[13] R. C. DARWIN / DIE ENTWICKLUNG DES PRIESTERTUMS UND DER PRIESTERREICHE

In diesem Beitrag kann man folgende Kapitel aus dem Buch “Die Entwicklung des Priestertums und der Priesterreiche” von Rudolf Cronau (Pseudonym “Randolph Charles Darwin”) lesen:

Ein komplettes Inhaltsverzeichnis des Buches befindet sich in Beitrag 1.

„Dem Kampf der Priester um die Oberherrschaft über alle weltlichen Machthaber ging ein ebenso wichtiger Kampf um die Allgewalt in der Kirche zur Seite. Er wurde zwar mehr in der Stille geführt, war darum aber kaum weniger wichtig, galt es doch, den gesamten Klerus, das gesamte Priestertum dem Willen des Papstes zu unterwerfen.“,

„Um seine Ziele zu erreichen, scheute der Jesuitenorden keine Mittel.“,

„Wenn unter dem Priestertum des ganzen Weltalls die Jesuiten sich wirklich am gefürchtetsten gemacht haben, so beruht dies nicht nur darin, daß sie am rücksichtslosesten das uralte Ziel des Priestertums: die unbedingte Herrschaft über die gesamte Menschheit, über das Weltall zu erreichen strebten, sondern auch dem ihnen zugeschriebenen Schlagwort: „Der Zweck heiligt das Mittel“ getreu, in der Wahl der zum Ziele führenden Mittel und im Gebrauch derselben weniger skrupulös, sondern rücksichtsloser gewesen sind, als jemals irgendein anderer Priesterorden. In ihm sind die uralten Ziele des Priestertums gewissermaßen verkörpert; er stellt das Streben desselben in seiner höchsten Potenz dar.“,

„Die an den päpstlichen Höfen zu Rom und Avignon vorhandenen Stellen waren gleichfalls Gegenstand schamlosen Ämterschachers. Trotz ihrer hohen Preise waren sie stets begehrt. Jeder der überaus zahlreichen Schreiber-, Advokaten- und Richterposten hatte seinen Preis. Das Amt eines „Apostolischen Sekretärs“ kostete, obwohl nur mit 200 Dukaten jährlich besoldet, 2500 Dukaten; der Versiegler der päpstlichen Dokumente bezahlte für sein 550 Dukaten einbringendes Privilegium 5500 Dukaten; die mit 300 Dukaten besoldeten Türhüter hatten 2000 Dukaten herzugeben.“,

„Nicht mit Unrecht klagte Baptista Montanus, der Verfasser der Schrift: „De Calamitate Temporum“: „Alles ist jetzt käuflich, die Kirchen, die Priester, die Altäre, die Sakramente, die Gebete, der Himmel und Gott obendrein!“ —“,

„Die an den päpstlichen Höfen zu Rom und Avignon vorhandenen Stellen waren gleichfalls Gegenstand schamlosen Ämterschachers. Trotz ihrer hohen Preise waren sie stets begehrt. Jeder der überaus zahlreichen Schreiber-, Advokaten- und Richterposten hatte seinen Preis. Das Amt eines „Apostolischen Sekretärs“ kostete, obwohl nur mit 200 Dukaten jährlich besoldet, 2500 Dukaten; der Versiegler der päpstlichen Dokumente bezahlte für sein 550 Dukaten einbringendes Privilegium 5500 Dukaten; die mit 300 Dukaten besoldeten Türhüter hatten 2000 Dukaten herzugeben.“,

„Von manchen Kunsthistorikern sind die Päpste und Erzbischöfe des Mittelalters, insbesondere der Renaissancezeit, als Förderer aller künstlerischen Bestrebungen gefeiert und verherrlicht worden. Ihrer fürstlichen Freigebigkeit und ihrem Kunstsinn verdanke die Welt viele jener Wunderwerke, die von Michelangelo, Raffael Santi, Leonardo da Vinzi, Tizian, Correggio, Holbein, Dürer und anderen Meistern geschaffen wurden. Nicht zu vergessen die stolzen Kathedralen und Dome, die als weithin sichtbare Wahrzeichen die Städte der Christenheit zieren. Daß der Ursprung vieler Skulpturen, Gemälde und Architekturwerke auf die Anregung mancher Päpste und Erzbischöfe zurückzuführen ist, unterliegt keinem Zweifel. Aber die Meister der Bildhauerkunst, der Malerei und Architektur wurden nicht etwa mit Aufträgen bedacht, um die Künste zu fördern, sondern die von ihnen geschaffenen Werke hatten in allererster Linie die Bestimmung, auf die Gemüter der gläubigen Christen einzuwirken und sie für die Zwecke der Kirche, für Opfer, Ablaß, fromme Stiftungen, Vermächtnisse und Totenmessen willfährig zu machen.

Die Päpste waren nicht die ersten Priester, welche erkannten, wie stark und nachhaltig man durch bildliche und figürliche Darstellungen auf die leichtgläubige Menge einwirken könne. Schon die Priester des Altertums waren sich der Macht solcher Darstellungen wohl bewußt. Daher die in den Tempeln aufgestellten Götterfiguren, daher die in den altägyptischen Totenbüchern enthaltenen Bilder, welche die Gerichtssitzung der Götter über die Seelen der Verstorbenen veranschaulichten und die Hinterbliebenen dieser Verstorbenen zu fleißigen Opfern anspornen sollten, damit den Seelen ihrer teuern Angehörigen der Eingang in das bessere Jenseits gesichert werde.“

Ab hier geht es weiter mit dem Originaltext des Buches:


DIE UNTERWERFUNG DER KIRCHE DURCH DIE PÄPSTE

Dem Kampf der Priester um die Oberherrschaft über alle weltlichen Machthaber ging ein ebenso wichtiger Kampf um die Allgewalt in der Kirche zur Seite. Er wurde zwar mehr in der Stille geführt, war darum aber kaum weniger wichtig, galt es doch, den gesamten Klerus, das gesamte Priestertum dem Willen des Papstes zu unterwerfen.

Damit die den einzelnen Provinzen vorstehenden Metropoliten oder Erzbischöfe niemals in Versuchung kommen möchten, sich zu unabhängigen Oberhäuptern der ihnen unterstehenden Landeskirchen aufzuwerfen, — an derartigen Bestrebungen hatte es nicht gefehlt — wurden nicht nur die Befugnisse der Erzbischöfe stark beschnitten, sondern sie mußten seit der Zeit Gregors VII. dem Papst auch förmlich Gehorsam schwören und durften ihr Amt nicht eher antreten und ausüben, bis sie vom Papst bestätigt worden waren und aus seiner Hand das Zeichen ihrer Würde, das Pallium, empfangen hatten, einen aus weißer Wolle gewirkten togaähnlichen Überwurf, der einem vom Apostel Petrus getragenen weißen Mantel gleichsehen sollte. Um den symbolischen Wert dieses Kleidungsstückes zu erhöhen, wurde es vor seiner Absendung an den Empfänger für eine Nacht auf das angebliche Grab des Apostels Petrus in Rom gelegt.

Über die Erzbischöfe wurden außerdem noch die Kardinäle gestellt, die als die höchsten Geistlichen der römisch-katholischen Kirche galten. Sie wurden von den Päpsten ernannt und vorzugsweise solchen Abkömmlingen italienischer Fürsten- und Adelsfamilien entnommen, die sich durch Ergebenheit und Eifer die Gunst der Stellvertreter Gottes erworben hatten. In ihre Hände legte auch auf einer im Jahre 1059 in Rom abgehaltenen Synode der damalige Papst Nikolaus das alleinige Recht der Papstwahl, um diese Wahl sowohl den weltlichen Herrschern, den Völkern wie auch der übrigen Geistlichkeit für immer zu entziehen. Die Kardinäle bildeten fortan recht eigentlich die Kirchen- und Staatsräte der Päpste. Ihre besonderen Kennzeichen waren rote Hüte, wozu später noch rote Leibröcke kamen. Papst Alexander III. verordnete im Jahre 1179, daß zur rechtmäßigen Wahl eines Papstes die Einstimmigkeit von zwei Dritteilen der gesetzlich versammelten Kardinäle gehöre.

Allgegenwärtig wurde die päpstliche Gewalt gemacht durch die mit den weitesten Vollmachten versehenen Legaten oder Nuntien, die sich als direkte Vertreter der Päpste an den Höfen der weltlichen Herrscher aufhielten und auch die Provinzialsynoden leiteten. Ihre Hauptaufgabe bestand darin, alle Pläne, Verordnungen und Maßnahmen der weltlichen Machthaber auszuspionieren und die Päpste darüber unterrichtet zu halten.

Schon im 11. und 12. Jahrhundert hatten die Bischöfe von Worms und Chartres den ganzen Vorrat echter und gefälschter Gesetze willkürlich zusammengestellt. Diese dienten um das Jahr 1150 dem im Kloster San Felice zu Bologna lebenden Mönch Gratanius als Grundlage zur Schaffung eines Rechtsbuches der Kirche, das unter dem Titel „Decretum Gratiani“ die erste große Sammlung aller bis dahin von den Päpsten erlassenen Verordnungen darstellt. Aber auch in diesem Rechtsbuch sind die aus dem 9. Jahrhundert stammenden „Pseudo-Isidorischen Dekretalien“, also gefälschte Dokumente, mit echten in geschickter Weise gemischt. Dieses Gesetzbuch wurde später noch mehrmals erweitert. So wurden ihm auch all die entsetzlichen Gesetze eingefügt, die von den Päpsten Urban II., Innozenz III. und Gregor IX. gegen die Ketzer erlassen wurden. In vielen Dingen stand dieses kirchliche oder „kanonische Rechtsbuch“ im Gegensatz zu dem „Corpus juris civilis“, dem „Bürgerlichen Rechtsbuch“, und wie das Papsttum beständig im Kampfe gegen die weltlichen Herrscher lag, so kam es auch zwischen diesen beiden Rechten zu beständigen Konflikten und Kämpfen. Dabei verfehlten die herrschsüchtigen Päpste nie, aus dem „kanonischen Rechtsbuch“ ihre Universalgewalt (plenitudo potestatis) zu beweisen und die Zuständigkeit, Gerichtsbarkeit wie auch das Gesetzgebungsrecht der Kirche immer weiter auszudehnen.

So wußten sie ihre Oberherrlichkeit auch gegenüber jenen Reformkonzilen oder großen Kirchenversammlungen zu behaupten, die in den Jahren 1409 in Pisa, 1414—1418 in Konstanz und 1431—1443 in Basel abgehalten wurden, um zu versuchen, neben manchen anderen Reformen auch den Grundsatz durchzuführen, daß die Beschlüsse solcher Konzile über jenen der Päpste stünden. Diese unbedingte Oberherrlichkeit des Papstes wurde auch fortan in seinen Titeln: „Pontifex“, „Pontifex maximus“ und „Sanctissimus dominus noster“ zum Ausdruck gebracht.

Durch die zahlreichen geistlichen Orden, unter denen die sogenannten Bettelorden besonders begünstigt waren, hatten die Päpste sich obendrein ein allzeit schlagfertiges Heer eifriger Vorkämpfer und Verteidiger geschaffen, dessen Unterhalt völlig dem Laientum oblag. Vervollkommnet wurde diese Macht späterhin noch durch die „Gesellschaft Jesu“, auf deren Ursprung und Geschichte etwas näher eingegangen werden muß, da die Jesuiten unter der Leitung ihrer in allen Künsten und Schlichen der Diplomatie erfahrenen „Generäle“ eine geradezu weltgeschichtliche Bedeutung erlangten[Die Literatur über die Jesuiten ist in fast allen Sprachen der wichtigsten Kulturvölker so ungemein reich, daß auf das betreffende Schlagwort in den verschiedenen Konversationslexika verwiesen werden muß. In Deutschland erschien Guggenheim, S., „Geschichte der Jesuiten bis zur Aufhebung des Ordens, 1540 — 1773″ (Frankfurt a. Main 1847). Neuerdings wurde das von dem Ex-Jesuiten Grafen Paul von Hoensbroech verfaßte Werk „Der Jesuitenorden“ herausgegeben (1925 — 1926). Insbesondere sei hier auch auf die von Professor Heinrich Wolf geschriebene „Angewandte Kirchengeschichte“ (Leipzig 1922) hingewiesen, die über die Tätigkeit der Jesuiten in den verschiedenen Ländern Europas Aufschluß gibt.].

Gestiftet wurde dieser mächtigste aller Mönchsorden von einem Spanier, Ignatius Loyola, dem Sprößling eines altadligen Geschlechts, der während der Verteidigung von Pampelona gegen die Franzosen im Jahre 1521 schwer verwundet worden war und nun auf dem Krankenbett durch das Lesen von allerhand Heiligenlegenden mit dem Vorsatz erfüllt wurde, ähnliche Taten zu verrichten, wie sie diesen Legenden zufolge von den in den Heiligenstand erhobenen Mönchen Franziskus und Dominikus vollbracht worden waren. Wiederhergestellt begab er sich nach dem Kloster Montserrat, hing seine Rüstung vor dem dort befindlichen Bild der Madonna auf, legte ein Büßergewand an und hielt mit einem Pilgerstab in der Hand vor seiner neuen Herrin nach alter Rittersitte Waffenwacht. Bald nachher unterwarf er sich in einer einsamen Höhle strengsten, aus Fasten, Geißelungen und Gebeten bestehenden Bußübungen, während welcher ihm allerhand Visionen zuteil geworden sein sollen, wie Erscheinungen der Maria, der Dreieinigkeit und des Teufels. Dadurch wurde er zu einer Pilgerfahrt nach Palästina veranlaßt. Heimgekehrt, lebte er von Almosen, widmete sich der Krankenpflege und gründete in Verbindung mit mehreren ähnlich veranlagten Spaniern im Jahre 1534 die „Societas Jesu“, die „Gesellschaft Jesu“, deren Mitglieder nicht nur das Gelübde der Keuschheit und Armut ablegten, sondern auch beschlossen, sich jeder Mission zu unterziehen, die der Papst von ihnen fordern möge. Durch ihren Eifer erwarben sie sich bald die Gunst des Papstes Paul so sehr, daß derselbe sie durch die Bulle „Regimini militantis“ am 27. September 1540 anerkannte.

Ignatius Loyola, der Gründer des Jesuitenordens

Ignatius Loyola,

der Gründer des Jesuitenordens.

Die Gesellschaft wurde zu einer auf strengster militärischer Disziplin beruhenden Organisation, die von ihren Mitgliedern unbedingten blinden Gehorsam sowie absolute Ertötung des eigenen Willens forderte. Die in jedem Jahre für fünf Wochen verordneten geistlichen Übungen bestanden für die erste Woche in beschaulichen Betrachtungen über das Wesen der Sünde, des Teufels und der Hölle; die zweite Woche war dem Leben Jesu, die dritte den Leiden Christi, die vierte seiner Verherrlichung und die fünfte der völligen Hingabe an Gott gewidmet. In diesen bis ins einzelnste durch genaue Vorschriften geregelten Betrachtungen sollten das Gemüt und die Empfindungen vom tiefsten Sündenschmerz bis zum Genuß höchster Seligkeit gebracht werden. Die Phantasie sollte bis zu jenem Grade erregt werden, den man als Halluzination bezeichnet hat. In diesem Zustande sollte der Übende während der ersten Woche dahin gelangen, daß er nicht nur die von Flammen durchloderten Abgründe der Hölle zu sehen meinte, sondern auch den aufsteigenden Schwefeldampf, die Fäulnis der Tiefe zu riechen, das Angst- und Wehegeschrei der Verdammten zu hören glaubte. Ja, er sollte an seinem eigenen Leibe die Flammengluten zu fühlen meinen, von denen jene für immer Verurteilten verzehrt wurden. Um diesen Höhepunkt geistiger Erregung zu erreichen, wurden die Zellen, in die der Übende während seiner Exerzitien eingeschlossen war, verdunkelt und durch allerhand Totengebeine unheimlich gemacht. Während der darauffolgenden Wochen hingegen ließ man Sonnenschein in diese Zellen fallen, versah sie mit Wärme und solchen Annehmlichkeiten, die zur Hervorbringung jener Zustände beitragen konnten, in die der Übende sich hineinzudenken hatte.

Ganz besondere Sorgfalt wurde auf die Ausbildung eines einheitlichen Ordensgeistes verwendet. Sämtliche Mitglieder, Novizen, Scholastiker und Koadjutoren sowohl wie Professoren hatten sich von allen natürlichen Banden der Verwandtschaft und Freundschaft völlig loszureißen. Sie durften nicht länger sprechen: „Ich habe„, sondern „ich hatte Eltern und Geschwister, nun aber habe ich sie nicht mehr!“ Alle Mitglieder waren außerdem den Befehlen und Weisungen des Ordensgenerals völlig unterworfen, der wiederum dem Papst Gehorsam zu schwören hatte. Die Befolgung aller vom General erlassenen Vorschriften wurde durch ein der Spionage ähnliches Beaufsichtigungssystem erreicht, das jedes Mitglied dazu verpflichtete, die anderen genau zu überwachen und sie dem Oberen rücksichtslos anzuzeigen, falls sie sich irgendwelche Unterlassungen zuschulden kommen ließen. Diese gegenseitige Überwachung erstreckte sich sogar auf die Person des Ordensgenerals. Auch er wurde von seinen Beigeordneten beobachtet, die der alle drei Jahre stattfindenden Generalversammlung der Professoren Bericht zu erstatten hatte.

Um seine Ziele zu erreichen, scheute der Jesuitenorden keine Mittel. Zu trauriger Berühmtheit gelangte er durch die Lehre von der „reservatio mentalis“, wonach es als erlaubt angesehen wurde, daß, falls es sich um die Erreichung eines bestimmten Zweckes handelte, ein Jesuit bei der Abgabe einer Antwort, eines Versprechens oder gar eines Eides stillschweigend einen von den anderen nicht gehörten Vorbehalt machen dürfe, der gerade das Gegenteil von der eben gesprochenen Antwort oder dem eben abgelegten Eide bedeute.

Einer der hervorragendsten und unerschrockensten deutschen Kulturhistoriker, Johannes Scherr, hat auf Seite 277 seiner „Deutschen Kultur- und Sittengeschichte“ sein Urteil über die Jesuiten in folgende Worte zusammengefaßt:

„Der Jesuitismus wollte die ganze Erde zu einer Art Gottesstaat im Sinne des Katholizismus, zu einer Domäne des Papstes machen, der natürlich wiederum eine Marionette des Ordens sein sollte. Jedem freien Gedanken nicht nur, nein, dem Gedanken überhaupt auf den Kopf zu treten, an die Stelle des Denkens ein unklares Fühlen zu setzen, mit unerhörter Systematik und Konsequenz die Verdummung und Verknechtung der Massen durchzuführen, gescheite Köpfe, die Reichen und Mächtigen, die einflußreichen Leute jeder Art durch blendende Vorteile an sich zu fesseln, die vornehme Gesellschaft zu gewinnen mittels einer Moral, welche durch ihre Klauseln und Vorbehalte zu einem Kompendium des Lasters und Frevels wurde, die Armen durch Beachtung ihrer materiellen Bedürfnisse zum Danke zu verpflichten, hier der Sinnlichkeit, dort der Habsucht, hier der Gemeinheit, dort dem Ehrgeize zu schmeicheln, alles zu verwirren, um endlich alles zu beherrschen, die Zivilisation untergehen zu lassen in einer bloßen Vegetation und die Menschheit in eine Schafherde umzuwandeln: darauf ging die Gesellschaft Jesu aus. Ihre Organisation war großartig und bewunderungswürdig. Hier war in diametralem Gegensatze zu der auf Befreiung des Individuums gerichteten Reformationsidee das völlige Hingeben der Individualität an ein Ganzes durchgeführt. Das Herz des Jesuiten schlug in der Brust seines Ordens. Nie hat ein General gehorsamere, unerschrockenere, heldenmütigere Soldaten gehabt als der Jesuitengeneral, und nie auch wurde ein Heer mit meisterhafterer Strategie geführt, als die „Kompagnie Jesu“. In ewiger Proteuswandlung und dennoch stets dieselbe, führte sie den nimmerrastenden Krieg wider die Freiheit. Alles wurde auf diesen Zweck bezogen und alles mußte ihm dienen. Der Jesuit war Gelehrter, Staatsmann, Krieger, Künstler, Erzieher, Kaufmann, aber stets blieb er Jesuit. Er verband sich heute mit den Königen gegen das Volk, um morgen schon Dolch und Giftphiole gegen die Kronenträger in Anwendung zu bringen, weil bei veränderter Konstellation der Vorteil seines Ordens dies heischte. Er predigte den Völkern die Empörung und schlug zugleich schon die Schafotte für die Rebellen auf. Er scharrte mit gieriger Hand Haufen von Gold zusammen, um sie mit freigebiger Hand wieder zu verschleudern. Er durchschiffte Meere und durchwanderte Wüsten, um unter tausend Gefahren in Indien, China und Japan das Christentum zu predigen und sich mit von Begeisterung leuchtender Stirne zum Märtyrertode zu drängen. Er führte in Südamerika das Beil und den Spaten des Pflanzers und gründete in den Urwaldwildnissen einen Staat, während er in Europa Staaten untergrub und über den Haufen warf. Er zog Armeen als fanatischer Kreuzprediger voran und leitete zugleich ihre Bewegungen mit dem Feldmeßzeug des Ingenieurs. Er brachte das Gewissen des fürstlichen Herrn zum Schweigen, welcher die eigene Tochter zur Blutschande verführt, wie das der vornehmen Dame, welche mit ihrem Lakai Ehebruch trieb und ihre Stiefkinder vergiftet hatte. Für alles wußte er Trost und Rat, für alles Wege und Mittel. Er führte mit der einen Hand Dirnen an das Lager seiner prinzlichen Zöglinge, während er mit der anderen die Drähte der Maschinerie in Bewegung setzte, welche den Augen der Entnervten die Schreckbilder der Hölle vorgaukelte. Er entwarf mit gleicher Geschicklichkeit Staatsverfassungen, Feldzugspläne und riesige Handelskombinationen. Er war ebenso gewandt im Beichtstuhl, Lehrzimmer und Ratssaal wie auf der Kanzel und auf dem Disputierkatheder. Er durchwachte die Nächte hinter Aktenfaszikeln, bewegte sich mit anmutiger Sicherheit auf dem glatten Parkett der Paläste und atmete mit ruhiger Fassung die Pestluft der Lazarette ein. Aus dem goldenen Kabinett des Fürsten, den er zur Ausrottung der Ketzerei angestachelt hatte, ging er in die schmutztriefende Hütte der Armut, um einen Aussätzigen zu pflegen. Von einem Hexenbrande kommend, ließ er in einem frivolen Höflingskreise schimmernde Leuchtkugeln skeptischen Witzes steigen. Er war Zelot, Freigeist, Kuppler, Fälscher, Sittenprediger, Wohltäter, Mörder, Engel oder Teufel, wie die Umstände es verlangten. Er war überall zu Hause; er hatte kein Vaterland, keine Familie, keine Freunde; denn ihm mußte das alles der Orden sein, für welchen er mit bewunderungswürdiger Selbstverleugnung und Tatkraft lebte und starb. Nie fürwahr hat der Menschengeist ein ihm gefährlicheres Institut geschaffen als den Jesuitismus, und nie hat ein Kind mit so rücksichtsloser Entschlossenheit seinem Vater nach dem Leben getrachtet wie dieser.“ —

So Johannes Scherr. Wenn unter dem Priestertum des ganzen Weltalls die Jesuiten sich wirklich am gefürchtetsten gemacht haben, so beruht dies nicht nur darin, daß sie am rücksichtslosesten das uralte Ziel des Priestertums: die unbedingte Herrschaft über die gesamte Menschheit, über das Weltall zu erreichen strebten, sondern auch dem ihnen zugeschriebenen Schlagwort: „Der Zweck heiligt das Mittel“ getreu, in der Wahl der zum Ziele führenden Mittel und im Gebrauch derselben weniger skrupulös, sondern rücksichtsloser gewesen sind, als jemals irgendein anderer Priesterorden. In ihm sind die uralten Ziele des Priestertums gewissermaßen verkörpert; er stellt das Streben desselben in seiner höchsten Potenz dar.

„SIMONIE“, DER ÄMTERSCHACHER DER MITTELALTERLICHEN KIRCHE

Schon frühzeitig hatte sich in der katholischen Kirche ein Zustand eingebürgert, der allen Grundgedanken des Christentums im höchsten Grade widersprach, trotzdem aber während des Mittelalters eine geradezu erschreckliche Ausdehnung annahm: der Handel mit kirchlichen Ämtern, der Erwerb derselben durch Kauf, Bestechung oder gegen Versprechen von Gegenleistungen. Man nannte dieses unlautere Verfahren, sich in den Besitz geistlicher Ämter zu setzen: „Simonie„, nach dem im 8. Kapitel der Apostelgeschichte genannten Zauberer Simon, der den Aposteln gegen Geld den „Heiligen Geist“ habe abkaufen wollen.

Diese von den Päpsten des Mittelalters in ausgedehntestem Maße betriebene Simonie wurde zu einem förmlichen Fluch, dessen Abstellung eine der wichtigsten Forderungen bildete, die von allen eine Erneuerung, eine Reformation der Kirche anstrebenden Männern erhoben wurde. Mit welchem Recht, dürfte ein näheres Eingehen in diese Vorkommnisse dartun.

Während der ersten Jahrhunderte des Christentums wurde beim Ableben eines Bischofs oder Metropoliten das freigewordene Amt von den Stifts- oder Domherren neu besetzt, indem sie aus ihrer Mitte den Würdigsten zum Nachfolger des Verstorbenen erwählten. Bald aber begannen die Päpste auf Grund ihrer angeblichen „Apostolischen Autorität“ nicht nur das Recht zu beanspruchen, solche frei gewordenen Stellen neu zu besetzen, sondern sie erließen auch die Vorschrift, daß kein von den Stiftsherren erkorener Bischof oder Erzbischof sein Amt antreten und ausüben dürfe, bis er vom Papste konfirmiert, d. h. bestätigt worden sei. Erfolgte diese Bestätigung, so übersandten die Päpste dem Erwählten zum Zeichen seiner nunmehrigen Verbindung mit dem Apostolischen Stuhl das „Pallium“, jenen bereits in früheren Abschnitten erwähnten togaähnlichen Überwurf, der einem vom Apostel Petrus angeblich getragenen weißen Mantel gleichsehen sollte.

Bis zum Anfang des 8. Jahrhunderts war das Pallium frei verliehen worden. Seine Annahme seitens des Bischofs oder Erzbischofs galt als Zeichen dafür, daß derselbe die Oberherrlichkeit des Papstes anerkenne. Mit der Zeit wußten die Päpste den Erzbischöfen es aber klarzumachen, daß sie dieses Pallium, das äußere Kennzeichen ihres Amtes, käuflich erwerben müßten, trotzdem es von seiner ursprünglichen Togaform auf ein nur vier Finger breites, mit mehreren schwarzen oder roten Kreuzen verziertes Band eingeschrumpft war, das derart um den Hals geschlungen wurde, daß die Enden über die Brust herniederhingen. Schon um die Mitte des 8. Jahrhunderts wurden Klagen laut, daß für die Erteilung des Palliums in Rom Geld genommen würde. Zwar erklärte der damalige Papst Zacharias es für eine Verleumdung, daß der Apostolische Stuhl eine Gabe, die ihm durch die Gnade des Heiligen Geistes verliehen sei, verkauft haben sollte. Aber die Nachfolger jenes Papstes ließen sich durch solche Gewissensfragen keineswegs anfechten, sondern trieben die für die Verleihung des Palliums geforderten Abgaben allmählich zu solcher Höhe empor, daß sie für die erzbischöflichen Diözesen, welche die Gelder aufbringen mußten, eine überaus harte, viel Ärgernis erregende Besteuerung wurden, zumal sie beim Antritt jedes neuen Erzbischofs von der Diözese oder dem Volk wiederum aufgebraucht werden mußte.

Bereits zu Ende des 13. Jahrhunderts hatten diese Konfirmations- oder Bestätigungsgebühren eine große Höhe erreicht. Die Erzbistümer Toulouse und Sevilla mußten je 5000, Cambrai 6000, Longres 9000, die Erzbistümer Mainz, Trier und Salzburg je 10000, Rouen sogar 12000 Goldgulden entrichten. In ähnlicher Weise stuften sich die Bestätigungsgebühren für die verschiedenen Abteien nach ihren Vermögen ab.

Während der folgenden Jahrhunderte wurden diese Gebühren noch wesentlich erhöht. Für das Erzbistum Mainz steigerten sie sich bis auf 30000 Goldgulden. Und da in den Jahren 1505, 1508 und 1513 das Erzbistum Mainz dreimal frei wurde, so hatte seine Bevölkerung in weniger denn 10 Jahren dreimal den Betrag von 30000 Goldgulden aufzubringen. Dazu kamen noch die sogenannten „Annaten“ oder ersten Jahreseinnahmen, die jeder neue Erzbischof, Bischof und Abt von seinen Einkünften dem Papst überlassen mußte. Für das Erzbistum Mainz stellten sich diese Annaten jedesmal auf 175000 Goldgulden[Gräbner, Th., „The Dark Ages“, S. 172.].

Pallium

Pallium

Schon im Jahre 1311 war das zu Vienna abgehaltene Konzil genötigt, über folgende ihm zugegangene Beschwerde zu verhandeln: „Göttlichen und menschlichen Gesetzen gemäß soll an eine und dieselbe Person nur ein kirchliches Amt vergeben werden. Jetzt aber werden vier bis fünf, bisweilen sogar zehn bis zwölf Ämter an eine Person, und zwar oft an eine durchaus unfähige vergeben, so daß dieselbe alle Einkünfte und Ehren empfängt, die fünfzig bis sechzig wohlvorbereiteten und gut geschulten Männern reichliche Beschäftigung geben könnten.“

Diese Beschwerde hatte zur Folge, daß Papst Johann XXII. in seiner am 30. Juli 1322 ausgegebenen Bulle „Execrabilis“ verordnete, daß fortan kein Geistlicher mehr als ein Amt bekleiden solle. Aber er traf auch gleichzeitig die Bestimmung, daß, wo doch mehrere Ämter von einer Person verwaltet würden, die Benefizien oder Einkünfte dieser Ämter dem Papst zufallen sollten. Der damalige florentinische Staatsmann und Historiker Villani beschuldigte diesen Papst, derselbe habe sich durch diese Bestimmungen die Einkünfte der reichsten Ämter der ganzen Christenheit, insbesondere aller Kirchen Oberitaliens verschafft. Sein dadurch zusammengescharrtes Vermögen habe in barem Gelde 18000000 Goldgulden, außerdem 7000000 Goldgulden in allerhand Wertgegenständen betragen[Gräbner, Th., „The Dark Ages“, S. 169.].

Dem von 1342—1352 zu Avignon in Frankreich residierenden Papst Clemens VI. wirft Trevelyan auf Grund sorgfältiger Erhebungen vor, daß an seinem lasterhaften Hof die Einkünfte von in allen katholischen Ländern Europas gelegenen Pfarreien an die Meistbietenden zum Kauf ausgeboten und die dadurch erzielten Gelder in üppigen Gelagen verpraßt worden seien. Schon bald nach dem Amtsantritt dieses Papstes hatten sich in Avignon an die 100000 Personen eingestellt, um sich an dem widerlichen Schacher um die Kirchengüter zu beteiligen[Trevelyan, G. M., „England in the Age of Wycliffe“ (London 1900), S. 76.].

Die an den päpstlichen Höfen zu Rom und Avignon vorhandenen Stellen waren gleichfalls Gegenstand schamlosen Ämterschachers. Trotz ihrer hohen Preise waren sie stets begehrt. Jeder der überaus zahlreichen Schreiber-, Advokaten- und Richterposten hatte seinen Preis. Das Amt eines „Apostolischen Sekretärs“ kostete, obwohl nur mit 200 Dukaten jährlich besoldet, 2500 Dukaten; der Versiegler der päpstlichen Dokumente bezahlte für sein 550 Dukaten einbringendes Privilegium 5500 Dukaten; die mit 300 Dukaten besoldeten Türhüter hatten 2000 Dukaten herzugeben.

M. Creighton berichtet auf Seite 121 des 3. Bandes seines 1892 in London erschienenen Werkes: „The Papacy during the Period of the Reformation“, Papst Innozenz VIII. (1484—1492) habe gleich nach seinem Antritt 52 neue Sekretariatsstellen geschaffen. Jede dieser Stellen habe er zum Preise von 2500 Goldgulden (= 56000 $) verkauft. Leo X., der von 1513—1522 den päpstlichen Stuhl innehatte, habe aus 2550 Benefizien 3000000 Goldgulden bezogen, ferner 39 neue Kardinalämter geschaffen, wodurch ihm weitere 511000 Dukaten zuflossen. Alle diese Ämter galten nur so lange, als der Papst, der sie geschaffen hatte, unter den Lebenden weilte. Als Leo X. im Jahre 1522 starb, wurden 2550 von ihm geschaffene Ämter von seinem Nachfolger Hadrian VI. mit einem Federzug als vakant erklärt und standen aufs neue zum Verkauf feil. Am teuersten waren zweifellos die Kardinalshüte und die damit verbundenen Würden. Ihre Erstehungsgebühren beliefen sich von 10000—30000 Goldgulden das Stück. J. A. Seymonds berichtet in seinem 1881 in Neuyork erschienenen Werke: „Renaissance in Italy“ (I, 144), daß ihrer im Jahre 1500 zwölf an einem Tage verkauft wurden.

Nicht mit Unrecht klagte Baptista Montanus, der Verfasser der Schrift: „De Calamitate Temporum“: „Alles ist jetzt käuflich, die Kirchen, die Priester, die Altäre, die Sakramente, die Gebete, der Himmel und Gott obendrein!“ —

Der Kardinal Cibo, ein Günstling des Papstes Leo X., hatte nebenbei zehn Bistümer inne. Der Fürstbischof Johann IV. von Lothringen bekleidete gleichzeitig drei Erzbistümer, zehn Bistümer und fünf Abteien[Zöckler, A., „Handbuch der theologischen Wissenschaften“, II, 201.]. Albrecht von Brandenburg war nicht nur Erzbischof von Mainz und Magdeburg, sondern auch Bischof zu Halberstadt. Der englische Erzbischof Wolsey von York war gleichzeitig Bischof in Winchester, Bath und Durham, obendrein Abt von St. Albans[Froude, J. A., „History of England“, I, 101.]. Fast durchweg beschränkten diese hochwürdigen Herren ihre Tätigkeit darauf, den ihnen besonders zusagenden Ort zu ihrer Residenz zu machen und sämtliche aus den verschiedenen Pfründen kommenden Abgaben einzustreichen, während sie die Verwaltung der anderen geistlichen Ämter meist in die Hände schlecht bezahlter Stellvertreter legten.

Dieser von den Päpsten eingeführte und von den Kardinälen und Erzbischöfen nachgeahmte Ämterschacher sowie die damit verbundenen Erpressungen setzten sich natürlich nach unten hin fort; denn jeder suchte sich für die mit dem Erlangen einträglicher Pfründe verbundenen Geldausgaben schadlos zu halten. Wie die Päpste und die höhere Geistlichkeit sich den geringeren Priestern gegenüber allerlei Erpressungen schuldig machten, so bedrückten diese wiederum die Kirchendiener und die Laien. Letzten Endes mußten die Laien die ganze Zeche tragen, da sie für sämtliche priesterlichen Handlungen, für Taufe, Beichte, Trauung, Abendmahl, Begräbnis und Messelesen die vorgeschriebenen Preise zu zahlen hatten, die auch von den Ärmsten entrichtet werden mußten.

TRUG- UND SCHRECKMITTEL DER MITTELALTERLICHEN KIRCHE

Zu den Mitteln, mit welchen die Priester des Mittelalters auf die Gemüter der gläubigen Christen einzuwirken suchten, gehörten auch ähnliche Betrügereien, wie solche in dem Abschnitt „Tempelgeheimnisse des Altertums“ geschildert wurden. Gleich den Priestern Ägyptens, Indiens, Palästinas, Alt-Griechenlands und Roms verfügten auch die christlichen Priester über weinende und sprechende Heiligenbilder; desgleichen waren sie imstande, allerhand Erscheinungen hervorzurufen, die auf empfängliche Herzen tiefen Eindruck machten. Als vor mehreren Jahren in dem württembergischen Kloster Maulbronn Renovationsarbeiten nötig wurden, entdeckte man hinter mehreren alten Heiligenfiguren feine künstliche Röhrensysteme, die zu der Vermutung Anlaß gaben, daß sie dazu gedient hätten, die Heiligen zu gegebener Zeit weinen zu lassen.

Daß solche Täuschungen in manchen Kirchen und Klöstern tatsächlich ausgeführt wurden, ist aus manchen mittelalterlichen Chroniken ersichtlich. So befand sich in dem ehemaligen oldenburgischen Kloster Rastede ein wundertätiges silbernes Muttergottesbild. Als im Jahre 1461 die beiden oldenburgischen Grafen Moritz und Gerd die Waffen widereinander erhoben, weinte diese Madonna derart, daß die Tränen über ihr Kleid herunterschossen. Außerdem wurde sie im Gesicht vor Zorn ganz rot. —

Auch die von Anshelm geschriebene und von Stierling herausgegebene „Berner Chronik“ enthält im 3. Bande Seite 369 sowie im 4. Bande Seite 1 die Angaben, daß die in Bern seßhaft gewordenen Dominikanermönche zur Förderung ihrer verschiedenen Angelegenheiten im Jahre 1509 ein dort befindliches Marienbild blutige Tränen weinen ließen. Ferner hätten sie Heilige mit Briefen vom Himmel erscheinen lassen und einem betörten Menschen die Wundmale Christi eingebrannt. —

Zur Zeit der Reformation in England zerbrach Hilsey, der Bischof der Stadt Rochester, vor allem Volk ein in der St.-Pauls-Kirche zu London aufbewahrtes Kruzifix und erklärte dessen geheime Funktionen. Er ließ die Figur des Heilandes den Kopf bewegen, die Augen rollen und mittels eines hinter demselben verborgenen Schwammes Tränen vergießen[Hume, David, „History of England“, II, 177. Gräbner, Th., „The Dark Ages“, S. 19. Eine solche wundertätige Christusfigur ist in der zur Diözese Santander in Spanien gehörigen Dorfkirche zu Limpias noch heute zu sehen. Das „Rosario Magazine“, eine in Somerset, Ohio, erscheinende katholische Monatsschrift, brachte in ihrer Ausgabe vom Oktober 1928 einen längeren Aufsatz über diesen „Christ of Limpias“, in dem geschildert ist, daß die Figur des in der Kirche hängenden Kruzifixes nicht nur die Augen, sondern auch den ganzen Kopf und die Lippen bewegte. Außerdem sei eine Flüssigkeit rasch den Hals und die Brust hinabgeströmt. Der Aufsatz enthält auch eine vom Pfarrer des Ortes am 19. April 1927 unterzeichnete längere schriftliche Erklärung, daß diese Erscheinungen sich vier Jahre lang täglich wiederholten und von über 4000 Personen, darunter Ärzten, Magistratspersonen, Offizieren, Granden, Bischöfen, Seeleuten, Künstlern usw. gesehen worden seien.]. —

Ein Kloster, das sich in der Nähe der in der Grafschaft Gloucester gelegenen Stadt Hales befand, rühmte sich des Besitzes einer Reliquie von ganz besonderer Art. Dieselbe bestand aus mehreren Tropfen Blutes, die angeblich den Nagelwunden des am Kreuze hängenden Christus entflossen und in einer gläsernen Phiole aufgefangen waren. Im Kloster gezeigt erfreute sich diese kostbare Reliquie selbstverständlich eines ungeheuren Zulaufs. Merkwürdigerweise wollte sich dieses heilige Blut aber nur solchen Pilgern sichtlich offenbaren, die durch genügend große Opferspenden Absolution von allen jemals begangenen Sünden erkauft hatten.

Als das Kloster aufgelöst wurde, ward auch der an den frommen Pilgern bisher verübte Betrug offenbar. Es ergab sich nämlich, daß die das kostbare Blut enthaltende gläserne Phiole auf der einen Seite sehr dünn und durchscheinend, auf der anderen hingegen dick und undurchsichtig war. Zwei dem Kloster angehörige Mönche bekannten, daß wohlhabenden Pilgern die undurchsichtige Seite so lange zugewendet wurde, bis sie ihre Barmittel erschöpft hatten. Erst dann wurden sie durch eine leichte Drehung der Phiole des Anblicks des heiligen Blutes teilhaftig gemacht. Die beiden Mönche gestanden ferner, daß der in der Phiole enthaltene Saft Taubenblut gewesen und allwöchentlich erneuert worden sei. —

Über ein ähnliches „Blutwunder“ berichtete der amerikanische Professor Andrew D. White in seiner „History of the Warfare of Science with Theology“ (II, 80). Der Schauplatz war die Kapelle des heiligen Januarius in der Kathedrale der Stadt Neapel. Professor White sah zunächst, wie auf den Altar dieser Kapelle ein silberner Reliquienbehälter in Form eines großen Menschenkopfes gestellt wurde. Derselbe umschloß angeblich den Schädel des Heiligen. Daneben wurden zwei Fläschchen gestellt, die vorher auf einer Wand gestanden hatten und eine dunkle Masse enthielten. Die dunkle Masse sei, so wurde behauptet, das eingetrocknete Blut des Heiligen, werde aber zur Feier des Tages wieder flüssig werden. Während nun die Priester die Messe lasen, wendeten sie die beiden Flaschen von Zeit zu Zeit um, um zu beobachten, ob sich das Wunder vollziehen werde. Da es sich für längere Zeit verzögerte, wurde die vor dem Altar kniende und andächtige Gebete murmelnde Menge ungeduldig und brach in leidenschaftliche an den heiligen Januarius gerichtete Anrufungen und Beschwörungen aus. Insbesondere einige Lazaroni, die sich auf ihre Abstammung von der Familie des Heiligen beriefen, gebärdeten sich über die Verzögerung äußerst ungehalten und begannen ihren Stammvater in heftigen Worten auszuschelten. Falls es ihm nicht beliebe, durch Flüssigmachen seines Blutes der Stadt Gunst und Ehre zu erweisen, so wären St. Cosmos und St. Damian ebenso gute Heilige wie er. Auch würden sie schwerlich zögern, durch Wunder aller Art die Bevölkerung der Stadt für sich zu gewinnen.

Da, als die Erregung den Siedepunkt erreicht hatte, vollzog sich das längst ersehnte Mirakel. Bei einer abermaligen Umwendung der Fläschchen durch den Priester zeigte es sich, daß die vorher feste Masse in beiden Behältern flüssig geworden war. Nun vereinten sich Priester, Volk, Chor und Orgel zu einem gewaltigen „Te Deum“; Glockengeläute erklang; Kanonendonner erdröhnte; eine Prozession wurde formiert, in deren Mitte die Reliquien des Heiligen durch die Straßen getragen wurden, wo auf beiden Seiten die Bewohner der Stadt auf den Knien lagen oder den Weg der Prozession mit Rosenblättern bestreuten.“ —

„Für die Wissenschaftler“ — so fährt Professor White in seiner Schilderung fort — „ist die Erklärung dieses vermeintlichen Wunders sehr einfach. Ohne Zweifel enthielten die beiden Fläschchen eine jener Mischungen, die während ihres Stehens in einer kühlen Temperatur fest bleiben, aber allmählich schmelzen, wenn sie in wärmere Umgebung gebracht werden. Hier vollzog sich das Wunder, als die Fläschchen von ihrem bisherigen Standpunkt zwischen den kalten Kirchenmauern in die heiße Luft der überfüllten Kapelle gebracht wurden und mit den warmen Händen der Priester beständig in Berührung kamen.“ —

Auf Seite 43 des II. Bandes seines bereits genannten großen Werkes berichtete Professor White auch über eine Entdeckung, die gelegentlich der Renovierung der Kathedrale zu Trondhjem in Norwegen gemacht wurde. Dieser Tempel umschloß einst eine wundertätige Quelle, durch welche dem Gotteshause während des Mittelalters bedeutende Reichtümer zugeflossenwaren. Der Ruf der Kirche war durch alle Lande gedrungen, da in der Umgebung der Quelle vielfach die lieblichen Stimmen von Engeln vernommen wurden, die augenscheinlich die Quelle unter ihren Schutz genommen hatten. Für diese Engelstimmen fand sich bei der Renovierung der Kathedrale eine Erklärung, als man in der hinter der Quelle stehenden Wand ein Sprachrohr bloßlegte, ähnlich jenen, durch welche die Priester des Altertums ihre Götter und Göttinnen zu den Gläubigen reden ließen. —

Priester an einem Sterbelager. Holzschnitt in dem im Jahre 1489 in Nürnberg gedruckten Buch Versehung eines Menschen Leib, Sel, Er und Gut

Priester an einem Sterbelager.

Holzschnitt in dem im Jahre 1489 in Nürnberg gedruckten Buch: „Versehung eines Menschen Leib, Sel, Er und Gut“.

Von manchen Kunsthistorikern sind die Päpste und Erzbischöfe des Mittelalters, insbesondere der Renaissancezeit, als Förderer aller künstlerischen Bestrebungen gefeiert und verherrlicht worden. Ihrer fürstlichen Freigebigkeit und ihrem Kunstsinn verdanke die Welt viele jener Wunderwerke, die von Michelangelo, Raffael Santi, Leonardo da Vinzi, Tizian, Correggio, Holbein, Dürer und anderen Meistern geschaffen wurden. Nicht zu vergessen die stolzen Kathedralen und Dome, die als weithin sichtbare Wahrzeichen die Städte der Christenheit zieren. Daß der Ursprung vieler Skulpturen, Gemälde und Architekturwerke auf die Anregung mancher Päpste und Erzbischöfe zurückzuführen ist, unterliegt keinem Zweifel. Aber die Meister der Bildhauerkunst, der Malerei und Architektur wurden nicht etwa mit Aufträgen bedacht, um die Künste zu fördern, sondern die von ihnen geschaffenen Werke hatten in allererster Linie die Bestimmung, auf die Gemüter der gläubigen Christen einzuwirken und sie für die Zwecke der Kirche, für Opfer, Ablaß, fromme Stiftungen, Vermächtnisse und Totenmessen willfährig zu machen.

Die Päpste waren nicht die ersten Priester, welche erkannten, wie stark und nachhaltig man durch bildliche und figürliche Darstellungen auf die leichtgläubige Menge einwirken könne. Schon die Priester des Altertums waren sich der Macht solcher Darstellungen wohl bewußt. Daher die in den Tempeln aufgestellten Götterfiguren, daher die in den altägyptischen Totenbüchern enthaltenen Bilder, welche die Gerichtssitzung der Götter über die Seelen der Verstorbenen veranschaulichten und die Hinterbliebenen dieser Verstorbenen zu fleißigen Opfern anspornen sollten, damit den Seelen ihrer teuern Angehörigen der Eingang in das bessere Jenseits gesichert werde.

Geht man auf die im Auftrage der Päpste geschaffenen Bildwerke näher ein, so wird man unschwer erkennen, daß fast allen die Absicht zugrunde liegt, in ähnlicher Weise auf die Gemüter der Gläubigen einzuwirken.

Da sind zunächst zahlreiche Gemälde, welche die „Heiligen Drei Könige“ veranschaulichen, wie sie zu Füßen der Mutter Gottes knien und dem freundlich lächelnden Jesuskindlein reiche Geschenke aller Art darbringen, eine Mahnung an alle Christen, diesem Beispiel jener fernher aus dem Morgenlande gekommenen Weisen zu folgen und sich der von Jesus gestifteten Kirche gegenüber ebenso gebefreudig zu zeigen.

Da sind ferner unzählige bildliche und figürliche Darstellungen Marias, der Mutter Gottes, dazu geschaffen, um in den so empfänglichen Herzen der Jungfrauen und Mütter den Kultus der Madonna zu befestigen und immer weiter auszubilden. Da sind ferner die unzähligen Bilder und Figuren der Heiligen beiderlei Geschlechts, bestimmt, die Verehrung dieser Heiligen aufrechtzuerhalten und die frommen Christen zu häufigen Wallfahrten zu den Reliquien und zu reichlichen Opfern an den Heilstätten dieser Heiligen zu veranlassen. Dem gleichen Zwecke dienen die vielen gemalten Darstellungen von allerlei Wundertaten, die von solchen Heiligen angeblich verrichtet wurden.

Da sind ferner mancherlei Darstellungen, die den Beschauern jene Leiden offenbaren, die sämtliche noch so fromme Christen im Fegfeuer durchzumachen haben, bis sie, von allen Fehlern, Sünden und Schlacken gereinigt, in das himmlische Reich eingehen können. Angesichts der auf solchen Bildern dargestellten, von Flammen umloderten Christen war es kaum notwendig, die noch auf Erden Wandelnden daran zu erinnern, daß die Zeit des Verbleibens im Fegefeuer durch reichliche Spenden an die Kirche und durch Messelesen um Jahrhunderte, ja, um Jahrtausende abgekürzt werden könne.—

Um dickfällige, krampfhaft auf den in sündiger Habgier gefüllten Geldsäcken sitzende Knauser und Geizhälse kirrezumachen, erwiesen sich riesige Wandgemälde vortrefflich geeignet, wie ein solches auf dem „Campo santo“ zu Pisa in Italien zu sehen war und wie es bereits in einem früheren Kapitel beschrieben wurde.

Und nun gar erst jene gewaltigen Darstellungen vom „Jüngsten Gericht“, wie eine solche durch Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle des Vatikans veranschaulicht wurde und auf der die Gläubigen von Engeln zur ewigen Seligkeit emporgeführt werden, wohingegen sämtliche Zweifler, Ketzer und Heiden dem Höllenpfuhl verfallen, wo ihrer die grauenhaftesten Qualen warten.

Ein ähnliches monumentales Gemälde, von Peter Paul Rubens stammend, ist jetzt in der Münchener Pinakothek zu sehen. Es zeigt in furchtbarster Lebendigkeit die Schrecken des „Jüngsten Tages“, die feierliche Majestät des Herrn, die Posaunenbläser, die Demut der Erlösten und das Elend der Verstoßenen.

Außer mit solchen Gemälden wurde die mittelalterliche Christenheit mit zahllosen Holzschnitten und Kupferstichen überschwemmt, die den Kindern der Welt dartun sollten, daß der Teufel wirklich in allerlei Gestalten und Verkleidungen einhergehe, um die ahnungslose Menschheit zu versuchen und zum Abfall vom Reiche Gottes zu verleiten. Besonders wirksam auf abergläubische Gemüter dürften sich jene weitverbreiteten Holzschnitte erwiesen haben, die Kranke auf ihren Sterbebetten liegend darstellen. Ein Geistlicher ist eben dabei, den Hinscheidenden mit den Sterbesakramenten zu versehen und jene geflügelten Teufel abzuwehren, die neben dem Lagerstehen oder zu Häupten des Sterbenden fliegen, um seine ausfahrende Seele zu haschen.

Ein Opfer-Wickelkind, ein Opfer-Herz, Opfer-Augen und eine Opfer-Zunge aus Wachs geformt

Ein Opfer-Wickelkind, ein Opfer-Herz, Opfer-Augen und eine Opfer-Zunge aus Wachs geformt.

Advertisements

Über Laetitia

Schau doch mal in meinen Blog rein: „Neue Volkswarte“ :)
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s