[6] R. C. DARWIN / DIE ENTWICKLUNG DES PRIESTERTUMS UND DER PRIESTERREICHE

In diesem Beitrag kann man folgende Kapitel aus dem Buch “Die Entwicklung des Priestertums und der Priesterreiche” von Rudolf Cronau (Pseudonym “Randolph Charles Darwin”) lesen:

Ein komplettes Inhaltsverzeichnis des Buches befindet sich in Beitrag 1.

„Um den in allen Ländern errichteten zahllosen Tempeln regelmäßig fließende Einkünfte zu verschaffen, verbreiteten die findigen Priester allerorten den Glauben, daß nicht nur den in den Tempeln aufgestellten Götterbildern, sondern auch den daselbst aufbewahrten Überresten und hinterlassenen Gebrauchsgegenständen solcher Personen, die wegen ihres musterhaften Lebens als „Heilige„, oder wegen ihrer kühnen Taten als „Helden“ zu betrachten seien, ein besonderer Zauber, eine Wunderwirkung innewohne, die sich häufig offenbare, indem durch das bloße Berühren solcher Götterfiguren und Reliquien viele Personen von allerlei Krankheiten geheilt worden seien. Wer zu den Aufbewahrungsstätten solcher wundertätigen Bildsäulen und Reliquien pilgere und daselbst Opfer bringe, werde dort nicht nur Genesung finden, sondern auch Vergebung aller Sünden, ja, die Anwartschaft auf ewige Glückseligkeit erlangen.“,

„Daß schon damals manche aufgeklärte Personen den von den Priestern am Volke verübten Betrug durchschauten, geht aus der ergötzlichen Schilderung einer Tempelszene hervor, die der Feder des attischen Lustspieldichters Aristophanes entstammte.“

Ab hier geht es weiter mit dem Originaltext des Buches:


VON REDENDEN BILDSÄULEN UND ORAKELN

Die den Schamanen und Medizinmännern fast aller Länder wohlbekannte, vielfach mit erstaunlicher Geschicklichkeit verwertete Ventriloquistik oder Bauchredekunst vererbte sich auch auf die Priester des Altertums. Daß in der Bibel wiederholt von Zauberern gesprochen wird, „deren Stimmen dumpf klangen, als ob sie aus der Erde heraus oder aus der Höhe kämen“ (Jesaias 29, 5), wurde bereits in einem früheren Abschnitt erwähnt. Bei den Griechen wurden solche Ventriloquisten „Engastrimanteis“ oder Bauchpropheten genannt. Als solcher gewann der Athener Eurykles so großen Ruf, daß nach ihm die Bauchredner auch „Euryklides“ genannt wurden.

Neben diesem Täuschungsmittel bedienten die Priester des Altertums sich aber auch einer wichtigen Erfindung, die sie im Lauf der Zeit immer mehr vervollkommneten und in wahrhaft genialer Weise für ihre Zwecke verwendeten: des Sprachrohrs.

Man hat in den verschiedensten Ländern des Orients Tempelruinen gefunden, die ganze Systeme verborgener Sprachrohre enthielten, mittels welcher die Priester der im Tempel versammelten, andächtig lauschenden Menge die aus der Höhe oder gar aus dem Munde der auf den Altären stehenden Bildsäulen kommenden Aussprüche der Götter vorgaukelten.

Sehr wahrscheinlich war auch die nördliche der beiden berühmten, bei Theben in Oberägypten stehenden sogenannten Memnonssäulen ursprünglich mit einer derartigen Einrichtung versehen, denn Flavius Philostratos erklärt in seinem „Leben des Apollonius von Tyana“ (Vit. Apoll. 6, 4), daß, „sobald beim Aufgehen der Sonne ihr erster Strahl den Mund dieser riesigen an 20 Meter hohen Figur traf, dieselbe augenblicklich gesprochen habe, so daß die Menge ihrer Bewunderung nicht mehr Herr geworden sei.“

Geht man auf die Geschichte dieser vielbesprochenen Bildsäule und der sie darstellenden Person ein, so gewinnt die Ansicht, daß die von ihm ausgehenden Laute durch die Priester des einst hier vorhandenen Tempels mittels eines Sprachrohres erzeugt wurden, an Wahrscheinlichkeit. Denn die riesige Skulptur stellte den König Amen-hotep III. dar, der während der Zeit von 1411 — 1375 v.Chr. über Ägypten regierte, sich als ein Sohn des Gottes Amon-Ra ausgab, und als solcher eine gleiche göttliche Verehrung beanspruchte, wie sie in der Neuen Welt den ebenfalls göttlicher Abstammung sich rühmenden Inkas von Peru gezollt wurde. Es lag in der Natur solcher gottentsprungenen Herrscher, sich gleich den Göttern in riesigen Bildwerken darstellen zu lassen und durch deren Mund dem Volk ihren göttlichen Willen zu offenbaren. Seitdem die Bildsäule im Jahre 27 v. Chr. durch ein Erdbeben schwer beschädigt wurde, ist ihre Sprache verstummt. —

Die Memnonssäulen in Oberägypten. Nach einer Zeichnung von Harry Fenn.

Die Memnonssäulen in Oberägypten.

Nach einer Zeichnung von Harry Fenn.

Welche außerordentliche Bedeutung das Orakelwesen im Altertum hatte, ist allbekannt. Orakelsprechende Götterbilder befanden sich an unzähligen Orten. Manche erfreuten sich so großen Rufes, daß nicht nur Gläubige, sondern oft sogar Gesandtschaften aus fernen Landen kamen, um im Auftrag von Kaisern, Senaten und Städten das Orakel um Rat zu fragen. Ein solcher Zustrom leichtgläubiger Personen forderte zu betrügerischer Ausbeutung derselben förmlich heraus.

In uralte Zeiten reicht eine labyrinthartige Anlage zurück, die auf der Insel Malta in der Ansiedlung Hal-Saflieni beim Ausgraben einer Wasserzisterne entdeckt, von Professor T. Zammit, dem Direktor des Maltesischen Museums in fünfjähriger Arbeit freigelegt wurde und seitdem als das „Hal-Saflieni-Hypogeum“ das Staunen aller wissenschaftlichen Kreise erregte. Wurde doch hier in einer Tiefe von 6—15 Meter unter der Oberfläche des felsigen Geländes eine Tempelanlage gefunden, deren Hallen nicht etwa erbaut, sondern in die Felsen hineingemeißelt waren. Durch einen engen Gang gelangt man zunächst in eine Haupthalle, die augenscheinlich als Versammlungsort der Gläubigen diente. Von dort führte ein breiter Gang in eine Orakelkammer, in deren Wand man eine tiefe ovale Nische von ungefähr einem halben Meter Durchmesser ausgemeißelt fand. Von hieraus wurde von den Priestern auf die in der Haupthalle Versammelten eingewirkt. Denn wenn man mit halblauter Stimme in diese Nische hineinruft, so hören die Gläubigen — die Stimme Gottes. Friedrich Wallisch, der diese Stätte unlängst besuchte, kleidete sein Staunen über diese Stimme in folgende Worte: „Minutenlang hallt der Ruf nach, mit unerhörter Wucht, ein Donnern, ein dumpfes Dröhnen; es ist wahrhaftig, als offenbare sich eine überirdische Macht in schauerlicher Majestät! — Ruft man laut in die Nische, so gibt es ebensowenig einen Widerhall wie bei einer Frauenstimme. Nur die halblaute Männerstimme erzeugt dieses unbeschreiblich packende Phänomen. Wer hat die Menschen vor sechs Jahrtausenden diesen akustischen Zaubertrick gelehrt, der noch uns Menschen des mechanisierten Zeitalters in beispiellose Verblüffung versetzt?

Die in der Haupthalle versammelten Gläubigen konnten dort den kurzen halblauten Ruf nicht hören, mit dem der Widerhall ausgelöst wurde. Aber die Stimme des Gottes dröhnte minutenlang, grauenhaft anschwellend durch die Felsenräume!“ —

A. Rich gibt in seinem „Dictionary of Roman and Greec Antiquities“ unter dem Wort „Adytum“ Auskunft über eine von ihm besuchte Tempelruine bei Alba, am Fucius-See. In dieser Ruine wurde eine früher von den Priestern benützte Geheimkammer in völlig erhaltenem Zustand gefunden. Dieselbe lag am äußersten Ende des Tempels unter jener halbkreisförmigen Nische, in der die Bildsäule der Gottheit stand, welcher der Tempel geweiht war. Der untere Teil der Kammer lag kellerartig unter dem Bodenbelag des Tempels, wohingegen der obere Teil sich über den Belag erhob und mit seinen Wandungen als das die Bildsäule tragende Postament erschien. Vom Inneren des Tempels gab es keinen Zugang zu der Geheimkammer, dagegen wurde an der Rückseite des Tempels eine geheime Tür gefunden, von der aus ein innerhalb der Mauern des Tempels angebrachter geheimer Gang bis in die Kammer führte. Daß diese einst den Gaukeleien der Priester diente, wurde durch eine Anzahl von Sprachrohren offenbar, die von der Geheimkammer aus nach den verschiedensten Teilen des Tempels führten und es den in der Kammer verborgenen Priestern ermöglichten, allerhand geheimnisvolle aus den Höhen oder aus der Tiefe kommenden Stimmen innerhalb des Tempels erschallen zu lassen.

Studiert man die Museen Italiens und Griechenlands, so kommt man mitunter den vielen Betrügereien auf die Spur, die von den Priestern längst verschollener Religionssysteme angewendet wurden, um die Gläubigen mit heiligen Schauern, mit der Furcht vor unergründlichen Mysterien zu erfüllen.

Im Jahre 1864 wurde in Rom in der Nähe jener Stelle, an der vor zwei Jahrtausenden der Zirkus Flaminius stand, durch Bauarbeiter eine große, aus vergoldeter Bronze gearbeitete Statue des Herkules zutage gefördert. Sie steht heute im Runden Saal des Vatikanischen Museums. Herkules war die Schutzgottheit der Zirkusspiele und der Gymnasien: aus diesem Grunde wurden ihm dicht bei Zirkussen und Turnplätzen Tempel gebaut. Wer sich an den Zirkus- oder Turnspielen beteiligen wollte, brachte zuerst dem Schutzgott der Zirkusse eine Opfergabe dar oder suchte sich wenigstens durch besondere Gebete seinen Beistand zu erflehen. Oft ging man noch darüber hinaus. Man richtete an den Gott z. B. die Frage: „Werde ich heute Sieger sein?“ Und die Gottheit antwortete. Ihre Antworten waren immer sibyllinisch und ließen sich auf verschiedene Weise deuten; aber der Frager hielt eben die Antwort, die ihm am besten zusagte, für gut. Auch gewöhnlichen Zuschauern gegenüber zeigte der Schutzgott sich zuvorkommend, da seine Protektion sich auch auf sie erstreckte. Die Zuschauer, die, genau so wie das Publikum unserer Tage, auf Ringkämpfer und Gymnastiker oft bedeutende Summen setzten, wollten von Herkules die Namen der künftigen Sieger wissen, um sich mit ihren Wetten danach richten zu können; und Herkules erhörte sie, indem er mit den üblichen zweideutigen und unbestimmten Worten irgend etwas orakelte.

Dieser kleinen Geschäfte wegen brauchte der Gott aber seine köstliche Muße im Olymp durchaus nicht zu unterbrechen; seine Priester handelten für ihn und suchten alle Belästigungen von ihm fernzuhalten. Sie ließen durch ein 28 Zentimeter breites Loch, das sich an dem kolossalen Hinterkopfe der Statue befand, in den Körper des göttlichen Bildwerkes einen in alle Geheimnisse des Übernatürlichen eingeweihten Knaben hinabsteigen. Dieser Knabe war es, der im Namen der Gottheit in doppelsinnigen Phrasen zu den gläubigen Sterblichen sprach. Kurz nach der Wiederauffindung der Statue wollten gelehrte Männer feststellen, wie der Gott einst gesprochen hatte. Man ließ deshalb durch die erwähnte Öffnung einen Knaben in den Herkules hinein. Dann richtete man von draußen Fragen an ihn; und der Knabe gab von innen Antwort. Seine Stimme klang durch die Metallwände der Statue hindurch ganz eigenartig und mit seltsamen Vibrationen; sie schien aus phantastischen Tiefen und Weiten zu kommen. Man konnte infolgedessen begreifen, daß die Antworten des Orakels auf gläubige Gemüter einen großen Eindruck machen mußten.

In ähnlicher Weise waren viele orakelspendende Statuen des Altertums konstruiert: der Künstler, der sie herstellte, hatte immer den Zweck, für den sie bestimmt waren, im Auge und richtete seine Arbeit danach ein, indem er besonders geeignete Metallplatten aussuchte, die Schallwirkungen studierte, die Körperformen zweckmäßig modelte usw. Bei manchen Orakelstatuen war die Anlage etwas komplizierter: die Orakelstimme kam aus einer größeren Entfernung durch Rohre und hatte, wenn sie von den Lippen des Gottes oder der Göttin wieder „ausströmte“, einen wunderbar geheimnisvollen Klang. Immer war der Schwindel so geschickt inszeniert, daß auch das aufmerksamste Auge nichts Verdächtiges erblicken konnte. Die Statuen, die an sie gerichtete Fragen beantworteten, waren zudem vorsichtigerweise immer in einer angemessenen Entfernung vom Publikum aufgestellt, gewöhnlich so, daß sie sich an den Hintergrund des Tempels lehnten. Wie Herkules, so weissagten auch Jupiter, Apollo, Diana, Juno, Venus, Mars, kurz: die ganze Schar der Gottheiten und der Halbgötter des Olymps, in gefälliger Weise die Zukunft.

Daß auch an jenen Stätten, wo man mit den Geistern verstorbener Personen in Verbindung treten und sie über allerhand bevorstehende Ereignisse und Schicksale befragen konnte, die Bauchredekunst wie das Sprachrohr zur Anwendung kamen, ist gleichfalls nachgewiesen.

Als Stätten, wo derartige wichtige Offenbarungen durch Zitierung der Verstorbenen zu erlangen seien, wählten die Priester mit Vorliebe solche Orte, die schon an sich auf einen Zusammenhang mit der Unterwelt, mit dem Reich der Geister und Toten hinzudeuten schienen: geheimnisvolle Schluchten und Höhlen, aus deren Spalten und Schlünden allerlei Dünste und Dämpfe aus dem Erdinnern heraufstiegen.

Eine solche weithin berühmte Totenorakelstätte lag in Epirus, wo in der Nähe der Stadt Ephyra zwei unterirdische Flüsse hervorbrachen und die Gegend mit Schwefelgeruch erfüllten. Der Sage nach wäre hier Orpheus hinabgestiegen, um die von ihm heißgeliebte Nymphe Eurydike aus dem Totenreich zu entführen. Auf dem Vorgebirge Tänaron befand sich eine Höhle, durch die Herkules den Höllenhund Zerberus bis auf die Oberwelt geschleppt habe.

Ähnliche Zugänge zum Hades gab es bei Trözene und Hermione im Peleponnes, sowie bei Heraklea am Pontus. Der berühmteste Eingang zur Unterwelt lag aber in der Nähe der uralten, süditalienischen Stadt Cumae. Dort gab es der absonderlichen Dinge genug, um die Einbildungskraft mit dem Glauben zu erfüllen, daß hier eine Hauptpforte zum Totenreich sei. Da war der Krater eines halberloschenen Vulkans, aus dessen zahlreichen Öffnungen Wolken erstickenden Qualms emporstiegen. Nahebei lag ein tiefdunkler, geheimnisvoller See, dessen Wasser mit Schwefel gesättigt war. Ferner gab es hier verschiedene unterirdische von allerlei Dünsten erfüllte Höhlen, in denen, der Sage zufolge, Odysseus seine Totenbeschwörungen vorgenommen habe. Hier stand auch ein mit goldenem Dach versehener Tempel des Apollo, dessen Statue weithin berühmt war, weil sie während des Krieges der Römer mit den Achäern an vier aufeinanderfolgenden Tagen Tränen vergossen habe.

Aristoteles, Cicero, Livius, Varro und andere Schriftsteller des Altertums haben über diese Orakelstätte berichtet; am ausführlichsten wohl Virgil in seiner „Äneide“, in der er schildert, wie der aus Troja entkommene Äneas, nachdem er dem Zauber der Königin Dido von Karthago entronnen, hier sowohl den Geist seines Vaters wie auch die in einer Höhle orakelnde Sibylle über die seinem Geschlecht bevorstehenden Schicksale befragte. Virgil schildert im 6. Buch seines Werkes, wie diese angeblich mehrere hundert Jahre alte Seherin, bevor sie Äneas Auskunft erteilte, in heftige Krämpfe verfiel, ähnlich jenen, wie solche von den Schamanen und Zauberpriestern der Naturvölker ihren abergläubischen Stammesgenossen vorgegaukelt wurden.

Aber nicht jedem beliebigen Sterblichen erteilte Sibylle persönlich Auskunft auf gestellte Fragen. Die meisten empfingen die Antworten durch den Mund bronzener Figuren verschiedener Göttinnen, die im Tempel des Apoll an den Wänden aufgestellt waren und als die Übermittlerinnen der von der Sibylle erteilten Aussprüche galten.

Sorgfältige Untersuchungen jener Tempelruinen und Höhlen, die im Jahre 1926 unter Leitung des Professors A. Maiuri vom Italienischen Nationalmuseum zu Neapel ausgeführt wurden, haben Licht über die betrügerischen Methoden verbreitet, mit denen das hier waltende Priestertum den Glauben und das Vertrauen des Volkes mißbrauchte.

Diese Untersuchungen ergaben nämlich, daß hart neben jener Höhle, in welcher die Sibylle ihre Visionen hatte, sich noch ein zweiter unterirdischer Raum befand, wo alle Besucher empfangen wurden, die Verlangen trugen, die Seherin zu befragen. Zahlreiche in die Wandungen der Höhle eingemeißelte Nischen dienten zur Aufnahme der kleinen Lampen, mit denen die in diesen dunklen Raum Eintretenden versehen wurden.

Aus den Andeutungen mancher gleichzeitigen Schriftsteller geht hervor, daß die Priester und Priesterinnen der Orakelstätte in diesem Warteraum als Pilger verkleidet sich unter die Harrenden mischten, um sie in vertraulichem Gespräch über ihre Anliegen, Hoffnungen, Wünsche und Nöte auszuhorchen. War das gelungen, so zogen sie sich in unauffälliger Weise zurück, um nach einer Weile in priesterlicher Gewandung wieder zu erscheinen und an die Wartenden Nummern auszuteilen, die mit jenen der im Apollotempel stehenden Figuren der Göttinnen korrespondierten. Zu diesen Göttinnen wurden dann die Pilger geleitet, um von deren leicht geöffneten Lippen die Auskünfte der Sibylle entgegenzunehmen.

Wie die Nachgrabungen der Beamten des Italienischen Museums ergaben, wurden diese Auskünfte durch Sprachrohre erteilt, die von der Höhle der Sibylle in die Figuren der Göttinnen führten und zwischen deren Lippen mündeten.

Der von Virgil gegebenen Schilderung zufolge hätten hundert solcher Göttinnen als Übermittlerinnen der Orakel gedient. Bis zum Anfang des Jahres 1926 war es den heutigen Gelehrten gelungen, vierzehn solcher Sprachrohrsysteme in den Ruinen des Apollotempels freizulegen. —

Über die priesterlichen Geheimnisse der alten Kulturvölker Amerikas ist nur wenig bekannt, da die spanischen Mönche in fanatischem Eifer alles zerstörten, was an Bilderschriften und anderen Darstellungen in ihren Bereich kam. Daß aber auch die Tempel und Priesterpaläste der Neuen Welt viele Geheimnisse bargen, darauf lassen allerlei mysteriöse Kammern und Gänge innerhalb solcher Tempelruinen schließen.

Daß manche Tempel gleich jenen der Alten Welt auch redende Götterfiguren enthielten, geht aus den Aufzeichnungen verschiedener spanischer Mönche und Chronisten hervor.

Weitberühmt war ein auf der an der Ostküste von Yukatan gelegenen Insel Cozumel befindliches Heiligtum des Gottes Ahulneb. Dasselbe bestandaus einem mächtigen viereckigen Turm, in dem das riesige Standbild des als Krieger gekleideten und einen Speer in der Hand haltenden Gottes aufgestellt war. Den von Sahagun, Gomara (Conq. Mex. fol. 22), Landa (Relacion p. 158), Cogollado (Hist Yuc. p. 202) und Herrera (Hist. Gen. IV, lib. x. Cap. IV) gegebenen Schilderungen zufolge war diese dicht an der Rückwand des Tempels stehende Bildsäule inwendig hohl. Durch ein verborgenes Türchen gelangte der Priester in das Innere der Bildsäule und erteilte durch den Mund derselben die vom Volk in Ehrfurcht entgegengenommenen Orakelsprüche. Gleich jenen des Orakels zu Delphi waren dieselben stets so formuliert, daß sie in verschiedener Weise ausgelegt werden konnten. Trafen die Voraussetzungen nicht ein, so wurde dies dem Umstand zugeschrieben, daß die von den Fragenden dargebrachten Opfer ungenügend gewesen seien. Die obengenannten spanischen Schriftsteller betonen, der Ruf dieser Orakelstätte sei so groß gewesen, daß es notwendig war, besondere Straßen nicht nur aus Yukatan, sondern auch aus den fernen Ländern Tabasco und Guatemala bis nach dem der Insel Cozumel gegenübergelegenen Hafenort Polé zu bauen, um den stetig wachsenden Strom der Pilger in Fluß und Ordnung zu halten. Ähnliche Orakel- und Opferstätten befanden sich auch an manchen Stellen Südamerikas, vornehmlich im Inkareich. Weitberühmt war der Orakelgötze von Aperhua, wo die Priester aus einem hohlen Baum orakelten. Ein anderer Orakelgötze war der aus Holz geschnitzte Patschakamak, den Hernando Pizarro öffentlich verbrennen ließ.

WALLFAHRTSORTE DES ALTERTUMS

Um den in allen Ländern errichteten zahllosen Tempeln regelmäßig fließende Einkünfte zu verschaffen, verbreiteten die findigen Priester allerorten den Glauben, daß nicht nur den in den Tempeln aufgestellten Götterbildern, sondern auch den daselbst aufbewahrten Überresten und hinterlassenen Gebrauchsgegenständen solcher Personen, die wegen ihres musterhaften Lebens als „Heilige„, oder wegen ihrer kühnen Taten als „Helden“ zu betrachten seien, ein besonderer Zauber, eine Wunderwirkung innewohne, die sich häufig offenbare, indem durch das bloße Berühren solcher Götterfiguren und Reliquien viele Personen von allerlei Krankheiten geheilt worden seien. Wer zu den Aufbewahrungsstätten solcher wundertätigen Bildsäulen und Reliquien pilgere und daselbst Opfer bringe, werde dort nicht nur Genesung finden, sondern auch Vergebung aller Sünden, ja, die Anwartschaft auf ewige Glückseligkeit erlangen.

Auf derartige Verheißungen ist der Ursprung der sogenannten „Wallfahrten“ zurückzuführen, die im religiösen Leben vieler Völker eine so bedeutungsvolle Rolle spielten und noch einnehmen. Um für solche Wallfahrten möglichst viele Teilnehmer zu gewinnen, sandte und senden noch heute die Priester beständig zahlreiche Werber aus, die das Volk in dem Glauben an die Wunderwirkung der Reliquien und die Ersprießlichkeit solcher Pilgerfahrten bestärken müssen.

Wohl der älteste Wallfahrtsort Ägyptens war die im Niltal gelegene Tempelstadt Abydos, wo der Sonnen- und Nilgott Osiris wie auch seine schwesterliche Gattin Isis, die von ihm befruchtete Erde, verehrt wurden. Hier wurde von den Priestern wohl auch die schöne Mythe erdacht, die sich an diese beiden Göttergestalten knüpfte. Demnach war Osiris als Sonnengott der Beherrscher der ganzen Welt. Er war es auch, der den Menschen Gesetze gab und sie alle Künste des Friedens lehrte. Aber er hatte einen ihm feindlich gesinnten Bruder, Typhon, der das zerstörende Element in der Natur, die sengende, alles verzehrende Hitze, verkörperte. Diesem Bösewicht gelang es während eines Festmahls, seinen Bruder zu überreden, sich in eine bereitgehaltene, schön geschnitzte Lade zu legen. Kaum war Osiris hineingestiegen, als mehrere Mitverschworene Typhons den Deckel zuschlugen, die Lade vernagelten und samt ihrem Inhalt in den Nil warfen, der sie in das Meer entführte. Ihren Gatten suchend, zog Isis darauf von Land zu Land, bis sie endlich die Lade fand. Als sie dieselbe öffnete, erblickte sie die Leiche ihres erstickten Gatten. Bitterlich weinend, schmiegte sie ihr Gesicht an das des Toten, küßte es unter Schluchzen und machte sich dann auf den Weg, um ihren Sohn Horus zu suchen, damit er seinen Vater räche. Während ihrer Abwesenheit entdeckte Typhon die Leiche, zerriß sie in 16 Teile und streute dieselben im ganzen Niltal umher. Isis aber suchte die ihr teuren Glieder wieder zusammen und errichtete überall, wo sie ein solches fand, ihrem geliebten Gatten ein Grabmal. In Abydos, wo sie das Haupt des Toten gefunden, ließ sie zu seinen Ehren einen wundervollen Tempel erbauen. Während Isis ihren Gatten beklagte und für seine Bestattung sorgte, hatte Osiris sich in der Unterwelt aufgehalten. Mittlerweile war auch sein Sohn Horus zum Rachewerk erstarkt. Zwischen ihm und dem Mörder seines Vaters entbrannte ein grimmiger Kampf, der vier Tage dauerte und mit der Niederlage des Typhon endete. Gefesselt wurde er Isis übergeben, diese aber schenkte ihm das Leben und vereinigte sich wiederum mit ihrem Gatten Osiris.

Mit großer Feinheit versinnlicht diese Mythe den Kreislauf der Erscheinungen in der Natur Ägyptens, die Fruchtbarkeit der Erde, die Fülle des Nils, die Leuchtkraft und die Wanderung der Sonne, die zwar stirbt, aber ewig wieder geboren und wieder gefunden wird. Die in religiöser Hinsicht wichtigste Seite des Osiris-Kultus ist die Vorstellung von seinem Aufenthalt und seiner Herrschaft in der Unterwelt. Er ist der Herr des Totenreiches, wo alles Böse überwunden ist; dort richtet er auch nach Recht und Gerechtigkeit die Seelen der Menschen. Vorbildlich führte die Geschichte dieser Götterfamilie jedem Ägypter das Schicksal seiner eigenen Seele vor Augen, und jeder Sterbende hoffte aufzuerstehen wie der auferstandene Gott. Was Wunder, daß Abydos, wo das Haupt des Gottes beigesetzt war, auch zum wichtigsten Wallfahrtsort Ägyptens wurde.

Um seine Anziehungskraft zu steigern, führte das Priestertum des Osiris hier alljährlich ähnliche Passionsspiele auf, wie solche heutzutage der gläubigen Christenheit in Oberammergau dargeboten worden. Die in Abydos stattfindenden Spiele hatten die Mythe des Sonnengottes zum Gegenstand und gipfelten in einer überaus eindrucksvollen Prozession, welche die Leiche des Gottes vom Nilufer bis zu seiner mit dem Tempel verbundenen Grabstätte geleitete. Wie die Passionsspiele zu Oberammergau eine aus allen Ländern der Christenheit kommende andachtsvolle Menge anziehen, so zogen jene zu Abydos stets Tausende und aber Tausende Gläubige aus allen Teilen Ägyptens herbei. Da der Glaube bestand, daß Osiris, der zu neuem Leben erstandene Herr des Totenreiches, allen seinen Anhängern ewiges Leben und Aufnahme in sein Reich verleihen werde, so wählten die Würdenträger Ägyptens wie die mit irdischen Gütern Gesegneten Abydos auch mit Vorliebe als denjenigen Ort, wo sie ihre Mumien beisetzen ließen.

Theben, wo der Götterkönig Amon verehrt wurde, war ein ähnlicher Wallfahrtsort, wo an den Festen des Gottes seine mit kostbaren Edelsteinen auf das reichste geschmückte Bildsäule in feierlicher Prozession in einem Schiffe sitzend umhergeführt wurde. Er zeigte sich hier als der oberste Lenker des Weltschiffes, von welchem alle Bewegungen des Weltalls ausgehen.

Die hier beigefügte Wiedergabe einer jener Zeit entstammenden Bildhauerarbeit zeigt das von 24 Trägern in feierlicher Prozession mitgeführte Weltschiff. In seiner Mitte erhebt sich ein Schrein, in dem der Sonnengott in Gestalt des heiligen Skarabäuskäfers mit ausgebreiteten Flügeln dargestellt ist, wie er zwischen seinen Vorderfüßen den Sonnenball hält. Vier mit Leopardenfellen bekleidete Priester schreiten zur Sete des Schiffes, dem zwei mit mächtigen Fächern versehene Sklaven folgen. Im Vorderteil des Schiffes erhebt sich ein kleiner Altar, auf dem die Figur des Skarabäus wiederholt ist. Eine vor dem Altar kniende Person bringt dem Gott Opfer dar. —

In Bubastis, der heiligen Stadt der katzenköpfigen Göttin Pascht oder Sechet, sollen sich gelegentlich ihrer Jahresfeste an die 700000 Menschen versammelt haben. In der Stadt selbst sei dabei mehr Wein verbraucht worden als in dem übrigen Ägypten während des ganzen Jahres. Schilderungen der bei solchen Festen veranstalteten Prozessionen, bei denen die Bilder der Götter von den Pastophoren oder Kapellchenträgern in kleinen tragbaren Kapellchen mitgeführt wurden, sind uns von Herodot (1. 191. 2. 58), Herodian (5. 6), Apulejus (9. 7) und anderen griechischen Besuchern Ägyptens übermittelt worden. —

Auf ein vieltausendjähriges Alter können zweifellos auch manche jener Wallfahrtsorte zurückblicken, die noch heute in Indien bestehen. Um in dem Zuzug zu diesen heiligen Stätten keine Verminderung eintreten zulassen, senden die Priester derselben auch hier alljährlich Hunderte von „Pilger-Werbern“ aus, die alle Provinzen Indiens durchziehen.

über die Tätigkeit solcher Werber berichtete der berühmte Reisende Schlagintweit in seinem Werke „Indien“ (1. 186. 192):

„Im Werbebezirk angelangt, hält sich der Werber außerhalb der Dörfer auf, bis die Männer draußen mit ihrer Feldarbeit beschäftigt sind. Dann macht er den Frauen und Matronen seine Besuche und sucht, geübt in den Künsten der Überredung, durch allerhand Einwirkungen Pilger zu gewinnen. Er wirkt ein auf die Furcht vor dem Jenseits; er lockt durch die Aussicht auf Sündenvergebung und auf sichere Erlösung von Wiedergeburt durch ein Grab im Schatten des Gottesbildes. Der jungen kinderlosen Frau wird ein Sprößling prophezeit, wenn sie Früchte von dem geheiligten Banyabaum im Tempelhof pflückte. Rechnet man dazu noch die Neugierde, fremde Provinzen kennenzulernen, und die Scheu, zurückzubleiben, wenn die Mehrzahl der Freunde sich für das Unternehmen begeistert, so ist erklärlich, daß wenige Tage nach der Ankunft solcher Werber jedes Haus im Dorfe seinen beredten Pilgerapostel stellt.

Das Weltschiff in einer Prozession. Nach einer ägyptischen Bildhauerarbeit

Das Weltschiff in einer Prozession.

Nach einer ägyptischen Bildhauerarbeit.

Sobald nun die Feldarbeit ruht, zieht die Pilgerkarawane unter Führung des Werbers aus. Der Zug formt sich zur Prozession. Da schreitet dem Zuge eine mit lebenden Blumen geschmückte jugendliche Frau voran: der Anzug aus grellen Farben, die Nase vom Ring durchbohrt, auf Stirn und Nasenbein die Sektenabzeichen dick aufgetragen. Einen anderen Zug führen Mitglieder einer der zahlreichen Bettlerkasten an; einige gehen fast nackt mit vor Schmutz starrenden Haaren; andere haben den Körper mit Asche und Kuhdünger widerlich eingerieben. Manche legen sich noch ganz besondere Qualen auf. So hat der eine seinen Kopf durch ein schweres Eisengitter hindurchgesteckt, das auf der ganzen Reise nicht abgelegt wird. Ein anderer gelobt, nicht zu gehen, sondern den ganzen Weg durch seine Körperlänge auszumessen. Hierzu wirft er sich nach jedem zweiten Schritte platt auf die Erde. Die Mehrzahl der Pilger ist ein Bild des Jammers geworden, noch ehe sie das heilige Land betreten hat; mit wunden Füßen schleppt sich der Zug fort, nicht wenige bleiben zurück und erliegen in qualvoller Einsamkeit ihren Leiden. Aber angeeifert durch die Erklärungen des Werbers, der Schritt um Schritt auf ein Heiligtum hinweist, das am Wege steht oder in der Ferne sichtbar wird, geht es mit neuem Mute vorwärts, und ähnlich wie im Mittelalter bei den Jerusalemspilgern, wird alle Pein vergessen angesichts der heiligen Stadt; die Pilger baden, holen die Feiertagsanzüge vor und ziehen vor das Löwentor des berühmten Dschagannath-Tempels. Hier empfangen Männer der Kehrerkaste die Reisenden und bestreichen (gegen Entgelt) jeden Eintretenden mit einem Besen, wodurch, wie ein nebenstehender Priester erklärt, die Sünden der Welt weggefegt sind; dabei läßt sich der Templer bei Verlust aller Vorteile der Pilgerfahrt das Gelübde geben, weder die Geheimnisse des Heiligtums zu verraten, noch die Leiden der Reise zu verbreiten(!).

In der Opferhalle nimmt man die freiwilligen Gaben entgegen, deren sich die Priesterschaft von jedem Besucher versieht; wer knapp an Mitteln ist, dem wird ein Wechsel zur Unterschrift vorgelegt, zahlbar in der Heimat. Solche Wechsel werden jederzeit eingelöst, selbst wenn die Unterzeichner auf der Rückreise versterben.“ —

Wohl der berühmteste Wallfahrtsort Indiens ist die auf der Ostküste der Halbinsel gelegene Stadt Dschaggernaut, deren Hauptstraße fast ausschließlich aus religiösen Zwecken dienenden Gebäuden besteht. Am Südende dieser Straße erhebt sich auf einer 6 1/2 Meter hohen, von weitausgedehnten Mauern umgebenen Terrasse der 55 Meter hohe Haupttempel. Hier ist der in Sandelholz verwandelte wahre Körper Krischnas, des hier Dschagganatha genannten „Herrn der Welt“ zu sehen, ein uraltes, aus Holz geschnitztes 2 Meter hohes Götzenbild, dessen ursprüngliche blaue Farbe im Lauf der Zeit schwarz wurde. Zwei große Diamanten dienen ihm als Augen. Der weit aufgesperrte Rachen ist blutrot. Außerdem ist die Figur mit Gold und Perlen reich geschmückt. Ihm zur Seite stehen die Figuren zweier Begleiter, seines Bruders Siwa und seiner Schwester Sathadra in weißer, resp. gelber Bemalung. Täglich beanspruchte diese Dreieinigkeit an Nahrungsmitteln 410 Pfund Reis, 225 Pfund Mehl, 350 Pfund Butter, 167 Pfund Brot, 65 Pfund Gemüse, 186 Kannen Milch, 24 Pfund Gewürz, 41 Kannen Öl und 34 Pfund Salz, die von den hierherkommenden Pilgern aufgebracht werden müssen. Nachdem diese Opfer den Götzen zu Füßen gestellt sind, haben aber alle Pilger den Tempel zu verlassen, da es unschicklich wäre, die Götter essen zu sehen. Da nach der Mittagspause diese ansehnlichen Mengen von Nahrungsmitteln stets verschwunden sind, so freuen sich die Pilger über den vorzüglichen Appetit der Gottheiten; wogegen weniger gläubige Besucher des Orts annehmen, daß es sich hier um die gleichen Vorgänge handle, wie solche durch Daniel im Tempel des Baal bloßgestellt wurden.

Außer diesen Opfern werden von den Pilgern noch besondere Taxen erhoben, deren geringste 1 Rupie = 50 Cents oder 2 Mark beträgt. Da die Zahl der Pilger sich in früheren Jahren manchmal auf mehrere Hunderttausende belief, so flossen dadurch dem Tempelschatz alljährlich ungeheure Reichtümer zu, die sich mitunter auf 900000 bis 1000000 Rupien belaufen haben sollen. Außerdem übernehmen die Tempelpriester, natürlich gegen entsprechendes Entgelt, auch die Beköstigung der Wallfahrer, vorgebend, daß die im Tempel zubereiteten Speisen ganz besonders bekömmlich seien.

Von den zwölf großen Festen, die jährlich in Dschaggernaut gefeiert werden, ist das vom 18. Juni bis 6. Juli dauernde das wichtigste. Es beginnt mit einer Prozession zu Ehren der Gottheiten, die, von den in ihren Prunkgewändern erscheinenden Priestern geleitet, bis zu jener Stelle führt, wo die Figuren der Götter gewaschen, d. h. mit heiligem Wasser übergossen werden.

In schimmerndes Gold und bunte Seide gekleidet, zeigen sich die Gottheiten dabei auf einem an 25 Meter hohen Prunkwagen, der in Form einer Pagode neun Stockwerke besitzt, in deren jedem zahlreiche Mädchen allerhand üppige Tänze aufführen. Der von 32 Rädern getragene Wagen wird mittels sechs starker und sehr langer Schiffstaue fortbewegt, und zwar von den Pilgern, die vermeinen, damit ein höchst gottgefälliges Werk zu verrichten. Alles das spielt sich unter dem betäubenden Schall der lärmendsten Musikinstrumente ab, unter den von hunderttausend Lippen kommenden Rufen „Hurri-bol! Hurri-bol! Preiset den Namen Gottes!“ —

Es war während dieser sinnverwirrenden Umzüge, daß in früheren Zeiten, und zwar bis um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, viele von religiösem Taumel erfaßte Pilger sich vor die Räder des ungeheueren Wagens warfen und von demselben zermalmen ließen, um damit ewiger Seligkeit teilhaftig zu werden. Die Zuschauer nahmen solche Selbstopferungen als höchst gottgefällige Handlungen mit lautem Beifall auf; die Priester feuerten sogar zu denselben an und veranlaßten dadurch unzählige gläubige Toren, sich gleichfalls unter die Räder zu stürzen und unter dem Beifallsgebrüll der Menge ihre letzten Seufzer auszustoßen.

Niemand, die Priester wohl zum wenigsten, ließen es sich angelegen sein, die zermalmten Leichen dieser Opfer eines fanatischen Aberglaubens zu beseitigen oder jenen Pilgern, die infolge der auf ihren viele hundert Meilen weiten Wallfahrten erlittenen Entbehrungen an Entkräftung starben, eine letzte Ruhestätte zu bereiten. Ihre Leichen wurden ein Raub der vielen Schakale und Hyänen, die sich in der Nähe der Pilgerstraßen und Wallfahrtsorte aufhielten. Es heißt, daß diese Tiere, da sie genug verwesende Menschen fanden, die Lebenden nie angefallen hätten, was natürlich dem Einfluß des „Herrn der Welt“ zugeschrieben wurde.

Dieser angebliche „Herr der Welt“ ist übrigens noch an einer anderen Stelle Indiens körperlich vorhanden, in der mehrere Meilen von Kalkutta gelegenen Ortschaft Serampore, die noch heute für viele Millionen Hindus das Ziel frommer Wallfahrten bildet und wo jeder Gläubige mindestens einmal in seinem Leben geopfert haben sollte.

Mit solchen religiösen Festen sind in der Regel auch allerhand Jahrmärkte verbunden, wo die Pilger Gelegenheit finden, sich während der nicht durch religiöse Handlungen ausgefüllten Zeit allerlei weltlichen Freuden hinzugeben. Da gibt es dann Tänzerinnen und Kurtisanen, Musikanten, Wahrsager und Akrobaten. Kuchen und Zuckerwerk werden in erstaunlichen Mengen verzehrt, inmitten einer Umgebung, die an Buntheit und Lärm alles übertrifft, was die Jahrmärkte des Abendlandes darbieten können. —

Indien, das Land des Wunderglaubens, hat aber außerdem noch zahllose andere Wallfahrtsorte.

In Kandy, der Hauptstadt der Insel Ceylon, wird seit uralten Zeiten ein angeblicher Zahn des Gautama Buddha, des Messias des Orients, verehrt. Da dieser Zahn zwei Zoll lang und an seiner Wurzel einen Zoll breit ist, so ist Grund zu der Annahme vorhanden, daß er ursprünglich im Rachen eines Krokodils oder Wildschweins gesessen habe. Der Zahn hat, wie manche andere Reliquien, seine Wettbewerber; denn in Pegu gibt es noch einen, und der Streit, welcher echt, welcher unecht, hat die Buddhisten vielfach beschäftigt. Die Geschichte des Zahnes ist sehr alt. Im Jahre 543 vor unserer Zeitrechnung wurde er angeblich durch einen Schüler Buddhas aus der Asche des Scheiterhaufens, auf dem die Leiche Buddhas verbrannt wurde, gerettet und dabei die Stadt Dantapura (Zahnstadt) in Hindostan erbaut. Im 4. Jahrhundert kam er bei der Vertreibung der Buddhisten nach Ceylon, und seitdem ist er auch nicht in Ruhe geblieben. Die Engländer bemächtigten sich seiner bei der Eroberung von Kandy, um dadurch Einfluß auf die gläubige Bevölkerung zu gewinnen. Wiederholt wurde er dem Tempel zurückgegeben, dann wieder konfisziert oder von englischen Posten bewacht. Von 1818—1847 stellten ihn die englischen Gouverneure wiederholt aus, wobei es an Feierlichkeiten nicht fehlte und die britische Artillerie Salutschüsse abfeuerte. Darüber erhob sich aber in London ein großes Geschrei, und die Gouverneure wurden der heidnischen Dämonenverehrung angeklagt. Das schlimmste aber ist, daß der Zahn gar nicht einmal der „echte“ — abgesehen von seiner Elfenbeinnatur — sein soll. Der „echte“ war gegen Ende des 16. Jahrhunderts in die Gewalt der Portugiesen geraten und trotz hohen angebotenen Lösegeldes ließ ihn der Erzbischof von Goa verbrennen. Durch ein Wunder aber erstand der Zahn wieder. Denn Reliquiengeschichten sind überall die gleichen in der Welt. —

Um einfältige Pilger anzulocken, erklärten buddhistische Priester auch eine zufällige, dem Abdruck eines Menschenfußes ähnliche Vertiefung auf dem Adams Pik für die Fußspur Buddhas. —

Von den Ägyptern und Indern übertrugen sich solche Anschauungen über heilige Stätten und Reliquien auf die Assyrer, Perser, Griechen und Römer. Wohl das berühmteste Heiligtum des klassischen Altertums war das Palladium, eine drei Ellen hohe Figur der bewaffneten Göttin Pallas Athene. Der Sage nach wäre diese Figur vom Himmel herniedergefallen und habe sich in Verwahrung der Königsfamilie der Stadt Troja befunden, deren Wohlfahrt und Unüberwindlichkeit von diesem Palladium abhing. Als Troja von den Griechen belagert wurde, sei es dem schlauen Odysseus gelungen, als Bettler verkleidet in die Stadt zu schleichen und die Figur zu entwenden. Damit sei die wichtigste Vorbedingung für den Fall der Stadt erfüllt gewesen. Nach ihrer Eroberung sei das Palladium nach Griechenland gebracht worden.

Eine andere Sage wollte hingegen wissen, der Trojaner Äneas habe das Palladium bei seiner Flucht aus der Stadt gerettet und nach Rom gebracht. Sicher ist, daß fortan sechs verschiedene Orte: die griechischen Städte Athen und Argos sowie die italienischen Städte Rom, Lucria, Lavinium und Siris behaupteten, im Besitz des einzig echten Palladiums zu sein. Das in Rom befindliche Palladium wurde im Tempel der Vesta aufbewahrt. Da von seiner Erhaltung dem Volksglauben gemäß die Sicherheit des ganzen Römischen Reiches abhing, so war seine Obhut in die Hände eines Hohenpriesters gelegt, der den Titel Pontifex maximus führte und von sechs Jungfrauen, den sogenannten Vestalinnen unterstützt wurde. Sie mußten über dem die Figur bergenden Altar eine heilige Flamme unterhalten, die nie erlöschen durfte. —

Im Lauf der Zeit gerieten alle Palladien in Vergessenheit. Einer aus dem vierten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung stammenden byzantinischen Tradition zufolge hätte Kaiser Konstantin das in Rom aufbewahrte Palladium entführt und auf dem Forum der Stadt Konstantinopel unter der Porphyrsäule vergraben, die sein Standbild trug. Der mit dem Palladium verbundene Begriff, daß die Sicherheit einer Stadt vom Besitz eines bestimmten Gegenstandes abhänge, übertrug sich später in weiterem Sinne auf mancherlei Gegenstände, denen man eine ähnliche Bedeutung zuschrieb.

Im Tempel des Kriegsgottes Mars zu Rom wurden auch ein heiliger Speer und ein Schild verehrt, die gleichfalls vom Himmel herniedergefallen seien, als Numa Pompilius König von Rom war. Sie befanden sich in Verwahrung mehrerer Priester, der Salii, die dem Gott Mars für diese wertvollen Gaben alljährlich ein Dankfest bereiteten.

In Griechenland blühte vornehmlich der Heroenkult, die Verherrlichung jener sagenhaften Helden, von denen manche angeblich flüchtigen Verbindungen der Götter mit liebreizenden Töchtern der Erde entsprossen waren und deren Ruhm die ganze damalige Welt erfüllte.

Voll Stolz brüsteten sich die Priester des Apollotempels zu Kroton, die echten Waffen des Herkules zu besitzen, die gleichen, mit denen er die neunköpfige lernäische Hydra erlegt habe. Ein Finger, der ihm im Kampf mit dem numeischen Löwen abgebissen worden, war in Lakedaimon zu sehen. Der Tempel der Athena zu Phaselis rühmte sich, die Lanze des Achilles zu besitzen. Nach dem Tode des Helden habe Odysseus sie an sich genommen. Als dieser während seiner Irrfahrten Schiffbruch erlitt, sei sie ins Meer gefallen, aber von den Wellen an den Strand gespült worden. Ein Helm des Odysseus wurde im Tempel zu Engyion gezeigt; das Schiff der Argonauten in Korinth; Haare vom Kopf der Gorgo Medusa in Tegea; die Gebeine des Orpheus in Dios, Mazedonien; außerdem existierten zwei Häupter dieses unvergleichlichen Sängers, von denen das eine sich in Lesbos, das andere in Smyrna befand. Doppelt vorhanden war auch seine Leier, die eine im Apollotempel in Lesbos, die andere in Herakleia in Bithynien. Schmucksachen, Becher und Sandalen, die sich im Besitz der schönen Helena befunden hatten, gab es die schwere Menge. —

Allgemein bekannt ist die Sage von Leda, deren Schönheit den Götterkönig Zeus derart berückte, daß er sich in einen Schwan verwandelte und als solcher sich der Königstochter beigesellte, als sie sich im Bade befand. Die Folge war, daß Leda zwei Eier zur Welt brachte, in deren einem sich Pollux und Helena befanden, während aus dem anderen Kastor hervorging. Dem Schriftsteller Pausanias zufolge wurde eines dieser Eier im Heiligtum der Leukippiden zu Sparta gezeigt[Pausanias, III, 16, 1.].

Zahlreiche Künstler wählten den Mythus der Leda zum Vorwurf für Gemälde und Werke der Bildhauerkunst. In denselben ist Leda bald sich sträubend gegen den göttlichen Schwan, bald als demselben sich hingebend dargestellt. Aber es existiert auch ein antikes Basrelief, das Leda auf einem Ruhebett, an ein Kissen gelehnt, zeigt. Die beiden Eier, aus denen Kastor, Pollux und Helena eben ausschlüpften, liegen zu ihren Füßen. Ringsum stehen einige hilfsbereite Ammen, aber auch der wirkliche Gemahl Tyndareus, der mit der Gebärde berechtigten Erstaunens die Eierschalen und den ihm zuteil gewordenen Familienzuwachs betrachtet. —

Weit berühmt als Gnadenstätte war auch die in Kappadozien gelegene Stadt Komana, deren Pontifex maximus gleich den römischen Päpsten keinen weltlichen Herrscher über sich anerkannte, aber ebenso für seine Person göttliche Verehrung beanspruchte. In Komana wurden nicht nur die Haare des Orestes verehrt, sondern auch das Opfermesser seiner Schwester Iphigenia[Eine sehr umfangreiche Darstellung des Reliquienkults hat Friedrich Pfister in dem im Jahre 1909 in Gießen erschienenen, zwei Bände umfassenden Werk „Der Reliquienkult im Altertum“ geliefert.].

Ein in ganz Griechenland hochberühmter Wallfahrts- und Kurort war das in der Nähe der Hafenstadt Epidauros gelegene Heiligtum des Asklepios oder Äskulapius, jenes von Apollo mit der schönen Nymphe Koronis erzeugten Wundertäters, dem sein göttlicher Vater die Gabe verliehen hatte, die Menschen von allen Leiden und Gebrechen zu befreien. Sein inmitten eines Haines gelegener Tempel enthielt die aus Elfenbein und Gold hergestellte kolossale Bildsäule, die ihn sitzend darstellte, in der einen Hand den von einer Schlange umringelten Stab haltend.

Über der zum Tempel führenden Pforte standen die Worte geschrieben:

Nur wer gläubigen Sinnes ist, darf mir nahen!

Wer die Hilfe Gottes anrufen wollte, mußte erst durch die Priester vorbereitet sein. Diese Vorbereitungen bestanden in Fasten, Bädern und Räucherungen mit narkotischen Stoffen aller Art. So geweiht wurden die Kranken in die rings um den Haupttempel liegenden Schlafhäuser geführt. Bei feierlicher Stille und tiefem Dunkel schliefen sie hier ein und empfingen während ihrer Träume die Anweisungen, die ihnen angeblich von dem in ureigener Gestalt erscheinenden Gott, in Wirklichkeit aber von seinen ihn nachahmenden Priestern eingeflüstert, suggeriert wurden. Zweifellos war den Priestern des Altertums die erst in neuerer Zeit wieder entdeckte Tatsache bekannt, daß gerade der Schlafzustand besonders geeignet ist, das Gemüt mit allerhand Vorstellungen zu erfüllen und ihm Kraft und Stärke zu verleihen, schädlichen Einflüssen zu widerstehen. Da die zum Asklepiostempel kommenden Kranken nur den einen Wunsch hatten zu gesunden, so werden die ihnen im Schlaf gemachten Einflüsterungen und Suggestionen sicherlich einen dahingehenden Charakter gehabt haben[Daß man sich während des Schlafes ganze Träume einreden, soufflieren lassen kann, ist auf Grund eigener Versuche von den Verfassern folgender Werke beglaubigt worden: Spitta, „Die Schlaf- und Traumzustände der Seele“ (Tübingen 1882); Scherner, „Das Leben des Traumes“ (Berlin 1861); Siebeck, „Das Traumleben der Seele“ (Berlin 1877); Radestock, „Schlaf und Traum“ (Leipzig 1879); Maury, „Le sommeil et les rêves“ (Paris 1877).].

Wenn beim Erwachen die Erinnerung an den Traum fehlte, oder der Kranke dessen Sinn nicht verstand, dann deutete ihn der Priester im Innersten des Tempels und erklärte den Willen Gottes, durch dessen Befolgung der Kranke genas. Wer nicht gesundete — der war eben nicht gläubigen Sinnes hierhergekommen, oder er hatte sich irgendeines Vergehens schuldig gemacht, dadurch den Unwillen Gottes auf sich geladen und sollte nicht genesen.

Gelangen den Priestern derartige Heilungen, so veranlaßten sie den Geheilten, zum Zeugnis eine Votivtafel[Eine große Zahl solcher Dankeszeichen für wunderbare Hilfe wurden auch aus den Ruinen jener Tempel ausgegraben, die der Göttin Tanuth, dem Baal-Hammon und den in Karthago verehrten Gottheiten geweiht waren. Vergl. „Gartenlaube“, Jahrg. 1878, S. 165.] im Tempel aufhängen oder eine Inschrift in eine der zu diesem Zweck aufgerichteten Säulen eingraben zu lassen. Diese Votivtafeln, die also genau den teils echten, teils unechten „Dankschreiben“ entsprechen, mit denen zu Reklamezwecken unsere modernen Quacksalber ihre Pamphlete und Flugschriften so überreich ausstatten, waren geradezu massenhaft vorhanden.

Als im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts die Ruinen dieses Heiligtumes aufgedeckt wurden, fand man mehrere jener mit Inschriften bedeckten Säulen, auf denen von wunderbaren Heilungen berichtet wurde, die im Tempel geschehen seien. Da heißt es z. B.: „Heräus war kahlköpfig. Während er schlief, erschien der Gott an seinem Lager und rieb ihm den Kopf. worauf Heräus beim Erwachen die prächtigsten Locken besaß.“ —

„In der Kinnlade des Egippus steckte seit einem vor längerer Zeit unternommenen Kriegszug die abgebrochene Spitze einer Lanze. Während der Nacht zog der Gott dieselbe hervor und legte sie dem Schlafenden in die Hand.“ —

„Agestratos litt infolge eines Kopfleidens beständig an Schlaflosigkeit und war infolgedessen außerordentlich geschwächt. Ihm riet der Gott, fleißig körperliche Übungen zu machen. Als Agestratos aus seinem Schlummer erwachte, war er völlig geheilt, und als er dem Rat des Gottes folgte, erlangte er so große Kraft, daß er aus allen in Nemea abgehaltenen Ringkämpfen als Sieger hervorging.“ —

„Kajus, der blind war, erfuhr durch das Orakel, daß er im Tempel inständige Gebete verrichten, seine Hand auf den Altar legen und dann mit derselben seine Augen bedecken solle. Der Weisung gehorchend, erlangte er sofort seine Sehkraft zurück. Dieser Beweis der Allmacht Gottes geschah im Beisein einer in lauten Jubel ausbrechenden Menge während der Regierung des Antonius.“ —

„Dem Valerus Apes, einem erblindeten Soldaten, der das Orakel befragte, wurde geheißen, das Blut eines weißen Hahns mit Honig zu mischen und mit dieser Salbe an drei aufeinanderfolgenden Tagen die Augen zu bestreichen. Dadurch wurde er sehend, worauf er den Göttern öffentlich Dank zollte.“ —

Sehr scharf wenden sich die an den Säulen angebrachten Inschriften gegen die Zweifler. Da heißt es z. B., daß der Athenerin Ambrosia, die beim Lesen der Inschriften gelacht habe, der Gott erschienen sei und ihr befohlen habe, zur Strafe für ihre Torheit ein silbernes Schwein zu opfern. Ein anderer, von Gicht geplagter Zweifler habe sich über die in den Inschriften verkündigten Heilungen lustig gemacht. Um ihn eines Besseren zu belehren, habe der Gott ihn sofort geheilt, ihm aber auch in warnendem Ton die Worte zugerufen: „Wenn du nicht an alle jene Wunder glaubst, wirst du auch nicht an deine eigene Heilung glauben können!“ —

Alle fünf Jahre wurden an diesem Ort fünf Tage lang dauernde Feste, die „Asklepien“ gefeiert, zu denen sich viele Tausende Teilnehmer einfanden. In prunkvoller Prozession wurde dann eine von Zentauren gezogene und von fackelschwingenden Priestern begleitete Bildsäule des Gottes umhergeführt, während ringsum heilige Gesänge ertönten. Nach diesen Feierlichkeiten folgten Opfer aller Art und Kampfspiele. Die Opfer bestanden meist in Geldspenden, die in so reichem Maße dargebracht wurden, daß im Umkreis des Heiligtums besondere Schatzhäuser errichtet werden mußten.

Alljährlich von Hunderttausenden hilfeflehenden Menschen besucht, blühte Epidaurus zu einer mit Tempeln, Prachtpalästen, Logierhäusern, Theatern, Vergnügungshallen, Säulengängen, Wasserleitungen usw. versehenen reichen Stadt empor, in der das auf den Wunderglauben der Menge spekulierende Priestertum goldene Ernten hielt. Diese spornten das Priestertum anderer Landschaften an, gleichfalls dem Äskulap geweihte Heilstätten zu gründen. So entstanden in Griechenland jene bei Pergamus, Athen, Sicyon, Tricca, Megalopolis, Messene, Cyrene und Cos; desgleichen mehrere in Italien, vor allem das auf einer Insel im Tiber gelegene Asklepium der Stadt Rom. Um solchen Neugründungen von vornherein die richtige Weihe zu geben und Zulauf zu sichern, ersannen die um plausible Erklärungen nie verlegenen Priester allerlei dahindeutende Märchen, daß Asklepius seine unzweideutige Zustimmung zur Errichtung dieser Filialstätten erteilt habe. Über das in Rom errichtete Asklepium wurde beispielsweise berichtet, daß, als die Stadt von einer furchtbaren Seuche heimgesucht wurde, eine Gesandtschaft nach Epidaurus segelte, um in dem dortigen Tempel um Hilfe zu flehen. Kaum betraten diese Abgesandten den Tempel, als von der Statue des Gottes die seinen Stab umringelnde Schlange sich löste, Leben gewann und die Gesandten durch die Straßen der Stadt auf ihr Schiff und nach Rom begleitete. Erst als das Schiff an der Tiberinsel vor Anker ging, schwamm die Schlange ans Ufer zu jener Stätte, auf welcher der neue Tempel Äskulaps nunmehr errichtet wurde. —

Daß schon damals manche aufgeklärte Personen den von den Priestern am Volke verübten Betrug durchschauten, geht aus der ergötzlichen Schilderung einer Tempelszene hervor, die der Feder des attischen Lustspieldichters Aristophanes entstammte. In seiner Komödie „Plutos“ soll dem erblindeten Gott des Reichtums und der Habsucht die Sehkraft wieder verliehen werden. Dafür weiß Chremylos, in dessen Haus der Gott eingekehrt ist, keinen besseren Rat, als Plutos in das Heiligtum des Asklepios zu bringen. Er befiehlt also seinen Sklaven, den Blinden zu führen und Bettzeug und anderen Bedarf mitzunehmen. Im nächsten Abschnitt des Lustspiels berichtet nun einer der Sklaven über die erfolgte schnelle Heilung folgendermaßen:

„Als wir mit Plutos, damals dem unglücklichsten, jetzt aber seligsten Menschen am Meer ankamen, badeten wir ihn zunächst und brachten ihn dann zum Heiligtum, auf dessen Altar wir Kuchen und andere Opfergaben als Weihegeschenke niederlegten. Dem Brauch gemäß, betteten wir ihn in der Nähe des Altars und uns auf einer Streu daneben. Nachdem hierauf die Priester die Lampen ausgelöscht und uns bedeutet hatten, zu schlafen und zu schweigen, falls wir ein Geräusch hörten, legten wir uns alle hin. Ich aber konnte nicht schlafen, denn ein Topf mit Milchbrei, der nicht weit von dem Kopf eines alten Mütterchens stand, reizte mich. Zu diesem Topf hinzukriechen gelüstete mich gewaltig. Aber als ich dorthin blinzelte, gewahrte ich einen Priester damit beschäftigt, die auf dem Altar liegenden Kuchen, Feigen und anderen Opfergaben hinwegzuraffen. Dann umwandelte der Priester noch einige andere Opfertische und spähte, ob nicht irgendwo noch Gebäck übrig war. Und alles weihte er in seinem Sack. Als ich das sah, hielt ich auch mein Vorhaben für ein heiliges Werk und machte mich nachdem Breitopf auf, da ich fürchtete, der kranzgeschmückte Gott möge mir zuvorkommen. Als das Mütterchen mich kriechen hörte, streckte sie die Hand aus; ich aber zischte und biß sie gleich einer Schlange des Asklepios. Sofort zog sie die Hand zurück, wickelte sich in ihre Decken und lag ruhig. Ich schlappte und schluckte hierauf eine Masse Brei hinunter, bis ich satt war, worauf ich mich niederlegte.“

Dann erzählte der Sklave weiter, wie Asklepios gekommen sei, sich neben Plutos niedergesetzt und ihm Haupt und Augen befühlt habe. „Endlich schnalzte der Gott mit seiner Zunge, worauf aus dem Tempel zwei riesige Schlangen hervorschossen. Diese schlüpften unter Plutos Bettuch, beleckten, wie ich glaube, seine Augenlider. Und noch ehe du drei Kannen Wein austrinken könntest, stand Plutos sehend auf!“ —

Advertisements

Über Laetitia

Schau doch mal in meinen Blog rein: „Neue Volkswarte“ :)
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s