[2] R. C. DARWIN / DIE ENTWICKLUNG DES PRIESTERTUMS UND DER PRIESTERREICHE

In diesem Beitrag kann man folgende Kapitel aus dem Buch “Die Entwicklung des Priestertums und der Priesterreiche” von Rudolf Cronau (Pseudonym “Randolph Charles Darwin”) lesen:

Ein komplettes Inhaltsverzeichnis des Buches befindet sich in Beitrag 1.

„Was Wunder, daß in solchen von Todesangst geschüttelten Menschen, die für keinen einzigen solcher rätselhaften Vorgänge eine Erklärung hatten, der Wahnglaube an gewaltige, feindlich gesinnte Wesen entstand, die den Menschen mit um so heftigerem Grauen erfüllten, als sie ihre Gestalten nirgendwo erblickten, vor denen sie sich demnach weder verbergen noch mit den Waffen verteidigen konnten. Es war in jenen fern hinter uns liegenden Urzeittagen, wo der Wahnglaube an unsichtbare Geister und Dämonen entstand, die man sich mit mordlustig funkelnden Augen, schrecklichen Fangzähnen und Hauern, mit ungeheuren Krallen; Hörnern und Fledermausflügeln, kurz mit allem ausgerüstet dachte, was den Menschen an ihren sichtbaren Verfolgern entsetzenerregend erschien.“

Ab hier geht es weiter mit dem Originaltext des Buches.


ERSTES BUCH

Darwin, Die Entwicklung.

DER URSPRUNG RELIGIÖSER VORSTELLUNGEN

UND GEBRÄUCHE

Unter den unzähligen Mythen, die von Völkern der Vorzeit ersonnen wurden, wenn sie über den Ursprung aller Dinge, insbesondere des Menschengeschlechtes grübelten, ist die im ersten Buch Moses wiedergegebene zweifellos eine der poetischsten. Vor vielen Jahrtausenden von umherziehenden Nomaden erdacht, zauberte sie mit echt orientalischer Phantasie ein der Sehnsucht dieser Wanderer entsprechendes wunderbar schönes Gelände voll herrlicher Palmen, fruchttragender Bäume, köstlicher Blumen und mit einem Überfluß an erquickendem Wasser. Hier hätten die ersten von Gott erschaffenen Menschen ein glückseliges Dasein geführt, da sie weder von Sorgen noch Krankheiten und Tod bedroht wurden und mit der gesamten sie umgebenden Tierwelt in Frieden und Eintracht verbunden waren. —

Kein Wunder, daß diese liebliche Legende vom Paradiese sowohl von den Assyrern, Persern und den nach Babylon gekommenen Juden übernommen wurde, als auch später auf die Christen überging. Kein Wunder, daß die Darstellung des Paradieses auch von so vielen Malern des Mittelalters wie der Neuzeit zum Gegenstand umfangreicher Gemälde, zahlloser Holzschnitte und Kupferstiche gemacht wurde, auf denen das erste Menschenpaar in keuscher Nacktheit zwischen Gruppen von Löwen, Tigern, Hirschen, Schlangen, Lämmern, Geiern und Tauben dargestellt ist, die alle in friedvoller Eintracht nebeneinander lagern.

Bekanntlich wird dieser angeblich Mosaische Bericht vom Aufenthalt der ersten Menschen im Paradiese noch heute in sämtlichen Kirchen und unzähligen Schulen der Christenheit verkündigt und von vielen Millionen Menschen gläubig entgegengenommen. Er bildet gewissermaßen die Grundlage der christlichen Religion. Aber von Jahr zu Jahr wächst doch die Zahl derer, die sich nicht länger gegen die Überzeugung verschließen, daß dieser im „Buch der Bücher“ enthaltene Schöpfungsbericht in das Reich der Legenden verwiesen werden müsse, und daß die Menschwerdung in ganz andrer Weise vor sich gegangen sei.

Und in der Tat, durch die unermüdliche, nach Wahrheit ringende Forscherarbeit hervorragender Gelehrter, eines Lamarck, Darwin, Huxley, Haeckel, Klaatsch, Osborn und vieler anderen, wurde auf Grund unanfechtbarer Beweise längst festgestellt, daß der Mensch nicht in makelloser Vollkommenheit der Schöpferlaune irgendeines Gottes entsprang, sondern gleich allen anderen lebenden Wesen und Pflanzen das Ergebnis einer über unendlich lange Zeiträume sich erstreckenden Entwicklung aus weitaus niedrigeren Formen ist. Wie viele hunderttausend oder Millionen Jahre dieser Entwicklungsprozeß in Anspruch nahm, dürfte voraussichtlich für alle Zeiten den verschiedensten Veranschlagungen unterworfen bleiben.

Auch die schöne Legende von einer früheren Eintracht der Menschen mit der sie umgebenden Tierwelt konnte vor der kritischen Forschung nicht bestehen. Zahllose, der Urzeit entstammende Funde bekunden vielmehr, daß die Menschen gleich allen anderen Lebewesen von jeher zum Kampf ums Dasein gezwungen waren. Zu einem Kampf, von dessen Schwere und Erbitterung wir heutigen Erdbewohner uns kaum eine Vorstellung machen können. Wir ahnen aber seine Schrecken, wenn wir einen Blick auf jene grimmigen Bestien werfen, die nachgewiesenermaßen in Urzeiten neben dem Menschen lebten und deren Beuteobjekt er war.

An Größe, Kraft und Schnelligkeit übertrafen diese Raubtiere alle heute existierenden Geschöpfe. In den Dickichten schlichen die „säbelzähnigen Tiger“ dahin, deren Fänge gleich Dolchen aus den Rachen herabhingen. Da waren ferner Höhlenlöwen und Bären, gegen welche die heute lebenden Artgenossen gleich im Wachstum zurückgebliebenen Exemplaren erscheinen würden. Da waren ferner mordgierige Hyänen, schnellfüßige Wölfe, Schakale und wilde Hunde, die rudelweise jagten und denen kein Geschöpf entrann, das von seinem Zufluchtsort abgeschnitten wurde. Im dichten Gestrüpp und an den Gewässern lauerten blitzschnelle Schlangen, die das Verlangen nach einem erquickenden Trunk zu einem gefährlichen Wagnis machten. In den Lüften kreisten scharfäugige Geier, Adler und andere Raubvögel, stets bereit, auf jedes sich bloßstellende Wesen herabzuschießen. Schreckenerregend waren ferner die gewaltigen Mammute, Elefanten, Rhinozerosse und Flußpferde, die schweren Trittes sich Wege durch die endlosen Urwälder brachen.

Gegenüber solchen Bestien und Ungeheuern waren die Menschen der Urzeit äußerst unvollkommen gerüstet und geschützt. Ja, ihre Verteidigungsmittel waren so überaus dürftig, daß es als ein unbegreifliches Wunder erscheint, daß die Menschen nicht schon während der ersten Perioden ihrer Entwicklung gänzlicher Ausrottung verfielen. Weder verfügten sie über starke Gebisse noch über scharfe Krallen. Ihre nur mit einer sehr dünnen Haut und einem schlichten Haarkleid versehenen Körper waren weder durch Knochenpanzer noch andere widerstandsfähige Bedeckungen geschützt. Giftzähne, Stacheln, Krallen, Hörner und Hufe zu Zwecken der Verteidigung waren ihnen nicht verliehen. Um den Nachstellungen ihrer zahllosen Verfolger zu entgehen, sahen sie sich genötigt, ihre Zufluchts- und Schlafstätten in den Wipfeln hoher Bäume, auf steilen Klippen oder gar über dem Wasser auf künstlichen Gerüsten aufzuschlagen. In noch weit unvollkommeneren Baumwohnungen, Klippenhäusern und Pfahlbauten als jenen, die von manchen in entlegenen Teilen der Erde lebenden Naturvölkern noch heute benützt werden.

Baumhütten der Papua auf Neu-Guinea. Nach einer Photographie

Baumhütten der Papua auf Neu-Guinea.

Nach einer Photographie.

Aber auch in diesen schwer zugängigen Zufluchtsorten waren die Urmenschen beständig von Gefahren umdroht. Baumschlangen, klettergewandte Tigerkatzen und Bären drangen ihnen nach. Und je mehr sie sich vor solchen Verfolgern in die höchsten Wipfel der Bäume flüchteten, desto mehr steigerte sich die Gefahr, von gierigen Geiern und Adlern erspäht und angefallen zu werden.

Sahen die Urmenschen sich so allerorten und jederzeit von zahllosen sichtbaren Feinden bedroht, so ward ihre beständige Furcht noch ins Unermeßliche gesteigert durch vielerlei geheimnisvolle Vorgänge in der Natur, deren Wirkungen sie wohl wahrnahmen, hörten und fühlten, die sie aber mit ihrem noch so geringen Wissen, mit ihrer noch unentwickelten Intelligenz nicht zu deuten vermochten. Alles, was in ihrer Umgebung sich regte, bewegte und Laute erzeugte, glaubten sie von geheimnisvollen Wesen belebt. Denn vernahmen sie nicht deren Stimmen und Geplauder im Lispeln der Blätter, im Rauschen der Bäume, im Geplätscher und Murmeln der Quellen und Bäche, im Brausen der Ströme und Stürme? Die wirklichen Ursachen von Tag und Nacht, von Wind, Regen, Schnee, Blitz und Donner kannten sie ebensowenig wie die mannigfaltigen Ursachen von Krankheiten und Tod. Wohl hörten sie das Heulen der Stürme und das furchtbare Krachen des Donners. Wohl fühlten sie den auf ihre Haut niederprasselnden Regen und Hagel. Voll Entsetzen gewahrten sie, wie rasende Orkane ganze Wälder vernichteten, und wie unter schrecklichen Donnerschlägen blendende Blitze die ihre Wohnstätten tragenden Bäume jäh zersplitterten. Sie sahen ihre Pfahlbauten von tosenden Fluten fortgerissen und sich und ihre Stammesgenossen von allerhand geheimnisvoll auftretenden Leiden heimgesucht und gepeinigt. Geradezu entsetzlich müssen die Ängste der Urmenschen gewesen sein, wenn plötzlich unter ihren Füßen der Boden zu schwanken begann, wenn weite Spalten und Abgründe sich öffneten, wenn aus den Gipfeln der Berge unter grauenhaftem Getöse ungeheure Flammensäulen und weiß- glühende Lavaströme hervorschossen, wenn durch den niederfallenden Aschenregen der Tag sich in finstere Nacht verwandelte, die Luft sich mit erstickendem Qualm und giftigen Gasen füllte und allerorten Verderben und Untergang drohten.

Was Wunder, daß in solchen von Todesangst geschüttelten Menschen, die für keinen einzigen solcher rätselhaften Vorgänge eine Erklärung hatten, der Wahnglaube an gewaltige, feindlich gesinnte Wesen entstand, die den Menschen mit um so heftigerem Grauen erfüllten, als sie ihre Gestalten nirgendwo erblickten, vor denen sie sich demnach weder verbergen noch mit den Waffen verteidigen konnten. Es war in jenen fern hinter uns liegenden Urzeittagen, wo der Wahnglaube an unsichtbare Geister und Dämonen entstand, die man sich mit mordlustig funkelnden Augen, schrecklichen Fangzähnen und Hauern, mit ungeheuren Krallen; Hörnern und Fledermausflügeln, kurz mit allem ausgerüstet dachte, was den Menschen an ihren sichtbaren Verfolgern entsetzenerregend erschien.

Sämtliche Forscher, die mit noch heute existierenden Naturvölkern in Berührung kamen, bekunden, daß das Geistesleben derselben mit dem Wahnglauben an solche bösen Unholde und Dämonen erfüllt ist. Sie glauben, daß dieselben in den Dickichten der Wälder, in den Einöden der Wüsten, in Höhlen, Schluchten, Sümpfen, Flüssen, Seen und hohlen Bäumen im Hinterhalt liegen, stets bereit, die Menschen zu überfallen, zu erwürgen und ihr Blut zu trinken. Die Angst vor solchen Dämonen befällt die Naturmenschen namentlich bei Einbruch der Dämmerung und bei Nacht, wenn aus den sumpfigen Niederungen gespenstige, leise schleichende Nebel aufsteigen; wenn mit dem Schwinden des Lichtes Schwärme surrender Schnaken und Mücken lebendig werden, die dem ungeschützten Menschen das Dasein zur Qual machen; wenn aus der tiefen Dunkelheit das höllische Lachen der Hyänen, das schauerliche Geheul der Wölfe, das Pfauchen der Eulen, das Schnauben und Brüllen der auf Raub ausziehenden Tiger, Leoparden und Löwen ertönt, wenn plötzlich unheimlich funkelnde Augen aus der Finsternis hervorleuchten, oder scheußlich gestaltete Vampire lautlos heranflattern, um sich an die Schlafenden heranzustehlen und an deren Blut sattzusaugen. Es bedarf nur der Aufzählung all dieser Schrecken, um die Furcht der Naturvölker vor der Nacht zu verstehen. Sie gilt ihnen als die Umgangszeit aller übelgesinnten Geister, als die Quelle alles Widerwärtigen und Bösen. In schroffem Gegensatz zu dem lichten Tag, wo die nächtlichen Raubtiere und Insekten ihre Schlupfwinkel aufsuchen, die spukhaften Nebel vor den siegreichen Strahlen der Sonne vergehen und die nächtliche Kälte der wohltuenden Wärme weicht.

Die Erkenntnis dieser scharfen Gegensätze zwischen Tag und Nacht, zwischen Licht und Finsternis drängte sich den Urmenschen zweifellos als eine ihrer ersten Erfahrungen auf. Sie führte zu den Vorstellungen jener den Menschen wohlgesinnten, segenbringenden Tages- oder Lichtgötter und jener unheilbrütenden, auf Vernichtung ausgehenden Dämonen der Finsternis, wie sie uns in allen längst erloschenen und in allen noch bestehenden Religionssystemen entgegentreten. Auch die wichtigsten religiösen Handlungen der Menschen, die Gebete und Opfer, reichen in jene fernen Urzeittage zurück, wo die Menschen sich das Wohlwollen der guten Götter durch Lobpreisungen und dargebrachte Gaben zu erhalten suchten, sich aber auch bemühten, durch Tributleistungen der gleichen Art sowie durch die gleichen Gebärden bedingungsloser Unterwürfigkeit, mit denen sie die Gnade übermächtiger menschlicher Gegner erflehten, den Zorn und das Übelwollen jener bösen Geister und Dämonen zu beschwichtigen, die in Wirklichkeit gar nicht vorhanden waren.

Allen Forschern, denen es vergönnt war, für längere Zeit das Dasein der noch heute existierenden Naturvölker zu teilen und in ihr Geistesleben einzudringen, dürfte es klar sein, daß die entsetzliche Furcht vor unsichtbaren, rätselhaften Mächten, den unverstandenen Elementargewalten, als die Urquelle aller religiösen Vorstellungen anzusehen ist. Zugleich auch als die Urquelle aller religiösen Handlungen, der Opfer, und der in kniender, unterwürfiger Stellung, mit erhobenen unbewaffneten Händen verrichteten Gebete, die nichts anderes als flehentliche Gesuche um Gnade bedeuten.

Alle diese Tatsachen werden durch ein einziges bedeutungsvolles Wort bestätigt. Sprechen wir von „gottesfürchtigen Menschen“, so verstehen wir darunter solche Personen, die sich in rückhaltloser blinder Ergebenheit jenen Gewalten unterwerfen, die sowohl unsere winzige Erde, wie das ganze Weltall beherrschen.

Altägyptische Darstellung eines Gebetes

Altägyptische Darstellung eines Gebetes.

 

GEISTERBESCHWÖRER, SCHAMANEN UND

MEDIZINMÄNNER IN IHREM AUFPUTZ

Zu allen Zeiten gab es geistesträge und aufgeweckte, dumme und schlaue Menschen. Und stets haben die Schlauen die Furcht und den Aberglauben der Unwissenden zu ihrem eigenen Vorteil ausgebeutet. So war es bereits in Urzeittagen und so ist es heute noch.

Wie man unter allen Kulturvölkern der Gegenwart auf Betrug und Übervorteilung ausgehenden Personen begegnet, so findet man auch unter allen jetzt noch existierenden wilden und halbzivilisierten Völkerschaften gewisse Menschen, die aus selbstsüchtigen Absichten ihre Stammesgenossen in der blinden Furcht vor Geistern und Dämonen bestärken und ihnen einreden, daß alle schrecklichen und verderblichen Erscheinungen in der Natur, wie Blitz und Donner, Wolkenbrüche, Hagelschläge, Sturmfluten und Erdbeben als Zornesausbrüche solcher übelgesinnter Geister anzusehen seien. Auch seien alle die Menschen befallenden Unglücksfälle, Krankheiten und Gebrechen auf solche bösen Geister zurückzuführen, die es auf geheimnisvolle Weise verstünden, in die Körper der Menschen einzudringen, von ihnen Besitz zu ergreifen und sie unausgesetzt zu peinigen. In allen derartigen Fällen geben jene Betrüger vor, Rat zu wissen. Sie seien nicht nur imstande, den Zorn solcher übelgesinnter Geister durch Geschenke und Opfer, zu deren Entgegennahme und Übermittlung sie bereit seien, zu besänftigen oder abzuwenden, sondern sie seien auch imstande, durch allerhand mächtige Zaubersprüche und Beschwörungen die Quälgeister aus den Körpern der Erkrankten zu vertreiben.

Durchweg sind diese sowohl als Beschwörer wie als Vermittler zwischen den Menschen und Geistern auftretenden Betrüger die verschlagensten, durchtriebensten und habgierigsten Kerle ihres Volkes. Schon in den ältesten Zeiten nachweisbar und noch jetzt unter allen wilden und wenig kultivierten Volksstämmen zu finden, stimmen sie in den Methoden, durch die sie ihre selbstsüchtigen Absichten zu erreichen wissen, im wesentlichen allüberall wunderbar überein. Da sie sich während ihrer Handlungen vielartiger Anrufungen, Beschwörungen und Zeremonien bedienen, so stellen sie zweifellos die urtümlichste Form eines Priestertums vor und müssen deshalb in einem Werke, das die Entwicklung des Priestertums schildern will, besonders eingehender Betrachtung unterworfen werden. —

Das Gebaren solcher Beschwörer ist in den Werken zahlreicher Entdecker und Forscher geschildert, die während ihres Weilens unter wilden und halbzivilisierten Völkern sattsam Gelegenheit hatten, das Treiben solcher Personen zu beobachten. In diesen Schilderungen werden sie vielfach „Schamanen“, „Medizinmänner“ oder „Fetischpriester“ genannt. Die erste Bezeichnung ist auf das mongolische Wort „Schaman“ zurückzuführen, womit die Mongolen einen exaltierten oder rasenden Menschen bezeichnen. Weil dieses Wort für das Auftreten der mongolischen und sibirischen Geisterbeschwörer so bezeichnend ist, wurde es von den die Mongolei und Sibirien bereisenden Forschern angenommen und fand durch ihre Werke weiteste Verbreitung. Als „Medizinmänner“ bezeichneten die während des 17. und 18. Jahrhunderts das Innere von Nordamerika durchstreifenden französischen Händler und Pelzjäger jene indianischen Geisterbeschwörer, die auch über allerhand wirkliche Kenntnisse in bezug auf die Behandlung von Wunden und die Heilkraft mancher Pflanzen verfügten und darum als Ärzte in allen Krankheitsfällen zu Rate gezogen wurden. Die Bezeichnung „Fetischpriester“ kommt von dem Wort „Feiticeiros“, das die Portugiesen auf jene Zauberpriester anwenden, die in dem Leben der afrikanischen Neger eine so außerordentlich große Rolle spielen.

Wo es gilt, aus den Körpern erkrankter Personen die vermeintlichen Urheber der Leiden, die bösen Geister auszutreiben, da sind die Beschwörer in erster Linie stets darauf bedacht, sowohl bei den Leidenden wie bei allen Zuschauern den Eindruck zu erwecken, daß sie in der Tat über viele kräftige Mittel und Zaubersprüche verfügen, durch die sie die bösen Geister mit Schrecken erfüllen und zu schleuniger Flucht veranlassen können. Wie die wehrhaften Männer aller Naturvölker vor jedem Kriegszug sich schauerlich bemalen oder grauenerregende Kriegsmasken anlegen, um ihren Feinden Angst einzujagen, so verwandeln sich auch die Geisterbeschwörer in Schreckgestalten, um die Widersacher der Menschen, die bösen Geister und Krankheitserreger mit Furcht zu erfüllen. Sie hüllen sich in die Felle grimmiger, wegen ihrer Stärke und Blutgier gefürchteten Tiere. Sie behängen sich mit den Häuten giftiger Schlangen, Kröten und Eidechsen, mit allerhand klappernden und rasselnden Dingen, die den Glauben erwecken können, als verfügten ihre Träger über ganze Arsenale mächtiger Zaubermittel. Werden dadurch auch nicht die im Körper der Erkrankten sitzenden Unholde zum Abzug gezwungen, so sind die Beschwörer doch sicher, sowohl durch ihr entsetzenerregendes Aussehen wie durch ihre fürchterlichen Drohungen und Flüche bei allen ihren abergläubischen Stammesgenossen einen tiefen nachhaltigen Eindruck zu erzeugen.

Ein Zauberer der Kaffern Südafrikas. Nach einer Photographie

Ein Zauberer der Kaffern Südafrikas.

Nach einer Photographie.

Man lese beispielsweise die der „Deutschen Medizinischen Wochenschrift“ entnommene Beschreibung eines Geisterbeschwörers, den Dr. Helkenberg unter den Kaffern Südafrikas beobachtete:

„Ein struppig-rotes Affenfell, zu einer Mütze verarbeitet und mit verschiedenen schwarzen und weißen Schwänzen von allerlei Getier reich besetzt, bedeckte sein Haupt. Felle von Antilopen, Moschuskatzen und Leguanen hingen von den Armen herab. An Brust und Bauch schlenkerten meterlange Riemen, an denen alles mögliche herabhing: Schuppen vom Schuppentier: Krallen und Zähne von Löwen und Leoparden; Gehörn; Schlangen- und Eidechsenhäute; kleine aus Schlangenhaut gefertigte, mit Amuletten gefüllte Säckchen; Wurzeln von Gestrüpp; Stacheln vom Stachelschwein, Knochen usw. Die Arme und Beine waren von Eisenringen, Telegraphendraht und Schnüren von Früchtekernen umschlungen. Die beiden Hände schwangen Stöcke von schwerem Holz, mit grob geschnitzten Köpfen und Fratzen. An der Seite hing ein Beutel von Fell, in dem die verschiedensten Fußwurzelknochen von Schaf- und Antilopenarten, seltsam aussehende Steinchen und Holzstückchen lagen. Und um den Hals, in Schlangenhäuten verborgen, hingen tausend andere angebliche Zaubermittel.“ —

Die Ausrüstung der mongolischen und sibirischen Schamanen setzt sich aus ähnlichen Dingen zusammen: aus Eisen- und Metallstücken, vom verrosteten Schlüssel bis zur klimpernden Schelle; aus Leder geschnipselten Silhouetten aller möglichen Tiere, aus den Schnäbeln und Klauen von Geiern und Eulen, aus fremdartigen Gegenständen und Zaubermitteln aller Art, die an den zerfetzten Gewändern herabbaumeln und bei jeder Bewegung klirren und klappern. In den Händen werden phantastisch geschnitzte Zauberrasseln und mit mystischen Zeichen bemalte Trommeln getragen, die in Bewegung gesetzt werden, wenn die Beschwörer unter Ausstoßen schrecklicher Verwünschungen und Drohungen bei den Zuschauern den Glauben erwecken wollen, daß sie in einem schweren Kampf mit den bösen Geistern begriffen seien. —

Dem amerikanischen Maler George Catlin, der während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zahlreiche Indianerstämme Nordamerikas besuchte, verdankt man folgende im 6. Kapitel seiner weitverbreiteten „Illustrations of the Manners, Customs, and Conditions of the North American Indians“ enthaltene Beschreibung eines indianischen „Medizinmannes“, derüber einem sterbenden Blackfoot-Indianer seine Künste versuchte.

„Ein schwerverwundeter Mann lag, mit dem Tode ringend, auf dem Boden. Um ihn standen mehrere hundert Menschen, um das Kommen des Medizinmannes zu erwarten und seinen geheimnisvollen Handlungen zuzuschauen. Bei seinem Nahen ging ein warnendes ,Husch—sch!‘ durch die Menge, die eine schmale Gasse öffnete, um den Beschwörer durchzulassen. Grabesstille war eingetreten, so daß man das leise Klirren und Klappern der Gegenstände hören konnte, die an dem Gewand des Medizinmannes hingen.

Indianischer Medizinmann. Nach einem Gemälde von George Catlin

Indianischer Medizinmann.

Nach einem Gemälde von George Catlin.

Leser! Du magst über die Hexe von Endor gelesen, oder dir mit deiner Vorstellungskraft all jene Schreckgestalten, Gespenster, Dämonen und Furien ausgemalt haben, die jemals die Welt unsicher machten. Um aber einen wirklichen Begriff von der absonderlichen, grauenerweckenden Erscheinung dieses Beschwörers zu erlangen, müßtest du meine bildliche Darstellung, oder noch besser, das in meinen Besitz übergegangene Gewand desselben sehen, und zwar über dem Rücken einer Person, die es verstünde, all die Gestikulationen des Zauberers, seine Sprünge, sein Grunzen und den Lärm seiner Rassel nachzuahmen.

Sein Auftreten und seine Tracht waren folgendermaßen: er erschien in gebückter, schleichender Haltung mit langsamen, wiegenden Schritten. Sein Körper und der Kopf waren unter dem Fell eines gelben Bären verborgen, so daß der Kopf des Tieres ihm als Maske diente, während die ungeheuren, krallenbewehrten Tatzen über die Handgelenke und Beinknöchel herabhingen. In der einen Hand schwang er eine Rassel, in der anderen seine seltsame magische Lanze. Den Lärm der Rassel begleitete er mit dem schreckenerregenden Grunzen, Knurren und Brummen eines wütenden Bären; dazwischen ertönten in Kehllauten hervorgestoßene, an die guten und bösen Geister gerichtete Beschwörungen, dem im Todeskampf sich windenden Verwundeten beizustehen, über den er selber wiederholt hinwegsprang und den er nach allen Richtungen umherzerrte.

Das Gewand dieses Beschwörers zeigt ein Sammelsurium von allerhand absonderlichen Gegenständen aus dem Tierreich wie der Pflanzenwelt. Denn an dem Fell des gelben Bären hängen und bammeln Teile von allerlei Getier, das wegen seines fremdartigen Aussehens als ,große Medizin‘, als zauberkräftig gilt: Häute von Schlangen, Fröschen und Fledermäusen; Schnäbel, Zehen und Schwänze von Vögeln; Hufe von Hirschen, Bergziegen und Antilopen; kurz, Teile, Abschnitte und Schwänzchen von nahezu allem Getier, das in diesem Teil der Welt schwimmt, fliegt, kreucht oder umherläuft. —

Solche Medizinmänner stehen überall in höchstem Ansehen, nicht bloß wegen ihrer tatsächlichen Kenntnisse in ärztlichen Dingen, sondern mehr noch wegen ihrer Geschicklichkeit in allerlei Zauberkünsten. Kein Stamm ist ohne solche Beschwörer, Wahrsager und Wundertäter, die man gleichzeitig auch Oberpriester nennen könnte, da sie alle religiösen Handlungen anordnen und leiten. Sie nehmen auch an allen Krieg wie Frieden betreffenden Beratungen teil und haben ihren Sitz neben dem Häuptling. Kurz, es wird keine öffentliche Handlung unternommen, ohne daß ihre Meinung eingeholt würde, der stets das größte Gewicht beigelegt wird.“ —

Ähnliche Schilderungen veröffentlichte der englische Bischof R. Caldwell im „Journal of the Anthropological Society of Bombay“ (I, 101) über die sogenannten Teufelstänzer Südindiens.

„Solch ein Mensch zerfetzt seinen Körper, bis allenthalben Blut hervorbricht. Oder er preßt eine brennende Fackel gegen seine Brust. Oder er geißelt sich mit einer schweren Peitsche, worauf er das aus den Wunden quellende Blut schlürft. Dann ist es, als ob plötzlich neues Leben in ihn einströme. Seinen Schellenstab schwingend, beginnt er einen unsteten, wilden Tanz. Er schnaubt, brüllt und wirbelt wie ein Kreisel umher. Das ist der Augenblick, wo der Dämon, der Teufel Besitz von seinem Körper ergreift. wo ihm jede Äußerung, jede Regung unterworfen ist. Kein Zweifel ist möglich, angesichts so toller Sprünge und solch stierer Blicke. Die Zuschauer begrüßen das Eintreten solchen Zustandes mit langanhaltendem Geschrei. Verehren sie doch den Teufelstänzer nunmehr als eine unter ihnen erschienene wirkliche Gottheit. Sie drängen sich an dieselbe heran, um sie über ihre Leiden, von denen sie geplagt sind, über ihre Pläne für die Zukunft, über das Schicksal entfernter Angehörigen, kurz, über alles zu befragen, über das nur übernatürliches Wissen Aufschluß zu geben vermag.“ —

Daß viele Beschwörer bei ihrem Auftreten auch allerhand grausige Masken anlegen, wurde bereits erwähnt. Wohl die scheußlichsten werden von den Teufelsaustreibern Indiens, Tibets und Chinas benutzt : Masken mit furchtbar rollenden Augen und gewaltigen Mäulern voll grinsender Zähne, unter denen die Eckzähne gleich den Hauern eines Wildschweines drohend emporragen. Über der Stirn erhebt sich der Kopf einer Kobra, jener gefährlichsten aller Giftschlangen, deren Biß in wenigen Minuten unfehlbaren Tod herbeiführt.

Wer in den Ländern Asiens jemals einem jener öffentlichen Umzüge beiwohnte, die veranstaltet werden, wenn Cholera, Pest oder andere Seuchen wüten, wer dabei hunderte solcher maskierten Beschwörer den Prozessionen voranschreiten sah und ihre schauerlichen Flüche und Verwünschungen hörte, wird auch erkannt haben, wie sehr die abergläubische Menge von der vermeintlichen Macht dieser Teufelsaustreiber durchdrungen ist.

DIE SCHAMANEN ALS GAUKLER

Zweifellos verfügen die meisten Schamanen und Medizinmänner über mancherlei Kenntnisse und Erfahrungen in bezug auf die Behandlung offensichtlicher Wunden und gewisser Krankheiten: Sie verstehen im Kampf erhaltene Verletzungen und Knochenbrüche zu heilen, ja, auch die Bisse giftiger Schlangen und die Stiche bösartiger Insekten zu neutralisieren. Kranke, die an Rheumatismus leiden, werden gerieben und geknetet, oder der Medizinmann sucht das Übel durch Anblasen und Räuchern, oder durch Saugen zu entfernen. Dieser Methode befleißigte sich beispielsweise ein Zauberer, den der französische Forscher Crevoux bei den Roucouyenne-Indianern in Guyana beobachtete. Als demselben ein Kranker dargebracht wurde, nahm er eine brennende Zigarre, sog den Rauch mit einigen tiefen Zügen ein und blies ihn dann heftig gegen die schmerzenden Stellen. Dann wieder brachte er den Mund an diese Stellen, sog und blies und pustete mit vielem Eifer, um das Übel, das er so eingesogen hatte, zu vertreiben. Dieser ganze Hokuspokus dauerte volle zwei Stunden; darnach erteilte der Zauberer dem Kranken noch verschiedene Verhaltungsmaßregeln, die sich alle in dem einen Wort „Diät“ zusammenfassen ließen.

Bei einer anderen Gelegenheit hatte derselbe Zauberer einen bereits in sterbendem Zustande befindlichen Mann vor sich. Hier galt es den Schein zu wahren. Obwohl der Fall hoffnungslos war, begann der Zauberer doch mit seinen Beschwörungen und zog sich, mit einem Bogen und Pfeil bewaffnet, in seine Hütte zurück. Als er nach einigen Minuten wieder zum Vorschein kam, zeigte er mit triumphierender Miene den nun mit Blut bedeckten Pfeil vor und erklärte, daß er den bösen Geist, der das unabwendbare Ende des Kranken verursachte, bestraft und getötet habe. (Globus XI, 274.)

Ähnliche Betrügereien wurden und werden seit uralten Zeiten von den Schamanen und Medizinmännern aller Völker verübt, um die abergläubischen Stammesgenossen von ihrer vorgeblichen Macht über die Geisterwelt zu überzeugen. Dabei führen sie allerlei Gaukeleien aus, die auf nichteingeweihte Zuschauer verblüffende Wirkung haben. Sie verstehen es, aus den schmerzenden Körperstellen erkrankter Personen allerhand gefährliche Gegenstände, wie spitzige Steine, Haare, scharfe Dornen, Schlangenzähne, Gräten, bösartig aussehende Käfer, Kröten oder Eidechsen herauszusaugen, die natürlich vorher im Munde oder in den Gewändern der Betrüger verborgen waren und nun ausgespuckt und triumphierend als die Urheber der Leiden vorgezeigt werden. Mit wütendem Geschrei werden dann diese Gegenstände schnell zur Hütte hinausgebracht, und unter Gebärden heftigen Abscheus zertreten.

Sicher ist, daß viele Schamanen und Medizinmänner beim Ausüben ihres Gewerbes auch mancherlei Entdeckungen machten, die sie als Geheimnisse streng bewahren oder nur gegen die Geheimnisse eines Berufsgenossen austauschen. Zu solchen Entdeckungen gehört beispielsweise die Kenntnis des Hypnotisierens, des tierischen Magnetismus und des Tischrückens.

Schon zu Anfang des 19. Jahrhunderts beschrieb Carver von indianischen Medizinmännern ausgeführte spiritistische Produktionen. Einige ihrer hervorragendsten Männer hätten sogar mystische Gaben in bedeutendem Grade besessen, besonders das sogenannte „zweite Gesicht“. Unbefangene Beobachter, wie Schoolcraft, erzählen, daß Indianer von ihren Medizinmännern durch Streichen mit den Händen in bewußtlosen Zustand versetzt wurden, oder nach einem Schlag vor die Brust regungslos niederfielen.

Sargent und Professor Party fanden indianische Medizinmänner im Wigwam an einem plumpen Tisch sitzen, der Antworten durch Klopfen gab. Auch hatten dieselben sprechende und schreibende Medien.

Prinz Maximilian zu Wied berichtete in seinem hervorragenden Werk: „Reise in das innere Nordamerika II, 38″ über den Medizinmann Mähsette Kuiuab: „Öfters hat derselbe ein kleines Zelt von Stangen mit Fellen und wollenen Decken überhängen und fest verschließen lassen, nachdem man ihm darin die Arme und Hände festgebunden und ihn gänzlich eingewickelt an einem Pfahl befestigte. Nach einer Weile hörte man in der Hütte die Trommel und die Zauberrassel erklingen; das ganze Zelt fing an zu zittern und zu wanken, man vernahm Stimmen von Bären, Büffeln und anderen Tieren, so daß die Indianer glaubten, der böse Geist sei herabgekommen. Öffnete man nachher das Zelt, so fand man den Beschwörer gebunden und befestigt wie zuvor, und er sagte aus, was er von den befragten Geistern erfahren habe. Nach den Versicherungen der Indianer wären seine Prophezeiungen stets eingetroffen, und es wäre verlorene Mühe gewesen, diese abergläubischen Menschen vom Gegenteil überzeugen zu wollen.

An anderen Stellen seines Werkes (II, 233— 246; 270) berichtete derselbe Forscher, daß die Medizinmänner der Arikkara-Indianer bisweilen ganze Komödien aufführten. Einer ahmte, in eine mit Kopf und Klauen versehene Bärenhaut gehüllt, die Bewegungen und Stimme eines Bären so getreu nach, daß man hätte glauben können, einen wirklichen Bären vor sich zu haben. Er wurde angeschossen, so daß man deutlich die Schußwunde und das fließende Blut sah. Dann fiel er nieder und starb. Doch als man dem Tier die Haut abzog, kam der Mann unverletzt hervor.

Bei einer anderen Vorstellung schlug man einem Menschen mit einem Säbel den Kopf ab. Der Körper blieb blutend liegen, erhob sich aber bald wieder und tanzte nach einer Weile lustig umher. Dann setzte man den abgehauenen Kopf verkehrt an seine Stelle, worauf der Mensch wieder tanzte, wobei der Kopf an seine richtige Stelle zurückkehrte. Ein dritter wurde mit einer Lanze durchbohrt, die man nach dem Stich zurückzog. Man rieb die heftig blutende Wunde mit der Hand, worauf die Wunde sich schloß und alles wieder in der alten Ordnung war. Man schoß Menschen nieder, so daß das Blut in Strömen floß. Aber nachdem man die Wunden mit der Hand gerieben hatte, lebten die Menschen wieder auf. Alle diese Gaukeleien wurden mit so großem Geschick ausgeführt, daß die meisten Zuschauer an diese Wunder glaubten.

Derselbe Forscher sah auch einen Medizinmann der Mandanen, der einen Schneeball in seinen Händen umherrollte, der sich in einen so harten Stein verwandelte, daß man an demselben Feuer schlagen konnte. Einen anderen Medizinmann konnte man nicht im Gesicht berühren, ohne daß ihm nicht gleich Nase und Mund bluteten.

Den Medizinmännern der Indianer stehen die asiatischen Schamanen keineswegs nach. Auch sie pflegen vor jedem öffentlichen Auftreten, vor jeder Heilung eines Kranken ihre Zuschauer durch allerhand Gaukeleien in Staunen zu versetzen. Sie geben vor, unempfindlich gegen alle körperlichen Schmerzen zu sein und simulieren während ihrer Beschwörungen geistige Verzückung. Ihrer Brust entringen sich unartikulierte Laute, sie vollführen gräßliche Sprünge, rollen schrecklich die blutunterlaufenen Augen, verzerren die Gesichter, fletschen die Zähne, zucken und schlagen um sich wie Wahnsinnige. Während dieser Ekstase vollführen sie dann allerhand schauerliche Handlungen, stoßen sich große Nadeln tief ins Fleisch, fügen sich mit haarscharfen Dolchen und Schwertern allerlei Beschädigungen zu, oder fressen giftige Skorpione und Schlangen.

Derartige, meist während der Ekstase ausgeführte Selbsttorturen spielen bei den Schaustellungen vieler Schamanen eine große Rolle. Sie geben vor, daß während dieser Ekstase oder Verzückung die Geister oder Götter Besitz von ihrem Körper ergriffen hätten und in sie gefahren seien, wodurch sie zum Ertragen aller möglichen Torturen fähig wären, ohne Schaden zu erleiden.

Von großem Interesse ist auch, was darüber der englische Missionar Lorimer Fison im Jahre 1898 unter den Fetischpriestern der Fiji-Insulaner beobachtete.

„Unter jedem auf den Fiji-Inseln wohnenden Stamme befindet sich eine gewisse Familie, die allein sich des Vorzugs erfreut, zeitweilig von göttlichem Geiste erfaßt und erfüllt zu werden. Diese Eigenschaft ist in solchen Familien erblich und allen Mitgliedern gemeinsam, so daß irgendeines derselben von den Göttern für ihre Zwecke auserkoren werden mag. Ich habe solche Besitzergreifung beobachtet. Der Anblick war tatsächlich schrecklich. Bei einer Gelegenheit, nachdem der Anfall vorüber war, zuckten und hüpften die Nerven und Muskeln des nur mit einem Lendenschurz bekleideten Mannes in ganz außerordentlicher Weise. Es schien, als ob unter der Haut seiner Brust sich kleine Schlangen für einige Augenblicke hin und her bewegten, um dann zu verschwinden und plötzlich an einer anderen Stelle seiner Brust aufs neue zu erscheinen.“

Um zu beweisen, daß das Feuer keinerlei Macht über sie habe und ihnen keinerlei Beschädigungen zufügen könne, nehmen solche Schamanen auch glühende Kohlen in die Hände und zeigen sie rings umher. Oder sie lecken an glühendem Eisen, oder wandern gar barfuß über Haufen glühend gemachter Steine hinweg. Derartige Proben von Unempfindlichkeit gegen Feuersglut sind vornehmlich bei den Schamanen der Fiji-Inseln, von Tahiti, Trinidad, Mauritius, Indiens und Japans beobachtet und häufig geschildert worden [Radloff, „Das Schamanentum und sein Kultus“; Grab, „Voyage to Greenland“, 123; Egede, „Greenland“, 183; Williams, „Fiji and the Fijians“, I, 224; Tylor, „Primitive Culture“, II, 120.]. Am 20. Januar 1899 war Oberst Gudgeon, der britische Resident auf der Cook-Insel Raratonga, Augenzeuge eines solchen „Wunders“, Viele Stunden lang hatte man ein großes Feuer auf einem Fundament von großen Steinen erhalten, und um 2 Uhr nachmittags, als die brennenden Holzkohlen beiseite gescharrt wurden, fand der Oberst die Steine so heiß,

daß ein auf sie geworfener Zweig grünen Holzes in wenigen Sekunden aufflammte. Der eingeborene Priester schlug den Rand des Feuerraums dreimal mit seinem Zweig des Ti-Drachenbaumes, und dann ging er mit seinem Schüler langsam und bedächtig quer darüber hinweg. Der Schüler händigte einem anderen anwesenden Engländer, Mr. Godwin, seinen Zweig ein und sagte: „Ich übertrage dir meine ,mana‘ (Kraft). Gehe mit deinen Füßen hinüber.“ Darauf gingen vier Weiße, unter denen sich auch Oberst Gudgeon befand, hinüber. Dieser schildert den weiteren Verlauf des Experiments folgendermaßen: „Ich wußte ganz gut, daß ich über rotglühende Steine ging, und ich konnte die Hitze fühlen, aber ich wurde nicht verbrannt. Ich fühlte etwas, das leichten elektrischen Schlägen ähnlich war, während der Zeit und auch nachher, aber das war alles.“ —

Ein ähnliches Geheimnis besitzen die Shintos von Japan. In dem Honshi-Shiaskukyo-Tempel im Bezirk Kanda, Tokio, findet jedes halbe Jahr eine Zeremonie des Feuergehens statt. Eine andere ebenso geheimnisvolle Leistung ist das „rubana“ oder die Probe mit kochendem Wasser. Dabei überfluten die Gläubigen sich buchstäblich mit Wasser aus Kesseln, die siedend heiß sind. Jedem anderen wäre die Haut verbrüht, aber auf den Körpern dieser Shintopriester erscheint auch nicht eine Blase. Die einzige Erklärung, die sie selbst geben, ist, daß sie den „Geist“ aus den Wassern ziehen und dieses dann unschädlich wird. —

Daß bei solchen Schaustellungen vielfach allerhand geschickt ausgeführte Betrügereien unterlaufen, ist gewiß. Einer solchen kam der Amerikaforscher Rudolf Gronau während seiner mehrfachen Berührungen mit den „Hametzen“ oder Schamanen der in Britisch-Kolumbia wohnenden Indianerstämme auf die Spur.

„Während eines längeren Aufenthaltes unter denselben in den Jahren 1882 und 1883 war ich mehrmals Zeuge ihrer vielartigen Kunst gewesen. Auch hatte ich der anscheinenden Verbrennung eines lebendigen Schamanen beigewohnt, ohne aber die damit verbundene Täuschung erkannt zu haben. Diese wurde mir erst offenbar, als im Jahre 1885 der norwegische Kapitän Adrian Jacobsen eine Truppe von Bella-Coola-Indianern nach Europa brachte, wo sie in den Zoologischen Gärten von Leipzig, Dresden, Berlin und anderen Orten mancherlei Vorführungen ihrer heimischen Sitten und Bräuche gaben.

Unter dieser Truppe befanden sich auch mehrere Schamanen, von denen einer eines Tages verkündigte, daß er sich lebendig verbrennen lassen wolle. Diese Nachricht verfehlte nicht, eine große Menge von Zuschauern anzulocken. Das Schauspiel wurde abends vollzogen, nachdem die Dunkelheit hereingebrochen war. Dann erschien der Schamane in seinem phantastischen Kostüm, mit schwarzbemaltem Gesicht, und umkreiste, mit schauerlicher Stimme allerhand Beschwörungen ausstoßend, einen in der Mitte des Schauplatzes aufgetürmten Scheiterhaufen. Nachdem derselbe in Brand gesetzt worden, schritt er mehrmals langsam durch die Flammen, wobei sein Gesang immer unheimlicher erklang.

Als nun der Holzstoß in voller Lohe stand, entledigte sich der Schamane seines Mantels und seiner Zauberwerkzeuge und stieg vor den Augen der Zuschauer in einen herbeigeholten sargähnlichen Kasten, dessen fehlender Deckel durch ein Stück Segeltuch ersetzt wurde. Bevor dasselbe von den Helfershelfern des Schamanen mit einigen Nägeln befestigt wurde, tauchte der Schamane mehrmals bis zum halben Leibe aus dem Kasten hervor und stieß immer aufs neue seine Beschwörungen aus. Sie erklangen auch noch, nachdem die anderen Indianer den Kasten erfaßt und mitten in den flammenden Feuerbrand gestellt hatten. Man glaubte, die Stimme des Schamanen auch noch zu vernehmen, als ringsum neue Holzscheite aufgeschichtet wurden und der Kasten innerhalb derselben zu brennen begann. In feurigen Fetzen flatterte das Segeltuch hinweg; aus allen Fugen des Behälters brachen Flammen hervor und nach einiger Zeit war von dem Kasten nichts übrig als brennende Trümmer, die sich gleich einem zusammenfallenden Dach über den deutlich sichtbaren Körper des Schamanen legten.

Mit atemloser Spannung folgten die Zuschauer dem Vorgang; mit stillem Grausen weilten ihre Blicke auf dem verkohlten Schädel und den Gebeinen des Zauberers; aber wer beschreibt das sprachlose Erstaunen, als plötzlich die eigentümlich hohl klingenden Grabeslaute desselben weit hinter der den Schauplatz umringenden Menge ertönten und der Schamane gleich darauf unversehrt, seine Beschwörungsformeln ausstoßend und seine Zauberrassel schwingend, den Menschenwall durchschritt und alsbald in seinem Zelte verschwand!

Von den vielen, kopfschüttelnd heimkehrenden Zuschauern wußte keiner eine Lösung des Rätsels. Mir wurde dasselbe erst offenbar, nachdem ich von dem mir befreundeten Kapitän Jacobsen in das ganze Mysterium eingeweiht worden war und seiner Ausführung aus nächster Nähe zusehen durfte. Die Täuschung wurde bewerkstelligt, nachdem der Schamane in den Kasten gestiegen war, um welchen sich seine mit weiten Bastmänteln bekleideten Genossen und Helfershelfer im Halbkreis niederließen. Während mehrere Indianer das Segeltuch über den Kasten befestigten, verschwand der durch die Mäntel seiner Genossen verdeckte Schamane ungesehen durch eine an der Seite des Kastens angebrachte Klappe in einen durch eine Planke geschickt verdeckten unterirdischen Gang, aus dem er unter Anwendung seiner Bauchrednerkunst noch für eine Weile seine Stimme ertönen ließ, nachdem der Kasten bereits dem Scheiterhaufen übergeben war und in Flammen stand. Durch den weit außerhalb des Zuschauerraumes in einem dichten Gebüsch mündenden Gang gelangte der Schamane dann wieder ins Freie. Die im Feuer liegenden Überreste waren die einer aus Knochen und Kürbissen zusammengesetzten lebensgroßen Puppe, die in der gleichen unauffälligen Weise von unten her in den Kasten geschoben wurde, als der Schamane aus demselben verschwand.“ —

Geschnitzte Götzenfigur der Kwakiutl-Indianer. Im Museum of the American Indian Newyork

Geschnitzte Götzenfigur der Kwakiutl-Indianer.

Im ‚Museum of the American Indian“ Newyork.

Interessant ist auch der Bericht eines Afrikaforschers über mehrere Zauberer, die vor den Augen ihrer Stammesgenossen einen Götzen aus dem Boden erstehen ließen. Um diese Gaukeleien auszuführen, hatten sie während der Nacht ein Loch in den Boden gegraben, dasselbe mit trockenen Erbsen gefüllt und darüber ein hölzernes Götzenbild gestellt. Nachdem das Loch wieder aufgefüllt und alle Spuren sorgfältig verwischt worden waren, übergossen sie am folgenden Morgen, ehe die schaulustige Menge sich versammelte, den Platz mit Wasser. Währenddem nun die Zauberer ihre Beschwörungen und Anrufungen ertönen ließen, begannen die angefeuchteten Erbsen zu quellen und hoben das Götzenbild zum Staunen der Menge langsam aus dem Boden empor.

Manche Schamanen bedienten sich auch bereits redender Götzenbilder. Das in Neuyork bestehende „Museum of the American Indian“ besitzt eine etwa fünf Meter hohe, aus einem mächtigen Baumstamm geschnitzte Figur, die von den auf Vancouver-Island lebenden Kwakiult-Indianern vor vielen Jahrhunderten angefertigt wurde. Auf der Rückseite ist diese Figur, die an der Rückwand der von den Schamanen für ihre Schaustellungen benützten Halle aufgestellt war, ausgehöhlt und bietet hinlänglich Raum für einen Menschen, der, selber ungesehen, durch die Mundöffnung der Figur als Gott an die in der Halle Versammelten sprechen konnte.

Auf welche Weise derartige Betrüger mit den ihnen anvertrauten zur Besänftigung der bösen Geister dienen sollenden Opfergaben verfahren, kann man unschwer aus einer Andeutung ersehen, die der holländische Geschichtschreiber Wassenaer zu Anfang des 17. Jahrhunderts über die in der Kolonie Neu-Niederland lebenden Sikanama-Indianer machte:

„Diese Indianer bringen mit allerlei Gegenständen und Gaben gefüllte Kessel nach einer in einem Hügel befindlichen Höhle, in dem Glauben, daß, wenn sie fortgegangen seien, Manitu, das ist der Teufel, in Gestalt einer großen Schlange komme, um die Kessel fortzuholen. So versichert wenigstens der Zauberpriester, der diese Opferzeremonie leitet.“ —

Noch deutlicher ist, was Franz Otto Koch über die Fetischpriester in Kamerun berichtete. In einem in der Leipziger „Gartenlaube“ enthaltenen Aufsatz „Zauberkunst und Götzendienst bei den afrikanischen Schwarzen“ schreibt er:

„In allen Fällen sind diese Fetischpriester raffinierte Kerle, die ihr Geschäft zu führen verstehen. Hat einer Appetit auf sein Leibgericht, so verkündet er dem Volk, daß der im Dorf aufgestellte allgemeine Fetisch, eine groteske Holzfigur, Hunger auf dieses Gericht habe. Selbstverständlich beeilt sich dann jeder Eingeborene, dem Herrn Götzen auf dem schnellsten Wege die gewünschte Speise mit der dazugehörigen Menge Schnaps vorzusetzen. In der Nacht kommt dann der Götzenpriester mit seinen Genossen, um das Essen und den Schnaps fortzuholen. Ist die Gesellschaft von den gelieferten Naturalien befriedigt gewesen, so werden die leeren Schnapsflaschen wieder neben den Fetisch gesetzt. Am anderen Morgen freut sich dann jung und alt gar gewaltig darüber, daß es ihrem lieben Götzen so gut gemundet hat.“

Maske eines singhalesischen Teufelsaustreibers

Maske eines singhalesischen Teufelsaustreibers.

Advertisements

Über Laetitia

Schau doch mal in meinen Blog rein: „Neue Volkswarte“ :)
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s