[7] R. C. DARWIN / DIE ENTWICKLUNG DES PRIESTERTUMS UND DER PRIESTERREICHE

In diesem Beitrag kann man folgende Kapitel aus dem Buch “Die Entwicklung des Priestertums und der Priesterreiche” von Rudolf Cronau (Pseudonym “Randolph Charles Darwin”) lesen:

Ein komplettes Inhaltsverzeichnis des Buches befindet sich in Beitrag 1.

„Den Priestern aller Zeiten und Völker war von jeher die Erkenntnis gemeinsam, daß der Fortbestand ihres Ansehens, ihrer Macht und Einkünfte in erster Linie davon abhänge, daß unter ihren Mitmenschen der blinde Glaube an allerhand Geister, Dämonen und Götter erhalten bleibe. Schwinde dieser Glaube, so komme damit auch die Herrschaft des Priestertums ins Wanken. Deshalb waren die Priester stets darauf bedacht, den unbedingten Glauben an ihre Lehren als die heiligste Pflicht ihrer Mitmenschen darzustellen. Wer in demselben beharre, dem werde sowohl auf Erden wie nach dem Tode der herrlichste Lohn zuteil; Zweiflern und Abtrünnigen hingegen seien seitens der erzürnten Götter die schrecklichsten Strafen gewiß. Alles über die Völker hereinbrechende Unheil, wie Mißernten, Pestilenz, Viehseuchen, Hochfluten, Dürre, verlorene Schlachten, mangelnder Kindersegen usw. seien als Strafen der Götter für den Abfall der Menschen von ihren Tempeln zu betrachten.

Bei der Weiterentwicklung dieser Gedanken und Lehren zogen die Priester ganz besonders auch die jedem lebenden Wesen innewohnende Furcht vor Vernichtung, vor dem Tode in Betracht und verbreiteten die Anschauung, daß das Dasein eines Menschen nicht etwa mit seinem Tode aufhöre, sondern daß seine „Seele“, die sich im Augenblick seines Todes vom Körper löse, je nach dem Verhalten des Menschen bei Lebzeiten, von den Göttern entweder ihren köstlichen Lohn oder aber fürchterliche Strafen empfange.“,

„„Ex Oriente lux“, „Aus dem Osten kommt das Licht!“ — so lautet ein wohlbekannter Ausspruch, durch den angedeutet werden soll, daß dem Orient eine wahre Sonnenfülle von Kultur und philosophischer Weisheit zu verdanken sei. Zugestanden. Aber die Länder des Orients sind seit uralten Zeiten auch wahre Brutstätten finstersten religiösen Aberglaubens gewesen, der sich von dort über alle Länder des Okzidents verbreitete und die Menschheit in ihrer Entwicklung um Jahrtausende zurückgehalten hat.“

Ab hier geht es weiter mit dem Originaltext des Buches:


TALISMANE UND AMULETTE

Zu einer äußerst ergiebigen Einnahmequelle für sämtliche Priester des Altertums gestaltete sich auch der Handel mit sogenannten Talismanen und Amuletten, geweihten Anhängseln, die ihre Träger sowohl gegen die Anschläge böser Geister und menschlicher Widersacher, wie auch gegen alle andere Arten von Mißgeschick, Unfällen und Krankheiten sichern sollten.

Altägyptisches Amulett, den die Sonnenscheibe rollenden und von zwei Uräusschlangen umgebenen Skarabäuskäfer darstellend

Altägyptisches Amulett, den die Sonnenscheibe rollenden und von zwei Uräusschlangen umgebenen Skarabäuskäfer darstellend.

Die Erfindung dieser angeblichen Schutzmittel dürfte zweifellos den stets auf die Ausbeutung ihrer Stammesgenossen bedachten Schamanen und Medizinmännern der Naturvölker zuzuschreiben sein. Sicherlich waren sie es, die ihren abergläubischen Mitmenschen einredeten, daß sie nicht eine Minute des Tages, geschweige der finsteren Nacht ohne den Schutz der wohlwollenden Götter sein dürften, da andernfalls die übelgesinnten Geister und Dämonen Macht über sie gewinnen könnten. Solcher Schutz werde durch das Tragen der mit den Zeichen der Gottheiten versehenen Talismane und Amulette verliehen. Kenner der Materie unterscheiden genau zwischen Talisman und Amulett und wollen wissen, daß ein Talisman die Hilfe der guten Geister herbeirufe, während das Amulett ein Abwehrmittel gegen die bösen Geister sei.

In wie hohem Grade die Bewohner Ägyptens solchen Anschauungen unterworfen waren, beweisen die schier zahllosen Amulette und Talismane aller Art, die aus den Grabstätten der mächtigsten Könige wie der ärmsten Landarbeiter zutage gefördert wurden. Sind die Schutzmittel der letzteren meist aus Ton geformt, so bestehen jene der vornehmen Klassen meist aus Gold und allerhand wertvollen Steinen. Die Wirksamkeit solcher Amulette erhöhte sich selbstverständlich bedeutend, wenn denselben angebliche Bestandteile von den Körpern gewisser Gottheiten eingefügt waren, wie z. B. Knochenfragmente von der Leiche des Sonnengottes Osiris, oder jener seiner getreuen Gattin Isis. Die stetige Berührung mit solchen heiligen Reliquien bewirkte obendrein, daß sie den Trägern auch jugendliche Frische und Tatkraft verliehen.

Wohl eins der meistgetragenen altägyptischen Amulette war der Skarabäus, die aus Stein geschnittene Figur eines Käfers, der seine Eier in eine aus Erde geformte Kugel legt, die er vor sich hinrollt. Deshalb galt dieser Käfer als das Symbol des Gottes Kheperr, der alltäglich den Sonnenball vom östlichen Horizont über den Himmel hinweg bis zum westlichen Horizont rollte und als Gott der ewigen Wiedergeburt verehrt wurde.

Der gleichfalls in Stein geschnittene Kopf einer Schlange sollte gegen den Biß giftiger Reptile schützen. Die Figur eines Frosches verlieh dem Träger neues Leben, Auferstehung und Wiedergeburt. Derartige Amulette wurden auch den Toten mitgegeben, um die Anschläge böser Geister und der gefürchteten „Verschlingerin“ abzuwehren.

Die Juden schrieben den Namen ihres Gottes Jahve auf Pergamentstreifchen, die, in kleine Kapseln eingeschlossen, an den Gewändern befestigt oder an einer Schnur um den Hals getragen wurden.

Die Griechen und Römer trugen kunstvoll gearbeitete Götterfigürchen. Knaben und Mädchen wurden gleich nach der Geburt runde oder herzförmige Kapseln, „bulla“ genannt, um den Hals gehängt. Dieselben enthielten ein gegen Verhexung und Bezauberung wirksames Amulett (praebia), das von den Mädchen bis zu ihrer Verheiratung getragen werden mußte. Sehr beliebt waren auch auf Täfelchen oder Pergamentblätter geschriebene schutzkräftige Sprüche, die, in ein Stück Leder genäht, an einem um den Hals gehängten Bande getragen wurden.

Erzielten die Priester des Altertums aus der Anfertigung und dem Verkauf solcher Talismane und Amulette bedeutende Einnahmen, so gestaltete sich der Handel mit plastischen Nachbildungen solcher Körperteile, in denen erkrankte Personen Schmerzen empfanden, nicht minder lohnend. Derartige aus Wachs, Ton, Bronze, Silber und Gold gefertigte Arme, Beine, Ohren, Augen, Zungen oder Herzen konnten sowohl von den Priestern wie auch von den im Dienst der Tempel stehenden Händlern gekauft werden. Sie wurden dann von den leidenden Personen vor den Bildern der Gottheiten unterflehenden Gebeten niedergelegt oder aufgehängt, in der Hoffnung, daß die Götter diese Bitten erhören und die Kranken von ihren Schmerzen befreien würden. Selbstverständlich wurden diese Nachbildungen wenige Stunden später von den Priestern entfernt, um wieder und immer wieder an neu ankommende Kranke verkauft zu werden.

Von den Ägyptern verbreitete sich die Sitte, solche Nachbildungen an geweihten Orten niederzulegen, auch zu den Juden, Griechen und Römern.

In den Kapiteln 4 bis 6 des 1. Buches Samuelis ist sogar zu lesen, daß die Philister dem Gott Israels fünf aus Gold gefertigte Mäuse und ebenso viele goldene Beulen als Weihegaben darbrachten, um dadurch sowohl von der für ihre Felder so verderblichen Mäuseplage wie von der Beulenpest verschont zu bleiben.

Derartige Anschauungen übertrugen sich späterhin auch auf die Christen und haben sich, wie in einem späteren Abschnitte gezeigt werden soll, in vielen von der katholischen Kirche beherrschten Ländern bis auf den heutigen Tag erhalten.

DAS ENTSTEHEN DES GLAUBENS AN DIE SEELE UND DIE EINFÜHRUNG DER TOTENOPFER

Den alle Dinge und Vorgänge scharf beobachtenden und für ihre Zwecke auslegenden und ausnützenden Priestern des Altertums konnte die Wahrnehmung nicht entgehen, daß Atmen gleichbedeutend mit Leben ist, daß mit dem Aufhören des Atmens das Leben erlischt und der Tod eintritt. Da sie die Erschaffung der Menschen den Göttern zuschrieben, so mußten es selbstverständlich auch diese gewesen sein, die den Menschen den Atem, das Leben, die „Seele“ eingeblasen hätten. Für diese Anschauung bilden die im 1. Buch Mosis (Kap. 2, 7) enthaltenen Worte: „Und Gott der Herr schuf den Menschen aus einem Erdenkloß; und er blies ihm den lebendigen Odem in seine Nase“ den besten Beleg.

Den Priestern entging es ferner nicht, daß dieser Atem sowohl bei kaltem Wetter wie während des Aufstieges einer Person in höhere kühle Gebirgsregionen als ein überaus zartes, schnell aufsteigendes und verfliegendes Hauchwölkchen sichtbar wird. Daraus folgerten sie, daß beim Eintritt des Todes der den Menschen von den Göttern eingehauchte Atem, die „Seele“ den Körper auch wieder durch den Mund verlasse und nach oben, zum Himmelemporschwebe, den man von jeher als den Wohnsitz der Götter betrachtete. So ergab sich der Glaube an eine Rückkehr der Seelen hingeschiedener Menschen in das Reich der Götter von selbst. Beweise, daß die Seele nicht an den Körper gebunden sei, sondern ein von demselben unabhängiges Dasein führe, wollten die Priester in den Träumen erblicken, während welcher die Seele den Körper des schlafenden Menschen verlasse, frei in der Welt umherschweife, vielerlei Dinge sehe, mit weit entfernten, ja, längstverstorbenen Personen verkehre und plaudere, gegen Morgen aber wieder in den Körper zurückkehre und dem Erwachenden das Erlebte mitteile. Die findigen Priester unterließen nicht, auf Grund solcher Traumerscheinungen den Glauben an das Bestehen einer Seele, an ihre Unabhängigkeit vom Körper, ja, an ihr Fortleben nach dem Tode des Körpers weiter auszubilden und zu einer Hauptgrundlage für ihre mannigfaltigen Religionssysteme zu machen. In erster Linie bemühten sie sich, die dem Körper entschwebende Seele auch bildlich darzustellen und dadurch dem Verständnis des Volkes näherzubringen. Einen formlosen, rasch verfliegenden Hauch mit Farben oder gar in einem Skulpturwerk wiederzugeben, war unmöglich. Die ägyptischen Priester und Künstler verfielen deshalb auf den Ausweg, die entschwebende Seele in Gestalt eines mit einem menschlichen Kopf versehenen Vogels darzustellen. Man sieht diesen Seelenvogel nicht nur auf vielen noch wohlerhaltenen Exemplaren des berühmten ägyptischen „Totenbuches“, sondern man fand ihn in Gold ausgeführt und mit bunten Steinen ausgelegt auch an den Mumien vieler Könige und Edelleute, so z. B. auf der Brust der im Jahre 1926 ans Tageslicht gebrachten Mumie des Königs Tutanchamon.

Darstellung eines Verstorbenen auf dem Totenlager. Am Fußende steht der schakalköpfige Gott Anubis, der den Toten ins Schattenreich geleiten wird

Darstellung eines Verstorbenen auf dem Totenlager.

Am Fußende steht der schakalköpfige Gott Anubis, der den Toten ins Schattenreich geleiten wird. Über der Bahre schwebt der durch einen menschlichen Kopf gekennzeichnete Seelenvogel, um den Atem des Verstorbenen in Empfang zu nehmen.“]

Die Künstler Griechenlands wählten zur Darstellung der Seele ein noch leichter beschwingtes Lebewesen, den Schmetterling. Als solcher erscheint die Seele nicht nur auf zahlreichen Grabsteinen Griechenlands und der griechischen Kolonien, sondern auch des christlichen Mittelalters.

Darstellung einer Seelenwage in einem Grabe auf Kreta. Die in Form eines Schmetterlings erscheinende Seele wird hier nach ihren guten und bösen Taten gewogen

Darstellung einer Seelenwage in einem Grabe auf Kreta.

Die in Form eines Schmetterlings erscheinende Seele wird hier nach ihren guten und bösen Taten gewogen. Der aufwärts fliegende Schmetterling links deutet die lobenswerten Taten des Verstorbenen an, derabwärts fliegende Schmetterling rechts verkörpert die Sünden.In der Mitte die gleichfalls einem Grabe auf Kreta entstammende Darstellung der Seele als Schmetterling.

Wurde durch derartige figürliche Darstellungen dem Volke der Glaube an das Vorhandensein einer „Seele“ fest eingeprägt, so nützten die Priester des Altertums diesen Glauben und die jedem lebenden Wesen innewohnende Furcht vor dem Tode und vor Vernichtung in denkbar weitestem Umfang aus, um vom gesamten Volke, Armen sowohl wie Reichen, unausgesetzt Opfergaben zu erpressen. Nicht nur behaupteten sie, daß solche Opfer durchaus nötig seien, um die Götter zu bewegen, die Seelen der Toten freundlich in ihr Reich aufzunehmen, sondern auch die Seele selbst bedürfe solcher Spenden, Um im Jenseits weiterleben zu können. Nur dann werde sie sich wohl und glücklich fühlen, wenn ihr dort alle jene Dinge zur Verfügung stünden, die dem Verstorbenen das Dasein auf Erden angenehm und behaglich gestalteten, in erster Linie wohlschmeckende Speisen und Getränkealler Art, schöne Kleider, bequeme Geräte sowie eine gleiche Dienerschaft, wie sie dem Verstorbenen bei Lebzeiten zur Verfügung standen.

Ein ägyptisches Totenopfer

Ein ägyptisches Totenopfer.

So führten die Priester Ägyptens die „Totenopfer“ ein, deren Einhaltung durch das in Massen hergestellte „Totenbuch“ den Hinterbliebenen der Verstorbenen zur strengsten Pflicht gemacht wurde. Derartige von den Priestern verfaßte und von ihren Schreibern in Form von Papyrusrollen vervielfältigte und mit entsprechenden Bildern versehene Totenbücher wurden nicht nur den Lebenden zur strengen Beachtung verkauft, sondern, weil die in ihnen enthaltenen Beschwörungsformeln die Toten vor den Anschlägen böser Geister schützen sollten, auch den Toten in ihrem Sarge mitgegeben. Ihr hauptsächlichster Zweck war der, das gesamte Volk mit der steten Angst vor dem Tode zu erfüllen und ihm die Notwendigkeit der Totenopfer vor Augen zu führen, da bei ihrer Unterlassung sonst ewige Verdammnis drohe. Diese Totenopfer konnten sowohl in Naturalien, wie Brot, Eier, Bier, Wein, Gemüse, Milch, Öl, Weihrauch, Geflügel, Vieh „und was immer der Himmel gibt und die Erde hervorbringt“ bestehen, oder aber auch in Geld hinterlegt werden.

Wie es der heißeste Wunsch jedes Ägypters war, „in Kindern und Kindeskindern fortzublühen, damit der Name seines Hauses lebendig bleibe“, so wurde es auch jedem Sohn zur heiligsten Pflicht gemacht, die Totenopfer für die Eltern aufrechtzuerhalten; denn damit werde nicht nur den Seelen derselben Fortdauer, sondern auch dem Opfernden Wohlergehen und langes Leben auf Erden gesichert.

So finden sich sowohl in den Totenbüchern wie in den Inschriften der Gräber unzählige Ermahnungen, durch welche die Hinterbliebenen der Toten mit folgenden eindringlichen Worten zur Erfüllung ihrer Pflichten angehalten werden: „Versage deinem Vater und deiner Mutter nicht das belebende Wasser des Totenopfers, sondern erneuere dieses göttliche Opfer. Unterlasse es ja nicht, selbst dann nicht, wenn du dich fern von deiner Wohnung befindest. Dein Sohn wird dieses dann in gleicher Weise für dich tun!“

Auch der Tote selbst bringt durch die am Sarg oder an seiner Grabstätte angebrachten Inschriften immer wieder zum Ausdruck: „Möge mir das Totenopfer am ersten Tage jedes Jahres dargebracht werden; ferner an den Festen der großen und der kleinen Hitze, sowie bei den Festen jedes Monates, jedes halben Monates und jedes Tages!“

In welcher Weise die Seele nun fortleben werde, das hing ganz von dem mehr oder weniger reichlichen Ausfall der Totenopfer ab. Ließ man es daran fehlen, so ward die Seele durch allerhand feindliche Dämonen in Gestalt von giftigen Schlangen, Nilpferden und Ungeheuern ähnlicher Art bedroht. Ja, ihr Fortleben kam ganz in Frage, worauf der zweite, ewige Tod eintrat.

So hören wir denn diese Seele in einem Totenbuch flehen: „O Herr des großen Wohnortes, höchster König der Götter, rette diesen Toten vor jenem Unhold, der das Gesicht eines Hundes hat, der die Herzen verschlingt und sich von den Verfluchten nährt!“ —

Ein anderes angstvolles Stoßgebet lautet folgendermaßen: „Lob und Ehre Dir, o göttlicher Vater Osiris! Ich preise Dich, und bitte, daß Du mich nicht verderben läßt. Komm, mach‘ meinen Odem stark und gestatte mir, in das Land des ewigen Seins einzugehen! Überlasse meinen Körper nicht den Würmern, sondern erhalte ihn, wie Du Dich selber erhältst. Ich flehe Dich an, daß, wenn meine Seele ihr irdisches Haus verläßt, mein Leib nicht in Fäulnis übergehe und zum Fraß für allerlei Tiere und Reptilien werde. Laß meine Glieder nicht zerfallen, mein Fleisch nicht zu einer stinkenden Masse und übelriechenden Flüssigkeit werden oder sich in eine Unzahl häßlicher Würmer verwandeln. Überantworte mich nicht jenem Schlächter, der in der Marterkammer haust, die Glieder zerschlägt und sie dem Verderben überläßt. Gib mich nicht in seine Hände; laß mich auch nicht durch allerlei kriechendes Getier ein Ende finden. Laß mich leben, und ich will Dich immerdar preisen! Denn ich stehe unter Deiner Macht, Du Herr aller Götter!“

Ob das Totenopfer zur Errettung einer Seele genügend sei, das entschied in allen Fällen der über die Vermögensverhältnisse jedes einzelnen seiner Gemeindemitglieder stets gut unterrichtete Priester. Derselbe wußte genau abzuschätzen, was in jedem Falle ein Sohn für die Seelen seiner Eltern aufbringen könne und zu tun verpflichtet sei. Darum wurde der Priester auch stets als Sachverständiger und Richter zu allen Opferakten zugezogen, die ein Sohn für seine Eltern veranstaltete. Demnach war der Priester im vollsten Sinne des Wortes der Anwalt jeder Seele, der „Seelsorger„.

Diese Anschauung kommt auch in den im Totenbuch enthaltenen bildlichen Darstellungen des Totengerichts stets zum Ausdruck. Diese Bilder stellen einen Saal dar, an dessen einem Ende Osiris, der Herr des Totenreiches, des Todes und der Wiedererneuerung als Richter auf einem Thron sitzt. Vor ihm steht ein mit allerhand Opfergaben, Speisen und Blumen bedeckter Tisch. Ihm gegenüber tritt soeben ein Mensch ein, der jüngste Ankömmling im Totenreich. In der Mitte des Saales steht eine große Wage. Die eine Schale trägt als Gewicht das Herz des Toten, oder eine Vase, in die das Herz eingeschlossen ist. Auf der anderen Schale steht ein Gefäß, das als die Leistungen der die Totenopfer Darbringenden aufzufassen ist. An dieser Wage sind die Söhne des Verstorbenen mit dem Füllen dieses Opfergefäßes beschäftigt. Vor der Wage aber steht ein Priester mit einem Griffel und einer Papyrusrolle, um das Gewicht der dargebrachten Opfergaben zu verzeichnen und Osiris davon zu verständigen, ob die Opfer genügend seien, um der Seele des Verstorbenen Aufnahme und Fortleben zu gewähren. Um anzudeuten, daß bei ungenügendem Opfer der Seele Vernichtung drohe, ist auch die „Verschlingerin“ in Gestalt eines scheußlichen Ungetüms abgebildet. Sie hat den Kopf eines Krokodils. Der Vorderteil des Körpers ist der eines mit langen Krallen bewehrten Löwen, der hintere Teil der eines Nilpferdes.

Ein Blatt aus dem Totenbuch Hunefers1

Hunefer. Anubis. Anubis. Ammit. Thoth.

Ein Blatt aus dem Totenbuch Hunefers2

Hunefer. Horus. Osiris.

Ein Blatt aus dem Totenbuch Hunefers.

Derartige auf Papyrus gemalte und geschriebene Totenbücher sind in sehr zahlreichen, vielfach voneinander abweichenden Exemplaren auf unsere Tage gekommen. Wohl das bekannteste ist das im Britischen Museum befindliche, durch Nachbildungen verbreitete Totenbuch Hunefers, eines im Dienst des Königs verstorbenen hohen Beamten. Auf der hier beigefügten Nachbildung des Papyrus ist links unten zu sehen, wie Hunefer durch den schakalköpfigen Gott Anubis in die Halle des Gerichts geführt wird. In der Mitte der Halle steht die Wage, deren eine Schale das Herz des Toten enthält, während die andere die durch eine aufrecht stehende Feder verbildlichten Opfergaben und guten Werke Hunefers aufweist. Anubis prüft das Ergebnis der Wägung, das für den Toten günstig ausfiel, da die mit der Feder belastete Schale um ein weniges tiefer als die andere gesunken ist. Die krokodilköpfige „Verschlingerin der Toten“, Ammit, wendet sich mit fragendem Blick dem Schreiber der Götter, Thoth, zu, der eben damit beschäftigt ist, das Ergebnis der Wägung aufzuzeichnen. Weiterhin sehen wir Hunefer, wie er von Horus dem Herrn des Totenreiches, dem auf seinem Thron sitzenden Gott Osiris mit empfehlenden Gebärden vorgestellt wird. Zwei hinter dem Thronsessel stehende Göttinnen sind Zuschauerinnen des Vorgangs. In der oberen Reihe sind 14 andere Gottheiten dargestellt, die während der Prüfung des Verstorbenen als Beisitzer dienten und denen der kniende Hunefer seine Bitte um Zulassung in das Totenreich mit flehend erhobenen Händen vortrug. —

Um den Hinterbliebenen der Verstorbenen die stete Sorge für die regelmäßige Entrichtung der Totenopfer abzunehmen, war von den Priestern auch die Anordnung getroffen, daß für diesen Zweck förmliche Stiftungen in Geld hinterlegt werden konnten. Dabei wurde bis ins kleinste bestimmt, wann und in welcher Form die Opfer durch die Priester dargebracht werden sollten. Der Ägyptologe Brugsch veröffentlichte in seiner „Geschichte Ägyptens unter den Pharaonen“ (S. 488) den Text einer solchen Stiftung, der zufolge König Ramses II. für seinen Vater Seti in Abydos das Geld für einen vollständig eingerichteten königlichen Haushalt aussetzte, mit Äckern, Viehweiden, Geflügelhöfen, Schiffen, Handwerkern, Knechten und Mägden und Einkünften aller Art.

Die Inschrift hat folgenden Wortlaut: „Um Dir darzubringen, was Dir gebührt, setze ich eigene Einkünfte für Dich und Deine tägliche Verehrung ein. Ich stelle einen besonderen Priester für Dich an, der mit allem, was er benötigt, versehen ist und täglich das Weihwasser auf den Boden sprengen wird. Ich weihe Deiner Seele die Länder des Südens und des Nordens. Sie sollen Dir ihre Gaben vor Dein schönes Antlitz bringen. All Deine früheren Dienstboten brachte ich zusammen und überwies sie Deinem Priester. Ich weihte Dir Schiffe samt ihrer Ladung auf der großen See. Ich bestimmte die von den Feldern zu entrichtenden Abgaben und versah diese Äcker mit Feldmessern und Ackersleuten, um das für Deine Seele bestimmte Getreide zu liefern. Ich weihte Dir Barken samt ihrer Bemannung; ferner Arbeiter zum Fällen des Holzes, auch Herden von allerlei Vieh und Opfer an Geflügel und Fischen. Desgleichen versah ich Deinen Tempel mit Handwerkern aus allen Zünften, sowie mit männlichen und weiblichen Sklaven zum Bestellen der Felder.“ —

Derartige Stiftungsgüter wurden natürlich von der Priesterschaft verwaltet und die Erträgnisse für Kultzwecke, mit anderen Worten von den Priestern zu ihrem eigenen Besten verwendet. —

Was bedeuten aber diese von König Ramses II. gestifteten Seelenopfer gegenüber jenen, mit welchen sein Nachfolger Ramses III. sich auf den Rat habsüchtiger Oberpriester die Gunst der Götter und einen bevorzugten Platz im Jenseits zu sichern suchte. Darüber gibt ein ungeheuerliches, in seiner Art gewiß einzig dastehendes Dokument, ein Papyrus von 130 Fuß Länge Aufschluß[Dieser Papyrus, nach seinem Entdecker Harris benannt, befindet sich im Londoner Museum.]. In Dutzenden von Spalten zählt es die Stiftungen auf, die der König dem in Theben gelegenen Tempel Amons, dem Tempel Temus in Heliopolis, und dem Tempel Ptahs in Memphis zuwendete. Unter diesen Schenkungen befanden sich nicht weniger als 113433 Sklaven; 490386 Ochsen, Kühe, Kälber und Schafe; 1071780 Aruras Land; 160 Ortschaften in Ägypten und 9 in Syrien; 514 Wein- und Obstgärten; 426965 Gänse und Enten; 2 382 650 Säcke mit getrockneten Früchten; 6272431 Laib Brot; 490000 Fische; 19130032 Bündel Gemüse; 5279552 Bushel Korn und 1933766 Krüge voll Honig. Außerdem empfing der Tempel des Ra in Heliopolis 215 Pfund Gold und 461 Pfund Silber. —

Durch diesen Papyrus und verschiedene andere Dokumente wurde es möglich, den Gesamtbesitz der verschiedenen Tempel Ägyptens zur Zeit König Ramses‘ III. festzustellen. Danach waren demselben zwei Prozent der gesamten Bevölkerung des Landes als Sklaven dienstbar. Sie besaßen 15 Prozent oder über drei viertel Millionen Acres alles ertragsfähigen Bodens. Ferner gehörten ihnen 169 Städte und Ortschaften, 88 Schiffe, 53 große Schiffsbauhöfe und Werkstätten, eine halbe Million Stück Viehs und vieles andere Eigentum. Selbstverständlich waren sämtliche Tempelgüter wie alles Eigentum der Priester vollkommen steuerfrei.

Derartige Stiftungen waren aber nicht die einzigen Einnahmen, die den Priestern Ägyptens aus dem Totenkult zuflossen. Im Gegenteil; sämtliche mit diesem Kult irgendwie verbundenen Verrichtungen waren Monopole der Priester und wurden entweder von ihren Sklaven, gering besoldeten Werkleuten oder den von den Priestern kontrollierten Händlern und Künstlern ausgeführt. Die Apotheker lieferten die beim Balsamieren der Leichen benötigten Harze und Balsame; die Tuchhändler das zum Einwickeln der Mumien benötigte feine Linnen; die Tischler und Steinmetzen schufen die zur Aufnahme der Mumien benötigten mehrfachen hölzernen und steinernen Särge; Schriftmaler und Bildhauer versahen diese Hüllen mit kunstvollen Inschriften, Malereien und Skulpturen, während Steinschneider und Juweliere für allerhand kostbare Kleinodien sorgten, damit die Toten festlich geschmückt in das Jenseits, in das Reich der Götter, eingehen möchten. Und was alles wurde bei den Leichenfeierlichkeiten benötigt! Weihrauch, Blumen und andere wohlriechende Dinge; ferner Kuchen, Leckereien, Früchte und tausenderlei andere Opfergaben, die nach vollzogener Feier den Priestern und Tempeldienern anheimfielen. Während so das Ableben eines Familienmitgliedes die Hinterbliebenen mit ungeheuren Ausgaben und Verpflichtungen belastete, wurde es für die „Seelsorger“ zur Quelle beständig fließender reicher Einnahmen.

Der zweifellos auf die Eingebungen des Priestertums zurückzuführende und auf die Todesfurcht der Stammesgenossen spekulierende Totenkult heischte aber sowohl in Ägypten wie in vielen anderen Ländern außer den gewöhnlichen Opfergaben auch noch Opfer an Menschenleben. Dem Glauben, daß die ins Reich der Toten eingegangene Seele zu ihrer Glückseligkeit all jener Dinge bedürfe, deren der Körper sich auf Erden erfreute, reihte sich folgerichtig der Gedanke an, daß zur Vollendung dieser Glückseligkeit auch alle jene Frauen und Diener nötig seien, über die der Abgeschiedene bei Lebzeiten verfügt habe. Demgemäß wurden in den ältesten Zeiten in Ägypten beim Ableben des Königs und anderer vornehmen Personen zahlreiche Sklaven geopfert, damit sie ihren Herren im Jenseits weiter zu Diensten sein könnten. In späteren Zeiten traten an Stelle dieser lebenden Opfer allerhand aus Holz oder Ton geformte Figuren, die gleich den anderen Opfergaben in den Grabkammern aufgestellt wurden. —

Auch im südamerikanischen Inka-Reiche verlangte der Totenkult solche Menschenopfer. Insbesondere mußten beim Ableben eines Inka viele seiner Frauen und der zu seinen Diensten stehenden Sonnenjungfrauen ihm als Grabgeleite in das Jenseits folgen. Als der Inka Hayna Capac starb, sollen mehr als tausend Menschen mit ihm ins Grab gestiegen sein.

In Indien und manchen afrikanischen Negerreichen mußten die Frauen ihre abgeschiedenen Gatten gleichfalls ins Jenseits geleiten. Sie wurden entweder mit ihren Leichen verbrannt oder, wie in Dahome, in die Grabhöhlen derselben eingeschlossen. Ähnliche Totenopfer bestanden in den skandinavischen Ländern, wo, wenn die Leiche eines Wikinger-Häuptlings in seinem in Flammen gesetzten Drachenboot dem Meer überantwortet wurde, seine Frauen und Diener ihn auf dieser seiner letzten Reise begleiten mußten.

Ähnliche Vorstellungen, wie sie bei den Ägyptern über den Zustand und die Schicksale der Seelen bestanden, fanden sich zum Teil auch bei den Griechen und Römern. Die „Manen“ oder Seelen guter Menschen galten als Schutzgeister ihres Hauses und ihrer Nachkommen, besonders wenn man sie durch Opfer beim Begräbnis wie am allgemeinen Totenfest gefeiert hatte. Wurden solche Opfer hingegen vernachlässigt oder gar unterlassen, so verwandelten sich diese Seelen zu „Lemuren“ oder Spukgestalten, die den Hinterbliebenen zur Nachtzeit in allerhand drohenden Erscheinungen zusetzten, bis sie durch nachträgliche Darbringung der versäumten Opfer versöhnt wurden. Die Seelen wertloser Personen, der Gottesleugner und Verdammten schweiften als „Larven“ oder Quälgeister umher, um sowohl die Lebenden wie die Toten zu beunruhigen. In ihrer scheußlichsten Gestalt hießen sie „Lamien“. Als solche stellten sie nicht nur neugeborenen Kindern nach, um sie zu verschlingen, sondern verübten auch allerhand Unfug, bis es einem zauberkräftigen Priester gelang, gegen gute Bezahlung den Geisterspuk zu bannen.

Mancherlei Vorkommnisse geben Anlaß zu dem Verdacht, daß derartiger Geisterspuk mitunter von den Priestern selber veranstaltet wurde, um das abergläubische Volk zu allerlei Opfern und Abgaben zu zwingen. So trieb beispielsweise in der in Unteritalien gelegenen Stadt Temesa der Geist des wegen seiner vielen Freveltaten von den Bürgern gesteinigten Polites sein Unwesen so arg und so lange, bis man ihm einen Tempel erbaute, worin man ihm nicht nur göttliche Ehren erwies, sondern auch alljährlich eine der schönsten Jungfrauen zuführte. Bis eines Tages Euthymus, ein gewaltiger Faustkämpfer, erschien, den angeblichen Dämon in seinem Heiligtum angriff, bezwang und mit einigen wohlgezielten Hieben in das Meer stürzte, wo er ertrank. Damit hatte das priesterliche Spukgeschäft für allezeit ein Ende.

Ägyptischer Seelenvogel

Ägyptischer Seelenvogel.

DIE GEFILDE DER SELIGEN UND DIE ORTE DER VERDAMMTEN

Den Priestern aller Zeiten und Völker war von jeher die Erkenntnis gemeinsam, daß der Fortbestand ihres Ansehens, ihrer Macht und Einkünfte in erster Linie davon abhänge, daß unter ihren Mitmenschen der blinde Glaube an allerhand Geister, Dämonen und Götter erhalten bleibe. Schwinde dieser Glaube, so komme damit auch die Herrschaft des Priestertums ins Wanken. Deshalb waren die Priester stets darauf bedacht, den unbedingten Glauben an ihre Lehren als die heiligste Pflicht ihrer Mitmenschen darzustellen. Wer in demselben beharre, dem werde sowohl auf Erden wie nach dem Tode der herrlichste Lohn zuteil; Zweiflern und Abtrünnigen hingegen seien seitens der erzürnten Götter die schrecklichsten Strafen gewiß. Alles über die Völker hereinbrechende Unheil, wie Mißernten, Pestilenz, Viehseuchen, Hochfluten, Dürre, verlorene Schlachten, mangelnder Kindersegen usw. seien als Strafen der Götter für den Abfall der Menschen von ihren Tempeln zu betrachten.

Bei der Weiterentwicklung dieser Gedanken und Lehren zogen die Priester ganz besonders auch die jedem lebenden Wesen innewohnende Furcht vor Vernichtung, vor dem Tode in Betracht und verbreiteten die Anschauung, daß das Dasein eines Menschen nicht etwa mit seinem Tode aufhöre, sondern daß seine „Seele“, die sich im Augenblick seines Todes vom Körper löse, je nach dem Verhalten des Menschen bei Lebzeiten, von den Göttern entweder ihren köstlichen Lohn oder aber fürchterliche Strafen empfange.

Bei der Ausschmückung jener meist über den Wolken gedachten Regionen, wo die Glaubensstarken, die „Seligen“ weiterlebten, wurde natürlich den verschiedenartigen Neigungen, Leidenschaften und Wünschen lebensfroher Völker vollauf Rechnung getragen. Im Jenseits der Polynesier gibt es Palmwein, Kokosnüsse, Schweinefleisch und Fische in Fülle; für die Männer obendrein Weiber, wie man sie nur träumen kann. In dem an sonnenbestrahlten Eisflächen reichen Himmel der Grönländer und Eskimos fließt der Seehundstran in Strömen. Dazu Robben und Walfischfleisch und Vogeleier, mehr als die leistungsfähigsten Mägen halten können.

Auf den „glücklichen Jagdgründen“ der nordamerikanischen Rothäute huldigen die dem „Großen Geist“ Getreuen den Freuden der Jagd und fröhlichen Spielen. Köstlich duftende, an lodernden Feuern bratende Büffelhöcker, fette Bärenschinken und Biberschwänze laden zum Genuß. Dazu dampft in schöngeschnitzten Pfeifen der wohlriechende, mit der aromatischen Rinde der Weide vermischte Tabak.

Die Völker des Orients schwelgen schon bei Lebzeiten in Erwartung der ihnen bevorstehenden himmlischen Freuden, die sie in einem Zustande ewiger Jugend, Stärke, Wonne und Schönheit genießen werden. Das Paradies ist eine Art Schlaraffenland, in welchem der Boden aus Edelgestein, die Wälder aus wohlriechenden Bäumen und duftenden Rosenhainen bestehen. Überall ertönt herrlicher Vogelgesang, es fließen Bäche von Honig und Wein dahin und ewig junge, ewig schöne Houris verlocken mit sirenenhaftem Schmeicheln die Verdienstvollen zu unaufhörlichem und nie erschöpftem Liebesgenusse.

Als wahre Meister im Ausmalen solcher Herrlichkeiten erwiesen sich die Priester Ägyptens. Wessen Seele durch reichlich dargebrachte Totenopfer Einlaß in die Wohnsitze der Götter erlangte, dem ward ein Leben köstlicher Üppigkeit zuteil. In feines Leinen gekleidet, durfte er durch die Gärten der Götter wandern, sich an köstlichen Trauben und Feigen laben, ja, von den Früchten naschen, die am Baum des Lebens hingen. Verspürte er Durst, so konnte er sich nicht nur an der „Quelle des Lebens“ erquicken, sondern es stand ihm sogar die Milch der Göttinnen zur Verfügung, die er obendrein aus deren Brüsten saugen durfte. Dazu lebte er in frohem Verkehr mit seinen wiedergefundenen Freunden, Eltern und Angehörigen. —

Ein Ort ewiger Glückseligkeit war auch Elysium, in das die Gerechten und Götterfreunde der Hellenen nach ihrem Tod eingingen. — „Ganz mühlos in Seligkeit leben dort die Menschen; nimmer ist Schnee, noch Winterorkan, noch Regenwetter; ewig wehn die Gesäusel des leis‘ anatmenden Zephirs, den Okeanos sendet, die Menschen sanft zu kühlen.“ —

Elysium war ein Reich sonnigen Lichtes, wo goldstrahlende Blumen schimmerten und kühle Seelüfte wehten, ein Reich der Jugend und des Glücks, wie Turgenjeff ein solches so herrlich in einer Vision ausmalte:

„Ich saß mit einer Anzahl Gefährten auf einem stattlichen, schön geschmückten Nachen. Wie eine Schwanenbrust rundete sich das gebauschte weiße Segel unter den lustigen Wimpeln. Ich kannte meine Gefährten nicht; aber ich fühlte es mit meinem ganzen Wesen, daß sie jung, heiter und glücklich waren wie ich selbst. Ja, ich beachtete sie nicht einmal. Ich sah ringsum das uferlose azurblaue Meer, das im Wellenspiel gleichsam mit goldenen Schuppen bedeckt war. Und über meinem Haupte dasselbe uferlose azurblaue Meer — triumphierend zog die freundlich lächelnde Sonne auf ihm dahin.

Hellklingendes fröhliches Lachen erscholl von Zeit zu Zeit in unserer Mitte — wie das Lachen der Götter! Dann ertönten von jemandes Mund Worte — Verse von wunderbarer Schönheit und begeisterter Kraft . . . Der Himmel selbst schien ihnen Antwort zu tönen, und gleichsam mitempfindend erzitterte rings das Meer . . . Und wiederum trat selige Ruhe ein.

Leicht untertauchend in der weichen Flut, fuhr unser Nachen schnell dahin. Kein Wind trieb ihn — unsere eigenen frohwallenden Herzen gaben ihm die Richtung. Wohin wir wollten, dahin schwamm er, gehorsam, als wäre er lebend.

Inseln — zauberhafte, halb durchsichtige, von kostbaren Edelsteinen, Smaragden und Rubinen, schwimmende Inseln schwebten an uns vorüber. Berauschende Düfte stiegen von den sich rundenden Ufern auf; hier wurden wir mit einem Regen von weißen Rosen und Maiglöckchen überschüttet, dort schwebten plötzlich auf langen Fittichen irisfarbene Vögel zum Himmel empor. Und die Vögel kreisten über unseren Häuptern, und die Rosen und Maiglöckchen zerschmolzen gleichsam in dem perlengleichen Schaum, der an der glatten Wandung unseres Nachens niederglitt.

Zugleich mit den Blumen und Vögeln schwebten süße süße Töne zu uns herüber . . . Frauenstimmen klangen hindurch . . . Und alles ringsumher: der Himmel, das Meer, die schwankenden Segel in der Höhe, das Murmeln der Flut am Hinterteile des Nachens — alles sprach von Liebe, von seliger Liebe!

Und die Geliebte, die jeder sich erkoren, war in der Nähe, wenn auch unsichtbar. Noch einen Augenblick — und ihr Auge erglänzt, ihre Wange lächelt . . . Ihre Hand ergreift die deine und zieht dich mit sich in ein ewiges Paradies. Gefilde der Seligen, ich habe euch geschaut … im Traume.“ —

Voll und ganz deckt sich diese herrliche Vision mit den Anschauungen, die das Griechentum sich von den „Gefilden der Seligen“ machte. —

Ganz anders zeigte sich Walhalla, das Elysium der kampfliebenden Germanen. Dorthin wurden durch schöne, auf geflügelten Rossen durch die Wolken reitende Walküren die im Kampf gefallenen Helden getragen. Dort, in einem von lauterem Golde schimmernden Palast, dessen strahlende Zinnen so hoch ragten, daß keiner mit den Blicken hinaufreichte, wurden die Helden von Odin, dem obersten aller Götter, empfangen. Mit goldenen Schilden war die Halle des Palastes geschmückt. In langen Reihen saßen die geharnischten Helden zu Füßen der erhabenen Götter, um aus den Händen liebreizender Jungfrauen die metgefüllten Trinkhörner, den Speck des Ebers, oder die saftigen Scheiben des Hirschbratens zu empfangen, mit denen sie hier bewirtet wurden. Täglich zogen die Tapferen auch hinaus auf die vor dem Palast gelegene Ebene, um sich miteinander im Schwertkampf zu messen. Weithin klangen die schimmernden Waffen und das Blut floß in Strömen. Aber nach dem Kampf erstanden die Gefallenen zu neuem Leben und vereinten sich, ihrer Wunden ledig, mit den Kameraden zu fröhlichem Festmahl.

* * *

Im Gegensatz zu all diesen Orten des Glücks und der Freude waren jene Stätten, wohin die Priester des Altertums die Ungläubigen und Gottesfrevler verbannten, durchweg Schauplätze entsetzlichster Qualen und Leiden.

Die Priester des Brahmanismus drohten dem Volke, daß Ungläubige und Zweifler an einen nie von Sonne und Mond erleuchteten Ort kämen, der acht stockwerkartig übereinanderliegende Räume habe. Im ersten müßten die Verdammten barfuß für unendliche Zeiten mit rotglühenden Nadeln besetzte Hügel hinansteigen. Im zweiten Raum würde ihnen die Haut sorgfältig vom Körper gefeilt und die wunden Stellen mit ätzenden Flüssigkeiten übergossen. Im dritten würden ihnen Haare, Nägel und Augen ausgerissen und der Körper in allerhand phantastische Formen zersägt. Die vierte Abteilung sei die der bitteren Selbstvorwürfe. In der fünften mache Jamir, der Satan, sich das Vergnügen, die linke Körperhälfte und die Köpfe der Verdammten zu rösten. In der sechsten reiße man ihnen die Arme aus und werfe sie in ein mit den bereits früher ausgerissenen Augen, Nägeln und Haaren gefülltes Faß, in dem die gesamte Masse zu einem scheußlichen Brei zerstampft werde. In der siebenten Abteilung brate man auch die rechten Körperhälften und die Füße der Ketzer, worauf sie endlich im achten Stadium in den bodenlosen Abgrund der Verfluchung geschleudert würden. Hier seien die Verdammten stets bemüht, an den Eisenwällen des Höllenrandes emporzuklettern. Aber stets fielen sie in ein Meer von Scheidewasser zurück, würden hier zerfressen, entständen aufs neue, suchten wieder emporzuklimmen, stürzten wieder und so — ewig. —

Ein ähnlicher Schreckensort war für die alten Perser der Abgrund Duzakh , wo Ahriman, der schwarze Geist der Lüge, der Finsternis und Zerstörung hauste.

Auch die Priester Ägyptens bekundeten im Ausmalen der Qualen, welche Zweifler, Abtrünnige und solche Unglückliche trafen, für die keine oder ungenügende Totenopfer entrichtet wurden, eine sprühende Phantasie. Ihren Angaben zufolge wurden solche Personen von den über die Seelen zu Gericht sitzenden Gottheiten dem Vollstrecker des Urteils, Shesmu, überantwortet, der mit seinen Helfern die Leiber der Verworfenen in unzählige Stücke zerriß und zerhackte, die dann in einen von giftigen Schlangen belebten Flammensee geschleudert wurden, aus dem es kein Entrinnen gab. Die Herzen der so Bestraften wurden zuvor dem „Verschlinger“ vorgeworfen, einem scheußlichen Ungetüm, das sich im Verborgenen hielt. Der Tartaros oder Hades der Hellenen war ein Ort grauenvoller Öde und ewigen Schweigens, so tief unter der Erde gelegen, daß ein eiserner Amboß zehn Tage und zehn Nächte lang hätte fallen müssen, bevor er auf dem Boden dieser Unterwelt aufgeschlagen wäre. In diesem von Pluto regierten Strafort für Götterverächter und Götterfrevler lag Tityos, der sich an der Göttin Latona versündigt hatte. Zwei Geier hackten ihm die immer wieder nachwachsende Leber aus. Die gierigen Vögel zu verscheuchen, war dem Frevler unmöglich. An einer anderen Stelle litt Tantalos, der in maßlosem Übermut Nektar und Ambrosia, die den Göttern vorbehaltenen Speisen, entwendet, mit seinen Freunden Götterschmaus gehalten und obendrein den entsetzlichen Frevel begangen hatte, den Göttern anstatt der Opfer Menschenfleisch vorzusetzen, um ihre angebliche Allwissenheit zu prüfen. Dafür mußte er nun nie endende Angst erdulden; denn über seinem Haupte hing ein gewaltiger Felsblock, der herabzustürzen drohte und den er doch nicht wegwälzen konnte. Zudem stand er, von brennendem Durst gepeinigt, bis an das Kinn in kühlem Wasser, das aber sofort verschwand, wenn er sich herniederneigte, um zu trinken. Zweige voll saftiger Früchte umgaben sein Haupt. Aber sie schnellten sofort zurück, wenn er die Hände ausstreckte, um eine der lockenden Früchte zu brechen.

An einer andern Stelle arbeitete der Verräter des Zeus, der Herrscher Sisyphos, in nie endender Mühsal. Er wälzte mit Aufwendung aller Kraft einen Felsblock bergan, das Haupt dampfte von der gewaltigen Anstrengung, von den Gliedern floß der Angstschweiß; diesmal muß es gelingen, diesmal — so hoffte er in immer erneuten Versuchen, und immer, ganz nahe am Ziele, rollte der Stein mit Gewalt in die Tiefe zurück.

Furchtbar war die Strafe des Ixion, der mit vermessenem Gelüst nach der Liebe der Götterkönigin strebte, zur Strafe dafür an ein geflügeltes Rad gebunden wurde, das rastlos im Kreise sich umdrehte, ein erschreckendes Bild ruheloser Begierde und Leidenschaft.

Im germanischen „Helheim“ hatte Hel ihren furchtbaren Thron aufgeschlagen; sie selbst bot, halb von menschlichem Ansehen, halb von Verwesung blau, einen gräßlichen Anblick. Um sie her waltete im Saal ein ödes Schweigen, nur von den Seufzern und dem Gestöhn der Götterfrevler und Feiglinge durchhallt, die hier ein bebendes, krankhaftes Dasein voll Angst und Mangel führten.

Ähnliche Vorstellungen waren bei allen anderen Völkern des Altertums in Umlauf. Die Urheber und Verbreiter dieser Anschauungen waren die Priester, die aus selbstsüchtigen Absichten darauf bedacht waren, die Völker in beständiger Angst, im Bann ewigen Aberglaubens zu halten, um sie dadurch für ihre selbstsüchtigen Zwecke ausnützen zu können.

WUNDERLICHE HEILIGE DES ORIENTS

„Ex Oriente lux“, „Aus dem Osten kommt das Licht!“ — so lautet ein wohlbekannter Ausspruch, durch den angedeutet werden soll, daß dem Orient eine wahre Sonnenfülle von Kultur und philosophischer Weisheit zu verdanken sei. Zugestanden. Aber die Länder des Orients sind seit uralten Zeiten auch wahre Brutstätten finstersten religiösen Aberglaubens gewesen, der sich von dort über alle Länder des Okzidents verbreitete und die Menschheit in ihrer Entwicklung um Jahrtausende zurückgehalten hat.

Nirgendwo kam es zu so verschiedenartigen Sektenbildungen; nirgendwo führten religiöser Wahn und Fanatismus zu solchen Absonderlichkeiten, wie sie in Indien, Tibet, Siam, Persien, Arabien, China, Ägypten und anderen orientalischen Ländern noch heute beobachtet werden können.

Schon in den ältesten orientalischen Schriftwerken finden sich Mitteilungen über Personen, die in der Sucht, den Ruf der „Heiligkeit“ zu erlangen, sich allerlei Selbsttorturen und Kasteiungen unterwarfen, dabei aber auf Kosten der arbeitenden Bevölkerung, von der sie sich ernähren ließen, ein wahres Faulenzerleben führten. Man findet solche „Yogi“ oder „Heilige“ in allen orientalischen Ländern noch heute, vornehmlich in Indien. Unter einer religiösen Maske bettelnd und Almosen sammelnd, lenkten sie von jeher die Aufmerksamkeit aller den Orient besuchenden Reisenden auf sich und wurden in ihren Werken häufig geschildert[Derartige, mit zahlreichen Abbildungen versehene Schilderungen finden sich auch in den Zeitschriften „Le Tour du Monde“; „Globus“; „Asia“; „Travel“ und in vielen anderen der Länder- und Völkerkunde gewidmeten Magazinen.]. Es sei hier besonders auf das neun Bände umfassende und durch zahlreiche Kupferstiche erläuterte Werk von P. Picart verwiesen, das während der Jahre 1723 bis 1743 in Antwerpen unter dem Titel erschien: „Cérémonies et coustumes religieus de tous les peuples du monde.“

Durch beständiges Grübeln über die Rätsel des Lebens und des Jenseits um ihren Verstand gekommen, gehen viele dieser angeblichen „Heiligen“ in puris naturalibus umher. Mit verfilzten Haaren, blutrot unterlaufenen Augen, die Leiber von Schmutz und Ungeziefer bedeckt, sehen sie eher Wölfen ähnlich als menschlichen Wesen. Die englischen Forscher J. F. Watson*) und J. W. Kaye sahen solche mit einem Menschenschädel in der Hand, von dem sie das modernde Fleisch abgenagt, dem sie die Augen und das Gehirn mit den Fingern ausgebohrt hatten und worein sie dann irgendein Getränk gossen, gleichviel ob Milch, Branntwein oder faules Wasser. Als Speise diente ihnen ein Tieraas, oder Unrat. Obwohl Gegenstände des Abscheus und Grauens, betrachten die Orientalen diese Heiligen dennoch mit einer gewissen Verehrung, und keiner wagt sie von seiner Tür zu weisen, aus Furcht, sich dadurch ihr Übelwollen zuzuziehen.

Viele dieser Yogi unterwerfen sich Kasteiungen der abenteuerlichsten Art. Es gibt keine erdenkliche Marter, die nicht von dem einen oder anderen am eigenen Körper verübt würde. Manche zerfleischen ihre Leiber durch unaufhörliche Rutenstreiche oder lassen sich mit einer Kette an einen Baumstamm schmieden, um bis zu ihrem Tode daranzubleiben. Einige verbringen ihr ganzes Leben stehend; wenn sie schlafen, lehnen sie sich gegen eine Mauer oder einen Baum; aber damit sie niemals bequem schlafen können, lassen sie sich einen eisernen Rost um den Hals schmieden, den sie nie mehr ablegen können. Andere stehen stundenlang auf einem Fuß, die Augen der Sonne zugewendet; oder sie verharren tagaus, tagein mit durchgedrückten Knien in tiefster Verbeugung, mit den Fingern die Zehen der Füße umklammernd, noch dazu unentwegt auf jenen Fleck starrend, auf dem ein aus Schlamm und Kuhdünger geknetetes Idol ihres Gottes steht. Sie zu füttern überlassen sie mitleidigen Seelen, die ihnen hie und da einen Bissen in die von zottigen Haarmähnen und buschigen Barten umgebenen Mäuler schieben. In fast unmöglichen Stellungen sieht man mehrere, deren gekreuzte Beine so verdreht sind, daß die Fußsohlen auf dem Bauch ruhen. Andere halten seit Jahren die Arme über den Kopf gestreckt, so daß sie verdorrten und nicht mehr bewegt werden können. Dabei blieben die Fäuste stets geschlossen, was zur Folge hatte, daß die Nägel der Finger mit der Zeit durch die Hände wuchsen.

Wieder andere gehen mit bloßen Füßen auf spitzen Nägeln, die von unten her durch die Sohlen der Sandalen getrieben wurden. Manche besonders Heilige verbringen ihre Nächte auf Lagern, die aus lauter Dornen bestehen, oder auf Betten, die anstatt schwellender Polster gleichfalls über und über mit scharfen Nägeln gespickt sind. Viele dieser wunderlichen Heiligen lassen sich bis an den Hals in der Erde verscharren, oder gar, auf der Erde liegend, den Kopf begraben. Um stets schweigen zu müssen, durchbohren sich manche Büßer mit einem Eisen die Wangen und die Zunge, und lassen daran ein anderes Eisen schmieden, das unter dem Kinn durchgeht.

Im Priesterreich Tibet kann man noch heute Pilger beobachten, die, um später himmlischer Glückseligkeit teilhaftig zu werden, das Gelübde vollziehen, zwei- oder dreimal die Runde um die heilige Stadt Lhassa zu machen, aber nicht zu Fuß, sondern auf dem Bauch liegend, so daß sie den ganzen weiten Umkreis der Stadt mit ihrem Körper messen. Sie werfen sich der Länge nach nieder, ruhen auf den Händen, ziehen dann die Beine an und stehen auf, um sich sogleich wieder niederzuwerfen, diesmal mit den Füßen dort, wo vorhin der Kopf geruht hatte. Anfänger legen in der Regel kleine Brettchen unter die Handflächen, um die Wucht des Falles zu mildern, aber sobald sie sich etwas gewöhnt haben, fallen sie auf die Hände. Bewundernswert ist vor allem die Geduld, um auf solche Weise einmal die etwa dreizehn Meilen betragende Entfernung zurückzulegen. Manche besonders inbrünstige Pilger arbeiten sich auf diese Weise siebenmal um die Stadt. Andere messen den Weg nicht nach ihrer Körperlänge, sondern nach der Breite ihrer Gesichter; sie berühren mit der Stirn den Boden, wechseln dann den Platz seitwärts und drücken ihr Gesicht neben die Stelle, die sie eben berührt haben. Um die Tour um Lhassa auf diese Art zu machen, gebraucht der Pilger einen Monat. Die Methode ist viel länger, aber nicht annähernd so schmerzlich wie die andere.

Fakir mit um den Hals geschmiedeten Rost

Fakir mit um den Hals geschmiedeten Rost.

Sehr zahlreich sind auch jene absonderlichen Schwärmer, die durch unverwandtes Anschauen ihrer Nasenspitze oder irgendeines anderen Gegenstandes den Geist von allen weltlichen Dingen abzulenken suchen, in der Hoffnung, durch Ertötung aller menschlichen Regungen Anspruch auf himmlische Glückseligkeit zu erwerben.

Zu welchen Verirrungen solcher Drang führte und in den orientalischen Ländern noch heute führt, ist aus den Schilderungen jener Reisenden zu ersehen, die in Tibet und China vor den vermauerten Aufenthaltsorten solcher Asketen standen, in denen sie, je nach der Größe ihrer Gelübde, zehn, zwanzig, dreißig Jahre unter allerhand Selbstkasteiungen und im ewigen Wiederholen des Satzes verbrachten: „Om mani padme hum“, „O du Juwel in der Lotusblume!“ —

Fakir mit vergrabenem Kopf

Fakir mit vergrabenem Kopf.

Der bekannte schwedische Forscher Sven Hedin hat in seinem vielgelesenen Werke „Trans-Himalaja“ solchen von religiösem Wahnsinn Umfangenen ein ganzes Kapitel gewidmet. In demselben berichtet er von einem dieser eingemauerten, in steter Finsternis lebenden „Heiligen“, daß derselbe 69 Jahre in solcher schrecklichen Einsamkeit verbrachte, vor seinem Ende aber den Wunsch geäußert habe, noch einmal die Sonne zu sehen.

Ein in London erschienenes Buch „The Mystics, Ascetics and Saints of India“ von J. Campell – Oman läßt uns weitere Blicke in die Welt dieser seltsamen Büßer, Wundertäter und Heiligen tun, auch gibt es überraschende Aufschlüsse über die Triebfedern ihrer Handlungen. Ist bei vielen religiöse Inbrunst das treibende Motiv, so ist es bei anderen der Hang, mühelos ihr Dasein zu fristen. In sehr zahlreichen Fällen ist Habgier der Zweck solcher Selbstquälereien. Wieder andere unterwarfen sich dem Märtyrertum, um Geld genug zu sammeln, um damit 10000 Brahminen oder Priester zu unterhalten, oder um irgendwo ein Kloster oder einen Tempel erbauen zu lassen. Denn wer ein religiösen Zwecken dienendes Gebäude errichten läßt, sichert sich nicht nur seine eigene Rettung und Seligkeit, sondern auch die seiner Großeltern und die von acht zukünftigen Generationen. Wer das Geld für einen Tempel für Krischna stiftet, dessen Erbsünden von sieben Geburten her werden ausgetilgt, obendrein werden alle Vorfahren aus der Hölle gerettet. Infolge solcher Verheißungen entstehen durch religiösen Eifer und Aberglauben immer neue Tempel und Klöster, und durch ihre Vermehrung wird wieder das Heer der Bettler und „Heiligen“ größer.

Solcher Art waren auch die Menschen, die den von ähnlichen Beweggründen getriebenen „Heiligen“ des Christentums als nachahmenswerte Vorbilder erschienen.

In ewigem Schweigen

In ewigem Schweigen.

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Über Laetitia

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