[3] R. C. DARWIN / DIE ENTWICKLUNG DES PRIESTERTUMS UND DER PRIESTERREICHE

In diesem Beitrag kann man folgende Kapitel aus dem Buch “Die Entwicklung des Priestertums und der Priesterreiche” von Rudolf Cronau (Pseudonym “Randolph Charles Darwin”) lesen:

Ein komplettes Inhaltsverzeichnis des Buches befindet sich in Beitrag 1.

„Beständig auf die Ausbeutung ihrer Stammesgenossen bedacht, wußten die Schamanen und Fetischpriester fast aller Zeiten, Länder und Völker es ihren abergläubischen Opfern begreiflich zu machen, daß reiche Jagdbeute, der gute Ausgang eines Kriegszuges, eine ausgiebige Ernte oder der Erfolg eines Liebesabenteuers sicher zu erwarten seien, wenn man sich ihrer Beihilfe versichere. Sie gaben vor, nicht nur allerlei Zaubersprüche und Mittel zu besitzen, um jedes Unternehmen zum Guten wenden zu können, sondern auch um geheime Anschläge von Feinden zu vereiteln. Ja, sie seien imstande, derart Bedrohten Gelegenheit zu geben, sich an übelwollenden Gegnern für erlittene Beleidigungen und Schäden zu rächen.“,

„So beugen sich abergläubische Menschen aus Furcht unter das Joch, das ihnen von habgierigen und herrschsüchtigen Zauberpriestern auferlegt wird. Dieses Joch ist stets da am schwersten, wo die Völker am wenigsten kultiviert und aufgeklärt sind, und wo der Priestertrug am geheimnisvollsten ausgeführt wird.“

Ab hier geht es weiter mit dem Originaltext des Buches.


SCHAMANEN UND FETISCHPRIESTER

ALS BAUCHREDNER

Beim Durchführen ihrer Gaukeleien bedienen die Schamanen und Medizinmänner sich seit uralten Zeiten auch jener eigenartigen Fertigkeit, die man „Bauchredekunst“ nennt, die in Wirklichkeit aber mit dem Bauch nicht das geringste zu tun hat. Bei ihrer Ausführung werden vielmehr der Kehlkopf und das Gaumensegel in Anspruch genommen und beim Reden stark emporgezogen. Die Zunge rückt nach hinten, nur ihre Spitze ist beweglich. Die Stimmbänder befinden sich in gewöhnlicher Anlautstellung; da sie aber nur mit sehr geringem Luftdruck angeblasen werden, erhält die aus dem leicht geöffneten Munde des Redners kommende Stimme einen eigentümlich fremden Klang. Da das menschliche Ohr in bezug auf die Herkunft von Schallwellen sehr unsicher ist, so gelingt es dem sogenannten „Bauchredner“ leicht, die Zuhörer zu täuschen, zumal er durch allerlei Fragen und fingierte Antworten in ihnen den Glauben erweckt, als unterhalte er sich mit einer an einer bestimmten Stelle verborgenen Person. Im Gespräch mit ihr läßt er seine gewöhnliche Stimme neben jener andersklingenden Bauchrednerstimme ertönen, wobei er gleichzeitig, bald hinhorchend, bald anredend, bald sich wegwendend die Aufmerksamkeit der Zuhörer von Stelle zu Stelle lenkt.

Diese wissenschaftlich „Ventriloquistik“ genannte Fertigkeit wurde bereits vor vielen Jahrtausenden von Schamanen und Zauberpriestern der verschiedensten, durch keinerlei Beziehungen miteinander verbundenen Naturvölker ausgeübt. Dafür finden sich in alten Chroniken wie in den Werken vieler moderner Forscher die mannigfaltigsten Belege.

Eine besonders wichtige Rolle spielte die Ventriloquistik bei der Toten und Geisterbeschwörung, die von den Wundermännern und Wunderfrauen des Altertums zu einer Kunst ausgebildet wurde, daß selbst die heutigen Beherrscher derselben wenig Neues mehr bringen konnten. In der Bibel ist wiederholt von solchen Zauberern die Rede, deren „murmelnde, gedämpfte Stimmen klangen, als ob sie aus der Erde sprachen“ (Jesaias 29, 4). Wohl die bekannteste solcher Beschwörungen ist im 28. Kapitel des I. Buches Samuelis erzählt. Daselbst wird der Besuch des Königs Saul bei der Wahrsagerin zu Endor geschildert, die auf Verlangen des Königs den Geist Samuels heraufsteigen und zu ihm reden ließ. Eine aufmerksame Lektüre dieser Erzählung ergibt, daß Saul von dem Weibe durch ein sehr geschicktes Bauchrednerkunststück getäuscht wurde. —

Von großem Interesse sind auch die Aufzeichnungen Hans Stades, eines deutschen Landsknechts, der während der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts nach Brasilien verschlagen wurde, dort in die Gefangenschaft der Tupi-Indianer geriet und bei denselben unter der beständigen Gefahr, gefressen zu werden, ein volles Jahr verweilen mußte.

Die Geschichte seiner Irrfahrten erschien im Jahre 1556 zu Frankfurt am Main unter dem Titel: „Wahrhaftig Historia und Beschreibung einer Landtschafft der wilden, nacketen, grimmigen Menschenfresser-Leuthen, in der Neuen Welt America gelegen.“ —

Die uns interessierende Stelle dieses jetzt äußerst seltenen Buches lautet:„Diese Wilden glauben an ein Ding, das wechst wie ein Kürbis, ist so groß wie ein halb Maß-Düppen. Ist innen hohl, stecken ein Stecklein dadurch. schneiden ein Löchlein darein und thuen kleine Steinlein darein, daß es rasselt. Rasseln damit wann sie singen und tantzen und heißen es Tammaraka. Ein jeder des Mannsvolkes hat sein eignes; etliche sind unter ihnen, welche sie heißen Paygi (hier sind die Zauberpriester und Medizinmänner des Stammes gemeint), werden unter ihnen geachtet gleich wie hier die Wahrsager. Dieselben ziehen des Jahres einmal durchs Landt in alle Hütten und geben für, wie daß ein Geyst bei ihnen gewesen, welcher weit her von fernen Örtern kommen were, hätte ihnen Macht geben, daß alle Rasseln, Tammaraka, welche sie wollen, sollen sprechen und Macht bekommen; denen wo darum bitten, soll es gewährt sein. Ein Jeder will haben, daß in seine Rassel die Gewalt komme, machen ein großes Fest mit trinken, singen und Weißsagen, halten viel seltzamer Ceremonien. Darnach bestimmen die Wahrsager einen Tag in einer Hütten, welche sie ledig machen; müssen keine Weiber oder Kinder darinnen bleiben. Dann gebieten die Wahrsager, daß ein Jeder sein Tammaraka rot vermale, mit Federn schmücke und dahinkomme, so wolle er ihnen die Gewalt überliefern, daß sie sprechen sollen. Darnach kommen die Leuten in die Hütten, die Wahrsager setzen sich obenan und haben ihre Tammarakas bei sich in der Erde stecken. Dabei stecken die anderen ihre auch. Ein Jeder gibt den Wahrsagern Geschenke, welches sind Flitschpfeile, Federn, Dinge, die sie an die Ohren henken, auf das ja seines Tammaraka nit vergessen werde. So nimbt nun der Wahrsager ein Jedem sein Tammaraka sonderlich und bereuchert es mit Kraut, welches sie Bittin nennen. Darnach nimpt er die Rassel hart vor den Mundt und rasselt mit und sagt zu ihm: ,Nee Kora, nun rede und laß dich hören, bist du darinnen?‘ Dann redet er kleinlich und gerad ein Wort, das man nicht merken kann, obes die Rassel thu oder ob der Wahrsager. Und das Volk meint, die Rassel thu es. Aber der Wahrsager thuts selbst. So thut er mit allen Rasseln, einer nach der andern. Ein Jeder meinet dann, daß seine Rassel große Macht bei sich hab. Wenn nun der Wahrsager aus allen Rasseln Götter gemacht hat, so nimpt ein jeder sein Rassel hin, heißt sie lieber Sohn, machet ihr ein eigen Hüttlein, da es innen stehet, setzt ihm essen vor, begert von im alles, was im von nöten ist, gleich wie wir den wahrhaftigen Gott bitten. Wie ich den Betrug der Weissager sahe, welche die Dinger sollten sprechen machen, ging ich zur Hütten hinaus, dachte: ,Welch ein armes verblentes Volk ist das!'“ —

Daß die dem gewöhnlichen Volk ganz unbekannte Bauchredekunst von manchen Zauberern als ein Mittel angewendet wurde, um allzu Neugierige fernzuhalten, ist aus den Schilderungen E. D. Penyssenaeres über seine Reisen und Forschungen im Gebiet des Weißen und Blauen Nils zu ersehen. Er schreibt daselbst:

„Ein Zauberer der Dinka-Nation machte sich durch seine außerordentliche Geschicklichkeit in der Bauchredekunst zum reichsten Mann des Kie-Stammes. Er hielt nämlich in seiner Wohnung einen Käfig, aus dem gleichzeitig das Gebrüll von Löwen und das Geheul von Hyänen erscholl, die in Wirklichkeit gar nicht vorhanden waren. Er gab seinen Stammesgenossen zu verstehen, daß diese Bestien sein Haus bewachten und jeden anfallen und zerreißen würden, der es wage, seine Hütte zu betreten. Die Furcht, welche er dadurch seinen Stammesgenossen einjagte, war einfach unbeschreiblich. Von allen Seiten wurden ihm Ochsen als Geschenke zugebracht, so daß seine Herden die größten des ganzen Landes waren. Ein anderer solcher Beschwörer hielt einen gezähmten Löwen und vier große Schlangen, die vor dem Eingang zu seiner Wohnung schliefen, zum großen Staunen der Stammesgenossen, die das friedliche Verhalten der Tiere der Zauberkunst des Gauklers zuschrieben. Aber dieser wirkliche Löwe verursachte nicht halb so viel Angst, als der in der Einbildung vorhandene, woraus gefolgert werden kann, daß Bauchredekunst bei diesen Völkern noch größere Macht verleiht als die Kunst des Löwenbändigers.“ —

Der Franzose Dr. Crevaux[„Globus“, Band 40, S. 274; „Le Tour du Monde“.] beobachtete bei den Apalai-Indianern in Guyana einen Zauberer, der in einem kleinen käfigartigen Verschlag allerlei Manöver vollführte und dabei die verschiedensten Tierstimmen gellend und unermüdlich nachahmte: das Geheul eines Leoparden, das Zischen der Schlangen, das Pfeifen der Affen, das Schreien der Eulen und anderer Vögel.

Am häufigsten angewendet wird die Bauchredekunst von den Schamanen Sibiriens dann, wenn sie gerufen werden, um aus den Wohnstätten oder den Körpern erkrankter Personen die als Urheber alles Elends betrachteten bösen Geister zu verscheuchen. Zu diesen Übeltätern zählen bei vielen wilden und halbzivilisierten Völkern auch die Seelen der Verstorbenen, die gleichfalls als unheilbringend für die hinterbliebenen Angehörigen und Verwandten gelten.

Ein sibirischer Schamane. Nach einer Photographie1

Ein sibirischer Schamane.

Nach einer Photographie.

So herrscht unter allen sibirischen und mittelasiatischen Völkern der Glaube, daß die Seelen der Verstorbenen als Gespenster durch die Lüfte umherschwärmen, über die Schneefelder schweben, oder in Wäldern, Felsklüften und Abgründen hausen, stets bereit, die noch Lebenden mit sich in den Tod zu ziehen. Da ist es dann die Aufgabe des Schamanen, die Hinterbliebenen vor Schaden zu bewahren und die Toten durch reichliche Opfer zu besänftigen.

Gilt es eine dieser einträglichen Handlungen zu verrichten, so bemüht der Schamane sich zunächst, den Auftraggeber in dem Glauben zu bestärken, daß sein Heim, seine Familie oder sein Vieh tatsächlich von bösen Geistern oder den Seelen der Abgeschiedenen bedroht sind. Selbstverständlich müssen diese sich vernehmen lassen und den Beschwörungen und Drohungen des Schamanen scheinbaren Widerstand entgegensetzen. Beim Durchführen solcher Täuschungen bedienen die Beschwörer sich nun der Bauchrednerei, indem sie die Stimmen der Geister aus den Körpern der erkrankten Personen, aus den Winkeln der Hütte, aus dem Bauchfang, oder tief aus der Erde heraus ertönen lassen.

Mit welchem Geschick manche Beschwörer dabei verfahren, ergibt sich aus einer Schilderung, die der durch seine Forschungen in Sibirien berühmte Dr. Wilhelm Radloff in seinem „Tagebuch eines reisenden Linguisten“ niederlegte. Es handelte sich dabei um die durch einen kirgisischen Schamanen vollzogene Reinigung eines Zeltes von der Seele einer Verstorbenen. Dem Glauben der Kirgisen zufolge verweilt die Seele eines Toten gern noch einige Zeit im Zelt, wird aber den überlebenden Familiengliedern gefährlich, indem sie das eine oder andere ins Totenreich nach sich zieht. Aufgabe des Schamanen ist es nun, die Seele zum Verlassen des Zeltes zu zwingen und in das Totenreich zu treiben. Diesen Vorgang beschreibt Radloff mit folgenden Worten:

„Als es anfing dunkel zu werden, tönten in einiger Entfernung der Jurte oder Zelthütte die dumpfen Schläge der Schamanentrommel. Ich trat an die Tür und sah, wie der Schamane in gemessenen Schritten, seine gleichmäßigen Gesänge ausstoßend, das Zelt umkreiste und von Zeit zu Zeit stark gegen die Trommel schlug. Allmählich wurden seine Kreise enger und enger, bis er endlich dicht an der Jurtenwand entlang schritt und zuletzt durch die Tür in die von dem brennenden Feuer hellerleuchtete Jurte trat. Jetzt näherte er sich dem Feuer, hielt die Trommel nach allen Richtungen über dasselbe, so daß der Rauch die Innen- und Außenseite bestrich. Dann setzte der Schamane sich feierlich zwischen Tür und Feuer nieder und begann einen eintönigen schnarrenden Gesang, der immer leiser und leiser wurde, bis er zuletzt in ein wimmerndes Klagen und Flüstern überging. Nun erhob sich der Schamane vorsichtig und schritt mit schleichendem Gange in der Jurte rund um das Feuer, rief den Namen der vor einigen Wochen verstorbenen Frau des Hausbesitzers und wandte den Kopf nach allen Seiten, gleichsam als ob er die Gerufene suche. Zuweilen sprach er mit Fistelstimme, indem er die Stimme der Verstorbenen nachahmte, die ihn wimmernd anflehte, sie bei den Ihrigen zu lassen. Sie fürchte sich vor dem Weg ins Totenreich, der so endlos weit sei, daß sie ihn allein nicht zurücklegen könne. Sie möchte so gern bei ihren Kindern bleiben. Aber unbarmherzig drängte der Schamane sie durch die Macht seiner Trommel von einer Ecke der Jurte in die andere. Erst nach langem Drängen gelang es ihm, die Seele der Verstorbenen zwischen Trommel und Trommelschlegel zu fassen und sie so gegen die Erde zu drücken. Sein Gesang tönte jetzt immer lauter und heftiger, wurde aber noch immer von dem leisen Wimmern der Festgehaltenen unterbrochen.

Ein sibirischer Schamane. Nach einer Photographie2

Ein sibirischer Schamane.

Nach einer Photographie.

Jetzt kehrte der Schamane seine Zaubertrommel mit der Vorderseite zur Erde und schlug so, daß die Schläge dumpf und hohl tönten, als ob sie tief aus der Erde hervordrängen. Auch der Gesang wurde immer dumpfer und nahm zuletzt einen gurgelnden Ton an; denn der Schamane trat jetzt mit der Seele den Weg zur Unterwelt, dem Totenreich, an. Immer leiser wurde der Gesang und ging zuletzt in ein kaum hörbares Geflüster über. Mit einem heftigen Schlag zeigte der Schamane endlich seine Ankunft beim Totenreich an. Nunmehr begann eine Unterredung mit den daselbst sich befindenden Seelen früher verstorbener Verwandter, zu denen der Schamane die Tote brachte. Dieselben verweigerten der neuen Seele die Aufnahme. Der Schamane suchte sie zu überreden, er bat und flehte. Alles vergebens. Da ergriff er eine Branntweinflasche und kredenzte den Toten das Lebenswasser. Sie nahmen es freudig an; es entstand ein buntes Gewirr von allerhand Stimmen, die allmählich einen mehr und mehr lallenden Ton annahmen, da das Lebenswasser, der Branntwein, wirkte. Die Toten sangen und jauchzten, und nun gelang es dem Schamanen, die neue Seele bei ihnen einzuschmuggeln. Jetzt wurde der Gesang des Schamanen immer stärker, da er das Totenreich verließ und sich wieder der Oberwelt näherte. Oben angelangt, sprang er plötzlich auf und geriet in heftige Verzückungen. Der Gesang ging in ein wildes Schreien über, wobei der Schamane in grotesken Sprüngen in der Jurte umhertanzte, bis er zuletzt in Schweiß gebadet bewußtlos zur Erde sank.“ —

Wie Radloff weiter berichtet, machte die wilde Szene bei der magischen Beleuchtung des Feuers einen so mächtigen Eindruck auf ihn, daß er den Schamanen mit den Augen verfolgte und ganz und gar die Umgebung vergaß. Man wird ihm glauben, wenn er versichert, daß auch die Bewohner der Jurte aufs tiefste erschüttert waren. Ihre Pfeifen waren zur Erde gesunken und es herrschte wohl eine Viertelstunde tiefe Stille. —

Die Szene im Totenland wird übrigens von verschiedenen Schamanen mit allerhand Variationen vorgetragen, und zwar so, als ob es ihnen nicht immer sofort gelinge, den Toten ins Geisterreich einzuschmuggeln. Es wird dargestellt, als ob die Seele dem Schamanen entfliehe und zur Jurte zurückkehre, wohin ihr dann der Schamane folgt, um die Jagd und Beschwörung aufs neue zu beginnen. Wollen die Geister der Seele den Eintritt ins Totenreich durchaus nicht gewähren, so ruft der Schamane den Wassergott Jagyk Kan zu Hilfe, so daß die lustige Zechszene im Totenreich plötzlich durch das Andringen von Wogen unterbrochen wird. Dann beginnt ein allgemeiner Wirrwarr, ein wildes Durcheinanderlaufen. Die Toten schreien anscheinend um Hilfe, jammern und weinen, währenddessen der Schamane die Seele glücklich ins Totenreich einführt. Für seine vielen Mühen empfängt der Betrüger reiche Bezahlung. —

Zeichnung auf einer Schamanentrommel der Indianer Alaskas

Zeichnung auf einer Schamanentrommel der Indianer Alaskas.

Als der berühmte Polarforscher Vilhjalmar Stefansson eines Tages einem Eskimo-Freunde erzählte, daß die Weißen Fernrohre hätten, durch die sie die Gebirge auf dem Mond erkennen könnten, war er erstaunt, von dem Eskimo die Frage zu hören, ob denn noch kein weißer Mann auf dem Monde gewesen sei? Er selber wisse auf dem Mond vollkommen Bescheid; denn die Schamanen seines Stammes reisten gar oft dorthin und brächten genaue Kunde zurück., Durch näheres Nachforschen konnte Stefansson feststellen, daß im Winter die „Reise des Schamanen nach dem Mond“ eine häufige Unterhaltung sei: Ja, er durfte einer solchen merkwürdigen Zeremonie selber beiwohnen. Dieselbe vollzog sich in einer geräumigen Hütte, in der die Bewohner des Dorfes tief unten auf Bänken sitzend versammelt saßen, während der Schamane oben am Dach, in der Nähe des einzigen Fensters, nur mit Kniehosen bekleidet, saß. Dort banden ihn mehrere Männer mit Stricken fest. Nun wurde der Raum völlig dunkel gemacht, außerdem mußten alle Anwesenden während des Vorganges die Augen festschließen. Jetzt ließ der Schamane ein Seil, an das ein Stein gebunden war, umherschwirren. Zugleich begann er einen magischen Gesang: „Ich fühle mich nicht so schwer wie sonst. Mir ist, als säße ich nicht fest auf der Erde. Ich werde so leicht wie eine Feder!“ Und während er unbeweglich auf seinem Platze saß, sprach er wie ein Bauchredner, als wenn es aus der Höhe käme:„Jetzt erhebe ich mich; nun fliege ich schon; nun schneller und schneller . . .“

Das Surren des Seiles, die geheimnisvollen Fisteltöne des Mannes schufen eine phantastische Stimmung; schon hallten seine Worte ferner und ferner: „Jetzt schwebe ich hoch über euren Köpfen, jetzt fliege ich in den Wolken . . .“

Die Stimme verschwamm mehr und mehr und schließlich flüsterte sie nur noch, wie aus unermeßlicher Weite kommend. Nun erlebte der Schamane alles mögliche auf dem Monde, und er unterhielt sich mit dem Mann im Monde und seiner Frau über Jagd und Ernteaussichten. Unterdessen saß die Versammlung in tiefstem Dunkel und tiefstem Schweigen, bis nach einer halben Stunde oder mehr man ganz leise die Stimme des Mondreisenden wieder hörte: „Nun fliege ich durchs Fenster. Nun komme ich wieder auf den Boden. Jetzt öffnet eure Augen und zündet die Lampen an!“ Den Höhepunkt der Versammlung bildeten darauf die Erzählungen des Schamanen, dessen Phantasie sich in die kleinsten Einzelheiten erging, während die Zuschauer andächtig lauschten. —

Auch bei den so konservativen Chinesen, bei denen noch heute der Ahnenkult herrscht, wird die Bauchrednerkunst vom Priestertum noch vielfach angewendet, vornehmlich wenn es sich darum handelt, die Toten sprechen zu lassen. Witwen bilden den Hauptprozentsatz der Kundschaft dieser Betrüger. Verlangt eine solche Witwe in Verkehr mit ihrem verstorbenen Gatten zu gelangen, so bedienen die priesterlichen Zauberer sich vielfach einer kleinen Statuette, die sie angeblich mehrere Wochen hindurch dem Tau aussetzen, damit sie sich während dieser Zeit mit dem Geist des Verstorbenen durchtränke. Wird nun während der Konsultation an diese Statuette eine Frage gestellt, so drückt der Zauberer sie gegen seinen Magen, worauf alsbald in dumpfen Grabeslauten — denn so ist die Stimme der Toten — eine Antwort erfolgt. Alsbald entspinnt sich zwischen dem Geist des Toten und der um Rat Fragenden eine lebhafte Unterhaltung, während welcher der Zauberer die Statue der Fragenden auch manchmal in die Nähe des Ohres hält. Die Unterhaltung wird dann in derselben Weise fortgeführt. Die Täuschung der Gläubigen ist vollkommen, beruht sie doch auf dem religiösen Glauben, daß die Geister der Toten erweckt werden können, und daß sie wirklich mit dieser sonderbaren Stimme sprechen, die den Toten eigen ist.

DIE SCHAMANEN ALS REGENMACHER

UND WETTERVERTREIBER

Seit uralten Zeiten spielt im Dasein und Glauben der Menschen der Regen eine überaus wichtige Rolle. Besonders bei solchen Völkern, deren Wohnsitze häufig von Perioden anhaltender Trockenheit betroffen werden, die sich in manchen Teilen Afrikas, Asiens und Australiens mitunter überein, zwei oder gar drei Jahre erstrecken. Dann verwandeln sich jene Länder in vollkommene Wüsten. Kein Tropfen Regen fällt. Die Flüsse versiegen, das Gras verdorrt, das Vieh verdurstet, und die braunroten Steppen sind mit vertrockneten Leichen besät. Es ist in solchen Zeiten entsetzlicher Dürre, wo den Fetischpriestern „der Weizen blüht“, wo sie zu hochbezahlten „Regenmachern“ werden, die vom geängstigten Volk bestürmt werden, durch ihre Anrufungen und Beschwörungen die Götter zu veranlassen, den allbelebenden Regen herabzusenden.

Einen solchen erfolgreichen Regen- und Wettermacher lernen wir beispielsweise in der Person des im 1. Buch der Könige, Kap. 17 und 18 geschilderten Elia kennen, des gleichen umherziehenden Magiers und Wundertäters, der, dem 2. Buch der Könige, Kap. 2 zufolge auch während eines Unwetters in einem feurigen Wagen gen Himmel gefahren sei. — In seinem Buch „The Uganda Protectorate“ (II, 779, 851) äußerte Sir H. Johnston sich über solche Regenmacher folgendermaßen:

„Unter den am Oberen Nil wohnenden Stämmen beruht das Ansehen der Wundertäter vorwiegend auf ihrer angeblichen Macht, Regen erzeugen zu können. Denn Regen bedeutet für die Bewohner dieser Gegenden alles. Sein Ausbleiben zur nötigen Zeit hat stets unbeschreibliches Ungemach zur Folge. Kein Wunder, daß manche Kerle, die schlauer als ihre Stammesgenossen sind, deren Einfältigkeit ausnützen und vorgeben, imstande zu sein, Regen zu erzeugen. Sie schlagen ihre Wohnstätten stets auf den Hängen hoher Berge auf. Wohl wissend, daß Berge die Wolken anziehen, sind sie darum in ihren Wetterprophezeiungen ziemlich sicher.“

In seinem Buch „Mit Emin Pascha im Herz von Afrika“ (Berlin 1894, p. 778) schrieb F. Stuhlmann:

„Ist in einem Distrikt der Regen seit langer Zeit ausgeblieben und wünscht man ihn des Säens wegen herbei, so wenden sich die Eingeborenen unter Darbringung eines Geschenkes von Schafen, Ziegen, oder in dringenden Fällen von Rindern oder eines Mädchens an den betreffenden Magier, und dieser verspricht, falls die Gabe ihm genügend erscheint, für Regen zu sorgen. Er verlangt jedoch eine Vermehrung der Geschenke, falls sie ihm zu gering scheinen. Bleibt nun der Regen trotzdem einige Tage aus, so gibt dies dem Zauberer Gelegenheit, neue Geschenke zu verlangen, weil vermutlich die Geringfügigkeit der gebotenen Gaben das Eintreten des Regens verzögerte. Sind dann endlich genügende Geschenke eingetroffen, so geht die Regenmacherei folgendermaßen vor sich: ein eiserner Topf wird in den heißen Sand, mitten in die Sonne gesetzt; in ihn werden die Regensteine gelegt, die jeder Regenmacher besitzt, nachdem sie zuvor mit Fett und Butter gesalbt wurden. Die Steine bestehen in zwei talergroßen Scheiben; die eine aus weißem Quarz wird als ,männliche‘ bezeichnet, die andere bräunliche als ,weibliche‘. Unter allerhand Hokuspokus bringt der Regenmacher nun kaltes Wasser aus seiner Hütte und gießt dieses über die Steine, so daß sie etwa drei Finger hoch bedeckt werden. Schäumt das Wasser auf, so ist der Regen nah, und jedermann geht vergnügt nach Hause; bleibt es aber ruhig, so ist der Regen noch fern und der Regenmacher verlangt weitere Geschenke.

Das Geschäft des Regenmachens ist übrigens oft mit großen Unannehmlichkeiten verbunden. Wenn nämlich der Regen trotz aller Bemühungen ausbleibt, die Saaten auf den Feldern immer dürrer werden, werden auch die Forderungen der Bewohner immer dringender. Mißglücken auch weitere Versuche, so wird der Regenmacher oft getötet. Die ihm auferlegten Qualen bestehen gewöhnlich darin, daß man den glattgeschorenen Kopf des angebundenen Mannes mit Honig bestreicht und ihn der glühenden Sonne aussetzt, ohne daß er sich der herzufliegenden Bienen und andrer Insekten erwehren kann. Manchmal gräbt man ihn auch bis an den Hals in Erde ein und setzt dann nur den Kopf der Sonne aus. Oder er wird nachts überfallen, seiner Habe beraubt und vertrieben, manchmal auch getötet.“ —

Auch Dudley Kidd gibt über die wahren Beweggründe der Regenmacher Aufschluß, indem er in seinem Buch „The Essential Kafir“ (London 1904, p. 114) schreibt:

„Diese Regenmacher üben über ihre Stammesgenossen einen außerordentlichen Zwang aus. Sie drohen, den Himmel zu verschließen, falls dieselben ihren unverschämten Forderungen nicht Genüge leisten.“ —

Ein Regenmacher der Basuto. Nach Ratzels Völkerkunde

Ein Regenmacher der Basuto.

Nach Ratzels Völkerkunde.

Welcher Methoden die Regenmacher sich bedienen, um im Volke den Glauben an ihre Macht über das Wetter zu erhalten, ist aus einer in ,,Ratzels Völkerkunde“ (Band I, 300—303) wiedergegebenen Schilderung des Missionars Robert Moffat[Missionary Labours and Scenes in South-Afrika, London 1842.] zu ersehen. Durch eine mehrjährige Dürre geängstigt, luden die in Südafrika wohnenden Betschuanen einen berühmten Regenmacher, der 200 englische Meilen entfernt bei dem Stamme der Bahurutse wohnte, ein, den nötigen Regen herbeizuzaubern. Durch große Versprechungen gelang es, den Mann zum Kommen zu bewegen. Ehe der Zauberer das Dorf betrat, sandte er an dessen Bewohner den strengen Befehl, ihre Füße zu waschen. Kaum war dieser Befehl erlassen, als jedermann zum Fluß eilte, um das Gebot des mächtigen Mannes zu erfüllen. Inmitten der lautlos horchenden Menge verkündete er dann, daß in diesem Jahre die Weiber nicht in den Tälern, sondern auf den Bergen säen und pflanzen müßten, da die Täler durch den von ihm heraufbeschworenen Regen überschwemmt werden würden. Dann erzählte er ihnen prahlerische Geschichten, wie er den Wolken geboten habe, sich über den Ortschaften der Feinde seines Volkes zu entleeren und sie zu verwüsten, wie er den Marsch mächtiger Heere verhindert habe, indem er Regengüsse fallen ließ, die zu reißenden Strömen wurden, die sie nicht zu überschreiten vermochten. Alles ward als reinste Wahrheit hingenommen. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich der Ruhm des Regenmachers über das ganze Land, und die Häuptlinge der Nachbarstämme kamen, um ihm ihre Ehrfurcht zu erweisen. Trotzdem sich die Verheißungen des angeblichen Zauberers in keiner Weise erfüllten, wußte er doch seine Betrügereien mit großer Fertigkeit weiterzuspielen. Wenn irgendwo Gewölk aufstieg, befahl er den Weibern, weder zu säen, noch zu pflanzen, damit ihre Saaten nicht fortgeschwemmt würden. Dann wieder verlangte er, daß man ihm gewisse Kräuter sammle, worauf die Dorfbewohner auszogen und beladen mit den gewünschten Pflanzen unter frohen Gesängen zurückkehrten. Mit diesen Pflanzen zündete er auf den Gipfeln der Hügel große Feuer an, deren Rauch sich weithin verbreitete. Er tat das mit Vorliebe um die Zeit des Neu- und Vollmondes, wo Witterungsveränderungen ohnehin nicht selten eintreten. Trotzdem alle diese Bemühungen erfolglos waren, blieb der Glaube an die Macht des Zauberers unerschüttert. Endlich fiel eines Tages ein kleiner Regenschauer, worauf einer der Dorfältesten eilig in das von dem Zauberer bewohnte Haus lief, um ihm seine Freude auszudrücken. Aber wie groß war sein Staunen, als er den Zauberer, den er in voller Arbeit glaubte, so fest schlafend fand, daß er gar nichts von dem fallenden Regen gehört hatte. Zum Glück für ihn war sein Weib eben dabei, einen Sack auszuschütteln. „Siehst du nicht, wie mein Weib Regen ausschüttet, so rasch sie kann?“ rief der schlaue Regenmacher. Diese Antwort genügte, um im ganzen Dorf die frohe Kunde zu verbreiten, der mächtige Mann habe den Regen aus einem Sack ausschütteln lassen. Als nach diesem Schauer wiederum Trockenheit eintrat, klagte er, daß es im Dorf einige schlechte Leute geben müsse, die seine Gebote unbeachtet ließen. Und als man ihn inständig bat, weitere Versuche anzustellen, rief er aus: „Ihr habt mir nur Ziegen und Schafe gegeben, darum kann ich auch nur Ziegenregen machen. Gebt mir einige fette Schlachtochsen, so will ich euch Ochsenregen sehen lassen!“ Aber obgleich auch diese geliefert wurden, wollte kein Regen kommen. Nun ließ der Zauberer sich mehrere große Gefäße voll Wasser geben, in das ein Aufguß irgendwelcher Knollen geschüttet wurde. Darauf mußten alle Männer des Ortes an dem Zauberer vorüberschreiten, der jeden mittels eines Zebraschwanzes mit dieser Flüssigkeit bespritzte. Da noch immer der ersehnte Regen nicht kommen wollte, so griff der Zauberer nun zu Mitteln, die ihm Zeit gaben. Er behauptete, das Herz eines Löwen für seine Beschwörungen nötig zu haben. So schwer diese Forderung war, wurde auch sie erfüllt, worauf der Zauberer auf einem Hügel ein Feuer anzündete, mit erhobener Hand die Wolken herbeirief und ihnen unter heftigem Speerschütteln mit seinem Zorn drohte, wenn sie nicht folgen sollten. Die Bevölkerung war außerordentlich erstaunt, als auch jetzt noch kein Regen fiel. Noch ein Mittel kam jetzt an die Reihe, das bei der bekannten Furcht vor Toten einen tiefen Eindruck auf die Phantasie dieser Neger machen mußte. Der Zauberer befahl nämlich, den Leichnam eines vor mehreren Wochen Verstorbenen wieder auszugraben, zu waschen und wieder aufs neue zu beerdigen. Gegen die Erwartung des Zauberers wurde auch dieses Gebot vollzogen, wenn auch mit Furcht und Abscheu. Aber als auch dieses und verschiedene andere in Anwendung gebrachte Mittel keinen Regen herbeizauberten, stieg die Wut des enttäuschten Volkes ebenso hoch, wie vorher die Verehrung. Sicherlich hätte die Laufbahn des Betrügers mit gewaltsamem Tod geendigt, hätte der Missionar ihn nicht aus den Händen der Wütenden befreit. Übrigens wurde er dennoch später bei den Bamangketsi getötet. Moffat schloß seine Schilderung mit der Bemerkung, es sei eine bezeichnende Tatsache, daß solche Regenmacher niemals eines natürlichen Todes stürben. Es gebe kaum einen Stamm, dessen Männer nicht ihre Hände in das Blut solcher Betrüger getaucht hätten, welche sie zuerst anbeten, dann verfluchen und zuletzt töten. —

Die höchst ergötzliche Schilderung eines ebenso fruchtlosen Wettstreites zwischen einer ganzen Anzahl indianischer Regenmacher gab Catlin im19. Brief seiner „Illustrations of the Manners, Customs and Conditions of the North-American Indians“.

Die Berichte aller Forscher stimmen dahin überein, daß die von den Regenmachern ausgeführten Gaukeleien fast ausschließlich zur Befriedigung ihrer Habsucht vollzogen werden. Der Missionar Henry Cole, der sich in Mpwapna, Daressalam, Ostafrika, aufhielt, schrieb in einem „Rainmaking in Savage Africa“ betitelten Aufsatz:

„Man kann sich leicht vorstellen, daß in einem so dürren und durstigen Lande wie Afrika, wo nur wenige Flüsse existieren und der Regenfall in den meisten Gegenden sehr gering ist, die Kunst des Regenmachens eine höchstergiebige Einnahmequelle für einen Mann sein muß, der es verstand, sich als Regenmacher einen gewissen Ruf zu sichern. In Zeiten anhaltender Dürre nehmen ganze Haufen von Menschen zu ihm ihre Zuflucht, alle beladen mit Geschenken, die sie ihm demütig zu Füßen legen. Nicht nur das, sondern der Regenmacher heimst auch als Erhalter des Lebens und Retter des Landes die höchsten Ehren ein.“ —

Zu den Aufgaben der Regenmacher gehört es auch, gefährliche Unwetter und Hagelschläge abzuwehren. Sobald solche drohen, setzen sie ihren Hokuspokus in Tätigkeit, schleudern gegen den Wettergott einen Schwall von fürchterlichen Verwünschungen und schießen gar zahlreiche Pfeile gegen die heraufziehenden Wolken ab, um den darinsitzenden bösen Geist zu verwunden. Kehrt sich das Unwetter nicht an diese Manipulationen, so gilt es dann, unter allen Umständen einen „Schuldigen“ zu finden, durch dessen Vergehen die Anstrengungen des Zauberers vereitelt wurden. Mit Hilfe aller möglichen und unmöglichen „Merkmale“ wird auch immer ein solcher Schuldiger gefunden und grausam bestraft, da der Aberglaube nun mal „sein Opfer haben will“. —

Aus uralten skandinavischen Sagen ist zu entnehmen, daß auch in Schweden der gleichzeitig als Zauberpriester und Wettermacher fungierende Häuptling für Mißwachs und Hungersnöte verantwortlich gehalten wurde. So fiel König Domaldin, nachdem ein Ochsenopfer im ersten und ein Menschenopfer im zweiten Herbst die Hungersnot nicht gebrochen hatten. So fiel auch, wie die „Ynglinga Saga“ erzählt, König Olaf Tretelja, dem die Seinigen schuld gaben, daß er den Wettergöttern nicht genug geopfert habe. Sie rotteten sich zusammen, umringten sein Haus, verbrannten ihn darin und opferten ihn so dem Odin in der Hoffnung auf ein gutes Jahr.

BILDZAUBER UND RACHEPUPPEN

Beständig auf die Ausbeutung ihrer Stammesgenossen bedacht, wußten die Schamanen und Fetischpriester fast aller Zeiten, Länder und Völker es ihren abergläubischen Opfern begreiflich zu machen, daß reiche Jagdbeute, der gute Ausgang eines Kriegszuges, eine ausgiebige Ernte oder der Erfolg eines Liebesabenteuers sicher zu erwarten seien, wenn man sich ihrer Beihilfe versichere. Sie gaben vor, nicht nur allerlei Zaubersprüche und Mittel zu besitzen, um jedes Unternehmen zum Guten wenden zu können, sondern auch um geheime Anschläge von Feinden zu vereiteln. Ja, sie seien imstande, derart Bedrohten Gelegenheit zu geben, sich an übelwollenden Gegnern für erlittene Beleidigungen und Schäden zu rächen.

Zweifellos waren solche Schamanen und Zauberpriester die Urheber des über die ganze Erde verbreitet gewesenen Wahnglaubens, daß man durch eine aus Lehm, Holz, Wachs oder anderen Gegenständen geformte Figur einer Person auf diese selbst, sogar aus weiter Ferne, wirken könne. Besonders wenn man einem derartigen Bilde einige Haare, Abschnitte der Nägel oder einen Teil irgendeines von jener Person getragenen Kleidungsstückes beimische. Werde eine solche Nachbildung dann mit Nadeln gestochen, mit Messern zerschnitten, mit Lanzenstichen bearbeitet, oder dem Feuer ausgesetzt und, wo es sich um Figuren aus Wachs handelte, geschmolzen, so werde diejenige Person, die man sich unter diesem Bilde dachte, von ähnlichen Qualen gefoltert und sei langsamem, überaus schmerzhaftem Siechtum und Tod verfallen. Da derartige Anschläge durchweg Rachegelüsten entspringen, so nannten die Gelehrten der Völkerkunde solche Figuren „Rachepuppen“ und das ganze Verfahren „Bildzauber„. Als solcher wurde er für die Schamanen und Zauberpriester eine außerordentlich ergiebige, beständig fließende Einnahmequelle, für die Menschheit aber auch zu einem Jahrtausende andauernden Fluch.

Wohl die älteste schriftliche Mitteilung über eine solche Rachepuppe ist in einem ägyptischen Papyrus enthalten, in dem über eine Verschwörung berichtet wird, die um das Jahr 1170 v. Chr. gegen das Leben König Ramses III. angezettelt wurde. Unter den Verschwörern war ein Magier namens Hui. Derselbe wußte sich durch Bestechung einige in der Tempelbibliothek des Gottes Amon zu Theben befindliche Zauberbücher zu verschaffen, deren Inhalt ihn in den Stand setzten, mehrere Wachsfiguren zu verfertigen, durch deren Folterung bewirkt werden sollte, daß der König in Siechtum verfalle und sterbe[E. A. Wallis Budge, „A short History of the Egyptian People“, (London 1914) p. 187].

Wie solche „Rachepuppen“ angefertigt und behandelt wurden, ist von Joseph A. Gilfillan, der als Missionar viele Jahre unter den Ojibway-Indianern weilte, auf den Seiten 252—256 seines Buches „The Ojibway“ in äußerst anschaulicher Weise geschildert. Der Urheber der Rachepuppe war in diesem Falle „Scha-bosch-kunk“, ein Medizinmann, der sich auf diese schändliche Art an „Big-Wind“, durch den er sich beleidigt wähnte, zu rächen suchte.

„Während Scha-bosch-kunk damit begann, aus einem Stück Holz eine rohe menschliche Figur zu schnitzen, stimmte er gleichzeitig allerhand Zauberweisen an, Weisen von unheilvollster Wirkung. Nach einer Weile legte er die Figur vor sich hin, nahm seine Trommel zur Hand und stieß unter dem dumpfen Dröhnen derselben manche jener Verwünschungen aus, deren Worte zerstörend wirken. Die Trommel hinlegend, hob er die Figur wieder auf, um verschiedene Einzelheiten hinzuzufügen. Er bekleidete sie mit Jagdhemd, Lederhosen und Mokassins. Auch drückte er ihr einen Bogen in die Hand. Irgendwoher nahm er ein Büschel Haare und klebte sie der Figur auf den Kopf. Augen, Nase, Arme und Beine wurden nicht vergessen. All das nahm eine Reihe von Tagen in Anspruch, währenddessen fleißig die Trommel und die Zauberrassel in Bewegung gesetzt wurden. Offenbar war Scha-bosch-kunks ganzes Sinnen darauf eingestellt, den die Figur vorstellenden Mann zu vernichten. Denn sobald der Morgen graute, begann er über der Figur seine unheimlichen, vom eintönigen Dröhnen der Trommel und dem Klappern der Rassel begleiteten Gesänge auszustoßen. Oft war er bis in die späte Nacht mit der Figur beschäftigt. Mit seinen Händen fuhr er über sie hin; mit seinem Munde blies er sie an und stieß dabei allerlei seltsam klingende Kehllaute aus.

In einem Topf verwahrte er äußerst tödlich wirkende Gifte. Davon nahm er von Zeit zu Zeit, um mittelst eines Stäbchens verschiedene Stellen der Figur damit zu betupfen. Er ging sehr behutsam zu Werke. Unschlüssig hielt er das Stäbchen in seiner Hand, näherte es zögernd der Figur, zog es wieder zurück, näherte es wiederum, bis endlich nach mehreren mißglückten Versuchen das Stäbchen mit der Figur in Berührung kam und das Gift in dieselbe eindrang. Ein Triumphgeheul ausstoßend, vollführte darob Scha-bosch-kunk einen wilden Tanz, offen ausrufend, daß kein menschlicher Körper stark genug sei, der zersetzenden Wirkung solcher Gifte zu widerstehen. Er sei nunmehr sicher, daß der so Getroffene bald ein toter Mann sein werde.

Gleich darauf sann Scha-bosch-kunk sich noch etwas anderes aus. Zwischen vielen ,Whi—ho—ho—hos!‘ und mit beträchtlichem Zeitaufwand malte er mit von ihm selber hergestellter weißer Farbe um den Mund des Bildwerkes einen Ring. Derselbe bedeutete, daß der durch die Figur dargestellte Jäger dem Hungertod verfallen werde. Denn der weiße Ring werde das Wild verscheuchen, und sollte der Jäger dessen dennoch ansichtig werden, so werde seine Flinte versagen oder die Kugel ihr Ziel verfehlen.

Während Scha-bosch-kunk all diese schändlichen Anschläge ausübte, erkundigte er sich bei gelegentlichen Besuchern vorsichtig nach dem Befinden Big-Winds, ob er bei guter Gesundheit sei und an Gewicht zunehme. Insbesondere suchte er auch zu erfahren, ob ihm das Jagdglück günstig gewesen und sein Wigwam mit Vorräten wohl versorgt sei, oder ob er etwa Not leide. Aus den erlangten Auskünften schloß Scha-bosch-kunk, daß seine Zauberkünste wirksam seien, und daß er beim Fortsetzen derselben auf Erfolg rechnen dürfe. Um dessen ganz sicher zu sein, dachte er sich noch eine andere, über seinen Feind zu verhängende Peinigung aus. Indem er mit der einen Hand die Figur vor sich hin hielt, versetzte er ihr nach starkem Gebrauch der Trommel mit einer scharfen Nadel zahlreiche Stiche, vornehmlich in die Gelenke der Arme und Beine. Glied um Glied wurden derart bearbeitet, so daß die Figur bald arg zerstochen aussah. Kam Scha-bosch-kunk dann mit in Big-Winds Nähe wohnenden Personen in Berührung, so forschte er, ob Big-Wind nicht während der letzten Zeit an schrecklichen Gliederschmerzen zu leiden gehabt habe. Und als ihm gesagt wurde, Big-Wind habe tagelang in seinem Wigwam an heftigem Rheumatismus daniedergelegen, erkannte er zu seiner Freude, daß diese Schmerzen von seinen Nadelstichen herrührten, und daß, wenn er die Nadel in das Herz seiner Figur stoßen werde, der endgültige Erfolg nicht ausbleiben könne. So vergingen die Wochen, während Scha-bosch-kunk sein Opfer langsam zu Tode marterte.“ —

Der Glaube, daß jemand in der hier geschilderten Weise „schlechte Medizin“ über ihn mache, ist der erste Gedanke, der sich jedes Indianers unwillkürlich bemächtigt, sobald er von einer Krankheit befallen wird. Die ihm übelgesinnte Person mag mit ihm in demselben Dorfe oder aber auch in einem weit entlegenen wohnen; denn die Entfernung hat auf die Wirksamkeit des Zaubers keinerlei Einfluß. Irgendein Medizinmann sei imstande, ein Abbild eines Menschen herzustellen, auf den in solcher Weise eingewirkt werden solle. Denn sobald er über diese Figur seine Zaubersprüche ausrufe, werde der Mensch, den die Figur darstelle, erkranken und dahinsiechen. Vornehmlich, wenn es dem Medizinmann gelinge, irgend etwas zu erlangen, was von dem betreffenden Menschen getragen wurde oder einen Teil seines Körpers bildete, sei es irgendein Kleidungsstück oder seien es einige Kopfhaare. In diesem Fall werde der Zauber unfehlbaren Tod zur Folge haben. Ausdiesem Grunde sucht jeder Indianer zu verhüten, daß irgend jemand auch nur ein einziges Haar seines Kopfes erlange, damit es nicht von einem übelwollenden Medizinmann zu seinem Untergang verwendet werden möge.

Daß der Glaube an die Wirksamkeit solcher Rachepuppen über die ganze Welt verbreitet gewesen ist, und bei vielen Völkern noch heute besteht, ergibt sich aus den nachstehenden Mitteilungen bewährter Forscher, die weit voneinander entfernt lebende Völkerschaften betreffen.

Ein von A. A. Perera veröffentlichter Aufsatz „Glimpses of Singhalese Social Life“ (Indian Antiquary XXXIII, 1904, p. 57) enthält folgende Angaben:

„Will ein singhalesischer Zauberer sich an einer bestimmten Person rächen, so bemüht er sich, eine Locke ihrer Haare, einige Abschnitte der Fingernägel oder einen Fetzen ihrer Kleidung zu erlangen. Dann fertigt er ein Abbild dieser Person an und sticht aus fünf verschiedenen Metallen gearbeitete Nägel in die Glieder der Puppe. Darauf vergräbt er die Puppe an einer Stelle, über welche jene unglückliche Person, gegen die der Anschlag gerichtet ist, eines Tages hinwegschreiten wird. Sobald das geschieht, schwellen die Glieder dieses Menschen an, oder sie werden in den Gelenken steif. Oder er wird von hitzigen Fiebern und häßlichen Ausschlägen am Mund, an den Armen und Beinen befallen.“

Dem von E. M. Curr veröffentlichten Werk „The Australian Race“ entnehmen wir folgende im 3. Bande auf Seite 547 enthaltene Stelle:

„Wenn mehrere Eingeborene von Victoria sich eines Feindes entledigen wollen, so formen sie unter Beistand eines Priesters an einer einsamen Stelle auf dem Boden ein rohes Abbild desselben, hocken um dieses herum und überantworten den betreffenden Menschen unter allerhand kabbalistischen Zeremonien der Vernichtung. Solche Anschläge werden so gefürchtet, daß sowohl Männer wie Frauen, die von derartigen gegen sie gerichteten Anschlägen hörten, dahinsiechten und aus Furcht starben.“

Der Franzose J. A. Dubois teilte in seinem im Jahre 1825 in Paris erschienenen Werk „Moeurs, institutions et cérémonies des peuples de l´Inde“ (II, 63) folgendes mit:

„Der Zauberer formt die Figur des ihm verhaßten Menschen aus Erde, die 64 recht schmutzigen Stellen entnommen wurde. In diese Masse knetet er Abschnitte von Haaren und Fingernägeln hinein, schreibt auf die Brust der Figur den Namen oder das Totemzeichen seines Feindes und durchbohrt sie dann mit einer scharfen Ahle. Oder er verstümmelt sie auf die verschiedenste Weise, in der Gewißheit, dadurch auch den Gegenstand seiner Rachgier zu verstümmeln oder zu töten.“

Eingeborene von Victoria, unter Leitung ihres Priesters mit dem Peinigen einer aus Erde geformten Rachepuppe beschäftigt

Eingeborene von Victoria,

unter Leitung ihres Priesters mit dem Peinigen einer aus Erde geformten Rachepuppe beschäftigt.

Im „Journal of the Anthropological Institute“ (Jahrgang 1890, p. 389) veröffentlichte der englische Anthropologe A. C. Haddon einen Aufsatz „The Ethnography of the Western Tribe of Torres Straits“, in dem er sagt:

„Ein auf der Jervis-Insel lebender Zauberer hielt für den Bedarf seiner Kunden eine ganze Anzahl solcher Rachefiguren vorrätig. Manche derselben waren aus Stein hergestellt und kamen in Anwendung, wenn irgendein Mann oder eine Frau rasch abgetan werden sollte. Andere Figuren waren aus Holz gefertigt und wurden benützt, wenn den Unglücksopfern, gegen welche Anschläge geplant waren, ein etwas längeres Dasein gewährt werden solle, damit man sie um so länger quälen und peinigen könne. In solchen Fällen bestand das angewendete Verfahren darin, daß man der mit dem Namen der verhaßten Person bezeichneten Figur Gift anspritzte. Tags darauf wurde der Betroffene dann von Frost geschüttelt, kränkelte und starb, falls nicht der Zauberer, der sein Unheil heraufbeschworen hatte, veranlaßt werden konnte, den Zauber aufzuheben und den Tod abzuwenden.“

Daß der Bildzauber auch Anwendung in allerhand Liebesangelegenheiten fand, wurde zu Anfang dieses Kapitels bereits bemerkt. In dem von C. J. S. Forbes verfaßten Werk „Britisch Burma“ (London 1878) findet sich auf Seite 252 folgende Angabe:

„In Burma wendeten verschmähte Liebhaber sich häufig an einen Zauberer und ließen durch denselben kleine Figürchen der sie verachtenden Schönen anfertigen. Diesen mit allerlei Zaubermitteln versehenen Figürchen wurden irgendwelche Gegenstände beigefügt, die von den Schönen getragen worden waren. Dann wurden die Figürchen irgendwo aufgehängt oder ins Wasser geworfen, was zur Folge hatte, daß die betreffenden Schönen irrsinnig wurden.“ —

Daß der Beistand der Magier aber auch angerufen wurde, um mittels solcher Puppen in bestimmten Personen Liebesregungen zu erwecken, ist eine gleichfalls allen Ethnologen bekannte Tatsache. Wo ein Magier einen solchen Auftrag zu erfüllen hatte, wurde das Herz der mit dem Namen der betreffenden Person belegten Puppe ebenfalls mit Nadelstichen behandelt und darauf unter den üblichen Beschwörungsformeln mit einem gewissen Pulver bestreut, das unfehlbar bewirken werde, daß die betreffende Person in verzehrender Leidenschaft für den ihre Liebe Suchenden entbrenne.

So verstanden es die schlauen Magier, gegen gute Belohnung jedermanns Wünsche zu erfüllen. Wie in späteren Abschnitten geschildert werden wird, spielte der Wahnglaube an die Wirksamkeit solchen Bildzaubers auch im Leben der Völker des Altertums, wie des Mittelalters und sogar noch der Neuzeit eine verhängnisvolle Rolle.

DIE FURCHT VOR DEN FETISCHPRIESTERN

Es ist bezeichnend, daß die Schamanen, Medizinmänner und Zauberpriester, oder wie immer diese ihre Stammesgenossen ausbeutenden Gauner genannt werden mögen, allüberall gefürchtet wurden und noch werden. Ihre Opfer, die instinktiv den an ihnen verübten Betrug ahnen, beugen sich nicht etwa aus Liebe oder Verehrung vor ihnen, sondern lediglich aus Angst vor ihrer Böswilligkeit und vorgeblichen übernatürlichen Macht. Beweise dafür finden sich in Menge in den Werken solcher Forscher, die sich während ihres Aufenthaltes unter wilden Völkerschaften das Studium dieser Personen angelegen sein ließen.

Hören wir, was beispielsweise Egerton Ryerson Young, der für viele Jahre als Missionar unter den am Winipeg-See in Britisch-Nordamerika lebenden Indianern tätig war, in seinem Buch „Stories from Indian Wigwams and Northern Camp-Fires“ (New York and Toronto, 1893) über die Medizinmänner jener Gegend berichtete. Im 18. Kapitel seines Buches schreibt er:

„Im allgemeinen hängt der Einfluß solcher Beschwörer über ihre Stammesgenossen davon ab, in welchem Maße sie deren Gemüter mit Furcht und Schrecken zu erfüllen vermögen. Für solche Personen, die niemals unter einem von Aberglauben und Angst beherrschten Volk lebten, — unter einer Furcht, wie sie nur durch derartige abgefeimte Fetischpriester erzeugt werden kann —, dürften manche auf Tatsachen beruhende Vorkommnisse geradezu unglaubhaft erscheinen. Aber uns Missionaren sind genug Fälle bekannt, daß starke Männer unter den Drohungen solcher nichtswürdiger Schurken zusammenbrachen. Wurde den Forderungen der Beschwörer nicht entsprochen oder Widerstand entgegengesetzt, oder wurde durch irgendeine Handlung ihr Zorn erregt, so versetzten sie die Ungehorsamen durch die hingeworfene Bemerkung, daß sie innerhalb einer bestimmten Frist sterben würden, in einen solchen Angstzustand, daß die Bedrohten sich hinlegten und ohne irgendwelche Krankheitserscheinungen starben.“

In ähnlicher Weise berichtete W. L. Hardisty im „Report of the Smithonian Institution“ for 1866 (p. 312, 316) über die Medizinmänner der Loucheux Indians:

„Die Loucheux-Indianer sind außerordentlich abergläubisch. Sie glauben blind an die Zaubermächte ihrer Medizinmänner, vor denen sie große Furcht haben. Die Macht derselben ist sehr groß; trotzdem suchen sie dieselbe beständig auf jede mögliche Weise zu vermehren. Sie beruht vornehmlich auf dem Glauben, daß diese Medizinmänner durch ihre Künste allen denjenigen Schaden verursachen können, die sie in irgendeiner Weise erzürnen. Solche Medizinmänner herrschen unumschränkt, wenn Krankheiten grassieren. Dann ist auch die Zeit, wo sie ihre Reichtümer vermehren.“ —

Daß die Bewohner vieler Südsee-Inseln gleichfalls unter dem Bann solcher gefürchteten Zauberpriester standen, ergibt sich aus C. S. Stewarts Werk „A visit to the South Sea“ (London 1832). Auf Seite 224 des ersten Bandes enthält dasselbe folgende Angaben:

„Auf den Marquesas-Inseln gab es manche Menschen, die bereits zu Lebzeiten gleich Göttern verehrt wurden. Man glaubte, daß sie übernatürliche Macht über alle Elemente besäßen und ebensowohl reiche Ernten hervorbringen wie Mißwachs, Krankheiten und Tod verursachen könnten. Zur Befriedigung ihres Zornes wurden ihnen Menschenopfer dargebracht. Es gab nur wenige solcher Personen, höchstens eine bis zwei auf jeder Insel, wo sie in geheimnisvoller Abgeschiedenheit lebten. Pastor Crooks von der Londoner Missionsgesellschaft, der im Jahre 1797 auf der Insel Tahuata wirkte, beschrieb einen dieser Gottmenschen nach persönlichen Beobachtungen. Ein sehr alter Mann, lebte derselbe in einem großen, von einer Einfriedigung umgebenen Hause. In dem Hause befand sich ein Opfertisch. Sowohl im Balkenwerk des Hauses wie auch in den das Haus beschattenden Bäumen hingen menschliche Skelette mit den Schädeln nach unten. Niemand außer den für den Dienst des Gottes bestimmten Personen durfte die Einfriedigung betreten, außer an solchen Tagen, wo Menschenopfer dargebracht wurden. Diesem Gottmenschen wurden mehr solcher Opfer gebracht, als allen anderen Göttern. Oft saß er auf einem vor dem Hause angebrachten Gerüst und forderte zwei oder drei Menschenopfer auf einmal. Dieselben wurden auch stets vollzogen; denn der von ihm ausgehende Schrecken war ungeheuer und über die ganze Insel verbreitet, so daß ihm von überall her solche Opfer zugesandt wurden.“ —

G. Turner äußerte sich in seinem Buch über Samoa (p. 320—322) folgendermaßen:

„Es ist überraschend zu beobachten, wie sehr diese Zauberer gefürchtet sind und wie fest der Glaube ist, daß sie Leben und Tod in ihren Händen haben. Da sind sowohl Regenmacher wie Donner- und Blitzeschleuderer; ferner solche, die Moskitos und Fliegen erzeugen. Von allen aber sind die Erreger der Krankheiten die gefürchtetsten.“

Norman Duncan berichtete in einem für „Harpers Monthly Magazine“ (1915, p. 924—934) geschriebenen Aufsatz: „Sorcerers‘ Work“ über die Zauberer der Papua von Neuguinea:

„Ta-imi, einer der Zauberer, behauptete, über eine Anzahl unsichtbarer Schlangen zu gebieten, mit deren Hilfe er alle seine Pläne durchführen könne. ,Seht euch vor!‘ so schrie er seine Stammesgenossen an. ,Ich bin leichtbeleidigt und meine Schlangen gehorchen mir!‘ Unter dem Einfluß dieses von ihm ausgehenden Schreckens hätte Ta-imi noch viele Jahre in Überfluß leben können, wären nicht seine Erpressungen mit der Zeit so unerträglich geworden, daß die britische Verwaltung es für geboten fand, denselben ein Ende zu bereiten. Es war während der Gerichtsverhandlungen, daß Ta-imi seine so außerordentlich erfolgreichen Methoden damit zu verteidigen suchte, daß er ein Zauberer sei und über eine unsichtbare Schlange gebiete. Das beweist, daß ein solcher Zauberer eine ganze Ortschaft terrorisieren und durch seine Erpressungen ein sehr gemächliches Dasein führen kann.“ —

Derselbe Forscher schreibt weiter:

„Im Deltagebiet von Neuguinea lebte ein Zauberer von so schrecklichem Ruf, daß niemand es wagte, dessen Namen laut auszusprechen. Einem anderen, im Gebirge wohnenden Zauberer wurde von seinen Stammesgenossen nachgesagt, daß er für den Tod von mindestens neun Personen verantwortlich sei, die aus purer Angst vor ihm gestorben seien. Ein dritter Zauberer namens Toulu, der ein überaus abstoßendes Aussehen hatte, war von einer solchen Schreckensatmosphäre umgeben, daß ein Dutzend seiner Stammesgenossen, die mit ihm eingesperrt worden waren, in seiner Gegenwart vor Angst auf den Bäuchen krochen und sich gleich erschreckten Würmern verhielten.“

Daß Personen, die sich von Zauberern bedroht oder verfolgt sahen, aus Furcht starben, ist vielfach erwiesen worden. Einen sehr bezeichnenden Fall berichtete der skandinavische Kapitän Adrian Jacobsen auf Seite 125 seiner Reiseschilderungen von der Nordwestküste Nordamerikas:

„Ein junger, achtzehnjähriger Indianer des Dorfes Nanaima an der Ostküste der Insel Vancouver, ein fleißiger Mensch, der in der Missionsschule tüchtig lernte und schon zum Christentum übergetreten war, hatte eines Tages in scherzhafter Weise einen Medizinmann geneckt. Dieser, darüber ergrimmt, rief dem Jüngling zu: ,Du wirst in sechs Wochen sterben!‘ Der junge Mann wurde darüber so verzweifelt, daß er, ohne sich jemand anzuvertrauen, immer stiller wurde, sich endlich hinlegte und erkrankte. Erst nach einigen Wochen gelang es dem in Nanaima wohnenden Missionar, hinter den Sachverhalt zukommen. Aber alle Bemühungen, den Indianer davon zu überzeugen, daß der Medizinmann keine Macht über Leben und Tod habe, scheiterten an der abergläubischen Furcht des Burschen, welcher glaubte, daß der Zauberer ihm einen Stein ins Herz geworfen habe. Vielleicht hätte der Indianer von dieser Ansicht abgebracht werden können, wenn irgendein angesehener Mann seines Stammes oder ein anderer Medizinmann ihm unter allerlei Beschwörungen vorgespiegelt hätte, als ob er ihm einen Stein aus dem Herzen zöge und ihm dann wirklich einen Stein gezeigt hätte. Aber da dieses nicht geschah, so starb der Ärmste wirklich, noch bevor die sechs Wochen vergangen waren, aus Angst.“ —

Vorkommnisse dieser Art steigern natürlich die abergläubische Furcht des Volkes vor solchen Medizinmännern. Diese lassen es ihrerseits wiederum nicht daran fehlen, solche Vorkommnisse als Mittel zur Hebung ihres Ansehens auszunutzen und das bedrückte Volk noch fester in die von Habgier und Selbstsucht geschmiedeten Bande des Aberglaubens zu schlagen. In welch raffinierter und gewissenloser Weise sie dieses tun, ergibt sich aus folgender Notiz, die dem von Berenger Férand geschriebenen Werk ,,Les peuplades de la Sénegambie“ (p. 276/277) entnommen wurde.

„Wollte unter den pungambischen Negervölkern sich jemand an einem Feinde rächen, so suchte er den Zauberer auf, um ihn zur Ausführung des ,Bante‘ zu veranlassen, einer Prozedur, die selbst die Tapfersten des Stammes in Schrecken setzte. Dieses ,Bante‘ besteht nämlich darin, daß der Zauberer unter allerhand Beschwörungen die Seele des Feindes in ein ,Kanari‘ genanntes großes Gefäß von rotem Ton einschließt. Derjenige, dessen Seele in solcher Weise eingeschlossen ist, stirbt gewöhnlich bald darauf, manchmal wird sogar die ganze Familie hinweggerafft, sehr wahrscheinlich aus Angst, oder vergiftet durch den Zauberer, der an dem Fortbestand des Wahnes Interesse hat. Es ist selbstverständlich, daß der Zauberer dem Betreffenden oder dessen Familie von dem gegen sie gerichteten ,Bante‘ in irgendeiner Weise Kunde zukommen läßt. Ebenso begreiflich ist es, daß der Bedrohte wie dessen Familie in ihrer Erregung alle möglichen Aufwendungen machen, um von der drohenden Gefahr befreit zu werden, was natürlich dem Zauberer neben der erhaltenen Bezahlung seitens des Bestellers des ,Bante‘ wiederum große materielle Vorteile einbringt.“

Der deutsche Freiherr von Maltzan berichtete einen ähnlichen Fall von einem in Dschidda lebenden Zauberer. Derselbe pflegte die Verfolgten stets davon zu benachrichtigen, was gegen sie geplant werde. Da diese ebenso abergläubisch waren wie ihre Verfolger, so wandten sie ansehnliche Summen an, um die Gefahr abzuwehren und den Zauber unschädlich zu machen. So betrog der Patron beide Teile, und seine Kasse füllte sich, da jeder Teil den anderen an Gaben zu überbieten suchte.

In Übereinstimmung damit berichtete auch der bereits genannte Howard Duncan, daß die Fetischpriester der Papua Neuguineas sich häufig endloser Erpressungen schuldig machen, indem sie auf die Furcht ihrer Stammesgenossen bauen. So ließ zum Beispiel ein in Trobriand hausender Zauberer einen seiner Nachbarn vertraulich wissen, er sei von einem Feinde desselben bestochen worden, ihn umzubringen. „Aber“, so fuhr er fort, „dein Feind ist ein schäbiger Geizhals und hat mir nicht genug gegeben, als daß ich dich deshalb töten möchte!“ Der also Bedrohte beeilte sich natürlich in seiner Todesangst, dem Zauberer einen hohen Preis zu zahlen, um damit sein Leben zu sichern. Kaum hatte der Zauberer diesen Betrag eingesackt, so begab er sich zu einem wirklichen Gegner des Mannes, um ihm unter der Hand mitzuteilen, jener habe ihm einen großen Betrag ausgehändigt mit der Weisung, dafür seinen Widersacher umzubringen. „Ich fürchte, daß ich nichts tun kann, um dein Leben zu erhalten!“ — ,,0h!“ schrie der Bedrohte, „ich will weit mehr bezahlen als er!“

Wie lange sich diese Verhandlungen hinzogen und wie oft die Geängstigten sich zu weiteren Zahlungen an den Erpresser herbeiließen, weiß niemand.“ —

So beugen sich abergläubische Menschen aus Furcht unter das Joch, das ihnen von habgierigen und herrschsüchtigen Zauberpriestern auferlegt wird. Dieses Joch ist stets da am schwersten, wo die Völker am wenigsten kultiviert und aufgeklärt sind, und wo der Priestertrug am geheimnisvollsten ausgeführt wird.

Advertisements

Über Laetitia

Schau doch mal in meinen Blog rein: „Neue Volkswarte“ :)
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s