[15] R. C. DARWIN / DIE ENTWICKLUNG DES PRIESTERTUMS UND DER PRIESTERREICHE

In diesem Beitrag kann man folgende Kapitel aus dem Buch “Die Entwicklung des Priestertums und der Priesterreiche” von Rudolf Cronau (Pseudonym “Randolph Charles Darwin”) lesen:

Ein komplettes Inhaltsverzeichnis des Buches befindet sich in Beitrag 1.

„Vertieft man sich in das Studium der hauptsächlich auf das Papsttum zurückzuführenden unglückseligen politischen und wirtschaftlichen Zustände Europas während des 13., 14. und 15. Jahrhunderts, so kann man sich gegen die Wahrnehmung nicht verschließen, daß die damalige christliche Welt auf dem besten Wege war, auf ein ebenso niedriges Niveau herabzusinken, auf dem Tibet, das asiatische Priesterreich der Lama, sich noch heute befindet. Wie dort die Lage der von seinen Priestern ausgebeuteten und in grauenhaftester Unwissenheit gehaltenen ländlichen Bevölkerung eine geradezu klägliche ist, so damals in den Ländern der Christenheit. Was war beispielsweise aus jenem von Tacitus in so begeisterten Worten geschilderten Edelvolk der Germanen im Lauf der Zeit unter der Herrschaft des Krummstabs geworden! Die Mehrheit seiner einst die Freiheit über alles liebenden und auf eigenen Höfen sitzenden stolzen Männer war zu Leibeigenen herabgesunken, die sich den Geboten der sie beherrschenden großen Grundherren, der Markgrafen, Grafen, Erzbischöfe, Bischöfe und Äbte fügen mußten. Sie, die sich in alten Zeiten ihre Heerführer selber erkoren hatten, wurden nun von Königen regiert, die sich nicht nur durch die Päpste oder deren Stellvertreter krönen ließen, sondern ihnen auch die Füße küßten, gelegentlich die Steigbügel hielten und ähnliche Stallknechtdienste verrichteten.“,

„Am Ende des Mittelalters war in Deutschland der freie Bauernstand fast ganz verschwunden. Die übergroße Mehrheit der Deutschen bestand aus besitzlosen Leibeigenen, die infolge der ihnen unablässig vorgehaltenen Schreckbilder eines Fegfeuers, einer von unzähligen Teufeln bevölkerten Hölle und eines Jüngsten Gerichts um ihren klaren Verstand gebracht worden waren und sich einreden ließen, daß es nötig sei, ihr Seelenheil durch beständige Zehntenabgaben, Ablaß- und Messegelder zu sichern. Diese Abgaben wurden aber nicht freudig geleistet, sondern mit haßerfülltem Herzen. Wer die Chroniken, Streitschriften und Spottgedichte des 15. und 16. Jahrhunderts zur Hand nimmt, stößt gar zu oft auf bittere Beschwerden wegen endloser Bedrückungen, deren sich nicht nur die Fürsten und Edelleute, sondern insbesondere auch die Priester gegen das Volk, gegen die Bauern schuldig machten.“,

„Sowohl in Frankreich wie in England verband sich mit ihrer Mißstimmung über die armselige wirtschaftliche Lage grimmiger Haß gegen die geistlichen Tyrannen, welche die Landbevölkerung allüberall in einen lebenslänglichen Frondienst gezwungen hatten. Die ersten Unruhen entbrannten in England. Wie in den deutschen Landen, so hatte auch hier der Klerus es verstanden, sich in den Besitz von einem Drittel alles Grundeigentums zu setzen. Zudem hatten die Päpste sämtliche einträglichen Kirchenämter mit Italienern bekleidet, mit Günstlingen, die auf diese Weise für geleistete Dienste entlohnt wurden[Mit der Besetzung solcher Kirchenämter durch Italiener suchten die Päpste auch noch eine weitere Absicht zu verwirklichen. Sie planten, im Lauf der Zeit sämtliche christlichen Länder zu romanisieren und die heimischen Volkssprachen durch die lateinische Sprache zu verdrängen. Daß sie mit der Verwirklichung dieses Gedankens auf dem besten Wege waren, beweist die Tatsache, daß Latein nicht nur in allen Kirchen, Universitäten und Schulen die bevorzugte Sprache geworden war, sondern daß auch seit Jahrhunderten sämtliche Urkunden, sowie viele Chroniken und andere Werke von Wichtigkeit in dieser Sprache abgefaßt wurden.]. Wie allerorten, so gaben diese Römlinge durch ihr unmoralisches, verschwenderisches Leben, durch die dem Volk gegenüber angewendeten Erpressungen auch hier beständig Anlaß zu Beschwerden.“,

„Daß der Haß des für jedes christliche Empfinden abgestumpften, nur auf die Erhaltung seiner Macht und Einkünfte bedachten Papsttums sich auch gegen Deutschland, den Ausgangspunkt und Hauptsitz der Reformationsbewegung, wendete, war selbstverständlich.“,

„Von 1618 bis 1648 während, bildet dieser „Dreißigjährige Krieg“ einen der schauerlichsten Abschnitte der Weltgeschichte. Seinen Verlauf zu schildern ist an dieser Stelle unnötig, dagegen ist es durchaus am Platze, auf seinen Ausgang näher einzugehen, damit das heutige Geschlecht eine Lehre daraus ziehen möge, wohin törichter, durch machtgierige Priester erzeugter und beständig wachgehaltener Glaubenshaß eine von religiösen Wahnideen beherrschte Menschheit führen mag. —“

„Überblickt man die in Europa während des 18. Jahrhunderts herrschenden kulturellen Zustände, so ist zu erkennen, daß in allen Ländern, wo die von Wyclif, Luther, Calvin und deren Nachfolgern verkündigten Lehren Eingang gefunden und Wurzel geschlagen hatten, die religiöse Freiheit und Duldung immer weitere Fortschritte machte und zum Aufstieg und zur Fortentwicklung jener Länder außerordentlich beitrug, daß dagegen in den streng katholisch gebliebenen Ländern Italien, Spanien und Portugal alles wissenschaftliche Leben aufgehört hatte, dagegen die religiöse Unduldsamkeit sich beständig steigerte, die Bevölkerung im Bann- des Aberglaubens verharrte und völlig unfähig wurde, der Zunahme des am Mark der Länder zehrenden Mönch- und Priestertums zu wehren.“

Ab hier geht es weiter mit dem Originaltext des Buches:


DIE ZEIT DER BAUERNERHEBUNGEN UND DER REFORMATION

Vertieft man sich in das Studium der hauptsächlich auf das Papsttum zurückzuführenden unglückseligen politischen und wirtschaftlichen Zustände Europas während des 13., 14. und 15. Jahrhunderts, so kann man sich gegen die Wahrnehmung nicht verschließen, daß die damalige christliche Welt auf dem besten Wege war, auf ein ebenso niedriges Niveau herabzusinken, auf dem Tibet, das asiatische Priesterreich der Lama, sich noch heute befindet. Wie dort die Lage der von seinen Priestern ausgebeuteten und in grauenhaftester Unwissenheit gehaltenen ländlichen Bevölkerung eine geradezu klägliche ist, so damals in den Ländern der Christenheit. Was war beispielsweise aus jenem von Tacitus in so begeisterten Worten geschilderten Edelvolk der Germanen im Lauf der Zeit unter der Herrschaft des Krummstabs geworden! Die Mehrheit seiner einst die Freiheit über alles liebenden und auf eigenen Höfen sitzenden stolzen Männer war zu Leibeigenen herabgesunken, die sich den Geboten der sie beherrschenden großen Grundherren, der Markgrafen, Grafen, Erzbischöfe, Bischöfe und Äbte fügen mußten. Sie, die sich in alten Zeiten ihre Heerführer selber erkoren hatten, wurden nun von Königen regiert, die sich nicht nur durch die Päpste oder deren Stellvertreter krönen ließen, sondern ihnen auch die Füße küßten, gelegentlich die Steigbügel hielten und ähnliche Stallknechtdienste verrichteten.

Diese Könige mußten auch die an allen Ecken und Enden sitzenden Erzbischöfe, Bischöfe und Äbte beständig durch Privilegien aller Art und reiche Stiftungen bei guter Laune zu erhalten suchen, da die hochwürdigen Herren ihnen sonst allerlei Ungelegenheiten bereiten, ja, durch Bann und Interdikt ihre Untertanen vom Treueid entbinden konnten. So waren aus den von den Königen der Kirche gestifteten großen Reichsgütern, die anfänglich von den Bischöfen und Erzbischöfen als königliche Lehen verwaltet worden waren, im Lauf der Jahrhunderte geistliche Fürstentümer, förmliche Kirchenstaaten geworden, deren Inhaber sich von ihren früheren weltlichen Oberhäuptern unabhängig gemacht hatten, als souveräne Landesherren auftraten und von ihren wohlbefestigten Wasser- oder Höhenburgen aus mit ihren starken Söldnerheeren die demutsvoll ergebenen Untertanen in Schach hielten. Drei dieser Erzbischöfe, jene von Mainz, Trier und Köln, gehörten seit dem 13. Jahrhundert als Kurfürsten auch jenem aus sieben Personen bestehenden Kollegium an, das mit Berücksichtigung des Willens sämtlicher deutschen Fürsten die Wahl des Kaisers vornahm. Neben diesen Erzbischöfen bestand dieses Kollegium aus dem Pfalzgrafen bei Rhein, dem Herzog von Sachsen, dem Markgrafen von Brandenburg und dem Herzog von Bayern. Daß die Erzbischöfe bei solchen Königswahlen stets die geheimen Wünsche der Päpste auszuführen hatten, ist selbstverständlich. Auf diese Weise gelangte auch, Deutschland zum Unheil, das den Päpsten stets willfährige Geschlecht der Habsburger zur Herrschaft über das Deutsche Reich.

Wo es sich um die Mehrung ihrer Macht und ihres Gebietes handelte, vertauschten diese Erzbischöfe nur gar zu oft ihre Meßgewänder mit funkelnden Harnischen und zogen an der Spitze ihrer Landsknechte den ihren Forderungen sich Widersetzenden entgegen. Insbesondere die Gaue des Rheins, die sogenannte „Pfaffengasse“, hallte beständig wider von dem Kriegsgeschrei der streitbaren Erzbischöfe von Mainz, Trier und Köln. Vornehmlich die Kölner Kirchenfürsten erwiesen sich als Kampfhähne ohnegleichen, beständig darauf aus, ihren Territorialbesitz wie ihre politische Machtstellung zu erweitern. Ihre darauf abzielenden Kämpfe zogen sich durch mehrere Jahrhunderte hin und richteten sich sowohl gegen die benachbarten Grafen von Berg, Mark, Jülich und Gleve, wie auch gegen die Bischöfe von Münster und Paderborn. Nicht zuletzt auch gegen die Bewohner der eigenen Residenzstadt, die bereits unter dem Krummstab des Erzbischofs Engelbert II. (1261—1275) sehr bald erkannten, daß derselbe darauf ausging, sie ihrer Freiheit zu berauben und sie auszusaugen. Die Kölner Bürger wurden der Bedrückungen schließlich so müde, daß sie vereint zu den Waffen griffen und alle Türme und Tore der Stadt in blutigen Kämpfen erstürmten. Trotz wiederholter Sühneverträge gab es keinen Frieden, bis Kaiser Rudolf von Habsburg sich genötigt sah, die Bürger Kölns im Jahre 1272 gegen weitere Gewalttätigkeiten ihrer „Seelsorger“ in seinen besonderen Schutz zu nehmen. —

Der Nachfolger Engelberts, Siegfried von Westerburg, legte während seiner von 1275—1297 dauernden Regierung nur selten Helm und Panzer ab, mußte aber auch, nachdem er die Grafschaften Berg und Mark mit Feuer und Schwert verwüstet hatte, erleben, daß er von den ergrimmten Bewohnern jener Länder im Verein mit den Bürgern von Köln zu einer Entscheidungsschlacht gezwungen wurde. Dieselbe ereignete sich am 5. Juni 1288 bei Worringen. Nachdem der Erzbischof am frühen Morgen die Messe gelesen, seiner 50000 Mann starken Streitmacht den Segen erteilt und seine Gegner, darunter die Stadt Köln, verflucht und mit dem Interdikt belegt hatte, vertauschte er sein Ornat und die Monstranz mit Panzer und Speer und stürmte an der Spitze seiner Reisigen den Feinden entgegen, sicher, daß Gott ihm den Sieg verleihen werde. Der Tag verlief aber ganz anders, als der Erzbischof erhofft hatte. Die ergrimmten Bauern des Bergischen Landes und die nicht weniger erbitterten Bürger Kölns schlugen nach achtstündigem heißen Ringen das erzbischöfliche Heer in die Flucht und machten den geistlichen Kampfhahn zum Gefangenen. Er wurde vom Grafen Berg auf dessen Burg gebracht, wo ihm nicht erlaubt wurde, die Rüstung abzulegen, damit niemand sagen könne, „man halte einen Prälaten gefangen“. Erst nachdem der Gottesmann sich zum Ersatz aller angerichteten Schäden und zu ansehnlichen Bußzahlungen eidlich verpflichtet hatte, wurde er freigegeben. Schon bald darauf wurde er durch den Papst von allen diesen Eiden und Versprechungen, die er während seiner Haft abgelegt hatte, entbunden![Schönneshöfer, B., „Geschichte des Bergischen Landes“ (Elberfeld 1895), S. 112 u. f.]

Wie im Erzbistum Köln, so ging es auch in den Erzbistümern Trier, Mainz, Bremen, Magdeburg und Salzburg, sowie in den Bistümern Utrecht, Lüttich, Münster, Paderborn, Metz, Verdun, Toul, Straßburg, Speier, Basel, Brixen, Augsburg, Würzburg, Bamberg, Passau, Fulda, Hildesheim, Verden, Osnabrück, Halberstadt, Merseburg, Eichstätt und Naumburg zu; waren doch deren Inhaber, gleich den geistlichen Herren des Kirchenstaates, den Päpsten, stets von dem Gedanken besessen, auch ihre weltliche Macht zu mehren und sich die ganze Menschheit zu unterwerfen. Sicherlich hatte ein Chronist der Stadt Piacenza recht, wenn er klagte: „Es wäre vor Gott und der Welt besser, wenn die Päpste und Priester das dominium temporale gänzlich niederlegten; denn seit der (angeblichen) Schenkung des Kaisers Konstantin sind die Folgen des weltlichen Besitzes zahllose Kriege und der Niedergang von Städten und Völkern gewesen. Diese Kriege haben mehr Menschen verschlungen, als gegenwärtig in ganz Italien leben, und sie werden niemals aufhören, solange die Priester weltliche Rechte behalten!“

Am Ende des Mittelalters war in Deutschland der freie Bauernstand fast ganz verschwunden. Die übergroße Mehrheit der Deutschen bestand aus besitzlosen Leibeigenen, die infolge der ihnen unablässig vorgehaltenen Schreckbilder eines Fegfeuers, einer von unzähligen Teufeln bevölkerten Hölle und eines Jüngsten Gerichts um ihren klaren Verstand gebracht worden waren und sich einreden ließen, daß es nötig sei, ihr Seelenheil durch beständige Zehntenabgaben, Ablaß- und Messegelder zu sichern. Diese Abgaben wurden aber nicht freudig geleistet, sondern mit haßerfülltem Herzen. Wer die Chroniken, Streitschriften und Spottgedichte des 15. und 16. Jahrhunderts zur Hand nimmt, stößt gar zu oft auf bittere Beschwerden wegen endloser Bedrückungen, deren sich nicht nur die Fürsten und Edelleute, sondern insbesondere auch die Priester gegen das Volk, gegen die Bauern schuldig machten. Da ist z. B. neben dem in einem früheren Kapitel wiedergegebenen Abschnitt aus Sebastian Francks „Weltbuch“ auch der 33. Absatz aus Thomas Murners „Narrenbeschwörung“. Er verdient um so mehr Beachtung, als Murner ursprünglich dem Franziskanerorden angehörte und auf seinen unsteten Wanderfahrten sattsam Gelegenheit gehabt hatte, sich mit den Zuständen aller Volksschichten vertraut zu machen. Er schrieb mehrere größere satirische Gedichte, von denen die „Narrenbeschwörung“ darlegt, wie er vom Kaiser Maximilian, der ihn im Jahre 1505 zum Dichter krönte, bevollmächtigt worden sei, eine Anzahl von Narrenteufeln, die sich des deutschen Volkes bemächtigt hätten, durch Exorzismus auszutreiben. Wo er nun solche Teufel findet, sei es unter den weltlichen Ständen oder den Geistlichen, zieht er schonungslos gegen dieselben los. Den Verfall des christlichen Lebens und den Ablaßkram rügt er wie folgt:

„Wir kaufen unser Glück und Heil!

Sagt mir, was ist jetzt nit feil?

tugend, ehr und ehrbarkeit

verkäuft uns als die Geistlichkeit!

Reu und leid umb unsre Sünd

Dieselbig auch man käuflich find;

Gnad und ehr, auch ihre gunst,

die sie empfangen hant umbsunst

von Christo Jesu in seim Leben

das sie’s umbsunst söln wiedergeben!“ —

Von den Bettelmönchen sagt Murner:

„Sie trachten wie die Elster tut

stets nach des armen Bauern Gut.

Er muß, kurzum in ihren sack

nur geben, obwohl er’s nit vermag!

Hat ihm gelegt ein Ei sein Huhn

so weiß bescheid der Bauer nun:

daß er den Mönchen soll das Dotter geben;

vom Eiweiß kann die Frau ja leben —

die Schale eß er selbst daneben. —

Die Orden muß er auch bedenken;

das taufgeld will man ihm nit schenken,

Opferpfennige und Beichtgeldgeben,

die Pfaffen füttern noch daneben.

Man schreibt ihm seinen Namen ein —

das kostet gleich ein Fuder Wein!

Auch liest man ihm noch täglich Messen

Wenn sie’s durch Zufall nit vergessen. —

Danach muß er ’ne Stiftung machen,

Viel Opfer gehören zu diesen Sachen.

Zum Ende kommt der Mönch mit seinem Sack,

Der arme Bauer geb‘ was er vermag:

Weizen, Korn und Käs‘ und Zwiebel;

Gibt er nicht, der Mönch blickt übel!“ —

Schon lange bevor Murner seine „Narrenbeschwörung“ schrieb, hatte es auch bei den unter ähnlichen Verhältnissen seufzenden Bauern anderer Länder begonnen zu gären. Sowohl in Frankreich wie in England verband sich mit ihrer Mißstimmung über die armselige wirtschaftliche Lage grimmiger Haß gegen die geistlichen Tyrannen, welche die Landbevölkerung allüberall in einen lebenslänglichen Frondienst gezwungen hatten. Die ersten Unruhen entbrannten in England. Wie in den deutschen Landen, so hatte auch hier der Klerus es verstanden, sich in den Besitz von einem Drittel alles Grundeigentums zu setzen. Zudem hatten die Päpste sämtliche einträglichen Kirchenämter mit Italienern bekleidet, mit Günstlingen, die auf diese Weise für geleistete Dienste entlohnt wurden[Mit der Besetzung solcher Kirchenämter durch Italiener suchten die Päpste auch noch eine weitere Absicht zu verwirklichen. Sie planten, im Lauf der Zeit sämtliche christlichen Länder zu romanisieren und die heimischen Volkssprachen durch die lateinische Sprache zu verdrängen. Daß sie mit der Verwirklichung dieses Gedankens auf dem besten Wege waren, beweist die Tatsache, daß Latein nicht nur in allen Kirchen, Universitäten und Schulen die bevorzugte Sprache geworden war, sondern daß auch seit Jahrhunderten sämtliche Urkunden, sowie viele Chroniken und andere Werke von Wichtigkeit in dieser Sprache abgefaßt wurden.]. Wie allerorten, so gaben diese Römlinge durch ihr unmoralisches, verschwenderisches Leben, durch die dem Volk gegenüber angewendeten Erpressungen auch hier beständig Anlaß zu Beschwerden. Dadurch lieferten sie manchen wahren Volksfreunden wie Geoffrey Chaucer und William Langland reichlichen Stoff zu beißenden Satiren und Spottgedichten, in denen feiste, fettglänzende Bischöfe, der Jagd auf Wild und Weiber nachgehende Prälaten, heuchlerische Äbtissinnen und ablaßvertreibende Bettelmönche die Hauptrollen spielten. Durch solche Schriften wurde das Parlament zu manchen gegen den Klerus gerichteten Maßnahmen aufgestachelt. Das im Jahre 1351 angenommene „Statute of Provisors“ nahm den Päpsten das Recht, fernerhin englische Bistümer und Kirchenämter mit Ausländern zu besetzen. Zwei Jahre später bestimmte das „Statute of Prämunire“, daß fortan die Annahme und Durchführung päpstlicher Bullen nicht mehr erlaubt sein sollten. Und als Papst Urban V. im Jahre 1366 die Auszahlung des vom König John im Jahre 1213 zugestandenen, seit längerer Zeit aber rückständigen jährlichen Lehnzinses einforderte, wurde die Zahlung verweigert, da König John kein Recht gehabt habe, ohne Zustimmung der Stände sich und sein Reich einem fremden Fürsten, sei es auch der Papst, zu unterwerfen. Ebenso wurde die weitere Zahlung der „Annaten“, der dreijährigen Einkünfte eines Bistums an den Papst bei Antritt eines neuen Bischofs verboten. Durch alle diese Entscheidungen gewann die Regierung des damaligen Königs Edward III. einen nationalen, ja, reformatorischen Charakter.

John Wyclif. Nach einem Gemälde von Knole.

John Wyclif.

Nach einem Gemälde von Knole.

Eine solche Zeit war ganz dazu angetan, auch einen wirklichen Reformator hervorzubringen. Er erschien in der Person des im Jahre 1330 geborenen John Wyclif, der seit 1360 mit der Universität Oxford verbunden war und seit 1372 als Professor an derselben lehrte. Als im Jahre 1374 Unterhandlungen zwischen dem König Edward III. und dem Papst über die Besetzung der kirchlichen Ämter in England schwebten, wurde Wyclif vom König nach Brügge gesandt, um dort mit den päpstlichen Legaten zu verhandeln. Die in engerem Verkehr mit denselben gewonnenen Eindrücke bestärkten Wyclif in der Anschauung, der Papst müsse der leibhaftige Antichrist sein. Von da ab eröffnete er eine förmliche Fehde wider diesen wie auch gegen die Bettelmönche, die er wegen ihrer Trägheit, Heuchelei und offenkundigen Lasterhaftigkeit verabscheute. Die abstoßenden Zustände während der damaligen Zeit des „Schisma“, wo die in Rom und in Avignon sitzenden Päpste einander mit höchst unchristlichen Beschimpfungen und Bannflüchen bekriegten, bestärkten Wyclif in dem Glauben, daß auch die Laien ein Anrecht auf die ihnen bisher durch die Päpste vorenthaltene Bibel hätten. Er begann dieselbe ins Englische zu übersetzen. Während dieser Arbeit drängte sich ihm die Überzeugung auf, daß alle christliche Lehre an der Heiligen Schrift geprüft und alles christliche Leben zu der Einfachheit der apostolischen Kirche zurückgebracht werden müßten. Priester als Vermittler zwischen Gott und den Menschen seien unnötig, die päpstliche Hierarchiemit ihrem Stolz, mit ihrer Gier nach Macht, Herrschaft und Geld bilde vielmehr ein die christliche Kirche überwucherndes schädliches Gewächs. Auch verwarf er die im Jahre 1215 in Rom zum Dogma erhobene Lehre der Transsubstantiation, derzufolge während des Abendmahls das vom Priester geweihte Brot und der Wein sich in den wirklichen Leib und das Blut Christi verwandle. Seine gesamten Anschauungen faßte Wyclif in der berühmten Schrift „Trialogus“ (Dreigespräch) zusammen, darum so genannt, weil in ihr die Wahrheit, die Lüge und die Einsicht abwechselnd das Wort führen.

Wie alle Reformer, so wurde auch Wyclif von den Anhängern der Kirche hart verdammt. Da der eben zur Regierung gekommene Richard II. nicht den Mut fand, ihm den Rücken zu decken, so wurde er genötigt, seinen Professorenposten an der Universität aufzugeben und sich auf seine bescheidene Pfarrei zurückzuziehen. Hier wurde er kurz vor seinem im Jahre 1384 durch einen Schlaganfall herbeigeführten Tod durch eine päpstliche Aufforderung überrascht, in Rom zu erscheinen und sich wegen ketzerischen Lehren zu verantworten. Der Haß und die Verfolgungswut der Gegner erstreckten sich aber noch über seinen Tod hinaus; denn einem Beschluß zufolge, der im Jahre 1418 auf dem Konzil zu Kostnitz zur Annahme kam, wurde die Leiche Wyclifs ausgegraben und verbrannt. —

Schon während der letzten Lebensjahre Wyclifs war es unter der leibeigenen Bevölkerung Englands infolge ihrer Bedrückung durch den Adel und die Geistlichkeit zu blutigen Aufständen gekommen, besonders, als den bereits bestehenden Abgaben im Jahre 1379 eine äußerst drückende Kopfsteuer hinzugefügt werden sollte. Ein Bäcker, ein Ziegeldecker und der vagabundierende Volksprediger John Ball waren die treibenden Elemente des Aufruhrs, der sich über den ganzen Osten Englands verbreitete. Nicht nur wurden zahlreiche Güter des Adels und der Geistlichkeit von Grund aus verwüstet, sondern auch der gefangene Erzbischof von Canterbury nebst mehreren Beichtvätern und Beamten geköpft. Die Folge war, daß der Aufruhr seitens der Regierung mit Aufgebot aller Gewalt niedergeschlagen wurde und daß der König an die 1500 Menschen hinrichten ließ. Eine Erleichterung wurde der leibeigenen Bevölkerung nicht zuteil. Zu den hart Verfolgten gehörten auf Antreiben der Geistlichkeit fortan auch die Anhänger Wyclifs, dessen Bibelübersetzung in die Volkssprache sowohl von dem im Jahre 1413 zur Regierung gekommenen orthodoxen König Heinrich V. wie auch vom Parlament und der Universität Oxford als ein törichtes Unterfangen bezeichnet wurde, zu dem Wyclif keinerlei Befugnis gehabt habe. —

Johannes Hus. Nach einem Kupferstich von René Boivin.

Johannes Hus.

Nach einem Kupferstich von René Boivin.

Das in England erstickte Feuer loderte aber an einer anderen Stelle Europas aufs neue empor, und zwar in Böhmen. Hier hatten Wyclifs Schriften in dem Herzen des im Jahre 1373 geborenen Rektors der Universität zu Prag, Johann Hus, eine hochgemute Begeisterung zu ähnlichem Reinigungseifer erweckt. Ein glänzender, überzeugender Redner, hatte er seinem tschechischen Volke nicht nur in der Landessprache gepredigt, sondern dabei auch die Mißbräuche des Papsttums und die Sittenlosigkeit des Klerus scharf verurteilt. Desgleichen wendete er sich gegen die Ohrenbeichte und den Ablaß, weil diese beiden Einrichtungen sowohl mit der Heiligen Schrift wie mit dem wahren Geist des Christentums in Widerspruch stünden. Insbesondere bestritt er die Auslegung, daß den Päpsten als den Nachfolgern Petri der Schlüssel zum Himmel und die Macht verliehen sei, Sünden zu vergeben. Diese könnten nur durch Gott allein vergeben werden, und zwar dürften alle diejenigen darauf rechnen, die aufrichtig ihre Sünden bereuten und Buße täten.

Als der Papst Johann XXII. im Jahre 1412 einen Ablaß für Geld zu einem gegen Neapel geplanten Kreuzzug ausbieten ließ, begnügte Hus sich nicht nur damit, die Veranstaltung eines Kreuzzugs von Christen gegen Christen zu rügen, sondern er ließ auch die päpstliche Ablaßbulle am Pranger öffentlich verbrennen. Für diese Freveltaten wurde er mit dem Bann belegt und vor das im Jahre 1414 in Konstanz abgehaltene Konzil gefordert, vor dem er sich wegen seiner Irrlehren zu verantworten habe. Im Vertrauen auf das ihm vom Kaiser zugesicherte freie Geleit stellte Hus sich dem Konzil, wurde aber von diesem der Ketzerei beschuldigt und am 6. Juli 1415 auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Seine Asche wurde in den Rhein geworfen.

Erbittert über die Hinrichtung ihres hochverehrten Predigers, verjagten seine Anhänger nunmehr sämtliche katholischen Priester aus Böhmen, besetzten deren Stellen mit hussitischen Predigern und erklärten Hus für einen heiligen Märtyrer, dessen Fest an jedem 6. Juli gefeiert werden müsse. Als der darob erbitterte Papst Martin V. von dem böhmischen König Wenzel verlangte, die in seinem Lande schwer beleidigte Kirche zu schützen, andernfalls man zu einem Kreuzzug gegen Böhmen aufrufen werde, entbrannten jene von 1419—1434 währenden, überaus grausamen Hussitenkriege, während welcher die von wilder Rachgier und fanatischem Glaubenseifer erfüllten Hussiten unter Führung von Johann Zizka die Grenzen Böhmens überschritten und große Teile von Österreich, Bayern, Franken, Schlesien, Sachsen und Brandenburg verwüsteten. Auf Forderung des Papstes wurden gegen die Hussiten nicht weniger denn fünf Kreuzzüge veranstaltet. Dieselben hatten zwar ungeheure Verluste an Menschenleben zur Folge, verliefen aber ebenso erfolglos, wie die in früheren Jahrhunderten geführten Kreuzzüge gegen die Mohammedaner. Erst einem im Jahre 1433 in Basel abgehaltenen Konzil gelang es, den Frieden wiederherzustellen, aber gleichzeitig mußten den Hussiten nicht nur der Gebrauch ihrer tschechischen Volkssprache in der Predigt, sondern auch die Unterstellung ihrer Geistlichkeit unter das weltliche Gericht sowie manche andere Forderungen zugestanden werden. —

Alle diese in England wie in Böhmen entbrannten Bewegungen zur Befreiung vom priesterlichen Joch fanden in vielen Gauen Deutschlands und der anstoßenden Länder einen Widerhall. Es kam zu überaus blutigen Bauernaufständen, die sich über einen Zeitraum von nahezu 100 Jahren erstreckten. Ihre außerordentliche Verbreitung ist aus einer Zusammenstellung ersichtlich, die von Professor Heinrich Wolf in seiner „Angewandten Kirchengeschichte“[Wolf, H., „Angewandte Kirchengeschichte. Eine Erziehung zum nationalen Denken und Wollen“ (Leipzig 1922), S. 189. — Über die bäuerlichen Zustände in Deutschland vor und nach der Reformationszeit sei auf folgende Werke verwiesen: Bartels, Adolf, „Der Bauer in der deutschen Vergangenheit“ (Leipzig); Claß, H. (Einhart), „Deutsche Geschichte“ (Leipzig 1921).] zusammengestellt wurde und hier wiedergegeben werden mag: Um Worms 1431—1432; dann Jahrzehnte hindurch in Schwaben; im Salzburgischen 1462; bei Würzburg 1476; in Kärnten 1478; in Friesland und Holland 1491—1492; in der Abtei Kempten 1491—1492; im Elsaß 1493; in der Pfalz und im Breisgau 1502; im Berner, Luzerner und Soloturner Gebiet 1513; in Württemberg 1514; in Baden 1514; zwischen Vogesen und Schwarzwald 1517. Daneben gab es immerfort Erhebungen der kleinen Leute in den Städten.

Hus auf dem Wege zum Scheiterhaufen. Aus dem 1482 in Augsburg erschienenen Conciliumbuch, geschehen zu Constanz.

Hus auf dem Wege zum Scheiterhaufen.

Aus dem 1482 in Augsburg erschienenen „Conciliumbuch, geschehen zu Constanz“.

Unter den von den Bauern erhobenen Forderungen war die erste, daß sie frei sein und nicht länger als Sklaven und Bondsmänner betrachtet werden wollten. Dabei sollte jeder sein Brot mit eignen Händen gewinnen, keiner mehr als der andere haben und jeder sich als des anderen Bruder betrachten. Den Gemeinden solle man das Recht zugestehen, ihre Prediger frei wählen zu dürfen. Diesen Predigern solle es gestattet sein, das Evangelium ohne menschliche Zusätze zu verkündigen. Jeder Geistliche solle auf seine Pfründe beschränkt bleiben und sich mit dem Zehnten von Korn und Getreide zufrieden geben. Die Zahl der Klöster und Stifte sei zu verringern; ihre überflüssigen Güter wären einzuziehen und zum Besten der Bauernbünde zu verwenden. Alle unbilligen Zölle, Steuern und Zehntenabgaben sollten aufgehoben werden; Wälder, Weiden, Wasser, Holz als Brennmaterial, Wild-, Fisch- und Vogelfang müßten für jedermann frei sein. Alle Wälder, die nicht rechtskräftig erworben wurden, seien an die Gemeinden zurückzugeben. Ferner müßten die ewigen Kriege aufhören, dagegen sei in der ganzen Christenheit ein beständiger Friede anzubahnen. Wer sich dagegen widersetze, sei entweder zu töten oder, mit Handgeld versehen, gegen die Türken und Heiden zu schicken.

Ein im Mai 1525 in Heilbronn angenommener „Reichs-Reformationsentwurf“ sah unter seinen 14 Artikeln außerdem vor, daß fernerhin kein Geweihter, ob hohen oder niederen Standes, mehr im Reichstag sitzen noch ein weltliches Amt bekleiden, noch den Fürsten als Ratgeber dienen dürfe. Auch verlangte er die Einziehung aller geistlichen Güter. Aus ihrem Ertrag sollten Herren und Städte für die Aufgabe ihrer Rechte über die Bauern entschädigt sowie die Ausgaben des Reiches bestritten werden. —

Eine Erfindung von außerordentlicher Bedeutung trug dazu bei, die Kenntnis von den durch die Bauern angestrebten sozialen Verbesserungen weithin zu verbreiten: die von Johann Gutenberg um die Mitte des 15. Jahrhunderts zuerst angewendete Kunst, mit holzgeschnittenen beweglichen Buchstaben ganze Bücher herzustellen. Dadurch wurde es möglich, in kürzester Zeit Flugblätter und Streitschriften in Hunderten, ja, Tausenden von Abdrücken in alle Welt hinauszusenden, was vorher undenkbar war, da alle derartigen Kundgebungen mit der Hand geschrieben werden mußten. Durch diese neue „Schwarzkunst“ konnten fernerhin Kalender, Gebetbücher, ganze Bibeln hergestellt werden, was tiefgreifende Veränderungen im Volksleben wie im Leben der Universitäten zur Folge hatte.

Da es noch keine Gesetze zum Schutz für Erfindungen gab, so wurde das von Gutenberg angewendete Verfahren innerhalb weniger Jahrzehnte über fast sämtliche Länder Europas verbreitet. Aus den Offizinen deutscher Drukker, die sich in Sevilla, Toledo, Saragossa, Barcelona und anderen Städten Spaniens, in Venedig, in Amsterdam und Antwerpen niedergelassen hatten, gingen viele jener Flugblätter hervor, die über die erstaunlichen Entdeckungen berichteten, die von Kolumbus, Vespucius und anderen in der Neuen Welt gemacht worden waren. Damit begann die Zeit der Aufklärung, wo der bisher im Bann der Furcht, des blindesten Aberglaubens gehaltenen Menschheit die Augen aufgingen, wo sie erkennen lernte, in welch gewissenloser, selbstsüchtiger Weise sie von jenen Priestern ausgebeutet wurden, die vorgaben, Vertreter Gottes zu sein.

In diesem Zeitalter der Erfindungen und Entdeckungen wurde in Deutschland am 10. November 1483 jener Mann geboren, der als der größte aller auf geistlichem Gebiet erstandenen Reformatoren betrachtet werden muß: der Augustinermönch Martin Luther.

Wenn Wolf in seiner „Angewandten Kirchengeschichte“ sagt, Luther sei kein bewußter Revolutionär gewesen und nicht, wie Wyclif und Hus aus national-politischen und sozialen Kämpfen heraus, sondern innerhalb seiner stillen Klosterzelle zu Erfurt durch heißes Ringen um die Wahrheit in einen Gegensatz zu Rom gekommen, so hat er damit zweifellos recht. Jedenfalls waren ihm auch die Schriften seiner beiden Vorgänger Wyclif und Hus bekannt geworden und hatten ihn zum weiteren Forschen angespornt. Anno 1510 in Sachen seines Klosters nach Rom gesendet, mag er dort tieferen Einblick in die grauenhafte sittliche und religiöse Fäulnis getan haben, die an diesem Mittelpunkt der Christenheit herrschte. Zu einer förmlichen Lossage kam es, als Papst Leo X. einen Ablaß ausschrieb, um mit dem dadurch erzielten Geld an Stelle der unscheinbaren Peterskirche zu Rom einen Wunderbau aufführen zu lassen, der an Größe, Pracht und Reichtum alle anderen Kirchen der Christenheit übertreffen und den Glanz und die Macht des Papsttums zum Ausdruck bringen solle. Der gegen Geldzahlungen zu erlangende Ablaß erließ nicht nur alle von den Priestern über die Gläubigen verhängten kirchlichen Strafen, sondern sollte auch von allen nach dem Tode im Fegfeuer bevorstehenden Strafen befreien.

Einer der mit dem Vertrieb in Deutschland beauftragten Generalkommissäre war der im Jahre 1514 zum Erzbischof von Mainz ernannte Albrecht von Brandenburg. Die zum Erwerben seines „Palliums“ nötigen 30000 Gulden hatte derselbe von den reichen Fuggers in Augsburg geborgt. Um die Summe zurückzahlen zu können, bewarb der findige Erzbischof sich um den Vertrieb des Ablasses und stellte nach erfolgter päpstlicher Zustimmung den Dominikanermönch Johann Tetzel, einen in solchem Dienst sehr bewährten Wanderprediger, an. Durch die Schamlosigkeit und den staunenerregenden Wortschwall, womit dieser Mann sein Geschäft betrieb, wurde er zu einer der bekanntesten Gestalten seiner Zeit. Für jede Sünde hatte er eine Taxe ausgesetzt: Diebstahl, Ehebruch, Vater-, Mutter-, Geschwister- und Gattenmord hatten ihren bestimmten Preis. Man konnte ganze Familien, Lebende wie Tote, ganze Städte und Landschaften von allen Sünden und aus dem Fegfeuer loskaufen.

Die Folgen dieses heillosen Treibens wurden Luther offenbar, während er als Mönch im Beichtstuhl saß; denn da wurde ihm entgegnet: „Buße haben wir nicht nötig, denn wir haben Ablaß gekauft!“ — Das veranlaßte Luther, am 31. Oktober 1517 an die Pforte der Schloßkirche zu Wittenberg seine 95 Thesen anzuschlagen, Streitsätze, die sich in scharfen Worten gegen den Ablaßhandel wie auch gegen die Auffassung richteten, daß den Priestern das Recht zustehe, Sünden zu vergeben. Insbesondere wandte er sich gegen die Verwendung der durch den Ablaßhandel erzielten Gelder zum Bau der St.-Peters-Kirche in Rom. Lieber solle dieser Dom zu Pulver verbrannt werden, als ihn auf solche unwürdige Weise zu errichten!

Der Inhalt dieser Streitsätze verbreitete sich wie im Fluge über ganz Deutschland, über die ganze damalige christliche Welt. Die unerhörte Tat des mutigen Mönchs fand an vielen nach Erlösung von dem verhaßten päpstlichen Joch schreienden Orten begeisterte Zustimmung, an anderen maßlose Anfeindungen. Scharfe Streitschriften erschienen, die sich für Luthers Auffassungen entschieden oder sich gegen dieselben wendeten. Der päpstliche Legat Cajetan beschied ihn im Jahre 1518 nach Augsburg und verlangte bündigen Widerruf. Nachdem er zuerst Luther dazu durch hochmütige Herablassung und Ermahnung zu gewinnen suchte, ging er, als er die Vergeblichkeit dieser Bemühungen erkannte, zu so wilden Drohungen über, daß Luther dadurch veranlaßt wurde, mitten in der Nacht aus Augsburg zu entfliehen. Keine Minute zu früh; denn der Legat befand sich im Besitz eines päpstlichen Befehls, Luther mit List oder Gewalt nach Rom zu schaffen, wo ihm zweifellos das gleiche Schicksal beschieden worden wäre, dem Hus, Savonarola und viele andere verfallen waren, die gewagt hatten, an der Machtstellung der Päpste und dem Bau der allein wahren Kirche zu rütteln. —

Von dem Kurfürsten Friedrich dem Weisen von Sachsen beschirmt, brach Luther bereits im Juni des folgenden Jahres, nach seiner berühmten Disputation mit Dr. Eck in Leipzig, offen mit der römischen Kirche, indem er in rascher Folge drei geharnischte Reformationsschriften erscheinen ließ, die nichts anderes als eine Kriegserklärung gegen Rom bedeuteten. In der ersten Schrift „An den christlichen Adel deutscher Nation“ erklärt Luther, Rom habe sich mit drei Mauern umgeben, durch die es sich bisher derart schützte, daß niemand es reformieren konnte, wogegen die gesamte Christenheit grauenhaft verkommen sei. Zum ersten behaupte Rom, daß den weltlichen Obrigkeiten keinerlei Gewalt über die Kirche zustehe, daß dagegen die Kirche Gewalt über die weltlichen Mächte besitze. Zum anderen habe niemand außer dem Papst das Recht, die Heilige Schrift auszulegen. Zum dritten dürfe niemand außer dem Papst ein Konzilium einberufen. Demgegenüber betonte Luther, daß jeder wahre Christ geistlichen Standes sei, daß die Heilige Schrift über dem Papst stehe und von jedermann befragt werden dürfe, und daß den Ständen des Reichs das Recht zustehen solle, freie Konzile abzuhalten, in denen sie all jene zahlreichen Übelstände abschaffen könnten, die sich jetzt eingebürgert hätten. Zum ersten solle jeder Fürst seinen Untertanen, und jede Stadt ihren Bürgern verbieten, fortan jährliche Steuern, die sogenannten „Annaten“, nach Rom abzuliefern. Zweitens müsse den Päpsten verwehrt werden, fernerhin Deutschlands Kirchenämter mit im Ausland geborenen Fremden zu besetzen, die nichts im Reich zu suchen hätten und nur Ziffern und Ölgötzen seien. Drittens solle ein kaiserliches Gesetz verbieten, daß ein Bischof sich seinen Mantel (Pallium) und seine Bestätigung aus Rom holen müsse, daß dagegen ein Bischof durch seinen Erzbischof oder zwei seiner Amtsbrüder eingeführt werden dürfe. Weltliche Angelegenheiten des Reichs sollten nicht länger Rom zur Entscheidung unterbreitet werden, auch solle dem Papst fernerhin keine Oberhoheit über den Kaiser zustehen. Insbesondere sei „die teufelische Hoffahrt hinfurt nicht länger zuzulassen, daß der Kaiser des Papstes Füße küsse, oder zu seinen Füßen sitze, oder ihm den Stegreif halte, und den Zaum seines Maulpferdes, wenn er aufsitzt zu reiten; noch viel weniger dem Papst Hulde und treue Untertänigkeit schwöre, wie die Päpste unverschemt fürnehmen zu fordern, als hätten sie Recht dazu.“

Weiter drang Luther auf Beschränkung der Üppigkeit am päpstlichen Hof; auf Abschaffung des Götzendienstes der Heiligen; auf Verringerung der vielen kirchlichen Feiertage; auf Aufhebung des erzwungenen Zölibats und „sonderlich des Interdikts, welches ohn allen Zweifel der böse Geist erdacht hat!“ Mit dem ganzen Zorn eines deutschen Herzens zog er ferner den Papst zur Rechenschaft, weil er durch seinen Ablaß eine edle und treue Nation treulos und meineidig mache, weshalb man alle päpstlichen Gesandtschaften mit allem, was sie zu verkaufen haben, aus dem Lande jagen solle. „Laß unser Land frei sein von unerträglichem Schätzen und Schinden, geb uns wieder Freiheit, Gut, Gewalt, Ehre, Leib und Seele und laß ein Kaisertum sein, wie einem Kaisertum gebühret!“ —

In seiner zweiten Schrift: „Von dem babylonischen Gefängnis der Kirche“ verurteilt Luther den Mißbrauch des Gottesdienstes und der Sakramente, wodurch der Papst die Gewissen der Christen knechte und gefangen halte. Bald nach der Veröffentlichung dieser Schrift ließ er seine dritte unter dem Titel: „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ erscheinen, in der er ausführte, daß ein wahrer Christ ein freier Herr aller Dinge und niemanden Untertan, und doch wieder durch die Liebe ein bereitwilliger Knecht aller Dinge und jedermann dienstbar sei.

Natürlich ließ die päpstliche Antwort auf diese Kriegserklärungen nicht lange auf sich warten. Durch eine am 16. Juni 1520 erlassene Bulle ward der streitbare Wittenberger Mönch in den Bann getan und jede christliche Obrigkeit aufgefordert, seine Schriften zu verbrennen, ihn selber aber zu fangen und nach Rom zu liefern. Luther aber zog am 10. Dezember an der Spitze der ihm ergebenen Studenten der Hochschule zu Wittenberg vor das Elstertor der Stadt und warf angesichts einer großen Versammlung die Bannbulle samt dem kanonischen Rechtsbuch ins Feuer. Mit dieser Tat hatte Luther auch alle Brücken hinter sich verbrannt. Nur dem Eintreten des Kurfürsten Friedrich von Sachsen, des Begünstigers der Wittenberger Hochschule, hatte Luther seine persönliche Sicherheit zu danken und daß ihm Gelegenheit geboten werden solle, sich vor dem im Jahre 1521 in Worms abgehaltenen Reichstag zu verantworten.

Diese denkwürdige Versammlung wurde unter dem Vorsitz des nach langem elenden Intrigenspiel im Jahre 1519 zum Kaiser erkorenen Karl V. abgehalten. Als Sohn des Habsburgers Philipp und der Spanierin Johanna von Aragonien war dieser in Spanien erzogene, kaum zwanzigjährige junge Mann selbstverständlich streng katholisch und dem Papsttum blind ergeben. Unter diesen Umständen hielten die Freunde Luthers es geraten, diesen zu warnen, der an ihn ergangenen Aufforderung, sich und seine Lehren in Worms zu verteidigen, Folge zu leisten. Trotzdem machte sich Luther mit den Worten: „Und wenn so viele Teufel in Worms wären, als Ziegel auf den Dächern, so wollte ich doch hinein!“ auf den Weg, begleitet von einem ihm vorausreitenden kaiserlichen Herold und einem ihm vom Kaiser für seine persönliche Sicherheit gestellten berittenen Geleite. Als er in Worms eintraf, fand er die Stadt in äußerster Erregung; nicht nur die Mitglieder des bereits versammelten Reichstages, sondern auch das von weither herbeigeströmte Volk drängten sich, um den mutigen Mönch zu sehen, der gewagt hatte, allein der ungeheuren Weltmacht der römischen Kirche gegenüberzutreten. Gewiß erfaßte der Oberst der wachthaltenden Landsknechte, Georg von Frundsberg, den furchtbaren Ernst des Augenblicks, als er Luther bei dessen Eintritt in die Halle zuraunte: „Mönchlein, Mönchlein, du gehst jetzt einen schweren Gang, desgleichen ich und keiner meines Fähnleins je getan haben. Bist du aber rechter Meinung und deiner Sache gewiß, so sei nur getrost, Gott wird dich nicht verlassen!“ —

Es war am 18. April, abends 6 Uhr, als Luther nach langem, im Beisein des Kaisers an ihn gestellten Ermahnungen zum Widerruf in die Worte ausbrach: „Weil denn Eure Kaiserliche Majestät eine Antwort begehren, so will ich eine solche geben diesermaßen: widerrufen kann und will ich nichts, dieweil wider das Gewissen zu handeln unehrlich und gefährlich ist!“

Martin Luther. Nach einem Gemälde von Lukas Cranach

Martin Luther.

Nach einem Gemälde von Lukas Cranach.

Und als nun der über die Unbeugsamkeit und den vermeintlichen Trotz des Mönches empörte Kaiser aufsprang und die Fürstenversammlung dadurch in hochgradigste Erregung geriet, rief Luther nochmals aus: „Ich kann nicht anders! Hier stehe ich! Gott helfe mir! Amen!“ —

Es waren Worte von weltgeschichtlicher Bedeutung, Worte, deren Nachhall bis auf unsere Tage geklungen ist, Worte, deren die Menschheit sich noch nach vielen weiteren Jahrhunderten erinnern wird. —

Zwar wurde Luther das vom Kaiser ihm zugesagte sichere Geleit für die Rückreise nach Wittenberg bewilligt; aber schon am 26. Mai wurde auch die Reichsacht über ihn ausgesprochen, derzufolge er als rechtlos galt, von niemand beherbergt werden und von jedermann getötet werden durfte. Um das Schicksal Luthers besorgt, ließ der Kurfürst Friedrich von Sachsen darum den auf der Rückreise Befindlichen von einem Haufen Bewaffneter überfallen, auf ein Pferd heben und im geheimen auf die bei Eisenach gelegene Wartburg bringen. Hier verbrachte Luther als „Junker Georg“ ein volles Jahr. Alle Welt glaubte, daß er seinen Feinden in die Hände gefallen und ermordet worden sei. In Wirklichkeit beschäftigte Luther sich auf der stillen Burg mit seinem größten Werk, der Übersetzung des Neuen Testaments in die deutsche Sprache. Diese Übersetzung war die erste, die nicht bloß auf der von der katholischen Kirche veranstalteten lateinischen Übersetzung beruhte, sondern auch auf die hebräischen und griechischen Urtexte zurückging. Mit dieser Treue verband Luther einen so wundervollen Wohlklang der Sprache, daß die von ihm verwendete neuhochdeutsche Mundart fortan zur gemeinsamen Schriftsprache aller deutschen Volksstämme wurde. Mit vollem Recht darf man sagen, daß dadurch auch die drohende Gefahr einer Verdrängung der deutschen Sprache durch das Latein beseitigt wurde.

DIE GLAUBENSKRIEGE DER REFORMATIONSZEIT

Wir Bürger des 20. Jahrhunderts können uns kaum eine Vorstellung von der ungeheuren Erregung machen, die durch Luthers Predigten, Schriften und Auftreten in der ganzen damaligen christlichen Welt verursacht wurde. Die Berechtigung seiner gegen die Mißbräuche der Kirche gemachten Angriffe, die Notwendigkeit der durch ihn geforderten Erneuerung wahren religiösen Lebens waren für jedermann so offenbar, daß sich ihnen niemand verschließen konnte, der nicht willenlos oder aus selbstsüchtigen Gründen sich dem päpstlichen Regiment fügen wollte. Auch war die in Luthers Predigten und Schriften angewendete Sprache so klar, daß sie von allen verstanden wurde und jedes Deuteln unmöglich machte. Gutenbergs Erfindung trug in ungeahnter Weise dazu bei, Luthers Schriften zu verbreiten[Solche Leser, die einen tieferen Einblick in das Zeitalter der Reformation zu erhalten wünschen, seien auf folgende Werke verwiesen: Prof. Dr. Heinrich Wolf: „Angewandte Kirchengeschichte. Eine Erziehung zum nationalen Denken und Wollen“ (Leipzig 1920); Einhart-Claß, „Deutsche Geschichte“ (Leipzig); Baum-Geyer, „Kirchengeschichte für das evangelische Haus“ (München 1889).], und so konnte es nicht ausbleiben, daß die Reformation sowohl in Deutschland, wie auch in der Schweiz, den Niederlanden, in Dänemark, Schweden, Norwegen, England und Schottland einen förmlichen Siegeszug vollführte. Außerdem fand sie zahlreiche Anhänger in Österreich-Ungarn, Polen, Kurland, Livland und in Frankreich.—

Luthers kühnes Beharren auf der beschrittenen Bahn führte ihm namentlich in den Gauen Deutschlands zahlreiche hochgesinnte Mitstreiter zu, darunter die Ritter Ulrich von Hutten und Franz von Sickingen, die Künstler Lucas Cranach und Albrecht Dürer, den Nürnberger Volksdichter Hans Sachs und viele andere. Auch bekannten sich zahlreiche Einkehr haltende Mönche und Geistliche zum reinen Evangelium, das sie nun unter Bewilligung der Staatsbehörden von den Kanzeln, wie auf den Marktplätzen und im Felde verkündigten. Wittenberg, wo Luther nach seiner im Jahre 1525 mit Katharina von Bora geschlossenen ehelichen Verbindung ein vorbildliches Familienleben begründet hatte, blieb nicht nur Mittelpunkt der ganzen Bewegung, sondern zugleich auch der Ausgangsort für zahlreiche neue Verkündiger seiner Lehre.

In der freiheitsliebenden Schweiz erhob zuerst der durch das Treibendes Ablaßkrämers Samson angewiderte Ulrich Zwingli den Kampfruf gegen Rom. In der von Anselm geschriebenen Chronik von Bern steht unter dem Jahre 1519, aufgezeichnet: „Glych im Ingang des Jahrs ist dem starken Luther mächtig zugetreten der fest Ulrich Zwingli, hat auch dies selig Fürnehmen mit solicher Frucht ausgeführt, daß da, wie zu Wittenberg, schnell ein wunderbar großer Zulauf, Gottes Wort zu hören, ist worden, als ob Luther und Zwingli, so doch venenander wyt gelegen und nur vom Hörsag bekannt, abgelernte Lehr verkündet hätten und in der Sache vereint wären.“

Von Zürich aus, wo Zwingli am 1. Januar 1519 eine Pfarrstelle am Münster erhalten hatte, verbreitete die Reformation sich nach Basel, St. Gallen, Schaffhausen, Solothurn, Bern und anderen Teilen der deutschen Schweiz. Dagegen setzten die am Vierwaldstätter See gelegenen Urkantone der neuen Lehre hartnäckigen Widerstand entgegen, schlossen mit Ferdinand von Österreich ein Bündnis zum Schutz des alten Glaubens und überfielen am 11. Oktober 1531 die unvorbereiteten Züricher bei Kappel. Dabei wurde Zwingli durch einen Steinwurf schwer am Kopf verletzt und gleich darauf ermordet. Seine Leiche wurde als die eines Ketzers den Flammen überliefert.

Aber bald erstand ihm in der Person des in der Pikardie geborenen Jean Calvin ein Nachfolger. Nachdem dieser im Jahre 1535 in Basel sein berühmtes Werk: „Institutio religionis Christianae“ (Unterricht in der christlichen Religion) veröffentlicht hatte, wandte er sich nach Genf und verwandelte diesen Kanton in eine oligarchisch verwaltete, kleine Republik, die der Mittelpunkt einer reformierten Kirche, die Bildungsstätte zahlreicher reformierter Prediger und der Zufluchtsort verfolgter Glaubensgenossen wurde.

Von hier aus verbreitete sich der Calvinismus nach der Pfalz, den Niederlanden und nach Frankreich, wo die Hugenotten entstanden, die besonders unter dem Adel und Bürgertum des Südens viele Anhänger fanden. Sie verbanden sich auf einer im Jahre 1559 in Paris abgehaltenen Synode zu einem calvinistischen Bekenntnis mit einer repräsentativen Verfassung, welche die Selbständigkeit der Gemeinden mit der Einheit der Kirche betonte. Ihr gehörten zahlreiche geistig hochstehende Männer an, darunter der hervorragende Admiral Coligny, der während einer längeren Gefangenschaft die Bibel und reformatorischen Schriften gelesen hatte und aus innerlichster Überzeugung der reformierten Kirche beigetreten war. Nachdem der Humanist Theodor Beza im Jahre 1561 vor den versammelten Mitgliedern des französischen Hofes in Poissy in einer Besprechung über die verschiedenen Bekenntnisse den neuen Glauben gegen die Prälaten Frankreichs ergreifend und glänzend verteidigt hatte, wurde den Hugenotten im Januar 1562 auch das Recht des öffentlichen Gottesdienstes außerhalb der Städte zugestanden.

In England, wo das Andenken Wyclifs in weiten Kreisen fortlebte, kam es infolge der despotischen Willkür des launenhaften und sinnlichen Königs Heinrich VIII. zu einem Bruch mit dem Papste, als derselbe dem König die Scheidung von einer seiner Frauen verweigern wollte. Als dieser sich trotzdem mit Anna Boleyn vermählte, dafür aber auch mit dem Bann belegt wurde, sagte sich der König vom Papsttum los, ließ sämtliche Kirchen- und Klostergüter einziehen und gründete mit Zustimmung des Parlaments und mit Hilfe des zum Erzbischof von Canterbury erhobenen Thomas Cranmer eine unabhängige englische Kirche, als dessen Oberhaupt er sich anerkennen ließ.

Calvin. Nach einem Kupferstich von René Boivin

Calvin.

Nach einem Kupferstich von René Boivin.

In Schottland wurde die Reformation in streng calvinistischem Sinne durch John Knox herbeigeführt, in Schweden durch den im Jahre 1521 zum König ausgerufenen Gustav Wasa. In Dänemark und dem dazugehörigen Norwegen fand sie unter der Regierung Christians III. von Schleswig-Holstein volle Geltung; in Livland unter dem Heermeister Walter von Plettenberg und in Kurland-Estland unter dem Heermeister Kettler. —

Die dadurch der päpstlichen Kirche erwachsenden schweren Verluste an Gläubigen, Gütern und Einnahmen veranlaßten selbstverständlich Rom zu schärfsten Gegenmaßregeln. Alle zu Gebote stehenden Machtmittel vereint mit politischen Intrigen wurden aufgewendet, um der gefährlichen Reformationsbewegung Einhalt zu tun.

In England leitete nach dem Tod des nur zehnjährigen Königs Edward VI. dessen streng katholisch erzogene Schwester Mary, die sich mit dem bigotten Philipp II. von Spanien vermählte, während der Jahre 1553—1558 eine völlige Reaktion ein. Nicht nur erneuerte sie die kirchliche Oberhoheit des Papstes und die alten Ketzergesetze, sondern ließ auch die reformiert gewordenen Bürger massenhaft hinrichten. Darunter Cranmer, den Erzbischof von Canterbury, der im Jahre 1556 den Scheiterhaufen besteigen mußte.

Der sogenannten „bloody Mary“ folgte im Jahre 1558 ihre Schwester Elisabeth, unter deren bis 1603 währenden Regierung die Reformation wieder zur Herrschaft gelangte. Obwohl „die jungfräuliche Königin“ in ihrem Reiche eine kirchliche Gleichförmigkeit einzuführen suchte und das 39 Artikel umfassende „Common Prayerbook“ für den gesamten Klerus verbindlich machte, ging die Durchführung der Reformation nicht ohne Strenge ab. Ja, als man einer von Jesuiten angestifteten Verschwörung auf die Spur kam, wonach die Königin ermordet und die streng katholische Mary Stuart auf den Thron gesetzt werden sollte, ließ Elisabeth diese ehemalige Königin von Schottland am 8. Februar 1587 enthaupten.

Trotz der von der Königin angestrebten kirchlichen Gleichförmigkeit kam es auch zu abweichenden Sektenbildungen. Die wichtigste war die der „Puritaner„, welche im Gegensatz zu dem beibehaltenen katholischen Zeremoniendienst eine völlige Reinigung der Kirche von allen unevangelischen Dingen verlangte. Noch weiter gingen die eine reine kirchliche Demokratie anstrebenden „Independenten“. Auf alle Einzelheiten der während des 17. Jahrhunderts sich abspielenden Wirren kann nicht eingegangen werden. Kirchliche Gegensätze spielten in denselben beständig eine große Rolle, bis die Puritaner in dem Parlamentsmitglied Oliver Cromwell einen überaus energischen Führer gewannen, der zu der Macht eines absoluten Herrschers emporstieg und sich nicht scheute, den Nachfolger der Königin Elisabeth, den stark dem Katholizismus zuneigenden Stuart Charles I. wegen Hochverrats und Anstiftung eines Bürgerkriegs in Anklagezustand zu versetzen und am 29. Januar 1649, enthaupten zu lassen. Als aber nach Cromwells Tod die katholischen Stuarts wieder zur Regierung gelangten, wurden die Puritaner und Independenten gewaltsam unterdrückt und zur Auswanderung nach den Niederlanden und nach Nordamerika gezwungen. Zur Ruhe kam England erst, als die Stuarts endgültig vertrieben wurden und im Jahre 1689 William von Oranien, damals der mächtigste protestantische Fürst, auf den Thron von England berufen wurde und ein von ihm erlassenes Toleranzedikt den Sekten Duldung gewährte. —

In den Niederlanden, von wo William von Oranien stammte, hatten sich lange vor seiner Geburt ähnliche schwere Glaubenskämpfe zugetragen. Als Kaiser Karl V., der Herrscher über Deutschland, Spanien, die Niederlande und einen großen Teil Italiens, im Jahre 1555 den Entschluß faßte, seine Würde niederzulegen und sich in ein Kloster zurückzuziehen, übertrug er seinem Sohn Philipp nicht nur das Königreich Spanien, sondern auch die Niederlande. Fanatisch katholisch, seit 1554 der Gatte der ebenso gesinnten „bloody Mary“ von England, ein finstrer Feind jeder religiösen und bürgerlichen Freiheit, eröffnete er gleich nach seinem Regierungsantritt sowohl in Spanien wie in den Niederlanden ein durch die Inquisition verschärftes Schreckensregiment. Mit der Unterdrückung jeder freien Regung in den Niederlanden beauftragte er seinen hartherzigsten Henkersknecht, den spanischen Herzog Alba. Mit welch unmenschlicher Grausamkeit dieser verfuhr, zeigt die Tatsache, daß er in den sechs Jahren seiner Schreckensherrschaft über die Niederlande allein in den beiden Provinzen Seeland und Friesland über 18000 Menschen hinrichten ließ. In Brüssel wurden die tapferen Grafen Egmont und van Hoorne auf dem Marktplatz enthauptet. Aber die standhaften Niederländer verloren niemals den Mut, sondern setzten in verzweifelten Kämpfen ihren Widerstand volle 80 Jahre hindurch fort, bis endlichder am 24. Oktober 1648 geschlossene Westfälische Friede ihnen die heiß-ersehnte Unabhängigkeit brachte. —

In Frankreich setzten gleichfalls furchtbare Verfolgungen aller vom „allein wahren“ Glauben Abgefallenen ein. Sie richteten sich ganz besonders gegen die Hugenotten. Als man im August des Jahres 1572 in Paris die Vermählung der Schwester des Königs Karl IX. feierte, wurden die zur Teilnahme an der Hochzeit geladenen hauptsächlichsten Führer der Hugenotten in der Nacht auf Sonntag, den 24. August (Bartholomäusnacht) auf ein vom königlichen Palast aus mit der Glocke gegebenes Zeichen überfallen und sämtlich ermordet, darunter der Admiral Coligny. Das Gemetzel wurde während der nächsten Tage und Wochen in ganz Frankreich fortgesetzt. So endeten die Festtage der sogenannten „Bluthochzeit“. Über die Zahl der zu dieser Zeit in ganz Frankreich Ermordeten ist nichts Zuverlässiges bekannt, sicherlich betrug sie aber mindestens 25000. Als die Nachricht von dieser Schandtat nach Rom gelangte, ließ Papst Gregor XIII. zur Feier der Ausrottung der Feinde Christi in der Peterskirche ein feierliches Tedeum singen[Audin, H., „De la S. Barthélemy“ (Paris 1826); Wachler, „Die Bluthochzeit“ (Leipzig 1826); Ranke, „Histor.-polit. Zeitschrift“ (1835, Bd. 3); Ranke, „Französische Geschichte“ (I, 296); Soldan, „Frankreich und die Bartholomäusnacht“ (Raumers hist. Taschenbuch 1854); Graf von Hoensbroech, „Das Papsttum“ (Leipzig 1900).].

Und zur Erinnerung an diese „im Namen Gottes“ vollbrachte Tat ließen auch Papst Gregor wie König Karl IX. Denkmünzen prägen. Die Denkmünze des Papstes zeigt den mit Kreuz und Schwert gerüsteten Engel Gottes, wie er gegen die Ketzer ankämpft. Dadurch wollte der Papst aller Welt kundtun, daß das Blutbad nicht ohne Gottes Willen und Hilfe vor sich gegangen sei. Mehrere der Ketzer liegen bereits tot auf dem Boden, andere sind in wilder Flucht begriffen. Die Umschrift lautet: „Ugonottorum strages 1572.“ Die Vorderseite der Münze zeigt das Porträt des Papstes mit der Umschrift: „Gregorum XIII. Pont. Max. AN. I.“

Die Denkmünze des französischen Königs zeigt auf der Vorderseite ihn selber in voller Gestalt mit Schwert und Zepter über mehreren abgehackten Köpfen und Gliedmaßen stehend. Ringsum die Aufschrift: „Virtus in Rebelles.“ Die Rückseite hat das französische Wappen mit den drei Lilien uns der Umschrift: „Pietas Exitavit Justitiam. 24. Augusti 1572.“ —

Um die Ermordung Colignys und seiner Anhänger zu beschönigen, wurde die Nachricht verbreitet, dieselben hätten einen Anschlag auf den König im Sinne gehabt, dieser aber, durch seine Spione über den Plan unterrichtet, sei ihnen glücklicherweise zuvorgekommen. —

Daß der Haß des für jedes christliche Empfinden abgestumpften, nur auf die Erhaltung seiner Macht und Einkünfte bedachten Papsttums sich auch gegen Deutschland, den Ausgangspunkt und Hauptsitz der Reformationsbewegung, wendete, war selbstverständlich. Natürlich richtete er sich in erster Linie gegen die Person Luthers. Dieser war nach einem an der Seite seiner Hausfrau geführten, mit Arbeit und Kampf erfüllten, aber glücklichen Familienleben am 18. Februar 1546 gestorben und in der Schloßkirche zu Wittenberg, der Stätte seines Wirkens und Lehrens, beigesetzt worden. Obwohl sein Dasein in dieser kleinen Stadt offenkundig für jedermann dahingeflossen war, obwohl er daselbst, wie Professor Heinrich Wolf treffend bemerkt, „wie in einem Glashause saß“, so wurde er nichtsdestoweniger von seinen erbitterten Gegnern sowohl bei Lebzeiten, wie auch über seinen Tod hinaus bis auf die Gegenwart mit einem geradezu unglaublichen Haß verfolgt und mit Verleumdungen aller Art verunglimpft.

In dem Vorgehen gegen die in Deutschland so weitverbreiteten Anhänger Luthers erwiesen sich die dem österreichisch-spanischen Geschlecht der Habsburger angehörenden Kaiser und Erzherzöge stets als willfährige Handlanger Roms, da sie durchweg strenge, von Jesuiten erzogene und gelenkte Katholiken waren. Der im Jahre 1608 zum Herrscher über Ungarn und im Jahre 1612 auch zum Kaiser des Deutschen Reiches gewordene Matthias wurde durch den Einfluß dieser an seinem Hof allmächtigen Priester nicht nur zum Todfeind der Reformation, sondern auch der blinde Vollzieher des Willens der Jesuiten, und dadurch der eigentliche Urheber eines Religionskrieges, der Deutschland bis an den Rand des Abgrundes brachte.

Der erste Anlaß zu diesem grauenhaften Kriege war die auf Befehl des Kaisers erfolgte Schließung einer protestantischen Kirche zu Braunau in Böhmen und die Niederreißung einer protestantischen Kirche zu Klostergrab. Infolgedessen kam es zwischen der protestantischen Ständeversammlung Böhmens und den kaiserlichen Räten Martinitz und Slawata in Prag zu heftigen Auseinandersetzungen, die sich derart verschärften, daß in einer am 23. Mai 1618 auf dem kaiserlichen Schloß Hradschin abgehaltenen Sitzung die beiden Räte samt ihrem Geheimschreiber Fabricius ergriffen und kopfüber aus dem Fenster in den 28 Ellen tiefer gelegenen Burggraben gestürzt wurden. Alle drei blieben fast unversehrt, aber der einmal ausgebrochene Streit nahm immer erbittertere Formen an, reichte über die Grenzen Böhmens hinaus und setzte schließlich ganz Deutschland, ganz Europa in Flammen.

Denkmünze des Papstes Gregor XIII. zur Erinnerung an die Bartholomäusnacht. (Im Berliner Münzkabinett.)

Denkmünze des Papstes Gregor XIII.

zur Erinnerung an die Bartholomäusnacht.

(Im Berliner Münzkabinett.)

Denkmünze Karls IX. zur Erinnerung an die Bartholomäusnacht. (Im Berliner Münzkabinett.)

Denkmünze Karls IX.

zur Erinnerung an die Bartholomäusnacht.

(Im Berliner Münzkabinett.)

Von 1618 bis 1648 während, bildet dieser „Dreißigjährige Krieg“ einen der schauerlichsten Abschnitte der Weltgeschichte. Seinen Verlauf zu schildern ist an dieser Stelle unnötig, dagegen ist es durchaus am Platze, auf seinen Ausgang näher einzugehen, damit das heutige Geschlecht eine Lehre daraus ziehen möge, wohin törichter, durch machtgierige Priester erzeugter und beständig wachgehaltener Glaubenshaß eine von religiösen Wahnideen beherrschte Menschheit führen mag.

Zu Ende des Krieges glich Deutschland im vollsten Sinne des Wortes einer großen Wüste mit einigen Kulturoasen darinnen. In Württemberg waren während der Zeit von 1634—1641 von 400000 Bewohnern über 350000 zugrunde gegangen. In Sachsen wurden innerhalb der beiden Jahre 1631 und 1632 943000 Personen erschlagen oder durch Seuchen hinweggerafft. Die einst so blühende Pfalz, die vor dem Kriege gegen 500000 Bewohner besaß, hatte zu Ausgang desselben nur noch 43000, darunter nur 200 Bauern. Im Nassauischen gab es manche Ort, die bis auf eine oder zwei Familien ausgestorben waren. In Meiningen waren von 1773 Familien in 19 Dörfern nur noch 316 übrig. Im preußischen Henneberg hatte der furchtbare Glaubenskrieg 68, im Eisenacher Oberland 90 % aller Bewohner vernichtet. Man nimmt an, daß die Gesamtbevölkerung Deutschlands sich von 17 Millionen auf nur 4 Millionen Köpfe vermindert hatte.

Dieser entsetzlichen Einbuße an Menschenleben entsprach der Verlust an Eigentum. Nach Hunderten zählten die zerstörten Ortschaften. In Württemberg lagen 8 Städte und 45 Dörfer mit 36000 Wohnhäusern, 158 Schulen und 65 Kirchen in Schutt und Asche. 80 % aller Pferde und des Viehs waren zugrunde gegangen. Bedeutende Teile des Reiches, die sich früher blühenden Wohlstandes erfreuten, blieben unbebaut, weil es sowohl an Menschen wie an Saaten, Zugtieren und Werkzeugen fehlte, um die Felder zu bestellen. Die ganze Landwirtschaft war derart zurückgegangen, daß die Bevölkerung, trotzdem sie so schrecklich zusammengeschmolzen war, sich nur notdürftig erhalten konnte.

Als Schleppenträgerinnen der Kriegsfurien folgten Hungersnot und Pestilenz. Man nährte sich von verendetem Vieh. Als während der Belagerung von Nördlingen ein Pulverturm niederbrannte und ein Teil der Besatzung umkam, wurden die halb verbrannten Leichen verspeist. Von wahnsinniger Verzweiflung erfaßt, mordeten Eltern ihre eigenen Kinder, um mit deren Fleisch den wütenden Hunger zu stillen. In Hessen, Sachsen und im Elsaß sowie in anderen Orten hörte man von Menschenfressern, die Jagd auf Lebende machten, um sie zu verzehren.

In der Schrift „Excidium Germaniae“ heißt es: „Man wandert bei zehn Meilen und sieht nicht einen Menschen, nicht ein Vieh. In allen Dörfern sind die Häuser voll toter Leichname und Äser gelegen; Mann, Weib, Kinder und Gesinde, Pferde, Schweine, Ochsen und Kühe neben- und untereinander, von Pest und Hunger erwürgt, von Wölfen, Hunden, Krähen und Raben gefressen, weil niemand gewesen, der sie begraben!“ —

Manche der Überlebenden, obdachlos und ohne Existenzmittel, scharten sich zu Räuberbanden zusammen, zogen sengend und plündernd von Hof zu Hof, nahmen den Bewohnern das letzte und boten den ohnmächtigen Regierungen Trotz.

Ebenso schlimm waren für das deutsche Volk und das Reich die politischen Folgen des Krieges. Die Niederlande sowohl wie die Schweiz schieden aus dem Reichsverbande aus und wurden zu selbständigen Staaten. Vorpommern mit den Inseln Rügen, Usedom und Wollin, ferner Hinterpommern mit Stettin, außerdem Wismar und die Bistümer Bremen und Verden fielen an Schweden, dem zugleich alle Rechte der deutschen Reichsfürsten eingeräumt wurden. Frankreich ließ sich den Besitz der lothringischen Bistümer Metz, Toul und Verdun bestätigen. Außerdem nahm es den größten Teil des Elsaß, den Sundgau und Breisach.

Von geradezu verhängnisvoller Bedeutung wurde es, daß im Westfälischen Frieden auch den bisher dem Kaiser und der Reichsgewalt unterworfen gewesenen Landesfürsten volle Selbstherrlichkeit in ihren Gebieten eingeräumt wurde. Sie durften in denselben fortan nach eigenem Ermessen schalten und walten, ja, nicht nur Bündnisse unter sich, sondern sogar mit dem Auslande schließen. Der Kaiser war demnach nicht länger Ober- und Lehnsherr der Fürsten, sondern nur noch der erste unter Gleichberechtigten. Mit vollem Recht hebt Einhart-Claß in seiner „Deutschen Geschichte“ hervor, daß das Reich entartet war „zu einem Nebeneinander zahlloser, mehr oder minder mächtiger Staaten und Stätchen und daß der aus Gesandten der Reichsverbände gebildete, permanent in Sitzung bleiben sollende Reichstag in Regensburg auch der Ort wurde, wo fremde Mächte allerhand Intrigen spinnen konnten„. Daß dieser Boden fleißig dazu ausgenützt wurde, läßt sich schon aus der Zusammensetzung des Reichstags ersehen. Außer den Erzbischöfen von Mainz, Trier und Köln saßen in demselben 27 geistliche Herren 33 weltlichen Fürsten und Grafen und 8 Vertretern der Reichsstädte gegenüber. Ferner sei erwähnt, daß eine katholische Abteilung mit Österreich an der Spitze und eine evangelische mit Kursachsen an der Spitze eingerichtet waren, die in allen Sachen des Glaubens getrennt stimmten, damit eine Überstimmung der evangelischen Partei durch die katholische, oder umgekehrt verhütet werde. Denn beiden Bekenntnissen war im Westfälischen Frieden Gleichberechtigung gewährleistet worden. Auf der anderen Seite war aber auch jedem der zahlreichen Landesherren das Recht zugestanden worden, das von ihm vertretene Bekenntnis, sei dasselbe das katholische, lutherische oder reformierte, in seinem Lande zur ausschließlichen Staatsreligion zu machen und alle Andersgläubigen, falls sie sich nicht zur Annahme derselben verstehen wollten, nach Bewilligung einer zum Verkauf ihrer Güter gewährten Frist auszuweisen. Wie unsagbar schwer die Untertanen mancher deutschen Länder unter diesen Bestimmungen litten, ist aus dem Schicksal der Pfälzer zu ersehen, die infolge des innerhalb eines Zeitraumes von 100 Jahren viermal eintretenden Fürstenwechsels ebensooft ihren Glauben wechseln mußten. Sie waren zuerst vom Katholizismus zum Luthertum übergetreten; dann wurden sie genötigt, sich dem reformierten Bekenntnis anzuschließen; darauf wurden sie abermals lutherisch gemacht und dann wieder reformiert. Und als im Jahre 1690 der Kurfürst Johann Wilhelm ans Regiment kam, sollten sie abermals katholisch gemacht werden. —

Auch in Frankreich hob der „allerchristlichste König“ Ludwig XIV., der nicht dulden wollte, daß irgendeiner seiner Untertanen einen anderen Glauben als der Monarch haben solle, die den Hugenotten im Jahre 1598 im Edikt von Nantes für ewige Zeiten zugestandene Gewissensfreiheit am 22. Oktober 1685 wieder auf. Unter allerhand Vorwänden wurden die Kirchen der Hugenotten gesperrt oder zerstört. Obendrein wurden die Hugenotten von sämtlichen Ämtern und Würden ausgeschlossen; desgleichen durften sie keine Handwerke ausüben, wurden aber noch besonders schwer besteuert. Um sie mürbe zu machen, belegte man ihre Wohnungen auch mit Masseneinquartierung von Soldaten, die sich ungestraft ihren Wirten gegenüber die gröbsten Frechheiten erlauben durften. Um die Hugenotten völlig widerstandslos zu machen, wurden ihre Prediger verjagt, den Gemeindemitgliedern aber das Auswandern unter Androhung strengster Strafen verboten. Trotz alledem flüchteten während der Jahre 1680—1700 weit über 350000 Hugenotten nach den Niederlanden, nach Brandenburg und anderen Gegenden, wo es ihnen gestattet wurde, ihren Glaubensanschauungen entsprechend zu leben. —

Eines geradezu brutalen Verhaltens machten sich die Erzbischöfe von Salzburg schuldig, in deren Gebiet viele Bewohner sich im geheimen dem Luthertum angeschlossen hatten, die Bibel lasen und ihre Kinder im lutherischen Glauben unterrichteten. Die Erzbischöfe betrachteten es nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges als ihr höchstes Ziel, die Glaubenseinheit innerhalb ihres Bistums wiederherzustellen. Hatten „die Ketzer“ nicht innerhalb dreier Monate ihre Rückkehr zur römischen Kirche angekündigt, so mußten sie sofort das Land verlassen, aber ihre Kinder zurücklassen, damit dieselben vor der teuflischen Lehre bewahrt und dem allein wahren Glauben erhalten bleiben sollten. Mitten im Winter des Jahres 1685 wurden so an die tausend Personen gezwungen, fortzuziehen. Im folgenden Jahrhundert mußten ihnen an die 30000 andere folgen, ohne zu wissen, wo sie neue Heimstätten finden würden. Viele zogen nach Preußen, Schwaben, Franken und Livland, wo sich auf die Kunde von dem traurigen Schicksal dieser Heimatlosen tausende Arme öffneten, um sie aufzunehmen. Manche Salzburger wurden durch die in London gegründete „Society for the Propagation of Christianity“ veranlaßt, nach Nordamerika auszuwandern, wo sie in Georgia eine Ansiedlung gründeten, die sie nach der Bibel „Ebenezer“ tauften = „bis hierher hat der Herr geholfen“.

Überblickt man die in Europa während des 18. Jahrhunderts herrschenden kulturellen Zustände, so ist zu erkennen, daß in allen Ländern, wo die von Wyclif, Luther, Calvin und deren Nachfolgern verkündigten Lehren Eingang gefunden und Wurzel geschlagen hatten, die religiöse Freiheit und Duldung immer weitere Fortschritte machte und zum Aufstieg und zur Fortentwicklung jener Länder außerordentlich beitrug, daß dagegen in den streng katholisch gebliebenen Ländern Italien, Spanien und Portugal alles wissenschaftliche Leben aufgehört hatte, dagegen die religiöse Unduldsamkeit sich beständig steigerte, die Bevölkerung im Bann- des Aberglaubens verharrte und völlig unfähig wurde, der Zunahme des am Mark der Länder zehrenden Mönch- und Priestertums zu wehren.

Dem Werk des berühmten Historikers Oncken über „Das Zeitalter Friedrichs des Großen“ sei folgende bezeichnende, auf Seite 416 befindliche Angabe entnommen:

„Als der Bourbone Karl III. im Januar 1734 das Königreich beider Sizilien eroberte, fand er dort himmelschreiende Zustände vor: Die Kirche hatte den Staat vollständig überwuchert und durchwachsen, der Klerus war der eigentliche Landesherr. Allein im Königreich Neapel gab es bei einer Bevölkerung von 4 Millionen Köpfen 22 Erzbischöfe, 118 Bischöfe, 56500 Weltgeistliche, 31800 Mönche und 25600 Nonnen! In der Stadt Neapel waren nicht weniger als 16500 Geistliche! Für das Wirtschaftsleben des Landes war der ungeheure, immer wachsende Umfang der kirchlichen Güter überaus bedenklich; geradezu unerträglich war aber für den Staat, daß alle diese Güter nicht einen Deut zu den Steuern beitrugen. Und wie die Güter der Kirche steuerfrei, so war der Klerus dem weltlichen Richter unerreichbar. Jede Kirche, jede Kapelle, jedes Kloster samt Garten, ja, jedes Haus oder Häuschen, das mit einem geistlichen Gebäude nur zusammengrenzte, hatte Asylrecht und bot jedem Verbrecher eine unnahbare Freistatt dar.“

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