[14] R. C. DARWIN / DIE ENTWICKLUNG DES PRIESTERTUMS UND DER PRIESTERREICHE

In diesem Beitrag kann man folgende Kapitel aus dem Buch “Die Entwicklung des Priestertums und der Priesterreiche” von Rudolf Cronau (Pseudonym “Randolph Charles Darwin”) lesen:

Ein komplettes Inhaltsverzeichnis des Buches befindet sich in Beitrag 1.

„In einem früheren Abschnitt wurde gezeigt, daß die Schamanen und Fetischpriester mancher Naturvölker es bereits verstanden, ihren eigenen selbstsüchtigen Wünschen das ganze Dasein ihrer Stammesgenossen von der Geburt bis zum Tode derart zu unterwerfen, daß dieselben beständig zu allerhand Abgaben an Vieh, Getreide, Früchten und anderen Erzeugnissen gezwungen waren. In gleicher Weise verfuhren die Priester des Christentums. Für jede von ihnen verrichtete Handlung, für die Taufe der Neugeborenen, für den Unterricht der Kinder, für ihre Aufnahme in den Kreis der Erwachsenen, für die beim Eintritt in die Ehe erfolgende Trauung, für geistlichen Beistand in Krankheits- und Sterbefällen, für die Einsegnung und Bestattung der Hingeschiedenen sowie für das Lesen der Totenmessen zur Befreiung der Verstorbenen aus dem Fegfeuer waren stets bestimmte Zahlungen zu leisten, die auch von den Ärmsten erhoben wurden und bis auf den heutigen Tag erhoben werden.“,

„Um die Menschen auch beständig zu Vermächtnissen und frommen Stiftungen geneigt zu machen, wurde in ihnen die Angst vor dem Tode unablässig wachgehalten, zu diesem Zwecke wohl auch das Stoßgebet eingeführt: „Heilige Maria, Mutter Gottes, bitt‘ für mich in der Stunde meines Todes! Amen!“ —“,

„Zu den von den Päpsten angewendeten Mitteln, sich und der Kirche die gesamte christliche Welt tributpflichtig zu machen, gehörten auch die schon im Jahre 1215 durch Innozenz III. allgemein angeordnete Ohrenbeichte und das damit verbundene Ablaßwesen.“,

„Jede Darstellung des christlichen Priestertums des Mittelalters wäre unvollständig, die es unterließe, auch auf den von ihm großgezogenen Hexenwahn und die damit verbundenen Hexenprozesse einzugehen, die neben den der gleichen Zeit angehörenden Ketzerverfolgungen ohne Frage die schwärzesten Kapitel in der Geschichte der Menschheit bilden. Fragt man, wie dieser Hexenwahn entstehen und eine so verhängnisvolle Verbreitung gewinnen konnte, so ist zunächst darauf hinzuweisen, daß bei allen orientalischen Völkern die Frauen von jeher eine sehr untergeordnete Stellung einnahmen. Sie waren wenig, mehr als die notwendigen Werkzeuge zur Fortpflanzung und Befriedigung der Sinnlichkeit, obendrein bis zur letzten Möglichkeit ausgenützte Arbeitstiere.“,

„Auch in die christliche Kirche drang diese Geringschätzung der Frauen ein, ja, steigerte sie noch zu fast feindseliger Verachtung. War es doch ein Weib gewesen, das vom Teufel dazu benützt worden war, Adam zum Ungehorsam gegen Gott zu verleiten, was weiterhin zur Vertreibung aus dem Paradiese und zur Belastung aller nachfolgenden Geschlechter mit dem Fluch der Erbsünde führte. So wenig die Stifter der christlichen Kirche das vergessen konnten, so wenig wollten auch die späteren Priester dieser Kirche dulden, daß eine Frau sich an irgendeiner gottesdienstlichen Handlung tätig beteilige, sich dem Altar nähere oder gar in der Kirche das Wort ergreife.“,

„Als mit derartigen Anschauungen behaftete christliche Priester und päpstliche Legaten während des fünften und sechsten Jahrhunderts an den Höfen der germanischen Könige erschienen, mußten sie zu ihrer Überraschung erkennen, daß im Leben der germanischen Völker den Frauen seit Urzeiten eine ungleich höhere Stellung als bei den Orientalen eingeräumt war. Was Tacitus einst an den Germanen gerühmt hatte, traf immer noch zu: das Weib war dem Gatten eine gleichwertige, treue Genossin in allen Mühsalen und Gefahren, eine Kameradin, die im Frieden wie im Kriege alles mit ihm wagte und teilte, darum auch geschätzt und hochgehalten wurde. Frauen spielten sogar im religiösen Glauben der Germanen eine hochbedeutsame Rolle.“

Ab hier geht es weiter mit dem Originaltext des Buches:


WIE DIE CHRISTLICHEN PRIESTER IHRE GLÄUBIGEN ZUR ADER LIESSEN UND FREISPRACHEN VON ALLEN SÜNDEN

In einem früheren Abschnitt wurde gezeigt, daß die Schamanen und Fetischpriester mancher Naturvölker es bereits verstanden, ihren eigenen selbstsüchtigen Wünschen das ganze Dasein ihrer Stammesgenossen von der Geburt bis zum Tode derart zu unterwerfen, daß dieselben beständig zu allerhand Abgaben an Vieh, Getreide, Früchten und anderen Erzeugnissen gezwungen waren. In gleicher Weise verfuhren die Priester des Christentums. Für jede von ihnen verrichtete Handlung, für die Taufe der Neugeborenen, für den Unterricht der Kinder, für ihre Aufnahme in den Kreis der Erwachsenen, für die beim Eintritt in die Ehe erfolgende Trauung, für geistlichen Beistand in Krankheits- und Sterbefällen, für die Einsegnung und Bestattung der Hingeschiedenen sowie für das Lesen der Totenmessen zur Befreiung der Verstorbenen aus dem Fegfeuer waren stets bestimmte Zahlungen zu leisten, die auch von den Ärmsten erhoben wurden und bis auf den heutigen Tag erhoben werden.

Bedeutende Einnahmen erzielt die katholische Kirche seit ihrem Bestehen auch aus dem Verkauf von geweihten Amuletten, Talismanen, Kerzen und aus Wachs geformten Nachbildungen von allerhand Körperteilen, die von leidenden Personen vielfach neben den Altären oder in jenen Kapellen aufgehängt werden, die wunderwirkenden Heiligen gewidmet sind. Da gibt es wächserne Herzen, Lungen und Zungen, wächserne Augen, Ohren, Arme, Beine und einzelne Glieder. Unfruchtbare Frauen offenbaren ihre Wünsche durch Darbringen aus Wachs geformter Wickelkinder, in der Zuversicht, daß die Heiligen ihnen nunmehr zu dem ersehnten Nachwuchs verhelfen werden. Unter dem Namen „Agnus Dei“ werden von den Inhabern des päpstlichen Stuhles seit vielen Jahrhunderten auch geweihte Stückchen Wachs vertrieben, die von den während der Osterfeier in der Peterskirche zu Rom brennenden Kerzen stammen sollen. Als Beglaubigung zeigen sie das eingeprägte Bild des Lammes Gottes. Schon im Jahre 1471 ließ sich der damalige Papst Paul II. in einem an alle Gläubigen gerichteten Hirtenbrief des längeren über die außerordentliche Wirksamkeit dieses Schutzmittels aus. Es habe sich nicht nur in allen Gefahren, bei Feuersbrünsten, Schiffbrüchen, Stürmen, Blitz- und Hagelschlägen bewährt, sondern auch Gebärenden ihre schweren Stunden erleichtert. Der geschäftskundige Papst vergaß nicht, dabei zu betonen, daß er für sich und seine Nachfolger das alleinige Recht vorbehalte, diesen wunderkräftigen Talisman herstellen zu lassen und zu vertreiben[Rydberg , „Magic of the Middle Ages“, p. 62. White, A., „History of the Warfare of Science with Theology“, II, 30. Daß der Handel mit diesem „Agnus Dei“ noch heute besteht, ergibt sich aus folgender, in der von der Paulist Press in Neuyork im Jahre 1926 veröffentlichten vom Rev. B. C. Conway verfaßten „Question Box Answers“, wo auf Seite 191 die Frage: „What is an Agnus Dei?“ in folgender Weise beantwortet ist: „It is a little emblem of blessed wax, enclosed in a silken covering, worn by Catholics to remind them of Jesus Christ, the Lamb of God.“].

Papst Leo X. ließ sich den Vertrieb eines ähnlichen Schutzmittels angelegen sein. Er empfahl den Ankauf von Karten, die mit einem Kreuz gestempelt waren und folgenden Aufdruck trugen: „Vierzigmal vergrößert, entspricht dieses Kreuz genau der Größe des wirklichen Kreuzes Christi. Wer es küßt, ist für sieben Tage gegen Unfälle, Krankheiten, Schlagfluß und plötzlichen Tod geschützt!“ —

Zu den Einnahmen der Päpste gehört seit dem 8. Jahrhundert auch der sogenannte „Peterspfennig“ (Denarius S. Petri), eine zuerst in England von jeder Feuerstelle geleistete freiwillige jährliche Abgabe. Nach dem Vorgang Englands wurde diese Abgabe auch in vielen anderen katholischen Ländern üblich und wird noch heute erhoben.

Da war ferner die Zehnten-Abgabe, eine dem Alten Testament entlehnte Einrichtung, auf welche schon im 2. Jahrhundert die Kirchenväter sich beriefen, wenn sie die Gläubigen zur Entrichtung von allerhand Gaben ermahnten. Anfangs galten diese Leistungen nur als freiwillig geübte Werke der Liebe, aber schon im 3. Jahrhundert wurde mit dem Bann gedroht, wenn die Christen den Priestern diesen von Gott angewiesenen Zehnten verweigern würden. Karl der Große, wie die englischen Könige Ethelwolf und Edward the Confessor machten auf Ansuchen ihrer Beichtväter die Abgabe des Zehnten in ihren Reichen zum Staatsgesetz. Diese Zehntenabgaben erstreckten sich nicht bloß auf alle Ernteerzeugnisse, sondern auch auf das Vieh, Geflügel, Fische, Honig, Wachs, Wein und andere Dinge, vielfach auch auf Arbeitslöhne und Arbeitsverrichtungen.

Zu ungeheuren Summen schwollen auch die sogenannten Dispensationsgelder an, die für die Befreiung vom Fasten, für die Erlassung der Amtspflichten, wie für die Erteilung der Erlaubnis zu ehelichen Verbindungen zwischen Blutsverwandten erhoben wurden. Da die Päpste Ehen zwischen Blutsverwandten bis zum vierzehnten Grade verboten hatten, so konnte es natürlich an Dispensationsgeldern nicht fehlen, da, wenn alle Arten der Verwandtschaft berücksichtigt werden, die angebliche Blutsverwandtschaft geradezu ins Ungeheuerliche anschwillt.

Um die Menschen auch beständig zu Vermächtnissen und frommen Stiftungen geneigt zu machen, wurde in ihnen die Angst vor dem Tode unablässig wachgehalten, zu diesem Zwecke wohl auch das Stoßgebet eingeführt: „Heilige Maria, Mutter Gottes, bitt‘ für mich in der Stunde meines Todes! Amen!“ —

Zu welch ungeheuren Besitztümern und Einkünften viele Klöster und Kirchen dadurch gelangten, zeigt wohl am schlagendsten das Beispiel der großen Benediktinerabtei zu Monte Cassino in Italien. Dem von A. Zöckler zusammengestellten „Handbuch der theologischen Wissenschaften“ zufolge (II, 201) hatte es jährlich ein Einkommen von 500000 Dukaten. Seine unbeweglichen Güter umfaßten im Jahre 1505 4 Bischofsitze, 2 Fürstentümer, 20 Grafschaften, 350 Schlösser, 440 Dörfer, 336 Landgüter, 23 Hafenplätze, 33 Inseln, 200 Mühlen und 1662 Kirchen. —

Der Grundbesitz des in Süddeutschland gelegenen Klosters Maulbronn verteilte sich zu Anfang des 16. Jahrhunderts auf nicht weniger als 60 Ortschaften im heutigen Württemberg, auf 40 Orte in Baden und auf 17 Orte in der Rheinpfalz. Außerdem besaß das Kloster noch Güter in Worms, Kolmar und Lüneburg. Das Kloster besaß ferner 137 Morgen große Fischseen, 83 Morgen Gärten, ausgedehnte Weinberge, Getreidefelder und Waldungen. Um den Überschuß an Wein, Weizen und anderen Erzeugnissen abzusetzen, konnten die Mönche jährlich ein Schiff zollfrei den ganzen Rhein befahren lassen.

Angesichts solcher Angaben wird man unwillkürlich an jene fabelhaften Besitztümer erinnert, über welche im alten Ägypten die Tempel Amons und Osiris verfügten. —

Der gesamte Grundbesitz der Kirche in Deutschland belief sich während des 16. Jahrhunderts auf etwa ein Drittel des ganzen Reiches. Dieses Kirchengut wuchs fortwährend durch Vermächtnisse, Schenkungen, vorteilhafte Käufe, Pfandschaften und durch den steigenden Wert des Grundeigentums. Da nach dem kanonischen Recht kirchliches Grundeigentum nicht wiederverkauft werden durfte und somit für die Allgemeinheit gewissermaßen abgestorben war, so bezeichnete man diesen Besitz mit den Worten: „Manus mortua“ — „Tote Hand“. Da der Klerus für seinen Besitz Freiheit von allen Steuern und persönlichen Lasten beanspruchte, so wurde diese „Tote Hand“ im Lauf der Zeiten für die Staaten eine schwere Gefahr. —

Zu den von den Päpsten angewendeten Mitteln, sich und der Kirche die gesamte christliche Welt tributpflichtig zu machen, gehörten auch die schon im Jahre 1215 durch Innozenz III. allgemein angeordnete Ohrenbeichte und das damit verbundene Ablaßwesen. Die Beichte bezweckte die eingehende Ausforschung der Beichtenden, die dadurch der Willkür der Priester verfielen und sich solchen Bußen unterwerfen mußten, die ihnen von den Priestern auferlegt wurden. Da jeder Gläubige bei Verlust seiner Seligkeit wenigstens einmal im Jahre sich solchem Verhör der Geistlichkeit unterstellen, seine Sünden aufrichtig bekennen und die ihm auferlegten Bußen nach Vermögen erfüllen mußte, so war die Unterwerfung und Knebelung der gesamten Christenheit zu beständigen Tributleistungen eine vollkommene.

Wie die christlichen Priester manche schon von den Priestern des ägyptischen, indischen, jüdischen und hellenischen Altertums erdachten und eingeführten Verordnungen, Zeremonien und Einrichtungen übernahmen, so mögen sie denselben auch die Anregung zur Einführung des Ablaßwesens entlehnt haben. Daß dem Altertum das Ablaßwesen bereits bekannt war, ist aus den Schriften Platos zu ersehen, der in den Jahren 428—348 v. Chr. lebte. Schildert doch Plato das Treiben der zu seiner Zeit in Hellas umherziehenden Bettelpriester mit folgenden Worten:

Diese Bettelpriester und Wahrsager kommen vor die Türen der Reichen, vorgebend, daß ihnen von den Göttern die Macht verliehen sei, durch Zaubersprüche und Opfer jedes Vergehen in vergnügtester Weise zu sühnen, möge das Vergehen von jemanden selber oder von seinen Eltern begangen worden sein.“ —

An einer anderen Stelle schreibt Plato über diese Schwindler weiter: „Dabei weisen sie ganze Bündel von Schriften vor, nach denen sie opfern und wahrsagen. Sie beschwätzen nicht bloß einzelne, sondern auch ganze Städte, sich in dieser Weise durch Opfer von ihren Sünden zu reinigen. Sie haben nicht bloß Sündenerlaß für noch Lebende, sondern auch sogenannte Weihen für bereits Gestorbene, um dieselben in der jenseitigen Welt von allem Bösen zu befreien. Sie behaupten dabei, Schreckliches stehe denen bevor, die sich weigerten, solche Opfer zu verrichten!“ —

Ist aus diesen Sätzen ersichtlich, daß das Ablaßwesen schon Jahrhundertevor der Gründung des Christentums im Schwange war, so ist doch sicher, daß seine weiteste Ausbildung erst durch die Päpste und Priester des Christentums erfolgte. Bei der Einführung dieses Ablasses beriefen sie sich auch auf mancherlei Stellen des Alten wie des Neuen Testaments, vornehmlich auf die Kapitel 16 und 18 des Ev. Matthäi, in denen gesagt ist, daß Jesus dem Petrus die Schlüssel des Himmelreiches geben wolle, und daß alles, was er auf Erden binde, auch im Himmel gebunden sein solle, und alles, was er auf Erden löse, auch im Himmel gelöst sein solle.

Die von den Priestern den Beichtenden bei der Lossprechung für begangene Sünden auferlegten Bußen bestanden je nach der Schwere der Sünden entweder in Gebetsübungen, Fasten und Wallfahrten oder in allerhand anderen als verdienstlich angesehenen Leistungen, wie Almosen, Geldspenden, Stiftungen und Vermächtnissen für die Kirche. Ablaß konnte für irgendwelche Verbrechen erkauft werden, ausgenommen für feindliche Anschläge gegen den Papst und die Geistlichkeit, für willkürliche Abänderung päpstlicher Verordnungen und Erlasse, für Waffenhandel mit Feinden der Kirche und für den Vertrieb solcher Gegenstände, die ein ausschließliches Monopol der Päpste bildeten.

Bald wurde die Ablaßlehre auch in Verbindung mit der Lehre vom Fegfeuer gebracht und die Anschauung verbreitet, daß man sich durch der Kirche zugewendete Stiftungen und Vermächtnisse eine Befreiung oder doch eine wesentliche Verkürzung und Erleichterung der im Fegfeuer bevorstehenden Reinigungsqualen verschaffen könne. Durch Kirchenlehrer wurde auch die Ansicht in Umlauf gebracht, Christus, Maria und die Heiligen hätten weit mehr gute Werke getan, als zur Erlangung ihrer eigenen Seligkeit nötig gewesen wären. Dadurch sei ein großer Vorrat, ein Schatz an verdienstlichen Werken entstanden, mit dessen Verwaltung die Kirche betraut worden sei. Dieselbe sei befugt, von diesem Überfluß anderen bedürftigen Christen gegen entsprechende Leistungen mitzuteilen. Da viele Gläubige sich einen Anteil an diesem Überschuß sichern wollten, so bildete sich allmählich ein förmlicher Ablaßhandel, der um so schwungvoller betrieben wurde, je nötiger die Päpste für ihre Zwecke Geld brauchten. —

Die wichtigsten Teile eines vom 24. März 1455 in Nürnberg ausgestellten, jetzt auf der Universitätsbibliothek zu Leipzig aufbewahrten lateinischen Ablaßbriefes lauten verdeutscht: „Es möge sich Deiner erbarmen und Dir vergeben unser Herr Jesus Christus durch seine heiligste und gütigste Barmherzigkeit. Kraft seiner Machtvollkommenheit und seiner glückseligen Apostel Petrus und Paulus, sowie kraft der mir übertragenen apostolischen Machtvollkommenheit spreche ich Dich frei von allen Deinen reuig gefühlten, begangenen und in Vergessenheit geratenen Sünden und Ausschreitungen, wie schwer sie auch immer sein mögen. Desgleichen von jeglichen Strafen der Exkommunikation, des Interdikts und anderen kirchlichen oder vom Gesetz oder von Menschen verhängten Strafen, in die Du geraten bist. Indem ich Dich in die Gemeinde der Gläubigen und in die Sakramente der Kirche wie der einsetze, erlasse ich Dir die Strafen des Fegfeuers und erteile Dir eine vollständige Vergebung aller Deiner Sünden, soweit die Schlüssel der heiligen Mutter Kirche in diesem Teile reichen. Im Namen des Vaters, und des Sohnes und des Heiligen Geistes, Amen[Dieser von Johannes von Ytstein, Doktor der Theologie vom Orden der Zisterzienser, für Friedrich Schulen, Priester der Sebalduskirche in Nürnberg, ausgestellte Ablaßbrief ist in Nachbildung im 2. Band der „Deutschen Geschichte“ von L. Stacke wiedergegeben.].“

Ablaßhandel. Teil eines Holzschnittes von Hans Holbein

Ablaßhandel.

Teil eines Holzschnittes von Hans Holbein.

In diese Gattung der Ablaßgaben gehörten auch jene Barzahlungen, die alle Priester, welche Konkubinen unterhielten, an ihre Bischöfe zu entrichten hatten. Nicht minder hatten an vielen Orten die Prostituierten und Bordelle von ihren Einnahmen sehr hohe Abgaben an die Kirche zu zahlen; worüber ausführlicher in der „Kirchen- und Dogmengeschichte“ von J. H. A. Ebrard, im „Compendium of Ecclesiastical History“ von A. Gieseler sowie in Th. Gräbners „The Dark Ages“ zu lesen ist. —

Der Findigkeit des Papstes Bonifazius VIII. verdanken die Päpste wie die Stadt Rom auch noch eine weitere außerordentlich ergiebige Einnahmequelle. Als das Jahr 1300 anbrach, erinnerte sich dieser Papst, daß sowohl die Juden wie die Römer den Anfang eines neuen Jahrhunderts stets mit großen Festlichkeiten gefeiert hatten. Das brachte ihn auf den Gedanken, ähnliche „Jubeljahre“ auch für die Christenheit einzuführen. Er ließ deshalb lange voraus in allen christlichen Landen verkündigen, daß sämtliche Pilger, die im „Heiligen Jahr 1300″ eine Wallfahrt nach Rom ausführen und ein Opfer auf den Altar der Peterskirche niederlegen würden, vollkommenen Ablaß für alle während ihres Lebens begangenen Sünden empfangen sollten! Über 200000 Fremde strömten nach Rom und ließen dort an Opfern, Geschenken und Stiftungen aller Art geradezu unermeßliche Reichtümer zurück. Der ganze Ertrag dieses „Heiligen Jahres“ wurde auf die für die damalige Zeit unerhörte Summe von 15000000 Goldgulden veranschlagt!

Diese alle Erwartungen weit übertreffende Einnahme reizte natürlich die Nachfolger des Papstes Bonifazius zu ähnlichen verdienstlichen Einrichtungen. Sie machten geltend, daß die Spanne von einhundert Jahren viel zu lang sei. Deshalb, und weil der zwischen Ostern und Pfingsten liegende Zeitraum nur 50 Tage betrage, ordnete Papst Clemens VI. an, daß das nächste „Heilige Jahr“ bereits Anno 1350 gefeiert werden solle. Da in diesem Jahr die Zahl der Pilger sich auf 1200000 und die Einnahmen auf mehr als 22000000 Goldgulden steigerte, so war die Folge, daß Papst Urban VI. die Wiederkehr des „Heiligen Jahres“ auf 33 Jahre abkürzte, unter der Begründung, das Leben Jesu sei auf 33 Jahre bemessen gewesen. So wurde denn „zum Andenken an die Lebensjahre Jesu“ das „Heilige Jahr“ für einige Zeit in Zwischenpausen von 33 Jahren gefeiert. Bis es dem Papst Sixtus IV. einleuchtete, daß diese Spanne „wegen der Kürze des menschlichen Lebensauch noch zu lang sei. Deshalb wurde sie auf 25 Jahre herabgesetzt.

Papst Bonifazius IX. glaubte noch ein Übriges tun zu müssen. Er ließ verkündigen, daß auch alle diejenigen, die nicht in der Lage seien, eine Wallfahrt nach Rom auszuführen, doch vollgültigen Ablaß erlangen könnten, wenn sie nur den drittenTeil der Reisekosten an die in allen Ländern Propaganda machenden Vertreter des Papstes bezahlen würden!

Alle diese auf die „Erleichterung“ der Christenheit abzielenden Anordnungen wurden durch den findigen Papst Alexander VI. noch erweitert, indem er einen in die Peterskirche führenden Eingang vermauern ließ und dabei bestimmte, daß diese sogenannte „Goldene Pforte“ fortan beim Beginn jedes „Heiligen Jahres“ durch den jeweiligen Papst mit einem goldenen Hammer geöffnet werde. Am Ende des Jahres sei die Pforte dann wieder zu vermauern. Wer nun während des „Heiligen Jahres“ durch diese Pforte in die Peterskirche eingehe, solle gleichfalls aller Sünden ledig sein. Ja, nach Hinterlegung einer bestimmten Summe könne er auch im Auftrag eines daheimgebliebenen Angehörigen oder Freundes die Pforte passieren und dadurch diesen gleichfalls von seinen Sünden befreien. Woraus zu ersehen ist, daß die sündige Gier nach Geld der eigentliche treibende Beweggrund für die Einführung und Anwendung der Sündenvergebung, des Ablaßwesens war und noch heute ist. —

Zur höchsten Blüte gelangte der Ablaßhandel im 15. Jahrhundert. Wie im alten Griechenland, so waren es auch hier die Bettelorden, welche die erfolgreichsten Ablaßkrämer stellten. Sie sorgten auch dafür, daß der Handel in den von ihnen besuchten Städten stets mit größtmöglichem kirchlichen Pomp eröffnet wurde. Einer Chronik jener Zeit zufolge vollzog sich das Erscheinen des mit dem Verkauf des Ablasses bevollmächtigten päpstlichen „Commissarius“ folgendermaßen: „Als man den Commissarium in die Stadt einführte, trug man die päpstliche Bulla auf einem sammet oder gülden Tuch daher, und gingen alle Priester, Mönche, der Rat, Schulmeister, Schüler, Mann, Weib, Jungfrauen und Kinder mit Fahnen und Kertzen, mit Gesang und Prozession entgegen. Da läutet man alle Glocken, schlug alle Orgel, begleitet ihn in die Kirchen, richtet ein roth Creutz mitten in der Kirchen auf, da hengt man des Papstes Panier an, und in Summa: man hätte nicht wohl Gott selber schöner empfahen und halten können!“[Baum , F., „Kirchengeschichte“ (München 1889), S. 254.]

Da die geldgierigen Päpste stets neue Ablässe ausschrieben und die Länder dadurch systematisch ausgesogen wurden, so fehlte es nicht an Beschwerden seitens der regierenden Fürsten, Reichsstände und Völker. Mehrere Herrscher verschlossen sogar den Ablaßpredigern den Eintritt in ihre Länder oder nahmen ihnen die erlangten Schätze ab. Gegen solche offenbare Gegner des herrschenden Mißbrauchs wandten die Päpste ihre in Bannflüchen und Ausschluß aus der Kirchengemeinschaft bestehenden Strafmittel an. So erließ schon der von 1417—1431 auf dem päpstlichen Stuhl sitzende Martin V. auf dem Konzil zu Konstanz eine schreckliche Flüche gegen solche Ketzer enthaltende Bulle, die mit den Worten beginnt: „In coena Domini.“ Von späteren Päpsten erweitert, wurde sie an jedem Gründonnerstag feierlich verlesen und dadurch den Gläubigen immer aufs neue in Erinnerung gebracht.

Ein erschröckliche Geschicht so zu Derneburg in der Graffschaft Reinsteyn am Haz gelegen

DER HEXENWAHN UND DIE HEXENPROZESSE DES CHRISTLICHEN MITTELALTERS

Jede Darstellung des christlichen Priestertums des Mittelalters wäre unvollständig, die es unterließe, auch auf den von ihm großgezogenen Hexenwahn und die damit verbundenen Hexenprozesse einzugehen, die neben den der gleichen Zeit angehörenden Ketzerverfolgungen ohne Frage die schwärzesten Kapitel in der Geschichte der Menschheit bilden. Fragt man, wie dieser Hexenwahn entstehen und eine so verhängnisvolle Verbreitung gewinnen konnte, so ist zunächst darauf hinzuweisen, daß bei allen orientalischen Völkern die Frauen von jeher eine sehr untergeordnete Stellung einnahmen. Sie waren wenig, mehr als die notwendigen Werkzeuge zur Fortpflanzung und Befriedigung der Sinnlichkeit, obendrein bis zur letzten Möglichkeit ausgenützte Arbeitstiere.

Auch in die christliche Kirche drang diese Geringschätzung der Frauen ein, ja, steigerte sie noch zu fast feindseliger Verachtung. War es doch ein Weib gewesen, das vom Teufel dazu benützt worden war, Adam zum Ungehorsam gegen Gott zu verleiten, was weiterhin zur Vertreibung aus dem Paradiese und zur Belastung aller nachfolgenden Geschlechter mit dem Fluch der Erbsünde führte. So wenig die Stifter der christlichen Kirche das vergessen konnten, so wenig wollten auch die späteren Priester dieser Kirche dulden, daß eine Frau sich an irgendeiner gottesdienstlichen Handlung tätig beteilige, sich dem Altar nähere oder gar in der Kirche das Wort ergreife. Hatte doch Paulus der Apostel gesagt: „Lasset eure Frauen schweigen in der Kirche!“ Man erinnerte sich auch, daß der heilige Christomom geschrieben hatte: „Das Weib ist die Quelle alles Übels, der Weg zum Grabe, die Pforte zur Hölle und die Ursache alles Unheils!“ Auch der heilige Johannes von Damaskus hatte die Frau mit einem häßlichen Wurm verglichen, der sich in die Brust des Mannes einniste und ihn zum Bösen verleite.

Beim Bestehen solcher Anschauungen darf es nicht überraschen, daß manche Kirchenväter die Frauen auch nicht als Ebenbilder Gottes gelten lassen wollten, sondern als minderwertige, ja, unreine Wesen betrachteten. Sie verlangten von ihnen sogar, beim Abendmahl die heilige Hostie nicht mit den bloßen Händen zu berühren, sondern nur durch einen Schleier anzufassen, damit sie auf diese Weise unbefleckt zum Munde geführt werde.

Als mit derartigen Anschauungen behaftete christliche Priester und päpstliche Legaten während des fünften und sechsten Jahrhunderts an den Höfen der germanischen Könige erschienen, mußten sie zu ihrer Überraschung erkennen, daß im Leben der germanischen Völker den Frauen seit Urzeiten eine ungleich höhere Stellung als bei den Orientalen eingeräumt war. Was Tacitus einst an den Germanen gerühmt hatte, traf immer noch zu: das Weib war dem Gatten eine gleichwertige, treue Genossin in allen Mühsalen und Gefahren, eine Kameradin, die im Frieden wie im Kriege alles mit ihm wagte und teilte, darum auch geschätzt und hochgehalten wurde. Frauen spielten sogar im religiösen Glauben der Germanen eine hochbedeutsame Rolle. Man pries Hulda, die allgütige Göttin der Erde; Freija, die Göttin der Sonne, der Morgenröte und des Frühlings; Frigg, die Göttin der Ehe und des häuslichen Herdes. Man glaubte an die drei Nornen, die das Schicksal aller Erdgeborenen in ihren Händen hielten; an Walküren, herrliche, in vollem Kriegsschmuck prangende Jungfrauen, welche auf ihren geflügelten Rossen die im Kampf gefallenen Krieger zum Götterreich Walhalla emportrugen. Man glaubte an holdselige Luftelfen und Wassernixen; an in den Wäldern und Seen wohnende Lichtgestalten, die in mondscheindurchglänzten Nächten als silberne Nebel aufstiegen, um sich an allerlei anmutigen Tänzen zu erfreuen.

Eine solche liebenswürdige Naturmythologie zu dulden, ging den engherzigen christlichen Missionaren gegen den Strich. Lieblich, rein und barmherzig durften nur Maria, die Mutter Gottes, und die den Thron Gottes umringenden Engel und Heiligen sein. Demgemäß wurde alles, was im germanischen Götterglauben als segensreich und anmutig verehrt wurde, als heidnisches Blendwerk und Teufelsspuk dargestellt, das mit allen Mitteln bekämpft werden müsse. Odin, der Gott des Weltalls, Thonar, der über den Gewitterwolken einherfahrende Blitzeschleuderer, und all die anderen herrlichen Göttergestalten wurden als Unholde verschrien, die nur Böses im Schilde führten. Die Walküren wurden in wüstaussehende, triefäugige alte Weiber verwandelt, die anstatt auf wiehernden Rossen auf übelriechenden Ziegenböcken oder gar Mistgabeln und Besenstielen zum Blocksberg emporführen, um dort während der Walpurgisnacht mit Satan und dessen Genossen sich in allerhand widerlichen Orgien zu ergehen. —

So wurde mit stillschweigender Genehmigung einiger auf Königsthronen sitzenden Schwachköpfe den germanischen Völkern ihr schöner Naturglaube verunstaltet, geraubt und durch jenen der römischen Kirche ersetzt. —

Sehr schlecht fuhren dabei auch jene Jungfrauen und Frauen, die im altgermanischen Götterdienst als Priesterinnen mitgewirkt, als Seherinnen den Willen der Götter verkündigt und die denselben dargebrachten Opfergaben entgegengenommen hatten. Besonders der letzten Handlungen wegen wurden sie von den christlichen Missionaren, die sich auf das Entgegennehmen von Opfern so wohl verstanden, mit unerbittlicher Gegnerschaft verfolgt. Man bezichtigte sie, mit den zu Teufeln umgewandelten alten Göttern Gemeinschaft zu halten, um die Menschen vom Anschluß an den allein wahren Glauben abzulenken. Man beschuldigte sie, als Wetterhexen im Verein mit jenen Unholden und Bösewichtern allerlei Schabernack anzustiften, wie Blitz und Hagelschlag, Mißwachs, Raupenfraß, Viehverhexung, zehrende Krankheiten und anderes Ungemach. Auch die aus dem Orient gekommenen, möglicherweise auf die grauenhafte Unsauberkeit der dort lebenden „Heiligen“ zurückzuführenden Seuchen wurden den Hexen zugeschrieben. Und da eine Stelle der Heiligen Schrift lautete: „Ihr sollt nicht dulden, daß eine Hexe am Leben bleibe!“, so begannen die christlichen Missionare die abergläubischen Völker mit Mißtrauen und Argwohn gegen alle weiblichen Wesen zu erfüllen, die durch ihr Aussehen oder irgendwelche unvorsichtige Handlungen in den Verdacht gerieten, Hexen zu sein und mit den Teufeln im Bunde zu stehen.

Wie die Schamanen und Fetischpriester der Naturvölker ihre Stammesgenossen in beständiger Furcht vor allerlei übelgesinnten Gespenstern und Dämonen halten, um dadurch den eigenen Einfluß zu erhöhen und sich als Austreiber solcher Unholde unentbehrlich zu machen, so waren auch die christlichen Priester und Päpste des Mittelalters stets darauf bedacht, den Glauben an Hexen und Schwarzkünstler aller Art zu verbreiten und für ihre eigenen Zwecke auszunützen.

Geradezu grauenhafte Formen nahm der Hexenwahn an, als verschiedene Päpste, wie z. B. Gregor IX. in der am 13. Juni 1233 erlassenen Bulle „Vox in Rama“, ferner Johann XXII. (1316—1334) in der Bulle „Super specula“und vor allem Innozenz VIII. durch seine am 5. Dezember 1484 erlassene Bulle „Summis desiderantes affectibus“ förmlich zur Verfolgung und Bestrafung der Hexen aufforderten.

Die von dem letzteren verfaßte Hexenbulle lautet folgendermaßen:

„Mit inbrünstigem Verlangen, wie unsere oberhirtliche Sorge es fordert, wünschen wir, daß der katholische Glaube wachse und daß jede ketzerische Bosheit ausgerottet werde. Deshalb verordnen wir aufs neue, was diese Wünsche der Verwirklichung näher bringen kann. Zu unserem tiefsten Schmerz erfuhren wir unlängst, daß in manchen Teilen Deutschlands, vornehmlich in der Umgegend von Mainz, Köln, Trier, Salzburg und Bremen sehr viele Personen beiderlei Geschlechts, uneingedenk ihres eigenen Heils, vom katholischen Glauben abirrten und sich mit Teufeln in Manns- oder Weibsgestalt geschlechtlich versündigen und mit ihren Bezauberungen, Liedern, Beschwörungen und anderen abscheulichen abergläubischen und zauberischen Lastern und Verbrechen die Niederkünfte der Weiber, die Leibesfrucht der Tiere, die Früchte der Erde, die Weintrauben und Baumfrüchte, wie auch die Männer, die Frauen, die Haustiere, auch die Weinberge, die Obstgärten, die Wiesen, die Weiden, das Getreide und andere Erdfrüchte verderben und umkommen machen. Auch peinigen sie die Männer, die Weiber, die Zug-, Last- und Haustiere mit fürchterlichen inneren und äußeren Schmerzen, verhindern die Männer, daß sie zeugen und die Weiber, daß sie gebären und den Männern die eheliche Pflicht leisten können. Auch verleugnen sie den in der Taufe empfangenen Glauben mit meineidigem Munde, begehen auf Anstiften des Feindes des Menschengeschlechts viele schändliche Verbrechen, Sünden und Laster zum Schaden ihrer Seelen, zur Beleidigung der Majestät Gottes und zum Ärgernis für viele. Das geschieht, obwohl unsere geliebten Söhne, Heinrich Justitoris für die obengenannten Teile Deutschlands, und Jacob Sprenger für gewisse Striche am Rhein, beide Mitglieder des Predigerordens und Professoren der Theologie, durch apostolische Beglaubigungsbriefe zu Inquisitoren bestellt worden sind.“

Hexen, durch ihre Zauberkünste Unwetter und Hagelschlag verursachend. Nach einem Holzschnitt in dem Tractatus von den bösen Weibern, so man nennet Hexen. Augsburg 1508.

Hexen, durch ihre Zauberkünste Unwetter und Hagelschlag verursachend.

Nach einem Holzschnitt in dem „Tractatus von den bösen Weibern, so man nennet Hexen“. Augsburg 1508.

Nachdem in der Bulle weiter Beschwerde darüber geführt wird, daß die genannten Inquisitoren an manchen Orten in der Ausübung ihres Amtes nicht genügend unterstützt oder gar behindert worden seien, so wird ihnen aus apostolischer Machtvollkommenheit gestattet, alles und jedes zu tun, was ihnen notwendig scheint. „Wir befehlen“, so heißt es weiter, „dem Bischof von Straßburg, so oft er von den Inquisitoren dazu ersucht wird, öffentlich kundzutun, daß sie in nichts und von niemand gehindert werden. Alle aber, die sie hindern, wes Amtes sie auch seien, sollen durch Exkommunikation, Suspension und Interdikt und andere noch schrecklichere Strafen, ohne jede Berufung, gebändigt werden. Wenn nötig, soll gegen sie auch der weltliche Arm angerufen werden. Keinem Menschen soll es erlaubt sein, dieses unser Schriftstück zu verletzen oder ihm in frevelhaftem Wagnis entgegenzuhandeln. Wenn aber jemand dies versuchen sollte, so wisse er, daß er den Zorn des allmächtigen Gottes und der Apostel Petrus und Paulus auf sich geladen hat!

Gegeben zu Rom bei St. Peter, im Jahre der Menschwerdung des Herrn 1484, im ersten unseres Pontifikats am 5. Dezember.“ —

Auf Grund dieser ihnen erteilten päpstlichen Generalvollmacht begaben sich die beiden Inquisitoren ans Werk und schrieben zunächst ein Buch, das mit vollem Recht sowohl nach seinem Inhalt wie nach seinen Wirkungen „das furchtbarste Buch der Weltliteratur“ genannt worden ist. Sein Titel lautete „Malleus Malificarum„, „Der Hexenhammer“. Im Jahre 1489 zuerst gedruckt, behandelt es in seinen drei Teilen zunächst die drei Mächte, durch welche die Hexerei ermöglicht werde und zustande komme, und zwar „durch den Teufel, die Hexe oder den Zauberer und die göttliche Zulassung“. Der zweite Teil schildert, „wie Behexungen vor sich gehen, wie man von ihnen befreit wird, und wem die Zauberer nicht schaden können“. Der dritte Teil befaßt sich mit den Mitteln und Strafen, die gegen Hexen anzuwenden seien.

Auf dieses Buch näher einzugehen, ist unmöglich, da sein Inhalt so toll wahnwitzig und so gemein obszön ist, daß aus Sittlichkeitsgründen davon Abstand genommen werden muß[Der ehemalige Jesuit Graf Paul von Hoensbroech wagte es, in seinem zu Anfang dieses Jahrhunderts in Leipzig erschienenen Werk: „Das Papsttum in seiner kulturellen Wirksamkeit“ den „Hexenhammer“ eingehend zu besprechen und die wichtigsten Abschnitte des Buches wörtlich wiederzugeben. Es sei deshalb auf dieses Werk verwiesen.]. Trotz seines unglaublichen schmutzigen Inhaltes wurde es zu einem förmlichen Handbuch für die Hexenverfolger, erlebte mit päpstlicher Genehmigung Auflage über Auflage und rief eine ganze Literatur ähnlicher Schriften in allen europäischen Sprachen hervor. An den schmutzigen Erzeugnissen dieser schmachvollen Literatur waren alle Grade der kirchlichen Hierarchie beteiligt: Professoren der Gottesgelahrtheit, Erzbischöfe, Bischöfe und Priester, Mitglieder der verschiedenen Mönchsorden, desgleichen die von den Päpsten zum Aufspüren und Aburteilen der Hexen in allen Landen eingesetzten Inquisitoren. Hervorzuheben ist dabei, daß die gleichen Päpste, die Galilei und andere Vertreter wahrer Wissenschaft zum Widerruf ihrer Ansichten zwangen und deren Werke auf den Index, das Verzeichnis der verbotenen Schriften, setzten, gegen die unflätigsten Erzeugnisse der Hexenliteratur nichts einzuwenden fanden, sondern ihnen mit den Vermerken „Nihil Obstat“ und der „Imprimatur“ Anerkennung und Freibrief gewährten.

So wurde es möglich, daß der Hexenwahn zu der schrecklichsten Seuche ausartete, von der die Menschheit jemals befallen ward. Sie verbreitete sich nicht nur über sämtliche christlichen Länder Europas, sondern auch über fast alle von Europäern in Afrika, Asien und in der Neuen Welt angelegten Kolonien, ungezählte Tausende von Menschenleben fordernd. Den Opfern dieser Seuche war aber niemals ein Ende mit allmählichem Versinken in Bewußtlosigkeit vergönnt. Im Gegenteil bestrebten sich die Verkündiger der allbarmherzigen christlichen Liebe, das Ende der Hexen und Schwarzkünstler so qualvoll als möglich zu gestalten, um dadurch die übrige Menschheit von ähnlichem Tun abzuschrecken. Wer verdächtig war, einen verheerenden Gewittersturm und Hagelschlag verursacht, den Bauern das Vieh verhext oder gar als „Succubus“ oder „Incubus“ sich mit dem Teufel vergangen zu haben, wer etwa von einer lieben Nachbarin beschuldigt wurde, sich eines ihrer Kleidungsstücke oder einige ihrer Haare zum Ausführen böser Anschläge auf ihre Person angeeignet zu haben, mußte gewärtig sein, vor die Inquisitoren geschleppt und einem peinlichen Verhör unterworfen zu werden. Wußten solche angeklagten Hexen und Schwarzkünstler nichts von den ihnen zur Last gelegten Verbrechen, so wurden, um sie zu baldigem Geständnis zu bringen, die verschiedenen Grade der Tortur angewendet. Zuerst die Daumenschrauben, mittels welcher die Finger derart zusammengepreßt wurden, daß die also Gefolterten vor Schmerzen jäh aufschrien und um Gnade flehten. Wollten sie sich noch nicht zu der ihnen angedichteten Schuld bekennen, so kamen die Beinschienen oder spanischen Stiefel an die Reihe, mittels welcher die unteren Gliedmaßen zusammengeschnürt wurden, daß die Knochen knackten und aus den Waden das Blut hervorsickerte. Weigerten sich die halsstarrigen Delinquenten immer noch, reumütig zu bekennen, so wurden sie auf eine Leiter gespannt und ihre armen Leiber mitsamt den Gliedern gewaltsam in die Länge ausgerenkt. Oder man hängte sie an den Händen auf, befestigte an die hoch über dem Boden schwebenden Füße dicke Steine oder Eisenstücke und ließ sie so für längere Zeit baumeln. Brennende Schwefelfäden, auf die nackten Körper der Ärmsten geworfen, oder zugespitzte Hölzer, unter die Nägel der Finger und Zehen eingetrieben und angezündet, mochten die Gemarterten endlich dazu bringen, die gefährlichen Fragen, die ihnen von den Inquisitoren vorgelegt wurden, zu bejahen, um nur von der augenblicklichen Pein erlöst zu werden. Mochten sie auch die so erzwungenen Aussagen später widerrufen, so endeten sie doch fast stets auf dem flammenden Scheiterhaufen. —

Ein hervorragender Jurist der Neuzeit, Karl Georg von Wächter, der die Hexenprozesse des Mittelalters einem näheren Studium unterwarf, schrieb:

„Wer diese Prozesse untersucht, glaubt sich unter ein Geschlecht versetzt, das alle edlen menschlichen Anlagen: Vernunft und Gerechtigkeit, Scham, Wohlwollen und Mitleidgefühl erstickt hatte, um dafür alle teuflischen in sich großzuziehen. Aus der Sphäre, die den Menschen die teuerste und erhabenste des Lebens bedeutet, aus dem Heiligtum der Religion, grinst dem Beschauer ein Medusenhaupt entgegen und hemmt ihm das Blut in den Adern. Unter christlichen Völkern, im Schoß einer tausend Jahre alten Kultur war der Justizmord zur stehenden Einrichtung erhoben. Hunderttausende von Unschuldigen wurden nach ausgesuchten Martern des Leibes und unbeschreiblichen Seelenqualen auf die grausamste Weise hingerichtet. Diese Tatsache ist so ungeheuerlich, daß alle anderen Verirrungen des Menschengeschlechtes dagegen zurücktreten.“ —

Noch weitaus schärfer geht der bereits mehrfach erwähnte Ex-Jesuit von Hoensbroech mit dem Papsttum ins Gericht. Im letzten Teil seiner Schrift „Das Papsttum in seiner sozial-kulturellen Wirksamkeit“ wirft er einen Rückblick auf das vorher Geschilderte und sagt dann: „Ein furchtbarer Weg ist es, den wir gegangen sind: ein Weg des Grauens und Entsetzens. Rechts und links ist er eingesäumt von Tausenden von Scheiterhaufen undTausenden von Blutgerüsten. Prasselnd schlagen die Flammen zum Himmel. Unser Fuß überschreitet rinnende Bäche von Menschenblut. Menschenleiber krümmen sich in der roten Glut. Abgehackte Köpfe rollen über den Weg. An uns vorübergeschleppt werden Jammergestalten; ihre Augen sind erloschen im langen Dunkel der Kerker; ihre Glieder sind verrenkt und zerfleischt von der Folter; ihre Seelen sind geknickt, entehrt und geschändet.

Tortur einer angeblichen Hexe vor einem Inquisitionsgericht. Nach einem Gemälde von H. Steinheil.

Tortur einer angeblichen Hexe vor einem Inquisitionsgericht.

Nach einem Gemälde von H. Steinheil.

„Da wanken sie hin, diese Elenden. Einst waren es jugendfrische, anmutige Frauen und Jungfrauen, liebend und geliebt, unschuldige, kindfrohe Gemüter. Einst waren es kräftige, stattliche Männer, der Stolz und die Stütze ihrer Familie, zärtliche Gatten, liebende Väter. Und jetzt? Geistig und leiblich gebrochene Existenzen, beladen mit dem Fluch der Gottlosigkeit, mit dem angedichteten Unflat einer entarteten Phantasie. Die Stumpfheit des Entsetzens und der Verzweiflung im Blick, als Teufelsbuhlen, als vom Satan Geschändete, als unbußfertige Ketzer, als Verlorene in jeder Beziehung, als der Auswurf des Menschengeschlechtes, so schreiten sie der Schlachtbank entgegen. Der Tod, auch der furchtbarste, ist ihnen Erlösung! Ist’s möglich? In diesem grauenvollen Zuge, der nach Zehntausenden zählt, sehen wir auch zarte Kinder, die Lieblinge ihrer Mütter, die Hoffnung ihrer Väter. Und neben ihnen altersschwache Greise; dem Sterbebette, das ihre welken Glieder schon aufgenommen hatte, wurden sie entrissen, um in letzter Stunde noch dem Feuer, dem Schwerte überliefert zu werden.

„An unser Ohr dringen furchtbare Laute: Wehklagen, Jammern, Angst und Verzweiflungsschreie, Flüche, Hilferufe, Todesröcheln. Die Luft ist erfüllt von qualmendem Rauch, von scheußlichem Gestank verbrannten Menschenfleisches, von widerlichem Blutdunst. Welch ein Weg! Und dieser Weg nimmt kein Ende. In endlosen Windungen zieht er sich hin durch alle Länder des Abendlandes. Er führt durch Italien, durch Spanien, durch Frankreich, durch Deutschland; vorüber an den Mittelpunkten der Kultur und der Bildung, an Brennpunkten christlichen Lebens und christlicher Frömmigkeit!“ —

Im letzten Teil seines Buches macht Hoensbroech das Papsttum sowohl für die Taten der Inquisition wie für die Greuel des Hexenwahns verantwortlich, indem er schreibt:

„Päpste haben in feierlichen Kundgebungen dem Glauben an den scheußlichsten und obszönsten Teufelsspuk und Hexenwahn Vorschub geleistet, haben in diesen Kundgebungen die Wahngebilde einer ganz und gar entarteten Phantasie so sehr für Tatsachen erklärt, daß sie zur Vertilgung der Teufelsanbeter, der Teufelsbuhlen, Hexen und Schwarzkünstler Feuer und Schwert aufgerufen haben. Der Glaube an die in Bocks-, Kater- und Krötengestalt erscheinenden Teufel, an die unflätigen daemones incubi und succubi ist durch die Päpste in das Christentum eingeführt und durch sie in ihm erhalten worden. Die furchtbare Literatur über den Hexenwahn ist so gut wie ausschließlich das Werk katholischer Geistlicher und Ordensleute; die betreffenden Schriften sind erschienen unter ausdrücklicher oder stillschweigender Billigung der päpstlichen Zensur! —

„Zur ewigen Schande der ,Statthalter Christi‘ stehen zwei Tatsachen unerschütterlich fest: unermüdlich waren die Päpste, die weltlichen Gewalten aufzufordern, Ketzer mit Feuer und Schwert zu vertilgen; geradezu zahllos sind die betreffenden Kundgebungen der tiaragekrönten ,Nachfolger Petri‘. Das ist die eine Tatsache. Und die andere? Auch nicht ein einziges Mal in den langen Jahrhunderten, während welcher das Christenblut, von Christen vergossen, stromweise floß, hat ein ,Statthalter Christi‘ seine Stimme erhoben, dem Greuel dieses Blutvergießens Einhalt zu tun.

„Wie beredt waren die ,Statthalter Christi‘ anderen Fragen gegenüber! Wenn man die dicken Bände durchblättert, welche die Sammlung päpstlicher Erlasse enthalten, so erfaßt einen Staunen über die Tätigkeit Roms. Nach England, Schweden, Norwegen, Rußland, Polen, Dänemark, Ungarn gehen die päpstlichen Sendschreiben; nichts entgeht den wachsamen Blicken der obersten Hirten; überall greifen sie belehrend, mahnend, strafend ein; kein Punkt ist zu geringfügig, besonders wenn es sich um die Anerkennung ihres eigenen Ansehens handelt. Aber dem Wehklagen grausam verfolgter, schmählich hingemordeter Menschenmassen gegenüber ist ihr Ohr taub und ihr Mund bleibt stumm. Wäre er nur stumm gewesen! Aber, um es nochmals zu wiederholen, die Stimme des Papstes, des ,unfehlbaren Lehrers der Wahrheit und der christlichen Gesittung‘, war die lauteste und gewichtigste unter allen, die den Christenmord verteidigt und befürwortet haben!“ —

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