne fochten. Bei all diesen Streitigkeiten hatte die hohe Geistlichkeit ihre Hände beständig im Spiel. Und als der Kaiser am 29. Juni 833 von seinem Sohn Lothar gefangengenommen und in eine Zelle gesperrt wurde, setzten ihm der Erzbischof von Reims und verschiedene andere Priester wegen einer an einem Enkel Karls des Großen vollzogenen Blendung, die dessen Tod nach sich gezogen hatte, mit Ängstigungen seines Gewissens derart zu, daß er die von ihm geforderte Thronentsagungsurkunde nahezu unterzeichnet hätte. Ihm vorhaltend, daß er der Gnade Gottes verlustig gegangen sei, malten sie ihm die Hölle mit ihren Qualen aus, ja, ließen den Teufel leibhaftig vor ihm erscheinen, lösten in solchen Erschreckungen einander ab, gönnten ihm weder am Tage noch in der Nacht Ruhe und erzwangen dadurch von dem Geängstigten endlich, daß er sich zu einer öffentlichen Kirchenbuße verstand, der er sich am 13. November 833 in Soissons unterwarf.

Von seinem Sohn Lothar und den mit ihm verschworenen Erzbischöfen und Bischöfen geleitet, wurde der Kaiser aus seiner Gefangenenzelle angesichts einer ungeheuren Menschenmenge vor den Altar der Medarduskirche geführt. Vor demselben lag ein härenes Büßergewand, auf das niederzukniendem Kaiser geboten wurde. Darauf wurde ihm ein Pergament übergeben, das alle seine wirklichen, wie auch eine Reihe ihm angedichteter Sünden enthielt, darunter Kirchenraub, Meineid, Mord und Gotteslästerung. Nachdem er dem Befehl, dieses Verzeichnis vorzulesen, entsprochen hatte und noch ehe er zum vollen Bewußtsein der ihm zugeschriebenen Schandtaten gekommen war, riß der Bischof von Osnabrück ihm das Schwert von der Seite. Ein anderer Pfaffe riß ihm den kaiserlichen Mantel von den Schultern, ein dritter warf ihm ebenso schnell das Büßergewand über den Kopf, worauf man dann den Geschändeten in seine Zelle zurückschleppte in der Erwartung, daß er hier die von ihm verlangte Unterzeichnung der Thronentsagung vollziehen werde. Dazu aber, wie zu seiner Einkleidung als Klostermönch wollte sich der Kaiser nicht verstehen. Und da das Volk das mit dem Herrscher getriebene unwürdige falsche Spiel durchschaute und eine drohende Haltung annahm, so beeilten sich der mißratene Sohn und die an dem Staatsstreich beteiligten Priester, den Kaiser nach Aachen zu bringen.

Zeitgenössischen Berichten zufolge verfuhr hier der über den Mißerfolg wütende Sohn seinem unnachgiebigen Vater gegenüber „so, wie es nicht menschlich war“. Aber noch viel grausamer marterten ihn seine priesterlichen Feinde Tag und Nacht mit Bestürmungen und Gewissenspeinigungen in verschärfter Haft. —

Augenscheinlich war die herrschsüchtige Kirche entschlossen, den charakterlosen Lothar zum Kaiser zu machen, um durch seine Willfährigkeit zu ihrem Ziel zu gelangen und sich für immer über die weltliche Macht, das Kaisertum, emporzuheben.

Mittlerweile war aber die Kunde von der schmachvollen Behandlung, der Ludwig ausgesetzt worden war, in das deutsche Volk gedrungen und hatte überall Empörung erregt. Auch in seinen beiden jüngeren Söhnen regten sich Scham und Reue. Sie stellten sich an die Spitze der aufgebrachten Sachsen, Schwaben und Bayern und rückten mit zwei starken Heeren von zwei Seiten so rasch auf ihren Bruder Lothar vor, daß demselben nichts übrigblieb, als sein Heil in der Flucht zu suchen und seinen Vater zurückzulassen.

Die hohe Geistlichkeit wußte sich den veränderten Verhältnissen rasch anzupassen. Sie sprach am letzten Februar den Kaiser von der ihm auferlegten Buße frei und bekleidete ihn als den, „der die Gnade Gottes wiedererlangt habe“ aufs neue mit den Abzeichen seiner Würde. —

Damit hörten aber die Wirren in Ludwigs Reich keineswegs auf. Infolge der fortgesetzten Bruderkriege und infolge wiederholter neuer Teilungen des Reichs herrschten Elend, Unsicherheit und Zerfahrenheit allüberall. Und als Ludwig am 20. Juni 840 starb, war er, der traurige Sohn des gewaltigen Herrschers Karls des Großen, sich selbst wie seinen Völkern zum Fluch geworden. —

Die nach dem Tode Ludwigs anhaltenden Wirren wurden vom Papsttum eifrig zur weiteren Ausdehnung seiner Macht ausgenützt. Es war sein Ziel, ein neues, die gesamte Christenheit umfassendes Priesterreich zu errichten, in dem die jeweiligen Inhaber des Stuhles Petri die unumschränkten Oberhäupter bilden sollten. Schon seit längerer Zeit hatte die Kirche durch von ihr gefertigte unterschobene Urkunden von mancherlei Art auf dieses Ziel hingearbeitet. Das Äußerste leistete sie durch die Veröffentlichung der bereits in einem früheren Abschnitt erwähnten „Pseudo-Isidorischen Dekretalen“, jener Sammlung gefälschter Schriften, die den Zweck hatten, sowohl die Geistlichkeit vom Staat gänzlich freizumachen, wie auch in der Person des Papstes die höchste gesetzgebende, überwachende und richterliche Gewalt zu vereinigen, der nicht nur alle kirchlichen Angelegenheiten und die Bischöfe und die Erzbischöfe, sondern auch sämtliche weltlichen Fürsten, Könige und Kaiser unterworfen seien. In diesen „Dekretalen“ war alles durch Fälschungen und Erdichtungen so dargestellt, als seien das die kraft göttlicher Befehle seit den ersten Jahrhunderten des Christentums von den ersten römischen Bischöfen innegehabten Rechte und Freiheiten. Schon Kaiser Konstantin habe, durch Papst Sylvester vom Aussatz geheilt, diesem die Herrschaft über das gesamte abendländische Reich abgetreten.

Die Veröffentlichung dieser „Verordnungen“ geschah während der Jahre 844—853. Obwohl schon damals Einwände gegen ihre Echtheit erhoben wurden, so verstand es der zu jener Zeit auf dem päpstlichen Stuhle sitzende Nicolaus I. doch, diese Einsprüche zum Schweigen zu bringen. Daß diese angeblichen Verordnungen den Päpsten fortan als Richtschnur für ihre weiteren Bestrebungen dienten, wird klar, wenn man auf die Geschichte der Kaiser Karls des Kahlen, Ottos I. und Heinrichs II. eingeht.

Schon die am 8. August 936 in der Marienkirche zu Aachen vollzogene Krönung Ottos I. wurde vom Priestertum als eine Gelegenheit ausgenützt, seine Auffassung über die Beziehungen zwischen Priestertum und Königtum öffentlich kundzugeben. Auf dem Altar waren die Symbole des Königtums niedergelegt: das Schwert, die Krone, das Zepter, der Mantel und — nicht zu vergessen — ein Hirtenstab als Zeichen des königlichen Anteils an der Verwaltung der Kirche. Als nun die feierliche Handlung begann, überreichte der vollziehende Erzbischof von Mainz dem König zuerst das Schwert mit den Worten: „Nimm hin dieses Schwert, das dir durch göttliche Gnade verliehen wurde, um für alle Christen deines Reiches den Frieden zu erhalten und alle Feinde Christi zu bekämpfen!“ — Darauf bekleidete er den König mit dem Mantel und sprach: „Wie dieser Mantel mit seinen Enden bis zur Erde niederhängt, so möge er dich daran gemahnen, daß du bis an dein Ende eifrig für den Glauben wirken und in der Bewahrung des Friedens nie ermüden sollst!“ — Dann nahm der Erzbischof das Zepter und den Hirtenstab, überreichte sie dem König und sprach: „Kraft dieser Symbole sollst du mit väterlicher Gewalt über deine Untertanen herrschen und den Dienern Gottes, den Witwen und Waisen deine Milde erweisen. Möge das Öl der Barmherzigkeit, mit dem ich dein Haupt salbe, niemals weichen, damit du jetzt und für immerdar ewigen Lohn dafür empfangest! — Nach der Salbung setzten ihm die Erzbischöfe von Mainz, Köln und Trier die goldene Krone auf das Haupt und führten ihn zu dem zwischen Marmorsäulen errichteten Thron, wo er von allen Versammelten gesehen werden konnte. —

Welche Zumutungen die herrschsüchtigen Päpste diesen Königen und römischen Kaisern, ihren rechtmäßigen Lehnsherren, zu stellen wagten, ergibt sich aus der von dem Bischof Thietmar von Merseburg aus eigenen Erlebnissen niedergeschriebenen Schilderung der im Jahre 1014 in Rom erfolgten Krönung des letztgenannten Königs Heinrich II. Es heißt in seiner acht Bücher umfassenden, jetzt in der Bibliothek zu Dresden aufbewahrten Chronik: „Am Sonntag den 14. Februar ging Heinrich, von Gottes Gnaden ruhmwürdiger König, von zwölf Senatoren umgeben, deren sechs mit geschorenen, die anderen mit herabhängenden Barten, nach althergebrachtem Brauch mit Stäben einherschritten, mit seiner geliebten Gemahlin Kunigunde zur Kirche von St. Peter, wo der Papst ihn erwartete. Bevor er hereingeführt wurde, fragte ihn derselbe, ob er ein treuer Beschützer und Verteidiger der römischen Kirche sein wolle und ihm und seinen Nachfolgern in allen Dingen ergeben? Und er bejahte es mit demütigem Bekenntnis, worauf er von jenem Salbung und Krönung mit seiner Gemahlin empfing.“

Aus dieser Stelle ist ersichtlich, daß das Papsttum als Lohn für die dem Kaiser-König erteilte Weihe verlangte, er müsse sein allezeit dienstbereiter, treuer Schirmherr, mit anderen Worten: ihr untertänigster Vasall sein! —

Ein jetzt in der Bibliothek zu München befindliches Meßbuch enthält ein Miniaturbild, das den König zeigt, wie er „von Gottes Gnaden“ die Reichsinsignien empfängt. Christus setzt ihm die Krone aufs Haupt; zwei Engel bringen ihm das Reichsschwert und das Zepter; der Klerus aber, verbildlicht durch zwei Geistliche, stützt ihm die Arme. Die lateinische Umschrift des Bildes heißt verdeutscht:

„Siehe gekrönt wird von Gott und beglückt

Der fromme König Heinrich, erlaucht durch den Stamm der Ahnen.

Schirmend bringt ihm sogleich der Engel die Lanze;

Dieser hält auch das Schwert bereit, vor ihm her Furcht bereitend.

Gnädiger Christus, gib langes Leben Deinem Gesalbten,

Damit Dein Getreuer nicht den Nutzen der Zeit verliere.

Dieses Königs Herz und Taten zeichne Udalricus auf,

Emmeramus gewähre ihm huldreich süßen Trost.“ —

Daß der Gegensatz zwischen den auf die Erhaltung ihrer Herrschaft bedachten deutschen Königen und Kaisern und dem rücksichtslos nach Ausdehnung seiner Macht strebenden Papsttum mit der Zeit zu erbitterten Kämpfen führen müsse, war vorauszusehen. Ein solcher Kampf entbrannte und gestaltete sich zu einem Schauspiel von wahrhaft weltgeschichtlicher Bedeutung, nachdem im Jahre 1056 König Heinrich III. gestorben war und seine Witwe für den hinterlassenen, noch nicht sechs Jahre alten Sohn die Regentschaft übernahm. Obwohl sie sich dieser schwierigen Aufgabe mit aller Hingabe widmete, schmiedeten mehrere hohe geistliche Würdenträger Deutschlands, zweifellos mit Vorwissen des Papstes und der römischen Kardinäle, den verbrecherischen Plan, sich der Person des noch unmündigen jungen Königs gewaltsam zu bemächtigen, um in seinem Reich nach Belieben schalten und walten zu können. Haupträdelsführer in diesem nichtswürdigen Komplott war der von maßloser Herrschgier besessene Erzbischof Hanno von Köln. Nachdem auf mehreren Zusammenkünften die Art der Ausführung des Anschlags sorgfältig erwogen war, ließ dieser Gottesmann ein prächtiges Schiff bauen und dasselbe mit allerlei Kostbarkeiten ausstatten, welche die Neugier reizen konnten. Damit fuhren die Verschworenen zur Pfingstzeit des Jahres 1062 von Köln aus den Rhein hinab nach dem heutigen Kaiserswerth, wo die Witwe des verstorbenen Königs mit ihrem damals bereits zwölf Jahre alten Sohn Hoflager hielt. Unter dem Vorwand, daß sie gekommen seien, den beiden einen ehrerbietigen Besuch abzustatten, luden die Verschworenen nach einem frohen Mahle den jungen König ein, das am Ufer liegende schöne Schiff zu besichtigen. Arglos folgte der Knabe der Einladung. Aber kaum hatte er das Schiff bestiegen, als auf einen Wink des Erzbischofs die Bootsleute vom Ufer abstießen und angesichts der auf dem Balkon ihres Palastes stehenden, den Anschlag sofort erkennenden und in Jammergeschrei ausbrechenden Mutter eiligst davonfuhren. Voller Entsetzen liefen die Diener der Königin, die Räuber verwünschend, dem Schiffe am Ufer entlang nach. Dadurch die Bedeutung des ganzen Vorganges erratend, stürzte der junge König sich in den Strom, um ans Ufer zu schwimmen. Aber er wurde aufgefischt, gewaltsam auf das Schiff zurückgebracht und nach Köln entführt. Hier wurde von einer sofort einberufenen Priesterversammlung, der auch mehrere an dem Komplott beteiligte Reichsgrafen beiwohnten, beschlossen, daß der Erzbischof von Köln, unter dessen Obhut der König zur Zeit weile, im Namen desselben nunmehr die Regierung des Reiches führen möge. —

König Heinrich II. empfängt von Gottes Gnaden die Krone, die heilige Lanze und das Reichsschwert. Nach einem Miniaturbild in Heinrichs Gebetbuch in der Bibliothek zu München

König Heinrich II. empfängt von Gottes Gnaden die Krone, die heilige Lanze und das Reichsschwert.

Nach einem Miniaturbild in Heinrichs Gebetbuch in der Bibliothek zu München.

Alle Bemühungen der verzweifelten Mutter, ihren Sohn zurückzuerlangen, blieben vergeblich. Über ihren Verlust mit Trauer erfüllt, zog sie sich von der Welt zurück, um in frommen Werken das ihr zugefügte schwere Leid zu vergessen.

Obwohl der gegen den jungen König begangene unerhörte Gewaltstreich überall Entrüstung erregte, behielten die Verschworenen den in so hinterlistiger Weise Entführten dennoch in ihrer Verwahrung. Er wurde dem Erzbischof Adalbert von Bremen „zur weiteren Erziehung“ überliefert, die selbstverständlich darauf hinauslief, den Knaben zu einem gefügigen Werkzeug für die weiteren Pläne der Gottesmänner zu gestalten. Seinen Leidenschaften stets nachgebend, sollte er zu einem ausschweifenden, haltlosen Menschen geformt werden, unter dem Rom und seine Priester ungehindert schalten und walten könnten. So wurde er am Osterfest des Jahres 1065, obwohl eben erst 15 Jahre alt geworden, in Worms für mündig erklärt und als König Heinrich IV. auf den Thron gesetzt.

Beständig unter dem Einfluß aufeinander eifersüchtiger Pfaffen stehend, gestaltete sich die Regierung Heinrichs für Deutschland zu einer Zeit schlimmster Wirren, die vom Priestertum, insbesondere den römischen Päpsten, unablässig zur Erweiterung ihrer Macht ausgenützt wurden. Schon zur Zeit der Minderjährigkeit Heinrichs hatten sie Vorkehrungen getroffen, um die völlige Unabhängigkeit des Papsttums von jeder weltlichen Macht herbeizuführen. So hatten sie im April 1059 in Rom eine Kirchenversammlung abgehalten, die von 113 Bischöfen aus Italien, Burgund und Frankreich besucht war und den Beschluß faßte, durch eine neue Wahlordnung die völlige Unabhängigkeit der Päpste auf ewige Zeiten zu sichern. Fortan sollten diese Wahlen nur durch das Kollegium der römischen Kardinäle, das heißt der sieben vornehmsten Geistlichen Roms und 28 Hauptpfarrer des römischen Sprengels, vollzogen werden. Die bisherige Zustimmung des Adels und Volkes solle fernerhin nicht mehr in Betracht kommen. Auch den deutschen Kaisern solle das Bestätigungsrecht nur insofern belassen bleiben, als es ihnen vom Kollegium jedesmal besonders zugestanden werde.

Der treibende Geist dieses Kollegiums war Hildebrand, ein Mann, in dessen kaum das Mittelmaß erreichender Gestalt die grenzenlose Machtgier, die zähe Energie, sowie die vor keiner Vergewaltigung zurückschreckende Rücksichtslosigkeit des Papsttums am schärfsten verkörpert waren. Vom einfachen Mönch war er zum Kaplan geworden. Und später durch den Papst Leo IX. nach Rom gebracht, hatte er sich unter der Herrschaft von fünf Päpsten mit allen geheimen Plänen und Anschlägen derselben vertraut gemacht und war wegen seiner Fähigkeiten zum Kardinal erhoben worden. Nicht mit Unrecht wurde er von einem seiner Zeitgenossen und Kollegen, dem Kardinal Petrus Damiani, „ein heiliger Satan“ genannt; denn er war in der Tat ein Dämon in Priestergestalt, wie ein gleicher zum Glück für die Menschheit nicht zum zweitenmal auf den Stuhl Petri gelangte.

Das diesem Manne vorschwebende Papstideal bestand nicht bloß in völliger Unabhängigkeit des Papsttums von jeder weltlichen Gewalt, sondern auch in vollständiger Überordnung der geistlichen über alle weltliche Gewalt. Mit anderen Worten, Hildebrand strebte eine priesterliche Weltherrschaft an, deren Sitz in Rom sei und durch den Papst als Gottes Statthalter auf Erden ausgeübt werde. Sämtliche Kaiser und Könige sollten fortan ihre gesamten Befugnisse vom Oberhaupt der Kirche zu Lehen empfangen und den Papst als Lehnsherrn und höchsten Schiedsrichter in allen Angelegenheiten anerkennen müssen.

Es war im Jahre 1074, wo dieser Kardinal Hildebrand von seinen nach Rom beorderten Kollegen zum Papst ausgerufen wurde und unter dem Namen Gregor VII. den päpstlichen Stuhl bestieg. Sogleich traf er mehrere Maßnahmen von außerordentlicher Bedeutung. Zunächst setzte er die bereits von früheren Päpsten angeregten Zölibatsgesetze in Kraft, durch welche alle in einem ehelichen Verhältnis lebenden Priester für abgesetzt erklärt wurden. Obwohl die Ehe zu allen Zeiten als der heiligste und stärkste Bund zwischen Menschen betrachtet und gepriesen wurde, obwohl die Bedeutung der Ehe für die Erhaltung der Staaten und der menschlichen Gesellschaft allgemein anerkannt wurde, obwohl zahllose Priester bis dahin solche Eheneingegangen hatten und sich in denselben glücklich fühlten, unternahm Gregor VII. es dennoch, die Ehe bei Geistlichen um jeden Preis auszurotten. Und zwar zu dem ausgesprochenen Zweck, sämtliche Priester der christlichen Kirche von allen Banden zu lösen, durch welche ihre Familien sie mit den weltlichen Mächten, mit der Gemeinde, dem Staat, der Heimat und dem Vaterlande verknüpften. Sie sollten fortan kein anderes Interesse als das der Kirche haben, ihr willenlos mit Leib und Seele dienen und eine absolut gefügige Heermacht bilden, die dem Papsttum Roms jederzeit zur Durchführung seiner Ziele zu Gebote stehe.

Selbstverständlich erregte diese naturwidrige Verordnung in allen Landen ungeheure Bestürzung. In manchen Ländern kam es zu hartnäckigem, viele Jahre dauerndem Widerstand. Eine in Paris abgehaltene Synode erklärte die Gegner der von Gott verordneten und im 7. Kapitel des 1. Buches der Korinther empfohlenen Ehe als verruchte Ketzer. Aber als alle nicht sofort willfahrenden Priester mit dem Bann bedroht wurden, verstummte allmählich der Widerstand und das Zölibat gelangte unter der Geistlichkeit zu allgemeiner Durchführung.

Ein weiteres Mittel in dem Kampf um die Herrschaft bildete die Einführung von päpstlichen Legaten oder Abgesandten, die als direkte Vertreter des Papstes galten und sogar die Vollmacht besaßen, über etwaige Widersacher der Kirche sämtliche Strafen zu verhängen, die dem Papsttum zur Verfügung standen. Da diese Legaten im Auftrag des Papstes alle Länder durchzogen, so machte er sich durch diese Vertreter gleichsam allgegenwärtig.

Wird man sich darüber klar, daß derartige Legaten jederzeit einen ungeheuren Einfluß auf die noch tief im Bann des Aberglaubens stehenden Völker ausüben konnten, und daß für diese wichtigen Posten stets die scharfsinnigsten Priester ausgewählt wurden, die in der Wahl ihrer Mittel vor nichts zurückschreckten, so kann man ermessen, was diese Einrichtung für die damalige Zeit bedeutete. Da war kein Königs- oder Fürstenhof, an dem solche Legaten nicht ihre Intrigen spannen; da war keine Stadt, keine Gemeinde, keine Familie, die nicht in jeder Weise dem priesterlichen Einfluß und Machtgebot unterworfen worden wären. —

Aber eine noch größere Überraschung stand der christlichen Welt durch den Autokraten Gregor bevor. Im Jahre 1075 erließ er ein strenges Verbot, demzufolge fortan kein Geistlicher mehr bei Verlust seines Amtes aus der Hand eines Laien oder weltlichen Lehnsherrn die Investitur annehmen dürfe. Mit diesem Verbot war die an die Lehnsherrn gerichtete Drohung verbunden, daß, wer trotzdem die Investitur ausübe, mit dem Kirchenbannbelegt werden solle. Dieser Erlaß war ein überaus schwerer Eingriff in die seit alten Zeiten bestehende Oberherrschaft der Könige über ihre Beamten, in die Besetzung von Kirchenämtern durch die Staatsgewalt. Da die Bischöfe und Erzbischöfe durch kaiserliche Belehnung mit weltlichen Gütern Reichsfürsten geworden waren, bedeutete eine Durchführung des päpstlichen Erlasses eine Zerstörung des überall bestehenden Lehenssystems, das den Grundpfeiler sämtlicher Staaten des Mittelalters bildete.

Papst Gregor VII. Nach einer Originalzeichnung von O. Knille für das Prachtwerk Bildersaal deutscher Geschichte

Papst Gregor VII.

Nach einer Originalzeichnung von O. Knille für das Prachtwerk „Bildersaal deutscher Geschichte“.

So wurde es auch von König Heinrich IV. empfunden, der sich als Lehnsherr des Papstes betrachtete. Er berief sofort eine Synode aller deutschen Bischöfe ein, welche über die Lage entscheiden solle. Diese Synode wurde am 24. Januar 1076 in Worms unter dem Vorsitz des Bischofs Siegfried von Mainz in Gegenwart des Königs eröffnet. In der Versammlung trat der Kardinal Hugo als Abgeordneter der römischen Geistlichkeit und des römischen Volkes auf, um eine Reihe der schwersten Beschuldigungen gegen den Papst zu erheben. Derselbe habe nicht nur widerrechtlich den Stuhl Petri bestiegen, sondern auch sein Amt durch Verbrechen und Laster aller Art geschändet. Ferner habe er Mörder gedungen, die dem König nach dem Leben trachteten. Ein darauf von allen anwesenden Bischöfen unterzeichneter Beschluß forderte die sofortige Absetzung des Papstes. Dieser Erklärung fügte der König noch ein besonderes, an den Papst gerichtetes Schreiben bei, das folgenden Wortlaut hatte:

„Heinrich, nicht durch Gewalt, sondern durch Gottes heilige Anordnung König, an Hildebrand den falschen Mönch, nicht mehr Papst! Diese Anrede hast Du verdient wegen der Verwirrung, die Du über alle Einrichtungen und Stände der Kirche gebracht hast. Durch List und Betrug bist Du zu Deiner Stellung gelangt. Deinem Mönchsgelübde entgegen erwarbst Du Dir Geld, durch Geld Volksgunst, durch Volksgunst Waffen, durch Waffengewalt den Stuhl des Friedens, von dem herab Du den Frieden der Welt vernichtetest, indem Du die Untertanen gegen ihre Obrigkeit aufwiegelst. — Deshalb, Du mit Fluch Behafteter und durch unser und aller unserer Bischöfe Urteil Verdammter, steige herab von dem angemaßten Apostolischen Stuhl! Ein anderer soll ihn besteigen, der nicht unter dem Deckmantel der Religion Gewalttaten verübt, sondern die reine Lehre des heiligen Petrus verkündige. Ich, Heinrich, durch Gottes Gnade König, sowie alle unsere Bischöfe sagen Dir: Steig‘ herab! Steig‘ herab!“ —

In einem gleichzeitigen Schreiben forderte der König den römischen Klerus und das römische Volk auf, Gregor nicht länger auf dem Heiligen Stuhl zu dulden, sondern einen von den Bischöfen erwählten Papst anzunehmen.

Die Antwort des zum Äußersten entschlossenen Papstes Gregor ließ nicht lange auf sich warten. Obwohl eine zu Piacenza abgehaltene Synode die zu Worms gefaßte Entscheidung der Bischöfe bestätigte und ihm den Gehorsam aufkündigte, so war Gregor sich seiner Gefolgschaft doch vollkommen sicher. Er wußte dieselbe in einer im Februar des Jahres 1076 im Lateran abgehaltenen Versammlung derart zu beeinflussen, daß ihm nicht nur die Zustimmung erteilt wurde, die in Worms und Piacenza versammelt gewesenen Bischöfe ihrer Ämter zu entsetzen und von der Gemeinde der Gläubigen auszuschließen, sondern auch den König Heinrich mit dem Bann zu belegen. Sein dahingehender Erlaß hatte folgenden Wortlaut:

„Heiliger Petrus, Fürst der Apostel! Zur Ehre und zum Schutze Deiner Kirche untersage ich im Namen des allmächtigen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, kraft Deiner Macht und Gewalt dem König Heinrich, dem Sohne des Kaisers Heinrich, der gegen Deine Kirche sich mit unerhörtem Übermute erhoben hat, die Leitung des ganzen Reiches der Deutschen und Italiens; und alle Christen löse ich von dem Bande des Eides, den sie ihm geleistet haben oder leisten werden; und ich verbiete, daß jemand ihm als seinem Könige diene. Denn es gebührt sich, daß der, welcher die Ehre Deiner Kirche zu mindern strebt, selbst seine Ehre verliere, die er zu haben scheint. Und da er es verschmäht hat, wie ein Christ zu gehorchen, und nicht zurückgekehrt ist zu seinem Herrn, den er verlassen hat, — indem er mit Gebannten verkehrt und viele Ungerechtigkeiten begeht und meine Mahnungen, die ich um seines Heiles willen an ihn gerichtet habe, wovon Du Zeuge bist, mißachtet und sich von Deiner Kirche trennt, sie zu spalten trachtend — so binde ich ihn an Deiner Statt mit dem Bande des Bannes!“ —

Schon im jüdischen Gesetz vorgebildet und von den Kirchenvätern in die Einrichtungen der christlichen Kirche übernommen, war der Bann in den Händen der römischen Päpste zu einem furchtbaren Mittel zur Erzwingung ihrer Zwecke und Ziele geworden. Wer sich den päpstlichen Verordnungen widersetzte und nicht gehorchte, der ward aus der Gemeinschaft der Gläubigen und von der Teilnahme an den Sakramenten ausgeschlossen und verflucht. Er wurde fortan von allen Gläubigen gemieden, als sei er mit Aussatz behaftet. War er ein Fürst, ein Heerführer, ein König, ein Kaiser, so waren Soldaten und Untertanen ihrer Gelübde der Treue sofort entbunden; vor seine Türe stellte man eine Totenbahre, zum Zeichen, daß er auch bürgerlich tot sei, auch keine Rechtssachen mehr vor Gericht führen, nicht mehr als Zeuge dienen und kein Gut mehr zu Lehen geben könne. Die Überreste seiner Tafel wurden verbrannt, der Ärmste rührte sie nicht an; die Leiche des Exkommunizierten wurde wie die eines Hundes verscharrt. Es bedarf nur der Kenntnis des Wortlautes einer derartigen Bannformel, um es erklärlich zu finden, daß selbst die Herrscher der Erde vor dem Bannfluch zitterten:

„Verflucht seiest Du immer und überall: verflucht bei Tag und zu jeder Stunde; verflucht, wenn Du schläfst und wenn Du wachst; verflucht, wenn Du fastest und wenn Du issest und trinkest; verflucht sei Deine Rede und Dein Schweigen; verflucht seist Du drinnen und draußen; auf dem Feld und auf dem Wasser; verflucht von dem Wirbel des Hauptes bis zu den Sohlen der Füße. Deine Augen sollen blind, Deine Ohren taub, Dein Mund stumm werden; die Zunge soll im Gaumen stocken; Deine Hände sollen sich nicht bewegen, noch Deine Füße gehen. Verflucht seien alle Glieder Deines Körpers; stehend, liegend seien sie von jetzt auf immer verflucht: und so mögen Deine Lichter bei der Erscheinung des Herrn am Tage des Gerichts ausgelöscht werden. Dein Begräbnis geschehe mit den Hunden und den Eseln; Deinen Leichnam mögen die gefräßigen Wölfe verzehren; der Teufel mit seinen Engeln sei Dein Begleiter immerdar!“ —

Die Kunde von diesem über den König Heinrich verhängten Bann durchflog mit Windeseile die gesamte Christenheit. Ein unerhörtes, welterschütterndes Ereignis war geschehen; der höchste Fürst der Christenheit gebannt! In Deutschland entstand die furchtbarste Erregung und Verwirrung; denn jedermann sah sich plötzlich vor die inhaltsschwere Gewissensfrage gestellt, wem man nunmehr Gehorsam schulde, ob dem Könige, dem man den Untertaneneid geschworen, oder ob dem Papst, der den Anspruch erhob, der Stellvertreter Gottes und als solcher über jede weltliche Macht erhaben zu sein! —

Bei dem damaligen Tiefstand des Geisteslebens, bei der vom Priestertum erzeugten und beständig genährten Furcht vor ewigen Höllenstrafen für jedes gegen kirchliche Verordnungen begangene Vergehen war das Ergebnis vorauszusehen. Ein allgemeiner Abfall vom König erfolgte. Obendrein erklärte eine Reichsversammlung ihn für abgesetzt, wenn er sich nicht innerhalb eines Jahres von dem Banne löse. Bis dahin solle das Reich als „verwaist“ gelten.

König Heinrich selbst war ein viel zu tief im blinden Glauben versunkener Christ, als daß er nicht von der Gewalt des über ihn verhängten Bannes niedergedrückt gewesen wäre. Um jeden Preis seine Lösung von dem fürchterlichen Fluch zu erlangen, entschloß er sich zur Kirchenbuße und trat mit seiner ihm in dieser Zeit des Elends treu zur Seite stehenden Gemahlin und seinem dreijährigen Sohn und einigen Begleitern kurz vor Weihnachten des Jahres 1076 von Speier aus die Reise nach Italien an. Mitten im Winter langte man vor den Alpen, am Mont Cenis an. Wie der Übergang vollzogen wurde, ist aus einer Schilderung Lamberts von Hersfeld, eines der Begleiter des Königs, zu ersehen:

König Heinrich IV. in Kanossa. Nach einer Zeichnung von H. Plüddemann im Bildersaal deutscher Geschichte Union, deutsche Verlagsgesellschaft

König Heinrich IV. in Kanossa.

Nach einer Zeichnung von H. Plüddemann im „Bildersaal deutscher Geschichte“

„Union, deutsche Verlagsgesellschaft“

„Noch war der Winter überaus hart, und die Berge, über welche der Übergang stattfand, und die sich ins Unermeßliche ausdehnen und mit ihren Gipfeln fast in die Wolken ragen, starrten so voll Schnee und Eis, daß man auf den schlüpfrigen und steilen Abhängen weder zu Pferde noch zu Fuß ohne Gefahr hinabsteigen konnte. Aber die Wiederkehr des Tages, an welchem der König in den Bann getan worden war, stand nahe bevor und duldete keine Verzögerung der Reise. Deswegen mietete er um Lohn einige von den Eingeborenen. Mit diesen Führern gelangten sie unter größter Schwierigkeit bis auf den Scheitel des Gebirges. Hier aber schien keine Möglichkeit zu bestehen, weiter fortzukommen, weil der schroffe Abhang des Berges durch das Eis so schlüpfrig war, daß er jedes Heruntersteigen gänzlich zu versagen schien. Hier nun mußten die Männer alle Gefahr mit ihren Kräften zu überwinden suchen; und bald auf den Händen und Füßen kriechend, bald auf die Schultern ihrer Führer sich stützend, bisweilen auch, wenn ihr Fuß auf dem schlüpfrigen Boden ausglitt, fallend und weit fortrollend, langten sie doch endlich mit großer Lebensgefahr in der Ebene an. Die Königin und andere Frauen, die in ihrem Dienste waren, setzte man auf Ochsenhäute, und die zum Geleite vorausgehenden Wegweiser zogen sie darauf abwärts.“ —

Nach unsäglichen Mühseligkeiten und Gefahren langten die Wanderer endlich in der Lombardei an, deren Ritter und Grafen sich sofort dem König mit einer starken Heeresmacht zur Verfügung stellten, um den verhaßten Papst, der auch ihr Feind war, zu züchtigen. Heinrich aber, als tiefgläubiger Christ darauf bedacht, von dem furchtbaren Bann gelöst zu werden, lehnte die Hilfe ab und begab sich nach Kanossa, einer auf einem hohen Felsen gelegenen Burg der Gräfin Mathilde von Toskana, wohin der Papst sich voll Schrecken geflüchtet hatte, als die ersten unbestimmten Nachrichten über die Ankunft des Königs in der Lombardei nach Rom gelangten. Sobald er aber erfuhr, unter welchen Umständen und in welcher Absicht der König erschien, unterließ der rachgierige Pfaffe nichts, womit er den König weiter demütigen könne. Zunächst ließ er ihn drei Tage lang unbeachtet vor dem Burgtor harren; erst am vierten Tage erlaubte er, daß der König in den Burghof eingelassen werde. Dort aber mußte er seine Kleidung mit einem Büßerhemd vertauschen und die weitere Entscheidung des Papstes abwarten.

In einem von seiner eigenen Hand geschriebenen Briefe hat Gregor sein und des Königs Verhalten folgendermaßen geschildert:

„Heinrich kam mit wenigen Begleitern vor das feste Schloß zu Kanossa, wo wir uns aufhielten. Drei Tage lang stand er, alles königlichen Schmuckes beraubt, barfuß und nur mit einem wollenen Büßerhemd bekleidet, in kläglicher Gestalt vor dem Tore und hörte nicht eher auf, unter häufigen Tränen um apostolisches Erbarmen, Hilfe und Trost zu flehen, bis er alle Anwesenden so sehr zum Mitleid bewegte, daß sie unter vielen Tränen für ihn baten und alle über die ungewöhnliche Härte unseres Herzens erstaunten. Einige riefen sogar, unser Betragen verrate mehr tyrannische Wildheit und Grausamkeit als apostolische Strenge.“ —

Erst am vierten Tage ließ der angebliche Stellvertreter eines allgütigen Gottes den König vor sich erscheinen und sprach ihn unter der Bedingung vom Bann frei, daß er ruhig nach Deutschland zurückkehre und dort die Entscheidung des Reichstages abwarte, ob er König bleiben könne oder nicht. —

Mit vollem Recht haben deutsche Historiker diese in der Weltgeschichte einzig dastehende Schmachszene von Kanossa der Menschheit als ein Mahn- und Warnzeichen von furchtbarstem Ernst vorgehalten. Es war die tiefste Demütigung, die das Germanentum vom Romanismus, der Staat vom mächtigeren Pfaffentum jemals erlitt.

Dem Papste wurde seine Handlungsweise selber zum Fluch. Auf sein Anstiften wurde in Deutschland an Stelle Heinrichs Rudolf von Schwaben zum König erwählt. Und zwar nachdem dieser den päpstlichen Legaten nicht nur die weitestgehenden Zugeständnisse in bezug auf die Bischofswahlen gemacht, sondern auch auf die Erblichkeit der Königswürde verzichtet hatte. Das waren Zugeständnisse, die einen vollen Sieg der Kirche über den Staat bedeuteten, Rudolf aber auch den Beinamen „der Pfaffenkönig“ eintrugen. Als Lohn für seine Unterwürfigkeit übersandte der Papst ihm eine goldene Königskrone, welche die Umschrift trug:

Petra dedit Petro, Petrus diadema Rudolf o„, zu deutsch: „Der Fels (Apostel Petrus) gab dieses an Petrus (den Papst); Petrus (der Papst) gab dieses Diadem an Rudolf!“ —

Um Rudolf in seinem Kampf gegen Heinrich mit einer genügend großen Heeresmacht zu versehen, sicherte der Papst obendrein allen waffenfähigen Männern, die Rudolf unterstützen würden, von vornherein volle Vergebung aller jemals begangenen Sünden zu! —

Nicht gesonnen, sich auf diese Weise um sein väterliches Erbe, die Königswürde, bringen zu lassen, rief Heinrich die nach Aufhebung des Bannes ihm wieder zuströmenden Getreuen zu den Waffen und es kam zu erbitterten Kämpfen. In einem derselben empfing Rudolf am 15. Oktober 1080 einen Stich in den Unterleib; zugleich wurde ihm die das Schwert führende Hand abgehauen. Sterbend sprach er zu seiner Umgebung: „Das ist die Hand, mit der ich König Heinrich die Treue schwur. Nun muß ich Reich und Leben lassen. Ihr aber, die ihr mich überredetet, diese Treue zu brechen, fragt euch selbst, ob ihr mir recht geraten hattet!“ —

Für Gregor, der kurz zuvor sich in der Rolle eines Propheten gefallen und mit Hinweis auf Heinrich geweissagt hatte: „In diesem Jahre wird der falsche König sterben!“ war der Tod Rudolf s ein höchst unbequemes Ereignis, da dieser Ausgang von der Welt als ein Gottesurteil angesehen wurde.

Durch solche Anfechtungen ließ aber der hochmütige Papst sich keineswegs beeinflussen. Um zu zeigen, welche maßlosen Forderungen er nach der Demütigung Heinrichs zu erheben wagte, seien hier einige der 27 Dekrete oder Befehle wiedergegeben, die er am 7. März 1080 an sämtliche Erzbischöfe und Bischöfe erließ[Die Originale dieser Verordnungen sind sowohl in dem großen Sammelwerk „Monumenta Germaniae historica“ wie in Döberls „Monumenta Germaniae selecta“ zum Abdruck gekommen. Ernest F. Henderson veranstaltete eine englische Übersetzung, die im Jahre 1921 unter dem Titel: „Select Historical Documents of the Middle Ages“ in London erschien.]. Unter Androhung sofortiger Exkommunikation wurde ihnen auf das strengste verboten, fortan aus der Hand irgendeines Kaisers, Königs oder anderer Laien die Investitur oder Belehnung mit einem Bischofssitz oder irgendeinem anderen Kirchenamt anzunehmen. Weiter wird erklärt, daß nur die römische Kirche göttlichen Ursprungs, das heißt von Gott gegründet sei; daß der römische Papst allein mit Recht universal, allumfassend sei; daß ihm allein die Befugnis zustehe, Bischöfe ein- oder abzusetzen; daß seine Legaten oder Abgesandte, selbst wenn sie geringeren Grades seien, über den Bischöfen stünden und das Recht hätten, solche abzusetzen; daß alle Fürsten nur ihm, dem Papst, die Füße küssen dürften; daß nur sein Name in den Kirchen genannt werden dürfe; daß es in seiner Befugnis stehe, Kaiser abzusetzen; daß kein von ihm gefälltes Urteil abgeändert werden dürfe außer von ihm selbst; daß er selbst durch niemanden zur Rechenschaft gezogen und von niemanden verurteilt werden könne; daß niemand sich erlauben dürfe, irgendeine seiner Maßnahmen zu kritisieren oder zu bemängeln; daß die römische Kirche niemals geirrt habe und nach der Schrift auch nie in aller Ewigkeit irren könne; daß der römische Papst, sobald seine Weihe erfolgt sei, auf Grund der Verdienste des heiligen Petrus gleichfalls als eine heilige Person zu betrachten sei; daß solche Personen, die mit der Kirche nicht in Frieden stünden, nicht als Katholiken zu betrachten seien und daß der Papst das Recht habe, Untertanen von ihrem Treueid gegen solche verruchte Personen zu entbinden. —

Wie aus diesem Verzeichnis ersichtlich, wurde die Unfehlbarkeit der Kirche resp. des Papstes, die zu Ende des 19. Jahrhunderts die Gemüter der gesamten Christenheit so lebhaft beschäftigte, schon damals von Gregor beansprucht.

Nach dem Tode des auf Betreiben des Papstes erwählten Gegenkönigs Rudolf von Schwaben war Heinrich wieder alleiniger Herrscher über Deutschland geworden. Von tiefem Ingrimm über die ihm durch den hochmütigen Papst zugefügte Schmach erfüllt, überstieg er, einen erneuten Bannfluch Gregors mißachtend, abermals die Alpen, diesmal aber an der Spitze eines starken Heeres, um die Frage der Investitur mit dem Schwert zu lösen und zwischen der weltlichen und geistlichen Macht das richtige Verhältnis wieder herzustellen. Nach harter Belagerung der Stadt Rom zog er siegreich in dieselbe ein, erklärte den Papst Gregor für abgesetzt und ließ dessen Feind, Wibert von Ravenna, als Papst Clemens III. weihen, worauf er am Ostersonntag des Jahres 1084 sich von diesem als Kaiser krönen ließ. —

Der seines Amtes entsetzte Gregor war nach Salerno geflohen, wo er, von geistigen und körperlichen Leiden heimgesucht, am 25. Mai 1085 aus dem Leben schied. In ihm, dem nie wieder erreichten Muster eines Theokraten, hatte, wie Johannes Scherr in seinem Werk „Germania“ treffend hervorhebt, „der Dämon des Priestertums seine glänzendste Erscheinung vollzogen“. Dem fügte L. Stacke in seiner „Deutschen Geschichte“(I, 379) hinzu: „Gregor gehört zu jenen mächtigen, aber kalten und herzlosen Naturen, die als Gewaltherrscher oder als Urheber selbstgeschaffener Ordnungen und Systeme über das Glück von Millionen ihrer Mitmenschen dahinschreiten, unbekümmert um die Frage über die Sittlichkeit ihrer Mittel zum Zweck, ja, des Zweckes selbst, nur das Ziel der Herrschsucht im Auge haben und nur von dem einen Gedanken der Herrschaft erfüllt sind. Von den Menschen mit grauenvoller Bewunderung angestaunt, wandeln sie gleichsam wie fremde Wesen ihre Bahnen durch das Leben und scheiden von dem Schauplatz ihres Wirkens unbetrauert, ohne jeden Freund.“ —

Der Tod Gregors brachte dem König Heinrich aber keineswegs den heiß-ersehnten Frieden. Denn neben dem auf seine Veranlassung erwählten Papst Clemens III. standen zwei Gegenpäpste im Felde: Victor III. und Urban II., die mit allen Mitteln pfäffischer Schlauheit den Kaiser in immer neue Kämpfe verwickelten, ihm den eigenen Sohn entfremdeten und obendrein fortwährend Bannflüche auf ihn schleuderten. Ein durch sie heraufbeschworener Bürgerkrieg in Deutschland gipfelte in dem schmählichen Verrat des Kaisers durch seinen Sohn Heinrich, der unter dem Vorwand, eine Aussöhnung des Kaisers mit der Kirche herbeiführen zu wollen, ihn zu einer Unterredung einlud, dann aber ihn gefangennahm und am 31. Dezember 1105 zur Abdankung zwang. —

Als Heinrich wenige Monate später starb, ward sein vom Bann noch nicht gelöster Leichnam in einem gewöhnlichen Sarg unbeerdigt auf einer kleinen Insel in der Maas hingestellt, wo ein mitleidiger Mönch Gebete für das Seelenheil des Toten verrichtete. Erst später ward die Leiche nach Speier gebracht und in der vom Kaiser erbauten Marienkirche beigesetzt. Priesterlicher Haß mißgönnte dem Toten aber auch diese Ruhestätte. Die Leiche mußte wieder ausgegraben und in eine noch ungeweihte Kapelle gestellt werden. Erst fünf Jahre später wurde der Bann aufgehoben, worauf die Beisetzung der Leiche im Dom zu Speier erfolgte. —

Unter Heinrich V. setzten sich die Kämpfe zwischen Staat und Kirche um die Investitur fort. Sie führten im Jahre 1111, als Paschalis II. auf dem päpstlichen Stuhle saß, zu Ereignissen, die eine Vergeltung für die schmachvolle Szene von Kanossa bildeten.

Um den Investiturstreit zu einem Ende zu bringen, zog der Kaiser an der Spitze eines 30000 Mann starken Heeres über die Alpen und nahm, als der Papst sich seinen Vergleichsvorschlägen nicht fügen wollte, den Statthalter Gottes samt 16 Kardinälen in der St. Peterskirche Roms gefangen und hielt sie so lange in Gewahrsam, bis sie sich zu einem dem Kaiser zusagenden Übereinkommen bequemten. Nach demselben sollte die Wahl der Bischöfe und Äbte fortan in Gegenwart des Kaisers oder seines Bevollmächtigten geschehen, worauf der Kaiser den Gewählten durch das Zepter mit den Regalien oder Reichslehen und fürstlichen Rechten belehnte. Erst dann folgte die Weihe durch den päpstlichen Vertreter, der gleichzeitig Ring und Stab überreichte.

Mit diesem Übereinkommen, das im September 1122 in Worms besiegelt wurde, war der 50 Jahre dauernde Investiturstreit, der so furchtbare Wirren und eine Fülle Elend über Deutschland wie über Italien herbeigeführt hatte, vor der Hand beigelegt. —

Daß die unersättliche Machtgier der Päpste aber noch zu weiteren schweren Kämpfen führen werde, war vorauszusehen. Solche entbrannten bald nachdem im Jahre 1198 der Abkömmling eines italienischen Grafengeschlechts als Innozenz III. den päpstlichen Stuhl bestiegen hatte. Daß dieser nur 37 Jahre alte Mann besonders berufen sei, die Ziele des Papsttums zu verwirklichen, hatten die italienischen Kardinäle längst erkannt. Waren doch in seinem echt mönchischen Wesen, in seinem fanatischen Glauben an die päpstliche Statthalterschaft Gottes auf Erden, in seiner Schlauheit und Rücksichtslosigkeit in der Wahl der Mittel, alle Vorbedingungen vereinigt, um die von Gregor VII. angestrebte Weltherrschaft nicht nur in allen geistlichen, sondern auch in allen weltlichen Dingen herbeizuführen.

Daß Innozenz ganz im Bann des finstersten Aberglaubens stand, hatte er bereits mehrere Jahre zuvor durch eine kleine Schrift über das Elend des menschlichen Lebens bekundet, in der er ausführte, daß die Menschen sowohl durch ihre Geburt und Veranlagung, wie durch ihr Streben und Leben dazu vorgebildet seien, um sie zur Hölle reif zu machen. In dieser Schrift waren gleichzeitig alle Schrecken der Hölle in flammenden Worten geschildert, dagegen die Seligkeiten des Himmels und die Liebe zu Gott auf das höchste gepriesen.

In Voraussicht der nunmehr zu erwartenden Ereignisse brach ein Zeitgenosse dieses Papstes, der deutsche Dichter Walter von der Vogelweide, in die Worte aus: „O weh, dieser Papst ist zu jung. Hilf, o Herr, Deiner Christenheit!“ —

Schon am Tage nach der Wahl zeigte es sich, von welchem Geist der neue Papst beseelt sei. Er beschied den die Rechte des deutschen Kaisers vertretenden Präfekten der Stadt Rom vor sich, forderte den Eid der Treue von ihm und belehnte ihn mit einem Mantel und einem silbernen Pokal. Gleich darauf traf er Vorkehrungen, um auch die in den italienischen Städten residierenden Statthalter des deutschen Kaisers zu verdrängen und ganz Italien unter seine Gewalt zu bringen. Zu diesem Zweck wurde ein verheerender Krieg im sizilianischen Königreich angestiftet, dessen Ausgang um so weniger zweifelhaft sein konnte, als nach dem am 28. September 1197 in Messina erfolgten Tod des Kaisers Heinrich VI. die Kaiser- und Königswürde auf dessen kaum drei Jahre alten Sohn Friedrich übergegangen war. Zwar hatte Konstanze, die Witwe des Kaisers, ihr Söhnchen im Frühling 1198 im Dom zu Palermo krönen lassen, aber nichtsdestoweniger stellte der Papst ihr das Ansinnen, ihm sowohl einen Lehnseid zu schwören wie einen Lehnszins zu entrichten. Bevor es zu diesem Schwur kam, schied auch Konstanze am 27. November 1198 aus dem Leben.

Obwohl der verstorbene Kaiser in seinem Testament den tapferen Markgrafen von Anweiler zum Vormund seines Sohnes und zum Verwalter des Reichs bestimmt hatte, behauptete der Papst, daß Konstanze, die Mutter des verwaisten Kindes, die Vormundschaft in seine Hände gelegt habe. Darüber stritten nun beide Parteien sich jahrelang, bis der Kaiser nach Vollendung seines zwölften Lebensjahres für mündig erklärt wurde und als Friedrich II. die Regierung übernehmen durfte. Bezeichnend ist, daß der Papst ihm zunächst eine Unkostenrechnung über 12800 Unzen (etwa 768000 Mark) zustellen ließ, die ihm durch die Ausübung seiner Vormundschaft erwachsen sei!

Infolge der nie endenden Einmischung der Päpste in seine Regierung und der beständigen Aufreizung seiner Gegner gestaltete sich auch das Dasein dieses hochbegabten Herrschers zu einem ununterbrochenen Kampf, währenddessen er mehrere Male mit dem Bann belegt wurde. Durch einen dieser Bannflüche sah er sich trotz schwerer Krankheit zur Teilnahme an einem Kreuzzug gezwungen. Während desselben zog er am 17. März 1229 in Jerusalem ein, mußte dabei aber auch erleben, daß die christliche Priesterschaft jede Gemeinschaft mit dem Gebannten ablehnte und daß der Erzbischof von Cäsarea im Auftrag des Patriarchen von Jerusalem die heilige Grabeskirche und alle anderen heiligen Stätten Palästinas zum größten Unwillen des Kreuzfahrerheeres mit dem Interdikt belegte! —

Für die Administration des Papstes Innozenz III. sind vier von ihm eingeführte Maßnahmen bezeichnend. Er begründete die Lehre von der Transsubstantiation, der Annahme, daß das beim Abendmahl verabreichte Brot und der Wein durch die priesterliche Weihung sich in das wirkliche Fleisch und Blut Christi verwandele.

Ferner erhob er auf einer im Jahre 1215 im Lateran abgehaltenen Synode die Ohrenbeichte (Confessio auricularis) zum Kirchengesetz. Drittens fügte er dem nur einzelne Personen treffenden Bann noch das ganze Gemeinden, Provinzen und Länder treffende Interdikt hinzu. Dann mußten alle Glocken, welche die Gläubigen zur Kirche gerufen hatten, schweigen; alle kirchlichen Handlungen hörten auf; Trauungen wurden nur auf den Friedhöfen vollzogen, und nur Priester, Bettler und kleine Kinder wurden kirchlich beerdigt. Endlich noch rief Innozenz die Inquisition ins Leben, eine furchtbar strenge Maßregel zur Ausrottung aller andersgläubigen „Ketzer“.

Durch die Ohrenbeichte wurde es jedem Christen zur strengsten Pflicht gemacht, wenigstens einmal jährlich einem Priester ein Bekenntnis seiner Sünden abzulegen. Der Priester befragt dabei den Beichtenden nach seinen Sünden, um ihm dann als Vertreter Gottes unter Verpflichtung gewisser Bußleistung die Lossprechung oder Vergebung (Absolution) zu erteilen. Der Hauptzweck zum Erlaß dieses Beichtgesetzes war zweifellos der, durch diese Beichte nicht nur die Heimlichkeiten und verborgenen Pläne aller Herrscher und einflußreichen Personen zu erfahren, sondern auch in den Gemeinden die Gewalt über jede einzelne Familie, über jedes einzelne Mitglied zu erlangen und sich dadurch die unbedingte Herrschaft über die gesamte Menschheit zu verschaffen.

Beim Erlaß des Beichtgesetzes wurde zwar versprochen, daß die vor dem Beichtvater gemachten Aussagen als Geheimnisse heilig gehalten werden sollten; allein es ist bewiesen, daß das Papsttum, wie in allen anderen Dingen, so auch dafür „Vorbehalte“ hatte, und daß die Beichtväter den Inhalt der Beichten ihren Vorgesetzten mitteilten, sobald das für die Interessen der Kirche zweckmäßig schien. Aus diesem Grunde wurden mit dem Abnehmen der Beichten stets die geschicktesten Priester betraut, an den Fürstenhöfen später insbesondere die weltkundigen, geschmeidigen Jesuiten.

Von den Laien wurde die gesetzliche Anordnung der Ohrenbeichte anfangs mit großem Widerstreben entgegengenommen. Nicht nur witterte man die schweren Gefahren, die daraus für die Staaten, die Gemeinden und Familien entstehen müßten, sondern man entrüstete sich auch über das unwürdige Gebaren vieler Priester und Mönche, die den Beichtstuhl zur Befriedigung ihrer Lüsternheit benützten, indem sie an beichtende Mädchen und Frauen nicht nur sehr oft die unzüchtigsten Fragen stellten, sondern sie obendrein häufig auf das gewissenloseste verführten. Es waren Vorkommnisse dieser Art, die in späteren Jahrhunderten unzählige Christen der Reformation zuführten und Luther zu dem Ausspruch veranlaßten, „die Beichte sei von einem Erzhauptbuben erdacht worden, der darauf aus sei, der Weiber Herz und Heimlichkeiten zu erfahren und darum würdig wäre, daß nicht allein sein Leib, sondern auch seine Seele von allen Teufeln in hunderttausend Stücke zerrissen und zerpulvert werde!“

Auf welchen moralischen Tiefstand die Einführung der Beichte das katholische Priestertum im Lauf der Jahrhunderte herabdrückte, ist aus verschiedenen, von den Päpsten genehmigten Lehrbüchern zu ersehen, die an römisch-katholischen Priesterseminaren in Gebrauch sind. Sie enthalten unter anderem in systematischer Ordnung zahlreiche Fragen, die von den Priestern beim Abhören der Beichte den Beichtenden in bezug auf Geschlechtsverkehr und ihre Gedanken darüber vorzulegen sind. Das schlimmste dieser Lehrbücher wurde von dem im Jahre 1696 geborenen neapolitanischen Jesuiten Alphonsus Liguori verfaßt und unter dem Titel „Theologia Moralis“ im Jahre 1753 zum erstenmal veröffentlicht. Dem Papst Benedikt XIV. gewidmet, erlebte es viele Auflagen und ist heute noch in Gebrauch. Ein ähnliches Lehrbuch wurde von dem am Collegium Romanum in Rom lehrenden Pater Pierre Gury geschrieben und im Jahre 1850 als ein „Compendium theol. moralis“ in Paris gedruckt. Machwerke gleicher Art entsprangen dem Pater Peter Deus, dem Jesuiten Lehmkuhl und anderen. Alle sind durch die Schamlosigkeiten ihrer Kasuistik in Behandlung geschlechtlicher Dinge berüchtigt.

Manche aus der katholischen Kirche ausgetretene Priester haben später ihrer tiefen Entrüstung über die sittliche Verkommenheit Ausdruck verliehen, die sich sowohl in diesen „Morallehren“ (?) wie beim Abhalten der Beichte breitmache. So schrieb der ehemalige Pfarrer Jeremiah Crowley auf Seite 224 seines Buches „The Pope“ (Aurora, Missouri, 1913):

„Die ,Theologia Moralis‘ des unter die Heiligen versetzten Liguori wie auch des Paters Gury enthalten eine Unmasse sinnlicher Abscheulichkeiten, wie nur die Hölle selber solche hätte vorschlagen können. Der Priester ist verpflichtet, die beichtenden Mädchen und bußfertigen Frauen in der widerlichsten Weise auszufragen. Nicht nur ihre geheimsten Handlungen, sondern auch ihre innersten Gedanken müssen in allen Einzelheiten dem im Beichtstuhl sitzenden sinnlichen männlichen Monstrum offenbart werden. Liguori und Gury machen die Jungverheiratete Frau zur geistigen — und oft genug auch zur körperlichen — Sklavin eines listigen, unzüchtigen Beichtvaters. Er befragt sie über ihre intimsten und heiligsten Beziehungen zu ihrem Gatten, die sie bis ins kleinste beschreiben muß, als ob sie sündhaft wären. Zur Entschuldigung für seine perversen Fragen erklärt der Beichtvater, es wäre seine Pflicht, auszufinden, ob eine Ehefrau in ihrem geschlechtlichen Verkehr mit ihrem Gatten sich irgendeiner Sünde schuldig mache. Hätten die Männer Amerikas, die Männer der zivilisierten Welt eine Ahnung davon, welche unanständigen Fragen von unverheirateten, in ihrem Charakter undLebenswandel oft liederlichen Priestern jungen Mädchen und Frauen von reinstem Wesen zur Beantwortung vorgelegt werden, so würden sie diesen unter dem Deckmantel der Religion verübten Schändlichkeiten ein rasches Ende bereiten.“

Da die Vergebung der Sünden in den meisten Fällen durch Geldopfer erkauft werden konnte, so entwickelte sich daraus im Lauf der Zeit jener schmähliche Ablaßhandel, der den Abscheu aller wahrhaft christlich denkenden Menschen erregte und eine der Hauptursachen zu der von Luther herbeigeführten Reformation wurde. Bevor es aber zu diesem wichtigen Ereignis kam, hatte das Christentum noch viele andere schwere Stürme zu bestehen.

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