[4] R. C. DARWIN / DIE ENTWICKLUNG DES PRIESTERTUMS UND DER PRIESTERREICHE

In diesem Beitrag kann man folgende Kapitel aus dem Buch “Die Entwicklung des Priestertums und der Priesterreiche” von Rudolf Cronau (Pseudonym “Randolph Charles Darwin”) lesen:

Ein komplettes Inhaltsverzeichnis des Buches befindet sich in Beitrag 1.

„Wo immer Forscher in engere Berührung mit wilden Völkerstämmen kamen, konnten sie beobachten, daß in fast allen kleinen Ortschaften die Aufgabe, deren Bewohner vor den Anschlägen böser Geister zu schützen, in den Händen nur eines Schamanen liegt. Sorglich sind diese Gaukler dann auch darauf bedacht, keine Konkurrenten aufkommen zu lassen, mit denen sie ihre Einkünfte teilen müßten. Erst wo die Gemeinwesen größere Ausdehnung gewinnen und die Stämme sich über weite Gebiete verbreiten, wächst dementsprechend die Zahl solcher Beschwörer. Meist betreiben sie dann ihr auf die Ausbeutung der Stammesgenossen abzielendes Gewerbe unabhängig voneinander. Ja, es mag sich ereignen, daß sie voll giftiger Eifersucht einander aufs bitterste befehden und durch öffentliche Proben ihrer Kunst den Stammesgenossen Beweise dafür zu liefern suchen, daß ihre Macht über die Welt der unsichtbaren Geister und Dämonen größer als jene der Nebenbuhler sei und mehr Vertrauen verdiene. Ein klassisches Beispiel solchen Wettstreites liefern bekanntlich die Kapitel 7—12 des Buches Moses, in denen geschildert ist, wie vor den Augen Pharaos die Priester Ägyptens von Moses durch Verrichtung weit eindrucksvollerer Wundertaten geschlagen wurden. —

Mit der Zeit führt aber die Erkenntnis, daß es unklug sei, einander zu bekämpfen, sondern daß größere Vorteile erzielt werden können, wenn man gemeinsame Sache mache, solche Zauberpriester zu einer Verständigung, zu einem Zusammenschluß.“,

„Dieser uralten Erkenntnis der Ersprießlichkeit eines Zusammengehens zum Zweck gegenseitiger Förderung und Ergänzung sind die Priester und Herrscher stets treu geblieben. Verliehen die weltlichen Herrscher als oberste Befehlshaber der Kriegerkaste den Priestern Schutz und Schirm, so wurden die Priester hingegen die Stützen der Regenten, indem sie den Glauben an die Göttlichkeit, an das „Gottesgnadentum“ der Herrscher zu einem Dogma erhoben und dadurch zur Sicherheit der Herrscher außerordentlich beitrugen.“,

„Die Interessengemeinschaft führte die Schamanen mit der Zeit überall zur Bildung förmlicher Priesterzünfte, deren Mitglieder sich von dem gewöhnlichen Volk streng absonderten, sich als die einzigen berufenen Vermittler zwischen Menschen, Geistern und Göttern ausgaben und als solche sich mancherlei Vorrechte anmaßten. Bereits in vorgeschichtlichen Zeiten entwickelte sich ein derartiges Priestertum bei allen jenen Völkerschaften, die später als Chaldäer, Babylonier, Assyrer, Perser, Inder, Chinesen, Ägypter, Juden, Griechen, Römer, Gallier und Germanen in der Geschichte des Altertums so große Bedeutung erlangten.“

Ab hier geht es weiter mit dem Originaltext des Buches.


DIE MACHTSTELLUNG DER SCHAMANEN UND FETISCHPRIESTER

Habgier und Herrschsucht waren für die Schamanen und Fetischpriester aller Naturvölker von jeher bezeichnend. Mit erstaunlichem Scharfsinn und Geschick verstanden sie es, ihrem Willen, ihren Anordnungen und Bestimmungen das ganze Dasein der Stammesgenossen zu unterwerfen und sich diese dienstbar zu machen. Keine Möglichkeit, sich in die Angelegenheiten der einzelnen Familien wie der Gesamtheit einzumischen, wurde außer acht gelassen. Zunächst waren sie es, die allüberall die Aufnahme der Neugeborenen wie auch die spätere Einführung der mannbar gewordenen Knaben und Mädchen in den Clan vermittelten. Zeremonien, die der christlichen Taufe ähneln und denen ähnliche Bedeutung beigelegt wurde, waren bei vielen Völkern des Altertums üblich und sind bei manchen Naturvölkern der Gegenwart noch heute gebräuchlich. Vornehmlich wurde die Einführung der herangewachsenen Knaben in den Bund der wehrhaften Männer mit vielerlei Zeremonien umkleidet, die nur von den Priestern vollzogen werden durften. Handelte es sich doch dabei darum, die Jünglinge nicht bloß für alle Mitglieder des Stammes, sondern auch für dessen Schutzgötter kenntlich zu machen, damit sie deren Beistand in Fällen der Gefahr sicher seien. Diese Kenntlichmachung geschah bei vielen Naturvölkern durch an bestimmten Stellen des Körpers angebrachte Merkmale oder Zeichen, durch gewisse Einschnitte in die Haut und dadurch erzeugte, leicht sichtbare Narben, welche die Blutsverwandtschaft, die Zugehörigkeit der so Gezeichneten zum Stamm zum Ausdruck brachten. Bei manchen afrikanischen und orientalischen Völkerschaften, vornehmlich bei den jüdischen Stämmen, geschah diese Kennzeichnung durch die Beschneidung der Vorhaut.

Vielfach nahmen die Priester solche Akte nicht an einzelnen allein vor, sondern ließen eine Schar gleichaltriger Knaben sich versammeln. Wie z. B. auf Tahiti, wo der Priester mit den Knaben für eine Weile in die Einsamkeit der Gebirge zog, von wo sie dann, mit den Stammeszeichen versehen und mit Blumen geschmückt, nach Hause zurückkehrten, worauf der „Tahawa“ oder Priester je nach den Vermögensverhältnissen der Eltern entlohnt wurde.

Bei der Aufnahme der mannhaft gewordenen Mädchen in den Stammwurden bei vielen Völkern ähnliche Zeremonien beobachtet. Nicht unerwähnt darf die jedem Ethnologen bekannte Tatsache bleiben, daß beim Vollziehen solcher Zeremonien die Priester mancher Stämme sich unter allerhand religiösen Vorwänden auch das Recht angemaßt hatten, die mannbar gewordenen Mädchen zu entjungfern, für welche Mühewaltung sie sich obendrein honorieren ließen.

Selbstredend waren die Priester auch stets zur Stelle, wo und wann es den Stammesgenossen in den Sinn kam, Ehebündnisse miteinander zu schließen. Sie wußten es aller Welt klarzumachen, daß es nicht ratsam sei, so wichtige Schritte zu unternehmen, ohne auch das Wohlwollen und den Segen der die Geschicke der Menschen lenkenden Götter herabgefleht zu haben. Folgegemäß wurden auch diese Handlungen mit vielerlei feierlichen Zeremonien umgeben und damit für die Priester zu Quellen reicher Einkünfte gemacht.

Wie weit die Priester mancher Völker in dieser angeblichen Fürsorge für die Wohlfahrt der Eheleute gehen, ist aus des Ethnographen Bastians Werk „Die deutsche Expedition an der Loango-Küste“ (Jena 1874, I, 173) zu ersehen. Zunächst kann in jenem Gebiet eine von dem jungen Ehepaar erworbene neue Wohnung nicht bezogen werden, ohne daß der „Ganga“ oder Priester darin geschlafen und sie dadurch von übelwollenden Geistern gereinigt und für den guten Schutzgeist hergerichtet hat. Diesem „Lemba“ muß bei der Wohnung der Vermählten ein eigenes Fetischhaus errichtet und geschmückt werden, wobei die Frau einen kleinen, der Mann einen größeren Kupferring an die rechte Hand angelegt bekommt.

Fortan behält der Priester seinen Fuß im Hause; er wird und bleibt in vielen Beziehungen dessen Vormund, Arzt und Richter. Nach der Hochzeit kommt er schon deswegen nicht ganz aus dem Hause, weil er als Lemba, als Schutzgeist auch die Stadien der frohen Erwartung zu überwachen hat. Die glückliche Frau darf niemanden ihre Hoffnungen verraten, bevor der Priester sein Gutachten abgegeben hat. Erst nach seiner Erklärung darf die Frau ihrem Herzen Luft machen. Sie wird dann vom Priester in eigenartiger Weise bemalt und empfängt einen Gürtel als eine Art Amulett. Dieser Gürtel knüpft das Haus schon wieder durch ein ferneres Stadium an den Priester; denn jener dient zur Erleichterung der Geburt.

Diese Geburt ist wiederum mit priesterlichen Zeremonien verbunden. Und gleichfalls empfängt das Kind bei seinem ersten Luftgange vom Priester einen Kupferring, der am Fetisch selbst geruht hat und somit als „geweiht und angerührt“ zu bezeichnen wäre. Mit diesem Ring ist aber wiederum ein Kultzwang, eine priesterliche Handlung verbunden; denn der Priester ist es wieder, der das Kind mit jenem Ring in den Schutz eines bestimmten Geistes stellt, dessen Wohlwollen aber durch Erlegung bestimmter Opfer erhalten werden muß. Da nun Glück oder Unglück, Gesundheit oder Krankheit von der Einhaltung dieser Opfer abhängen, so bleibt der Priester dem so gebundenen Menschen zeitlebens ein aufdringlicher Begleiter. —

Und wiederum sind es die Priester, die bei Ableben eines Stammesmitgliedes denselben der Gnade der Götter empfehlen und Fürsprache bei denselben einlegen, was begreiflicherweise nicht geschehen kann, ohne daß diesen Göttern abermals reiche Opfer und Geschenke dargebracht und die Priester für ihre so wichtige Vermittlung abermals entschädigt werden.

So verschlingen die den Göttern darzubringenden Opfer und die den Priestern zu leistenden Abgaben einen sehr beträchtlichen Teil der Habe und Einkünfte aller Stammesgenossen. Dementsprechend waren und sind die Fetischpriester sämtlicher Naturvölker auch durchweg die reichsten Leute ihres Stammes. Bei einem Festmahl werden ihnen die besten Stücke zugeteilt; außerdem bringt ihnen das Volk als mächtigen, Heil oder Unheil in ihren Händen haltenden Wesen vielfach von seinem Viehstand, von der Ernte und der Kriegsbeute Abgaben, deren Höhe von den Priestern im Lauf der Zeiten fest bestimmt wurde und bei vielen Völkern, beispielsweise bei den Stämmen der Israeliten, den zehnten Teil, bei den Ägyptern den fünfzehnten Teil des gesamten Viehstandes, der gesamten Ernte oder Beute betrug.

Bei vielen Völkern bemächtigten sich die Schamanen und Fetischpriester zu nicht geringem Grade auch der Gerichtsgewalt. In erster Linie machten sie sich zu den Leitern der sogenannten „Gottesurteile„, die in allen Fällen angeordnet wurden, wo es galt, den oder die an irgendeinem Verbrechen beteiligten unbekannten Schuldigen zu ermitteln, was angeblich durch irgendeine unzweideutige Kundgebung der Götter geschehen werde. Vor dem Eingehen solcher Proben wurden die Verdächtigen mit der Rache der Götter bedroht, falls sie lügen oder einen Meineid begehen würden.

Solcher Gottesurteile gab es der verschiedensten Art. Auf Hawai mußten die Verdächtigen sich der Probe des „bebenden Wassers“ unterziehen. Eine große mit Wasser gefüllte Schüssel wurde in der Mitte eines Kreises aufgestellt, an dessen einem Ende der Beschuldigte saß und beide Hände mit ausgespreizten Fingern über dem Wasser halten mußte. Ein Priester sagte währenddem ein Gebet her und blickte unbeweglich auf die Oberfläche des Wassers hin. Man behauptete, daß, wenn der Beschuldigte das Verbrechen tatsächlich begangen habe, das Wasser unter seinen Händen anfange zu zittern.

In Westafrika galt das Essen der sehr giftigen Rinde des Kassiabaumes als Orakel. Galt es einen Verbrecher zu ermitteln, so steckte der „Ganga Incassi“ oder Priester des Orts mit vier Pfählen einen Raum ab, reichte den Verdächtigten eine Dosis der giftigen Binde und forderte sie auf, unter Musiklärm und Geschrei der Umstehenden in dem Baume umherzugehen, bis sich die Wirkung des Giftes in der einen oder anderen Weise zeige. Wer sich erbrach, galt als schuldlos; bei wem hingegen Durchfall eintrat, dessen Schuld war erwiesen, und er mußte, wenn nicht die Medizin seinen alsbaldigen Tod herbeiführte, sterben.

Zahlreiche Forscher haben ihrer Meinung Ausdruck verliehen, daß derartige Gottesurteile von den Priestern sehr häufig dazu mißbraucht wurden, um sich solcher Personen zu entledigen, die ihnen unbequem oder gefährlich waren. Es war dann nur notwendig, den Betreffenden eine etwas stärkere Dosis des Giftes zu verabreichen, um sie dauernd unschädlich zu machen. Sehr leicht war das bei solchen Gottesurteilen, die der Afrikareisende Nachtigal[Nachtigal, „Sahara und Sudan“, II, 686.] beim Stamm der Sara beobachtete. Galt es einen Schuldigen ausfindig zu machen, so wurden sämtliche Männer der Ortschaft versammelt, worauf die anwesenden Fetischpriester einem der Ihrigen ein Bündel eines bestimmten Grases auf den Kopf legten. Von dem angeblich magischen Einfluß dieses Bündels hin und her getrieben, schwankte der Priester durch die Reihen der Männer, bis er endlich taumelnd vor demjenigen zu Boden fiel, den er oder das Orakel als den Schuldigen bezeichneten.

Über die Machtvollkommenheit mancher indianischer Medizinmänner äußerte sich A. H. Verill in seinem Buch „The American Indian“ (Neuyork 1927) sogar in folgender Weise:

„Nicht selten ist die Macht eines Medizinmannes außerordentlich groß, und er wird so gefürchtet, daß seine Aussagen einem absoluten Gesetz gleichkommen. Dadurch wird es ihm zu seinem eigenen Vorteil möglich, auch unter seinen Widersachern aufzuräumen, deren Eifersucht oder Feindschaft er durch seine Machenschaften erregte. Solche Gelegenheiten bieten sich, wenn es gilt, den für irgendein Vergehen oder einen Mord verantwortlichen Täterausfindig zu machen. Bei vielen Indianerstämmen Südamerikas besteht nämlich der Glaube, daß, wenn ein solcher Medizinmann sich in seine scheintodähnliche Verzückung (trance) versetze, er diejenige Person mit Sicherheit bezeichnen könne, die für das betreffende Vergehen haftbar zu halten sei. Da niemand es wagt, die so abgegebene Entscheidung des Medizinmannes anzuzweifeln oder zu bestreiten, so nützt derselbe solche Gelegenheiten oft aus, sich von unbequemen Widersachern zu befreien, indem er sie als die für die begangenen Missetaten zu bestrafenden Schuldigen bezeichnet.“ —

Auch wo es sich um kriegerische Unternehmungen gegen feindliche Stämme handelte, drangen die Priester darauf, daß die Götter um deren Meinung befragt werden müßten. Wie in allen anderen Fällen mußten diesen höheren Mächten natürlich zunächst die gebührenden Opfer dargebracht werden. Meist gab das erlangte Orakel, oder vielmehr die Entscheidung der Priester den Ausschlag. Die Aufgabe der letzteren war es dann auch, die Feinde zu verfluchen und die Rache der Götter auf sie herabzurufen. Die Schreckgestalten dieser Götter wurden dabei von den Priestern mit in den Kampf geführt. Wie beispielsweise in der acht Tage währenden Entscheidungsschlacht bei Mokuohai im Jahre 1781, wo der König Kamehameha von Hawai gegen seine Widersacher stritt. Dabei stand das Bild des Kriegsgottes Tairi, umgeben von dessen Priestern, in der Nähe jener Stelle, wo der König focht.

Als ein Gesuch auf Friedensschluß eingebracht wurde, saßen neben den Fürsten auch die Priester der beiden Parteien, um die Bedingungen zu verabreden und die Art der Opfer zu bestimmen, durch die der Friede besiegelt werde.

[Eliß, „Reisen durch Hawai“, 72, 80.]

Wie aus der berühmten Schrift Julius Cäsars „De Bello Gallico“ hervorgeht, hatten die Druiden der Gallier sich eine gleiche Machtvollkommenheit angeeignet.

„Diese Priester“, so heißt es daselbst, „legen den Willen der Götter aus und vollziehen alle öffentlichen und privaten Opfer; auch haben sie die Leitung und die Erziehung der Jugend in ihrer Hand. In allen Streitfragen über Erbschaftsangelegenheiten treffen sie die endgültige Entscheidung; desgleichen ordnen sie Belohnungen und Strafen an. Sollte jemand zögern, sich ihrem Urteil zu unterwerfen, so verbieten sie demselben, irgendwelche Opfer darzubringen. Das gilt als die schwerste Strafe, die jemanden treffen kann; denn solche Personen werden nicht nur als verworfene Menschen verachtet, sondern sind auch von jedem Umgang und jeder Gemeinschaft ausgeschlossen, da alle fürchten, durch ihre Berührung gleichem Unglück zu verfallen. Wie es für sie keine Appellation an die Gesetze gibt, so sind sie auch von allen öffentlichen Ämtern ausgeschlossen.“

„Diese Druiden stehen unter einem Oberdruiden, bei dessen Tod ein Nachfolger durch Wahl erkoren wird. Nicht nur sind sie von allen Kriegsdiensten, sondern auch von allen Abgaben und Steuern befreit; ferner erfreuen sie sich vollkommener Immunität.“ —

So trifft in jeder Hinsicht zu, was die beiden Forscher W. Skeat und C. O. Blyden in ihrem Werk „Pagan Races of the Malayan Perinsula“ (London 1906; II, 196) über die Zauberer der Malaien sagten:

„Unter diesen Malaien ist der Zauberer der anerkannte Vermittler zwischen den Göttern und Menschen. Seine Aufgabe ist es, alle wichtigen religiösen Handlungen zu leiten, die Jugend zu unterrichten, die Zukunft vorauszusagen, Krankheiten zu heilen und dem Zorn des Himmels vorzubeugen.“ —

Noch schärfer äußerte sich Le R. P. Guis in der Zeitschrift „Les Missions Catholique“ (1904, p. 334) über die Fetischpriester der auf Neuguinea lebenden Papua:

„Diese Zauberer sind allgegenwärtig. Sie prahlen förmlich mit ihren Missetaten. Jeder fürchtet und beschuldigt sie; trotz alledem ist über ihre geheimen Praktiken nichts Zuverlässiges bekannt. Diese verfluchte Brut gebärdet sich, als ob sie die Seele des papuanischen Lebens wäre. Nichts geschieht ohne ihre Vermittlung. Sowohl in Kriegsangelegenheiten wie bei Heiraten, Krankheiten, Todesfällen, Reisen, Jagdzügen, immer und allüberall begegnet man den Zauberern. Sie sind die Herren des Lebens wie des Todes. Darum ist es verständlich, daß jeder sie fürchtet, ihnen gehorcht und alles ausliefert, wonach sie begehren mögen. Obwohl die Zauberer keine Häuptlinge sind, so beherrschen sie dieselben doch. Kurz, sie sind die eigentlichen Machthaber. Nichts kann ihnen widerstehen!“ —

Waren die Schamanen und Medizinmänner überall bemüht, sich als die unentbehrlichen Vermittler zwischen den Menschen und der Welt der Geister und Götter auszugeben, so waren sie selbstverständlich auch stets darauf bedacht, sich als Personen besonderer Art ansehen zu lassen, die über das gewöhnliche Volk erhaben seien. Von den Göttern inspiriert und zu Verkündigern ihrer Offenbarungen gemacht, seien sie als deren Vertraute selber heilig und darum unverletzlich. Wer es wagen würde, sich an ihnen oder ihrem Eigentum zu vergreifen, den werde unfehlbar die Rache der Götter treffen.

Wohl nirgends fanden diese Anschauungen so weitgehende Ausbildung und Verbreitung als auf den Inseln der Südsee. Auf Tahiti und manchen anderen Eilanden galten die Priester als so heilige Wesen, daß niemand sie mit den Händen berühren durfte. Aus diesem Grunde mußten ihre Haare mit einem Obsidianmesser auf einer Steinunterlage geschnitten werden[Ratzel, „Völkerkunde“, II, 213.].

Bei festlichen Gelegenheiten ahmten solche Fetischpriester die Götter selber nach, erschienen in deren Gewandung und ließen sich als Repräsentanten der Gottheiten verehren. Dabei vergaßen sie nicht, mancherlei Verrichtungen der Götter nachzuahmen, wie z. B. mittels einer schweren Keule den weithin rollenden Donner. (Williams, „Fiji and the Fijians“, I, 224.)

Von den Fetischpriestern am Kongo berichtete Merolla, daß sie Scinghili, „Götter der Erde“ genannt wurden; daß ihr Oberster den Titel Ganga Chitorne, „Gott der ganzen Erde“ führte und daß sie allesamt göttliche Ehren beanspruchten.

Umkleideten sich die Fetischpriester so mit dem Schutzmantel der Heiligkeit, so beanspruchten sie die gleiche Unverletzlichkeit auch für alles, was sie besaßen, ja für alles, was ihnen begehrenswert schien. In diesen Forderungen gingen die Fetischpriester der Südsee-Inseln wiederum am weitesten. „Tabu“, das heißt „heilig“ und darum von der Benützung seitens des Volkes ausgeschlossen waren nicht nur die Fetischhütten, die Tempel, die Hütten der Priester, und deren gesamtes Eigentum, sondern nicht minder alle Dinge, die von den Priestern „für die Götter“ in Besitz genommen und als „tabu“ oder heilig erklärt wurden.

Überall auf den Südsee-Inseln gab es Priester, die wegen solchen „Tabuierens“ förmlich gefürchtet waren. So beschlagnahmten auf der Insel Hawai die Priester einfach alles als Gottesgut, was ihnen nötig oder begehrenswert schien. Kamen zufällig Schweine in die Nähe der Fetischhütte, so griff ein Priester die Tiere und kniff sie in die Ohren oder in den Schwanz, bis sie schrien; worauf er folgende Worte an den Götzen richtete: „Hier ist das Opfer von diesem oder jenem deiner Verehrer!“ Dann wurden die Ohren der Schweine durchbohrt und in ihnen die aus Kokosnußfasern gefertigten „Tabuzeichen“ befestigt. Darauf wurden die Tiere wieder in Freiheit gesetzt, bis die Priester davon Gebrauch machen konnten. Die wirklichen Eigentümer durften keinerlei Einwand erheben, da die Schweine fortan „tabu“ waren. Als den Göttern geweihte Tiere durften sie auch überall ungestört umherwühlen, welchen Schaden sie auch immer anrichten mochten[Eliß, „Reisen durch Hawai“ (Hamburg 1828). ].

Auf ähnliche Weise behielten die Priester sich auch den Genuß mancher Fische und Früchte vor. Zur Sicherung bestimmter angeblich den Göttern vorbehaltenen Fischplätze errichteten sie an den betreffenden Stellen Pfähle, an deren Spitzen die aus Bambusfasern oder einem Stück weißen Zeuges bestehenden Tabuzeichen hingen.

Der berühmte Reisende Robert Schomburgh hat in seinem Buch „Travels in British Guiana“ (I, 169) über die Fetischpriester der dort lebenden Indianerstämme das folgende zu sagen:

„Der Einfluß eines solchen Magiers ist ungeheuer. Kein Inder wagt ihm irgend etwas zu verweigern, wonach er begehren möge, sei es eine Mahlzeit oder ein Menschenleben. Deshalb verbringen diese durchtriebenen Kerle ihr Dasein in Faulheit, leben von dem Fett des Landes und unterhalten große Harems. Ihre Häuser sind gewöhnlich voller Weiber, die ihnen sowohl zur Befriedigung ihrer Lüste wie auch als Arbeitstiere dienen. Während diese bei einer längeren Reise unter der Last des Gepäcks fast zusammenbrechen, trollen ihre Herren und Meister, phantastisch aufgeputzt mit Federn und bunter Malerei, hinterdrein, nichts anderes tragend als ihre Zauberrasseln und vielleicht noch Bogen und Pfeile.“ —

Ebenso scharf äußerte sich G. Turner auf Seite 320 seines Buches „Samoa“:

„Indem diese Zauberer ihre Stammesgenossen mit bodenloser Angst undFurcht erfüllen, erlangten sie durch ihre böswillige Zauberei nicht nur ungeheure Macht und Bedeutung, sondern auch Reichtümer. Es ist durch vermeintliche Übel, die sie angeblich über die Menschen verhängen können, daß sie sowohl die Stufen eines Thrones wie auch die zum Himmel führende Leiter emporsteigen. Diese Schufte sind auf dem Hochwege zu wirklicher Gottheit!“ —

SCHAMANISTISCHE SCHÜLERPROBEN

Wer sich mit dem Studium des Schamanen- und Priestertums der Naturvölker eingehender befaßt, wird finden, daß solche Zauberpriester überall sorgfältig darauf bedacht sind, die vielartigen Geheimnisse ihres Gewerbes vor unberufenen Augen und Ohren zu bewahren. Zu diesem Zwecke bedienen sie sich im Verkehr untereinander meist einer besonderen, dem gewöhnlichen Volk unverständlichen Sprache. Das war z. B. bei den Priestern der Maoris auf Neuseeland, bei den Angekoks der Grönländer, den Schamanen der Kamtschadalen, bei den „Piai“ der Kariben, bei den Zauberern der Fulup in Afrika der Fall. Bei den Maoris wurde diese besondere bei festlichen Gelegenheiten angewendete Sprache den Priesterschülern an einsamen Stellen und in der Tiefe der Nacht gelehrt[Ratzel, „Völkerkunde“, II, 325, 701, 784; Hellwald, „Naturgeschichte des Menschen“, I, 426.].

Wie bei allen Menschen das Verlangen besteht, die erworbenen materiellen und geistigen Güter auf die eigenen Nachkommen oder, wenn solche nicht vorhanden, auf Gleichgesinnte zu vererben, so ist auch bei den Schamanen und Zauberpriestern aller Zeiten und Völker das Bestreben nachgewiesen worden, ihre Geheimnisse, die hauptsächlichsten Quellen ihres Erwerbs und ihrer Macht, auf die eigenen Kinder, oder beim Fehlen solcher, auf gelehrige Schüler zu übermitteln. Bezeichnend ist, daß die Fähigkeit des Schamanisierens fast überall erblich ist und vom Vater auf den Sohn, in selteneren Fällen auch auf die Frau und die Tochter übergeht. Wo solche direkte Erben nicht vorhanden sind, müssen die zur Wahl kommenden Schüler besondere Befähigung zu solchem Beruf besitzen und sich obendrein sehr strengen Prüfungen unterwerfen[Ratzel, F., „Völkerkunde“, II, 321, 200; „Das Ausland“, 1885,Nr. 4; Radloff, „Das Schamanentum“ ; Hellwald, F., „Naturgeschichte des Menschen“, I, 287; Lippert, „Geschichte des Priestertums“, I, 278; Du Terstre, „History of the Caribby Islands“, 342.].

Die Zauberer der Kariben wählen unter den Knaben ihres Dorfes stets die verschlagensten aus und nehmen dieselben mit in ihre im Urwald versteckten Hütten, wo sie nach und nach mit den Einzelheiten ihres künftigen Berufes vertraut gemacht werden. Stets ist diese Lehrzeit sehr lang und mühselig. Denn allerlei Schwierigkeiten werden solchen Schülern in den Weg gelegt, um ihre Ausdauer und Fähigkeiten zu erproben, sowie ihre Schwächen auszuforschen. Um dem Eintritt Unberufener oder Unbefähigter vorzubeugen, die ihre Geheimnisse ausplaudern könnten, müssen solche Schüler sich zu Ende der oft mehrere Jahre währenden Lehrzeit auch noch schweren Generalproben unterwerfen, die äußerste Aufmerksamkeit erfordern.

Kirgisische Schamanin mit ihrer Zauber trommel. Nach einer Photographie

Kirgisische Schamanin mit ihrer Zauber trommel.

Nach einer Photographie.

Der berühmte Ethnologe Adolf Bastian berichtete in seinen „Geographischen und ethnologischen Bildern“ (S. 401), daß bei solchen Prüfungen die Schamanen Sibiriens ihre Schüler in einen abgelegenen Wald führten, wo der Lehrherr auf einem der höchsten Bäume mittels eines Brettes einen Stand herrichtete. Diesen bestieg er und führte auf diesem schwanken Podium einen seiner wildesten Zaubertänze auf. Der Schüler, auf einem in gleicher Weise auf einem benachbarten Baum hergerichteten Brett stehend, mußte nun alle Gebärden und Gesten seines Meisters nachahmen.

Derartige Übungen hatten offenbar den Zweck, den Schüler dahin zu bringen, daß er auch unter dem Anschein der hochgradigsten Verzückungen oder Ekstase doch aller seiner Bewegungen vollkommen Herr bleibe und fähig sei, vor den Augen der Stammesgenossen die schwierigsten Zauberkünste ohne Blamage durchzuführen.

Friedrich Ratzel hebt in seiner „Völkerkunde“ (II, 325) hervor, daß in der Priesterschule der Maori auf Neuseeland ein einziges falsches Wort in den Beschwörungsformeln den Kandidaten nicht nur unfähig für seinen Beruf machte, sondern ihm sogar den Tod gebracht habe.

Vielfach mußten die Schüler sich auch, um ihre Standhaftigkeit zu beweisen, allerhand scheußlichen Proben unterwerfen. Wohl die widerlichsten hatten die Schüler jener „Hametze“ zu bestehen, die unter den Indianern der Nordwestküste von Britisch-Kolumbia und Alaska als Zauberpriester fungieren. Adrian Jacobsen, der als Händler jahrelang unter den Bella Coola lebte und höchst interessante Reiseschilderungen veröffentlichte („Reise an der Nordwestküste Nordamerikas“, S. 48—50), berichtete, daß nur solche Personen in die Kaste der Hametzen eintreten konnten, die sich ein Anrecht auf diesen heiligen Stand durch furchtbare Selbstpeinigungen erworben hatten. Als Voraussetzung galt ferner, daß der Aufnahmesuchende Abkömmling eines Schamanen, Häuptlings oder hervorragenden Kriegers sein mußte. Das Novizentum dauerte vier volle Jahre, während welcher Zeit der zukünftige Hametze als besonderes Abzeichen ein aus Zedernbast gefertigtes, von der linken Schulter unter dem rechten Arm durchgehendes Band trug. Während der letzten vier Monate seiner Prüfungszeit verließ der Novize sein Heim und seine Familie, um sich im tiefsten Waldes dunkel unter allerhand Kasteiungen und Entbehrungen zur letzten großen Zeremonie vorzubereiten. Wer die seltsamen Töne seiner Pfeife hörte, ging mit leisem Schaudern dem Hametzen aus dem Wege, um ihn nicht zu stören. War endlich der große Augenblick gekommen, wo der angehende Kandidat die letzte Probe seiner Befähigung zu einem Hametzen, d. h. einem Menschenfresser ablegen sollte, so stürzte er eines Tages, die blutunterlaufenen Augen furchtbar rollend und alle Bewegungen einer gierigen Bestie nachahmend, aus dem Dickicht hervor mitten in das Dorf hinein, fiel über einen der Bewohner her, biß sich vampyrartig in die Brust, oder in einen Arm desselben ein und schlang ein Stück Fleisch, einen Mund voll Blut hinunter. Nun war der Hametze gemacht und ein Mitglied jener Ungeheuer geworden, die sich zu gewissen Jahreszeiten in tiefster Einsamkeit zusammenfanden, um in Ermangelung frischen Menschenfleisches ein aus Teilen menschlicher Leichen bestehendes Kannibalenmahl zu sich zu nehmen. So scheußlich es klingen mag, die Verspeisung menschlicher Leichen ist eine bei jenen Hametzen beobachtete Tatsache gewesen. Einwandfreie Beobachter schilderten, wie diese menschlichen Hyänen die mumifiziert gewesenen Teile der Leichen in Wasser aufweichten und mit einer Gier zerrissen, daß das eigene Blut aus den im Eifer an Mund und Lippen erhaltenen Schrammen auf die Erde triefte.

Ähnliche ekelhafte Proben ihrer Würdigkeit hatten die Schüler der Medizinmänner der Chippewaehs, Crees und Ojbways abzulegen. Sie mußten einen lebendigen Hund mit Haut und Haaren verzehren, während rundherum ein toller Hexentanz mit Trommeln, Fackeln und wüstem Geheul tobte.

DAS ENTSTEHEN DER PRIESTERZÜNFTE

Wo immer Forscher in engere Berührung mit wilden Völkerstämmen kamen, konnten sie beobachten, daß in fast allen kleinen Ortschaften die Aufgabe, deren Bewohner vor den Anschlägen böser Geister zu schützen, in den Händen nur eines Schamanen liegt. Sorglich sind diese Gaukler dann auch darauf bedacht, keine Konkurrenten aufkommen zu lassen, mit denen sie ihre Einkünfte teilen müßten. Erst wo die Gemeinwesen größere Ausdehnung gewinnen und die Stämme sich über weite Gebiete verbreiten, wächst dementsprechend die Zahl solcher Beschwörer. Meist betreiben sie dann ihr auf die Ausbeutung der Stammesgenossen abzielendes Gewerbe unabhängig voneinander. Ja, es mag sich ereignen, daß sie voll giftiger Eifersucht einander aufs bitterste befehden und durch öffentliche Proben ihrer Kunst den Stammesgenossen Beweise dafür zu liefern suchen, daß ihre Macht über die Welt der unsichtbaren Geister und Dämonen größer als jene der Nebenbuhler sei und mehr Vertrauen verdiene. Ein klassisches Beispiel solchen Wettstreites liefern bekanntlich die Kapitel 7—12 des Buches Moses, in denen geschildert ist, wie vor den Augen Pharaos die Priester Ägyptens von Moses durch Verrichtung weit eindrucksvollerer Wundertaten geschlagen wurden. —

Mit der Zeit führt aber die Erkenntnis, daß es unklug sei, einander zu bekämpfen, sondern daß größere Vorteile erzielt werden können, wenn man gemeinsame Sache mache, solche Zauberpriester zu einer Verständigung, zu einem Zusammenschluß. Sie finden sich gelegentlich an einem nur ihnen bekannten Ort zusammen, um die erworbenen Erfahrungen und Geheimnisse auszutauschen und gemeinsame Angelegenheiten zu besprechen. Bei solchen Zusammenkünften bedienen sie sich vielfach allerhand Vermummungen, die sowohl den Zweck haben, ihre Träger unkenntlich zu machen, wie auch durch ihr unheimliches Aussehen Unberufene abzuschrecken. Solcher Art waren beispielsweise die Maskierungen, die von den Schamanen und Geisterbeschwörern der an den Küsten von Oregon, Britisch-Kolumbia und Alaska hausenden Indianerstämme verwendet wurden, und in denen sie sich, zur Erhöhung ihres Ansehens, auch gelegentlich vor allem Volk in grotesken Schaustellungen sehen ließen. Solche Schaustellungen wurden vielfach von den im vorigen Abschnitt erwähnten Schamanen oder Hametzen Alaskas und Britisch-Kolumbias veranstaltet. Sie erschienen dabei in aus den Haaren der Bergziegen gewobenen Mänteln, deren Ornamentierung lauter Fratzen, riesige Augen und weitgeöffnete Mäuler zeigte. Dazu wurden allerhand, aus Holz geschnitzte und mit Zedernbast reich behängte groteske Tiermasken getragen und das Gebaren jener Seelöwen, Bären, Adler, Raben und anderer Geschöpfe nachgeahmt, die in den religiösen Anschauungen und Mythen der Nordwest-Indianer eine so große Rolle spielten. Die Masken waren stets bemalt; vornehmlich die ungeheuren Mäuler und Lippen glänzten in einem wildeste Blutgier ausdrückenden feurigen Rot.

Schamanen der an der Küste von Alaska hausenden Indianerstämme

Schamanen der an der Küste von Alaska hausenden Indianerstämme.

Die Interessengemeinschaft führte die Schamanen mit der Zeit überall zur Bildung förmlicher Priesterzünfte, deren Mitglieder sich von dem gewöhnlichen Volk streng absonderten, sich als die einzigen berufenen Vermittler zwischen Menschen, Geistern und Göttern ausgaben und als solche sich mancherlei Vorrechte anmaßten. Bereits in vorgeschichtlichen Zeiten entwickelte sich ein derartiges Priestertum bei allen jenen Völkerschaften, die später als Chaldäer, Babylonier, Assyrer, Perser, Inder, Chinesen, Ägypter, Juden, Griechen, Römer, Gallier und Germanen in der Geschichte des Altertums so große Bedeutung erlangten.

Es waren diese Priester, welche den Wahnglauben an allerhand übelwollende Geister und wohlgesinnte Götter einer gewissen Ordnung unterwarfen, ihn in bestimmte mit vielerlei Zeremonien umkleidete Formenbrachten und dadurch jene überaus mannigfaltigen Religionssysteme schufen, die im Dasein der Menschheit eine so bedeutungsvolle Rolle spielten und noch heute spielen.

Wie Selbstsucht und Eigennutz die Grundzüge im Charakter der Schamanen, Medizinmänner und Fetischzauberer bilden, so ließen auch diese Priesterzünfte es sich in erster Linie angelegen sein, das eigene Ansehen zu befestigen und das Volk in dem Glauben an die Besonderheit, an die Heiligkeit ihres Standes zu erziehen. In diesem Bestreben war das Priestertum wohl nirgendwo so erfolgreich, wie in Indien, jenem Lande, wo die Einteilung des Volkes in bestimmte Klassen oder Kasten vielleicht in frühere Zeiten zurückreicht als bei irgendwelchen anderen Völkern des Altertums. Sie beriefen sich dabei auf „heilige Gesetzbücher“, die angeblich von Manu, dem ersten von den Göttern geschaffenen Menschen geschrieben worden seien, in Wirklichkeit aber von den Priestern selber verfaßt waren.

Zweifellos waren es auch die Priester, welche die Legende erfanden und verbreiteten, Gott Brahma habe, als er die Welt erschuf und bevölkerte, die Menschen in verschiedene Klassen oder sogenannte „Kasten“ eingeteilt. Seinem Haupte seien die Priester, die Brahmanen entsprungen. Folgerichtig habe er ihnen auch die geistige Leitung der gesamten Menschheit übertragen. Aus Brahmas Schultern seien die Krieger hervorgegangen, deren Aufgabe darin bestehe, mit ihren starken Armen die göttlichen Einrichtungen, also in erster Linie das Priestertum, sowie das ganze soziale Gefüge zu schützen. Die Händler und Kaufleute gingen aus Brahmas Hüften hervor. Das gewöhnliche Volk, die Arbeiter bildeten die Füße des Körpers, während die von den Indern unterworfenen Urbewohner des Landes, die Parias, die Sklaven aller waren.

Eine religiöse Ceremonie der Schamanen oder Hametze der Bella Kola Indianer Britisch Columbias. Nach einer Naturaufnahme in Hirts Geographische Bildertafeln

Eine religiöse Ceremonie der Schamanen oder Hametze der Bella Kola Indianer Britisch Columbias.

Nach einer Naturaufnahme in Hirts „Geographische Bildertafeln“.

Mit erstaunlichem Geschick verstanden es die Brahmanen, diese Gesellschaftsordnung durchzusetzen. In erster Linie versicherten sie sich der Beihilfe der die weltlichen Herrscher stellenden Kriegerkaste und erzogen deren Mitglieder zu der in den heiligen Gesetzbüchern niedergelegten Anschauung:

Die Kschatria (die Krieger, die Herrscher) können ohne die Brahmanen, die Priester, nicht erfolgreich und glücklich sein. Die Brahmanen wiederum können sich nicht ohne die Beihilfe der Kschatria erheben. Darum werden beide Kasten nur durch innige Verbindung und gegenseitige Hilfe in dieser und in der nächsten Welt erhaben.“

Dieser uralten Erkenntnis der Ersprießlichkeit eines Zusammengehens zum Zweck gegenseitiger Förderung und Ergänzung sind die Priester und Herrscher stets treu geblieben. Verliehen die weltlichen Herrscher als oberste Befehlshaber der Kriegerkaste den Priestern Schutz und Schirm, so wurden die Priester hingegen die Stützen der Regenten, indem sie den Glauben an die Göttlichkeit, an das „Gottesgnadentum“ der Herrscher zu einem Dogma erhoben und dadurch zur Sicherheit der Herrscher außerordentlich beitrugen.

Daß die Brahmanen in erster Linie aber darauf bedacht waren, ihre eigene Sonderstellung zu befestigen, geht daraus hervor, daß sie die Anschauung durchzusetzen wußten, das niedrigste Mitglied ihrer Kaste sei edler als der höchste weltliche Herrscher. Sei er doch sogar für die Götter im Himmel ein Gegenstand der Verehrung! Die Menschen vollends hätten ihn nur anzubeten und in Demut, ohne Zögern das zu befolgen, was er befehle. Sie wußten es ferner durchzusetzen, daß ein Brahmane, weil er einen Teil der Gottheit darstelle, den für alle anderen Kasten gültigen Gesetzen nicht unterworfen sei, keinerlei Abgaben zu entrichten habe und für kein von ihm begangenes Verbrechen zur Verantwortung gezogen werden dürfe. Ebensowenig durfte sein Eigentum beschlagnahmt werden. Der König, welcher wage, sich des Besitztums eines Brahmanen zu bemächtigen, sei verflucht und werde samt seiner ganzen Umgebung dem Verderben verfallen. —

Diesen Glaubenssätzen entsprachen die Strafen, die denjenigen bedrohten, der einen Brahmanen beleidigte. Einem solchen Übeltäter wurde ein rotglühender eiserner Stab durch den Mund bis in die Eingeweide hinabgestoßen. Wer gar sich an einem Brahmanen tätlich vergriff, verfiel nicht bloß augenblicklichem Tod, sondern obendrein dem Fluch, tausend Jahrelang die schrecklichsten Qualen der Unterwelt leiden zu müssen. Die Ermordung eines Brahmanen konnte als das schwerste aller Verbrechen niemals gesühnt werden. Wer sich eines solchen schuldig machte, verfiel ewiger Verdammung.

Die hauptsächlichste Beschäftigung der Brahmanen bestand und besteht noch heute darin, die heiligen Bücher zu lesen und auszulegen, die Opfer in Empfang zu nehmen und den Göttern darzubringen, weil Opfer aus der Hand eines Laien von den Göttern nicht angenommen würden!

Die Kaste der Brahmanen zerfiel nach dem Lebensalter der Mitglieder wieder in vier Abteilungen. Die unterste bestand aus den „Schülern“, die gleich den Schülern der Schamanen in sehr strenger Zucht lebten und sich Entsagungen aller Art unterwerfen mußten. Nach vollendetem Unterricht, bei dem das Lernen der alten Sprüche die Hauptsache war, kehrten sie in ihr Haus zurück und konnten neben ihrer Priesterschaft auch allerhand weltliche Geschäfte betreiben. Manche traten auch in den politischen Dienst, wurden Ratgeber der Fürsten und Könige, Beisitzer der Versammlungen, Statthalter und Verwalter und hatten als Staatspriester die Offenbarungen und den Willen der Götter zu erforschen. Nach ihrem 45. Jahre zogen sie sich aus der Öffentlichkeit zurück, wohnten abgesondert und hießen „Einsiedler“, um nach vollendetem 72. Jahre in die vierte Klasse einzugehen und zu „Heiligen“ zu werden.

In den meisten indischen Staaten gelang es den Brahmanen, sich in den Besitz aller leitenden Ämter zu setzen und dadurch die höchsten Staatswürden, einschließlich der Feldherrnstellen an sich zu reißen. Indem sie diese Positionen erblich machten, ließen sie den Königen nichts übrig, als ihre Freigebigkeit zu beweisen und ihre Hauptpriester in allen Angelegenheiten zu Rate zu ziehen.

Im Besitz dieser gleichfalls erblichen Stellungen erhoben sich die Hauptpriester allmählich sogar über die Könige. Nach dem „Manava Dharma Sastra“ genannten Gesetzbuch (VII, 37, 39—40, 42) mußte der König, nachdem er am Morgen aufgestanden, die in der Kenntnis der Veda ergrauten Brahmanen verehren und in ihrem Befehl verharren. „Von ihnen möge er stets bescheidenen Anstand lernen; denn der König, welcher bescheidenen Geistes ist, wird niemals zugrunde gehen. Durch unbescheidenes Betragen sind viele Könige mitsamt ihrem Geschlecht und ihrer Habe zugrunde gegangen. Durch bescheidenes Benehmen haben sogar Einsiedler (also die dritte Kaste der Brahmanen) Königreiche erlangt.“ —

Wie Lippert in seiner „Allgemeinen Geschichte des Priestertums“ (II, 403 und 404) richtig bemerkt, gab diese Bestimmung zu erkennen, daß der König sich mit seinem Oberpriester nicht nur über die wichtigsten Angelegenheiten seines Reiches beraten, sondern sich auch dessen Anordnungen unterwerfen mußte. Wehe dem Herrscher, der den Mut zeigte, sich dieser Umstrickung entziehen zu wollen. Nicht nur daß er von einer Versammlung von Brahmanen abgesetzt und zum Tode verurteilt werden konnte, sondern ihm drohte auch die Rache der Götter. Wiederholt seien derartige Frevler mit Wahnsinn bestraft und obendrein dazu verdammt worden, viele tausend Jahre auf Erden in Gestalt einer Schlange zu leben.

Unterlagen sonach die indischen Fürsten dem Willen der Brahmanen, so waren auch alle anderen Kasten unter deren absolute Botmäßigkeit gezwungen worden. Und zwar zu einer Abhängigkeit, die dem göttlichen Gesetz zufolge in keinem Punkt abgeändert werden durfte. Wer sich diesem Gesetz nicht füge, habe gleichfalls ewige Verdammnis zu gewärtigen.

Dieses angeblich göttliche, in Wirklichkeit aber von den Priestern verfaßte Gesetz bestimmte, daß jedes Mitglied einer Kaste für sein ganzes Leben in derselben verbleiben und die gleiche Profession erlernen und erfüllen müsse, die sein Vater betrieben habe. Ein Übergang von der untersten Klasse in eine höhere war aufs strengste verboten. Damit war jedem Streben, jeder Möglichkeit, die eigene Stellung zu verbessern oder sein Wissen zu bereichern, die Spitze abgebrochen. Jeder Wunsch, jede ehrgeizige Regung, jede Hoffnung wurden systematisch erdrosselt, damit das Volk in beständiger Unwissenheit, in steter Furcht vor der Rache der Götter und in ewiger Abhängigkeit vom Priestertum erhalten bleibe.

Diese Abhängigkeit erstreckte sich in erster Linie auf die den Göttern schuldigen Opfergaben, welche, wie bereits bemerkt, nur durch die Brahmanen dargebracht werden durften. Auch über die Art dieser Opfer gaben die von den Priestern verfaßten Gesetzbücher dem gewöhnlichen Volke Aufschluß. Geopfert werden konnten Kühe, Pferde, Wagen nebst den Lenkerinnen derselben, Frauen, Mädchen, Sklavinnen, Gold, Kleider, Speisen, kurz alles, was zu des Lebens Notwendigkeiten gehörte und dasselbe verschönen konnte. Zu reichlichem Geben forderten zahllose Sprüche und Verheißungen auf: „Wer Kleider schenkt, erwirbt nach Manus Gesetz die Welt des Mondes!“ — „Wer dem Brahmanen eine Kuh schenkt, der erlangt sämtliche Welten!“ — „Wer einen Zugochsen darbringt, dem wird himmlische Herrlichkeit zuteil!“ — „Weich wie Wolle ist die Erde demjenigen Toten, der in seinem Leben reichen Opferlohn gebracht hat!“ — „Gebe ein zu Hause gewobenes Gewand und sämtliche Welten, die irdischen wie die himmlischen, sind dein!“ —

Reichliches Opferspenden wurde insbesondere Hauptsache bei allen großen Volksfesten. Und durch Legenden aller Art wurde beständig darauf hingewiesen, was in den guten alten Zeiten in dieser Hinsicht geleistet worden sei. Ältere indische Schriften enthalten wahrhaft betäubende Angaben über reiche Opfer, die dargebracht worden seien: 4000, ja, 60000 Rinder, 5000 Rosse und 10 Wagen samt deren Lenkerinnen hätten ein einziges Opfer gebildet! Es wird von Königen berichtet, die sich selbst dargebracht und durch eine ihrem eigenen Gewicht gleichkommende Gabe an Gold wiederausgelöst hätten. König Dacaraka habe einmal den Opferpriestern die ganze Erde geschenkt. Als die Priester dieses Geschenk ablehnten, weil es nicht ihre Aufgabe sei, die Erde zu schützen, habe der König dafür 100000 Kühe, 100 Millionen Goldstücke und 400 Millionen Stücke Silbergeld gegeben!

Im Gegensatz zu solchen Hochzupreisenden wurden die Nichtopfernden, die „Werkfeindlichen“, die „Kultverweigerer“ und „Gottlosen“ verflucht. Und wehe dem, der sich gelüsten ließ, etwas von den dargebrachten Opferspeisen zu entwenden! „Einen hundertfachen Widerhaken verschlingt, und nicht vermag er ihn herauszuziehen, der Tor, der eines Brahmanen Speise verzehrt und denkt, es sei süß, was er esse!“ — „Sämtliche vom Geschlecht der Vaitahavja, hundertundzehn an Zahl, gingen zugrunde, weil sie eines Brahmanen Kuh verspeist hatten!“ —

Infolge all dieser „göttlichen Verordnungen“ und Drohungen sammelten sich in den Tempeln Indiens ungeheure Reichtümer an. In diesen „Pagoden“ lebten die Brahmanen als unumschränkte Herren aller Einkünfte in höchster Pracht und Üppigkeit, in Gemeinschaft mit ganzen Scharen der schönsten Tänzerinnen, die, von ihrem neunten Jahre an in die Tempel aufgenommen wurden, als „Dienerinnen der Götter“ figurierten und als solche bis zu ihrem sechzehnten Jahre tätig blieben, um dann entlassen und durch neue ersetzt zu werden.

Daß im Reich der Pharaonen, in Ägypten, eine ähnliche Kasteneinteilung wie in Indien bestand, ist durch Mitteilungen der griechischen Schriftsteller Herodot, Plato, Plutarch und Diodorus bezeugt. Die oberste der Klassen bildete das Priestertum, das unter der Leitung der Hohenpriester des Gottes Amon allmählich zu einer sich über das ganze Land erstreckenden Organisation zusammengefaßt wurde, dem der in Theben residierende Hohepriester Amons vorstand. Infolgedessen erlangte das Priestertum Ägyptens eine außerordentliche Macht, zumal es sich auch im Gerichtswesen den ausschlaggebenden Anteil angemaßt hatte. Und wie in Indien, so wurden in Ägypten die Tempel zu Ansammlungsstätten unermeßlichen Reichtums. Dazu waren ihnen von dem ackerbaufähigen Boden des Landes fünfzehn Prozent zu eigen. Der Tempel des Gottes Amon in Theben besaß allein 583000 Acker. Wie in Indien, so stand auch hier dem Priestertum die Kaste der Krieger und Edelleute zur Seite. Das aus Handwerkern und Ackerleuten bestehende Volk bildete die unterste Klasse und war, wie in Indien, von jeder Anteilnahme am geistigen Leben ausgeschlossen. Wie dort, so mußte auch hier der Sohn in dem von seinem Vater ausgeübten Handwerk oder Beruf verbleiben. —

Auch im Reich der Inkas wie in Mexiko waren alle priesterlichen Einrichtungen derart geregelt, daß es den Priestern möglich wurde, für sich und ihre Tempel jene ungeheuren Reichtümer anzusammeln, die das maßlose Staunen der spanischen Eroberer erregten. Von aller Kriegsbeute fiel dem „Sohn der Sonne“ oder Inka zunächst der dritte Teil zu. Ihm gehörte ferner das gesamte Grundeigentum des Landes, das vom Volk bewirtschaftet werden mußte. Ein Drittel dieses Besitzes war „Sonnenland“, das heißt alle seine Erträgnisse dienten zur Erhaltung der Tempel und des Priestertums. Das zweite Drittel war „Inkaland“, dessen Erträgnisse für die Hofhaltung des Inka verwendet wurden. Das Volk mußte sich mit dem letzten Drittel, dem „Volkslande“ begnügen und daraus seine Nahrung ziehen. Aber jeder besaß seinen Anteil nur als Lehen. Die Verteilung geschah alljährlich neu, damit nicht durch Verwahrlosung eines Gutes die allgemeine Wohlfahrt geschädigt werde. Da das Volk außerdem die Erstgeburt vom Herdenertrag, Wolle und andere Dinge liefern mußte, so ist ersichtlich, daß das gesamte Volk seitens des Priestertums einem unablässigen Frondienst unterworfen worden war. —

Um die vielen gemeinsamen Züge darzulegen, die auf die Abstammung der Priester des Altertums vom Schamanentum hinweisen, müßte man Bücher schreiben. Wie die Schamanen und Medizinmänner sich durch absonderliche geheimnisvolle Aufputze von ihren Stammesgenossen zu unterscheiden suchen, so auch die Priester des Altertums. In Schnitt wie in Farbe waren ihre Gewänder von jenen des Volkes stets verschieden, obendrein mit allerlei Zutaten versehen, die dazu beitragen konnten, ihre Träger als besondere, höhere Wesen zu kennzeichnen. Im Lauf der Zeit wurden diese Gewänder zu so komplizierten Ornaten, wie solche beispielsweise dem jüdischen Oberpriester Aaron und seinen Assistenten angeblich von Gott für seine im Tempel zu verrichtenden religiösen Handlungen vorgeschrieben wurden. Der in den Kapiteln 28 und 29 des 2. Buches Mosis enthaltenen Schilderung zufolge bestand das Ornat des Hohenpriesters aus einem gelbseidenen, mit scharlachroten, rosinfarbigen und weißen Seidenfäden und mit Goldfäden durchwirkten Leibrock, der über den Hüften durch einen in den gleichen Farben gehaltenen Gurt zusammengehalten wurde. Zwei aus goldgefaßten Onyxsteinen gebildete Spangen schlossen das Gewand über den Achseln. Die Brust war mit einem an goldenen Kettchen hängenden, handlangen Schild bedeckt, auf dem zwölf, in vier Reihen geordnete Edelsteine die zwölf Stämme Israels repräsentierten. Den unteren Saum des Leibrockes zierten abwechselnd kleine aus Gold gefertigte Schellen und aus farbiger Seide hergestellte Granatäpfel. Eine weißseidene Haube mit einem goldenen Stirnblatt und der Inschrift „Das Heiligtum des Herrn“ schmückte das Haupt.

Die als Hilfspriester dienenden Söhne Aarons hatten über leinenen Unterkleidern Leibröcke aus weißer Seide zu tragen; desgleichen weiße, mit farbigen Seidenfäden durchwirkte Gürtel und weißseidene Hauben.

Jüdischer Oberpriester und seine Hilfspriester. Nach einer Darstellung in den Kostümbilderbogen von Braun & Schneider, München

Jüdischer Oberpriester und seine Hilfspriester.

Nach einer Darstellung in den Kostümbilderbogen von Braun & Schneider, München.

In ebenso prunkvollen Ornaten erschienen die Priester aller anderen Völker des Altertums. Meist kennzeichneten sie sich auch durch besondere Haartrachten und Tonsuren. Dazu kamen noch manche andere, ihrem Stande streng vorbehaltene Eigentümlichkeiten. So trugen die Priester Ägyptens während ihrer Amtswaltung Stäbe aus Metall, die innen hohl waren und beim Verrichten von allerhand Zauberkünsten eine große Rolle spielten. Manche hatten die Gestalt von Schlangen; andere waren an der Spitze umgebogen. Aus diesen Zauberstäben lassen sich die Äskulapstäbe der Ärzte und die Krummstäbe der christlichen Bischöfe ableiten. Im Verkehr untereinander bedienten die Priester sich auch meist einer besonderen Sprache und Schrift, die nur Eingeweihten verständlich waren.

Das Verrichten von allerhand Wundern wurde von diesen Nachkommen der Schamanen und Medizinmänner zu einer förmlichen Wissenschaft ausgebildet, da durch Vollbringung solcher Wunder das abergläubische Volk am eindringlichsten von der übernatürlichen Begabung der Priester überzeugt und zu der Anschauung erzogen werden konnte, in diesen Priestern heilige Wesen zu erblicken, die als solche auch verehrt werden müßten. —

Daß diese Priester gleich den Regenmachern der Naturvölker Einfluß auf das Wetter ausüben, und unedle Metalle in Gold verwandeln könnten, ferner imstande seien, Tote zu erwecken, die Seelen Abgeschiedener herbeizurufen und sich selbst unsichtbar zu machen, wurde allgemein geglaubt. Sie verstanden sich ferner auf die Kunst, allerlei Liebestränke zu brauen, Getrennte wieder miteinander zu vereinen und Diebe ausfindig zu machen. Gegen entsprechende Bezahlung hatten sie auch magische Rezepte zur Hand, wie man auf Erden Freunde und Reichtümer, im Jenseits endlose Glückseligkeit erwerben könne. Verspürte jemand das Verlangen, sich unbemerkt an einem Feinde zu rächen, so waren die Priester bereit, diesen Feind entweder durch ein giftiges Tränklein zu beseitigen, oder ihm mittels ihrer Zaubersprüche oder durch „Rachepuppen“ unausgesetzt schlaflose Nächte zu bereiten und ihn derart zu peinigen, daß er schließlich an Erschöpfung starb[Daß die Anfertigung solcher „Rachepuppen“ zu den Zauberkünsten der Priester Alt-Ägyptens gehörte, versichert der berühmte Ägyptologe G. Maspero in seiner „Histoire ancienne des peuples de l’Orient classique“ (Paris 1895). Auf Seite 213 sagt er: „Wohl nirgendwo wurden allerhand Zauberkünste mit solcher Sorgfalt studiert und betrieben als in dem Lande der Pharaonen. Insbesondere war den ägyptischen Magiern die Bezauberei durch Bildwerke oder Rachepuppen geläufig. Ein einziger Tropfen Blutes von einem Menschen, einige Abschnitte seiner Haare, oder ein Fetzen seines Gewandes reichten aus, um dem Zauberer angeblich volle Gewalt über diesen Menschen zu verleihen. Der Zauberer knetete diese Dinge in einen Klumpen Wachs und formte daraus die Figur jenes Menschen, dem Übles zugefügt werden sollte. Obendrein bekleidete er die Figur in ähnlicher Weise. Wurde ein solches Abbild darauf dem Feuer ausgesetzt, so verfiel die dargestellte Person sofort in ein hochgradiges Fieber. Wurde die Figur mit einem Messer gestochen, so empfand die Person die gleichen Schmerzen, als sei sie wirklich verwundet worden.“]. Selbstverständlich hatten die Priester es auch vollkommen in ihrer Gewalt, solche schändlichen, von anderen Seiten geplante Anschläge abzuwehren und unschädlich zu machen.

Geradezu berüchtigt wegen solcher nichtswürdigen Künste waren die Mitglieder einer in Medien und Persien verbreiteten Priesterkaste, die sich „Magu-sh“ nannten, eine altpersische Bezeichnung, aus der sich die Wörter „Magier“ und „Magie“ entwickelten. Das Wort „Magie“ wurde die Bezeichnung für Zauberei im allgemeinen.

Wie gefürchtet die Magier im Volke waren, ergibt sich aus mancherlei Gebeten, um Anschläge derselben unschädlich zu machen. Der Archäologe Lenormant veröffentlichte den Wortlaut solcher in Ton eingeritzten Anrufungen, die in den Ruinen ehemaliger chaldäischer Städte gefunden wurden. Sie sind ungemein reich an Stellen, aus denen die entsetzliche Angst der damals lebenden Menschen vor böswilliger Verzauberung hervorleuchtet. Oft sind diese eindringlichen Gebete wenig voneinander abweichende Wiederholungen der gleichen Worte, als seien die Bittsteller darauf bedacht gewesen, nicht die kleinste Möglichkeit zur Abwehr einer versuchten Verzauberung unberücksichtigt zu lassen. So lautet z. B. eines dieser Gebete folgendermaßen: „Der Magier hat mich durch seine Künste verzaubert; er verzauberte mich durch seine Künste. Die Hexe hat mich durch ihre Künste verzaubert; sie hat mich verhext durch ihre Künste. Er, der Figuren macht, um die Menschen zu verzaubern, raubt mir mein Leben durch ein solches Bildnis. Durch ein Bildnis nimmt er mir mein Leben. Seitdem er mein Ebenbild anfertigte, mein Gewand zerriß und mit dem Staub unter seinen Füßen vermischte, schwindet mein Leben dahin. Gott des Feuers, Du starker Held, mache Du seinem schrecklichen Zauber ein Ende!“ —

Daß man sogar glaubte, derartige Zauberer besäßen die Macht, durch ihre Verwünschungen ganze Völker zu verderben, ergibt sich aus den Kapiteln 22, 23 und 24 des 4. Buches Mosis. Daselbst ist weitläufig berichtet, wie Balak, König der Moabiter, durch das siegreiche Vordringen der Israeliten geängstigt, wiederholt Gesandtschaften mit reichen Geschenken an Bileam, einen in Pathor wohnenden Magier und Wahrsager, schickte, um denselben zu veranlassen, die Israeliten zu verfluchen und Unheil über sie zu bringen. —

Wie die Schamanen und Medizinmänner der Naturvölker ihre Schüler den strengsten Prüfungen unterwarfen, um dem Mißglücken ihrer Wundertaten vorzubeugen, so mußten auch die Novizen der Tempelpriester des Altertums die schwersten Examen bestehen. Sicherer Tod war denjenigen beschieden, die das Geringste von den Vorgängen im Tempel und deren Geheimnissen verrieten. Nicht umsonst hieß der Hohepriester von Heliopolis „Herr der Geheimnisse! Er, der die Geheimnisse des Himmels kennt!“

Allerdings hatten die Priester des Altertums Gründe genug, um dem Einblick unbefugter Personen in ihre Geheimnisse vorzubeugen, waren doch sämtliche Einrichtungen ihres Berufs und ihrer Lehren darauf eingestellt, die abergläubischen Mitmenschen in beständiger Furcht und Angst zu erhalten, damit sie um so sicherer beherrscht und um so erfolgreicher ausgebeutet werden könnten.

Tibetanischer Oberpriester mit Donnerkeil und Gebetsmühle

Tibetanischer Oberpriester mit Donnerkeil und Gebetsmühle.

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