[12] R. C. DARWIN / DIE ENTWICKLUNG DES PRIESTERTUMS UND DER PRIESTERREICHE

In diesem Beitrag kann man folgende Kapitel aus dem Buch “Die Entwicklung des Priestertums und der Priesterreiche” von Rudolf Cronau (Pseudonym “Randolph Charles Darwin”) lesen:

Ein komplettes Inhaltsverzeichnis des Buches befindet sich in Beitrag 1.

„Infolge dieser Bestimmungen entwickelte sich innerhalb der katholischen Kirche überraschend schnell ein förmlicher Reliquienkult. Jede Kapelle, jedes Kloster, jede Kirche bestrebte sich, baldmöglichst in den Besitz solcher Reliquien zu kommen; denn je größer ihre Zahl und je heiliger die Reliquien waren, desto größer war auch der Zulauf des Volkes, desto größer die Opfer, Gaben und der Nutzen, der daraus den Kirchen, Klöstern und Kapellen erwuchs; denn umsonst waren die Reliquien keineswegs zu sehen.“,

„Um diesen widerwärtigen Zuständen ein Ende zu machen, wurde im Jahre 1409 eine allgemeine Kirchenversammlung nach Pisa einberufen. Hier wurde beschlossen, daß die zu der Versammlung erschienenen Kardinäle, Erzbischöfe, Bischöfe und Äbte als eine über den derzeitigen Päpsten stehende Behörde betrachtet werden solle, mit der Befugnis, Päpste ein- und absetzen zu können. Um für weitere Entschließungen völlig freie Hand zu haben, wurden die zur Zeit in Avignon und Rom ihres Amtes waltenden Päpste aufgefordert, zunächst abzudanken und die weitere Entscheidung dem Konzil zu überlassen. Da aber beide Päpste sich weigerten, diesem Ersuchen nachzukommen, so erklärte das Konzil sie für abgesetzt, worauf man zur Wahl eines neuen Papstes schritt. Aber die zu Avignon und Rom sitzenden Päpste ignorierten alle Beschlüsse und Maßnahmen des Konzils; so hatte man nunmehr drei Päpste und eine schlimmere Verwirrung denn je zuvor. —“,

„Infolge dieser Bestimmungen entwickelte sich innerhalb der katholischen Kirche überraschend schnell ein förmlicher Reliquienkult. Jede Kapelle, jedes Kloster, jede Kirche bestrebte sich, baldmöglichst in den Besitz solcher Reliquien zu kommen; denn je größer ihre Zahl und je heiliger die Reliquien waren, desto größer war auch der Zulauf des Volkes, desto größer die Opfer, Gaben und der Nutzen, der daraus den Kirchen, Klöstern und Kapellen erwuchs; denn umsonst waren die Reliquien keineswegs zu sehen.“,

„Auf den niedrigsten Tiefstand sittlicher Verkommenheit sank das Papsttum unter seinen Oberhäuptern Paul II. (1464—1471); Sixtus IV. (1471-1484); Innozenz VIII. (1484— 1492); Alexander VI. (1492-1503); Julius II. (1503—1513); Leo X. (1513—1522) und Clemens VII. (1523—1534). Habgier, Herrschsucht, Mordlust und Unzucht waren für diese „Päpste der Renaissance“ bezeichnend, ganz insbesondere für den aus dem spanischen Geschlecht der Borgia hervorgegangenen Alexander VI. Man hat denselben „den Virtuosen des Verbrechens“ genannt, da Verrat, Meineid, heimliches Gift und Mord oft von ihm angewendete Mittel waren, um seine niedrigen Leidenschaften zu befriedigen. Mit Vanozza dei Cattanei, einer seiner zahlreichen Mätressen, hatte dieser Papst eine Tochter, Lukrezia, sowie vier Söhne, von denen er den ältesten, Cesare Borgia, nicht nur zum Kardinal machte und später auch zum Herzog von Romagna erhob, sondern auch völlig unbestraft ließ, als derselbe sowohl seinen eigenen Bruder, wie auch den Gatten seiner Schwester Lukrezia ermordete.“,

„Nicolo Machiavelli, der bedeutendste Staatsmann und Geschichtschreiber jener Zeit, klagte in seinen „Discorsi“, daß, je mehr man sich der Stadt Rom, dem Hauptsitz der Christenheit, nähere, die Frömmigkeit der Bevölkerung abnehme. Es scheine, der Untergang der Kirche stehe bevor. Infolge der von den Päpsten und den Priestern gegebenen üblen Beispiele seien Italien alle Begriffe von Moral und Religion abhanden gekommen. —“

Ab hier geht es weiter mit dem Originaltext des Buches:


DIE ENTWICKLUNG DES CHRISTLICHEN RELIQUIENKULTS UND DAS ENTSTEHEN DER CHRISTLICHEN WALLFAHRTSORTE

Die seit uralten Zeiten in vielen Ländern des Orients wie auch im alten Hellas und in Rom bestehende Sitte, allerhand Gegenstände, die an hervorragende Helden und segenspendende Gottheiten erinnerten, zu verehren und Wallfahrten an die Aufbewahrungsorte solcher „Reliquien“ zu unternehmen, wurde trotz des Widerspruchs einzelner Kirchenlehrer auch von den Priestern des Christentums aufgenommen. Erinnerten sie sich doch, daß gerade durch derartige Wallfahrten vielen heidnischen Tempeln ungeheure Reichtümer zugeflossen waren. So ließ man denn schon im Jahre 326 Helena, die Mutter des Kaisers Konstantin, trotz ihres hohen Alters von 79 Jahren noch eine Pilgerfahrt von Byzanz nach Palästina unternehmen und dort die wundersamsten Entdeckungen erleben. Nicht nur gelang es, in ihrem Beisein die angebliche Geburtsstelle Christi wiederzufinden, sondern auch das Grab, in dem er drei Tage geruht habe und aus dem er gen Himmel emporgefahren sei. Mehr noch, auch „das wahre Kreuz“, an dem der Erlöser gestorben sei, wurde nebst jenen der beiden mit ihm hingerichteten Schächer entdeckt. Und zwar in völlig unversehrtem Zustand, obwohl seit dem Tode der drei Gerichteten nahezu 300 Jahre verflossen waren! Da sich aber die Inschrift, die Pilatus angeblich über dem Haupte Jesu hatte anheften lassen und in der er als „der König der Juden“ bezeichnet worden war, nicht mit vorfand, so stand man vor der Frage, welches von den drei Kreuzen das heilige sei. Die findigen Priester, unter deren Aufsicht und Beistand all diese wundersamen Entdeckungen gemacht wurden, wußten aber Rat. Sie ließen eine schwerkranke Frau holen und geboten ihr, sich auf eines der Kreuze zu legen. Da ihr Zustand sich sofort verschlimmerte, so schloß man daraus, daß dieses Kreuz das jenes gottlosen Schächers gewesen sein müsse, der Jesus verspottete. Man legte die Kranke nunmehr auf ein anderes Kreuz und fand, daß ihr um vieles wohler wurde. Doch als sie endlich auf das dritte gelegt wurde, stand sie sofort frisch und gesund auf. Das Kreuz Jesu war gefunden![ Ausgesprochene Gegner der Reliquienverehrung waren Vigilantius, Presbyter in Barcelona, und Aerius, Presbyter in Sebaste. Namentlich der erstgenannte verurteilte in einer um das Jahr 402 verfaßten Schrift die Verehrung toter Menschen und ihrer Überreste als einen aus dem Heidentum übernommenen Götzendienst.] Wer hätte wagen dürfen, an der Echtheit desselben zu zweifeln, wo es doch in Gegenwart der Mutter des Kaisers entdeckt worden war! Weil sie das fromme Werkzeug gewesen, durch das jene heiligen Orte und Gegenstände wiedergefunden wurden, wurde auch sie später unter die Heiligen versetzt[Encyclop. Britannica unter „St. Helena“.]. —

Die Legende sagt, daß das heilige Kreuz bald nach seiner Auffindung in viele kleine Stückchen zerschnitten worden sei, die über die gesamte Christenheit verteilt wurden. Schon Cyrill von Jerusalem klagte, daß die ganze Welt mit Splittern vom Kreuz Christi erfüllt wäre. Aber der heilige Paulinus versicherte nichtsdestoweniger, daß trotz der Zerstückelung das Kreuz niemals kleiner geworden, sondern sich stets wieder ergänzt habe[Catholic Encyclop. (Neuyork) IV, 523. Encyclop. of Bibl. Theol. & Eccles. Literature (Neuyork) II, 575—581.].

Infolge der so überaus erfolgreichen Wallfahrt Helenas kamen Reisen gläubiger Christen ins „Gelobte Land“ rasch in Aufnahme, zumal die Priester für die Verbreitung der Anschauung sorgten, daß solche Wallfahrten zu den von heiligen Personen geweihten Stätten höchst verdienstlich und sündenreinigend seien, und daß von den Reliquien der Heiligen eine Wunderwirkung ausgehe, die sich in Krankheitsfällen häufig offenbare.

Dementsprechend wurde dem römischen Katechismus der Lehrsatz einverleibt, daß alle Heiligen und Märtyrer ehrfurchtsvoll zu verehren seien, daß aber auch deren Reliquien gleiches Vertrauen verdienten, „weil die Wunderkraft der Heiligen auf ihre Überreste übergehe, so daß sie Mittel und Organe würden, durch die Gott den Notleidenden beistehe“[ Catholic Encyclop. (Neuyork) IV, 523. Encyclop. of Bibl. Theol. & Eccles. Literature (Neuyork) II, 575—581.].

Diesem Lehrsatz schloß sich bald eine päpstliche Verordnung an, der zufolge fortan in jedem zum Gottesdienst verwendeten Altar der katholischen Kirche die Reliquie mindestens eines Heiligen eingeschlossen sein müsse. Der Altar werde dadurch gewissermaßen zum Grabe des Heiligen. Weiter wurde bestimmt, daß auf einem Altar ohne Reliquie kein Meßopfer dargebracht werden dürfe.

Infolge dieser Bestimmungen entwickelte sich innerhalb der katholischen Kirche überraschend schnell ein förmlicher Reliquienkult. Jede Kapelle, jedes Kloster, jede Kirche bestrebte sich, baldmöglichst in den Besitz solcher Reliquien zu kommen; denn je größer ihre Zahl und je heiliger die Reliquien waren, desto größer war auch der Zulauf des Volkes, desto größer die Opfer, Gaben und der Nutzen, der daraus den Kirchen, Klöstern und Kapellen erwuchs; denn umsonst waren die Reliquien keineswegs zu sehen.

Dem zunehmenden Hang der glaubensfrommen, wundersüchtigen Zeit kamen viele aus dem Orient heimkehrenden Wallfahrer und Mönche entgegen, indem sie förmliche Schätze solcher Reliquien heimbrachten: einzelne Teile und Teilchen von den Körpern angeblicher Heiligen, ganze Skelette, ferner Dinge, die von angeblichen Heiligen getragen worden seien oder in engen Beziehungen zu denselben gestanden hätten. Ein sehr schwunghafter Handel wurde auch von Rom aus betrieben, wo die Katakomben, die unterirdischen Begräbnisstätten schier unerschöpfliche Vorräte an Überresten angeblicher Apostel, Märtyrer und Heiligen darboten.

Gleichwie die Inder um den Zahn Buddhas blutige Kriege führten, so kam es auch unter den christlichen Kirchen und Klöstern um den Besitz guter Reliquien oft zu unerquicklichen Reibereien, da der ganze Ehrgeiz der Patrone darauf gerichtet war, die kostbarsten Reliquien zu besitzen, sie um jeden Preis zu kaufen, anderen Liebhabern dabei zuvorzukommen oder ihr Angebot zu überbieten. So wurden oft die unscheinbarsten oder ekelhaft aussehende Gegenstände zu sehr begehrten Handelswaren und zum Objekt gewinnsüchtiger Spekulation. Einige Beispiele historisch verbürgter Preise geben den besten Maßstab für den Grad der herrschenden Verblendung. Heinrich dem Löwen, der während seines Kreuzzuges einen Daumen des heiligen Markus erbeutet hatte, bot die Republik Venedig für diese Reliquie ihres Schutzpatrons vergeblich eine halbe Million Taler. Kanut von England zahlte für einen Arm des heiligen Augustin, der nicht einmal Märtyrer gewesen war, 100 Talent Silber; Ludwig der Heilige hielt sich für die hohen Kosten seiner unglücklich verlaufenen Kreuzfahrt durch die erworbenen Reliquienschätze reichlich entschädigt. Es glückte ihm obendrein, die Dornenkrone Christi zu erlangen, die der Hof von Byzanz für 15000 Goldstücke an einen venetianischen Kaufmann verpfändet hatte und nicht wieder einlösen konnte. Obendrein gab Ludwig noch dem Kaiser Balduin 10000 Mark Silber Entschädigung. Niemand war glücklicher über diesen Handel, als der fromme Käufer selber, der, als ihm der seltene Schatz überliefert wurde, demselben barfuß entgegenzog und ihn persönlich in seine Hauptstadt hineintrug.

Eine der kostbarsten Reliquien befindet sich im Besitz des Doms zu Trier. Es ist der „nahtlose Rock Jesu“, zu dem seine Mutter bereits, als Jesus noch ein Kind war, die Wolle gesponnen habe. Dieser Rock sei zugleich mit dem Körper des Herrn gewachsen und von ihm auch auf dem Wege zur Kreuzigung getragen worden. Der Legende zufolge wäre diese Reliquie durch die bereits erwähnte Kaiserin Helena nach Trier gekommen. Ein Blick auf diesen Rock genügte, um vollen Ablaß für die schwersten Verbrechen herbeizuführen. Infolgedessen übte dieses Heiligtum von jeher eine ungeheure Anziehungskraft auf alle Gläubigen aus.

Aber was jederzeit zu sehen ist, verliert bekanntlich sehr bald seine Anziehungskraft. Dieser uralten Erfahrung gemäß bestimmte Papst Leo X., daß der heilige Rock nur in Zwischenpausen von sieben Jahren ausgestellt werden solle. Durch die Seltenheit ihrer Darbietung erhöhte sich der diese Reliquie umgebende Nimbus gewaltig und lockte weitaus größere Scharen von Wallfahrern herbei. Späterhin wurde diese Zwischenpause noch erheblich vergrößert, womit sich auch die Anziehungskraft der Reliquie erheblich steigerte. Während des 19. Jahrhunderts gelangte der heilige Rock nur dreimal zur Ausstellung, und zwar in den Jahren 1810, 1844 und 1890. Im Jahre 1844 erlebte man das erstaunliche Schauspiel, daß eine volle Million Pilger nach Trier wallfahrtete, um der von diesem Kleidungsstück ausgehenden Gnade teilhaftig zu werden. Obwohl in dem gleichen Jahre die beiden Professoren Gildemeister und von Sybel in einer zu Düsseldorf gedruckten Schrift „Der heilige Rock von Trier“ den Nachweis führten, daß neben Trier noch zwanzig andere Städte, darunter Rom, Argenteuil, Friaul, St. Jago und Moskau, gleichfalls Anspruch darauf erhöben, im Besitz des „einzig wahren Rockes“ zu sein, so übertraf der Zustrom der Pilger im Jahre 1890 infolge der leichteren Zugängigkeit der Stadt durch die Eisenbahnen alle früheren Zahlenangaben bei weitem[Sermo de Sanctis, VI.].

Selbstverständlich bestrebten sich andere christliche Kirchen, in den Besitz ähnlicher Reliquien zu gelangen. Wie erfolgreich manche darin waren, zeigt beispielsweise folgende „Kurze Aufzählung der in der Schatzkammer und im Innern des Liebfrauen-Münsters zu Aachen enthaltenen Reliquien und Sehenswürdigkeiten“: 1. Die Windeln unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus. 2. Das Schürzen- oder Lendentuch desselben. 3. Den Gürtel unseres Herrn und Heilandes. 4. Ein Stück der Geißelsäule des Herrn. 5. Ein Stück von dem Rohr, das ihm bei der Dornenkrönung als Zepter gegeben wurde. 6. Einen Teil des Strickes, womit der Erlöser an die Geißelsäule angebunden war. 7. Ein Stück vom Purpurmantel des Herrn. 8. Mehrere Partikel des heiligen Kreuzes. 9. Ein Stück der Dornenkrone. 10. Ein Teil des Schwammes, mit dem der Herr am Kreuze getränkt wurde. 11 . Ein Stück des Kreuznagels des Heilandes. 12. Einen Teil von der Kreuzinschrifttafel. 13. Einen Teil vom Schweißtuch des Herrn, das im Grabe auf seinem Antlitz gelegen. 14. Haare der allerseligsten Jungfrau Maria. 15. Das Kleid der Mutter Gottes. 16. Einen Teil des leinenen Gürtels der allerseligsten Jungfrau Maria. 17. Einen Teil vom Schleier der Mutter Gottes. 18. Das Enthauptungstuch des heiligen Johannes des Täufers. (Panuus decollationis St. Joannis Baptistae.) 19. Ein Glied jener Kette, mit welcher der heilige Petrus im Kerker zu Rom gefesselt war. 20. Ein Nagel, womit der heilige Petrus gekreuzigt wurde; außerdem Reliquien der Ursulinischen Jungfrauen; Rippen des heiligen Stephan, Eliphius usw. —

Dem berühmten Maler Lukas Cranach verdankt man eine Aufzählung jener Reliquien, die der Kurfürst Friedrich von Sachsen, „der Weise“ genannt, in seiner Residenzstadt Wittenberg zusammengebracht hatte. Diese an die 5000 separate Reliquien umfassende Sammlung enthielt zahlreiche Schädel und Gebeine der verschiedensten Heiligen; ferner die Gesichtshaut des heiligen Bartholomäus; Teile von der Krippe Christi sowie Heu und Stroh, die sich in dieser Krippe befunden hätten; ferner Wachs von jener Kerze, welche die Jungfrau Maria während ihrer Sterbestunde in der Hand gehalten habe. Von welcher Sammelwut der fromme Kurfürst befallen gewesen sein muß, ergibt sich aus einer Angabe in dem von Köstlin geschriebenen Werk: „Friedrich der Weise und die Schloßkirche zu Wittenberg“, demzufolge diese Kirche im Jahre 1520 nicht weniger als 19013 Reliquien besessen habe!

Titel eines im Jahre 1512 gelegentlich der Ausstellung des Heiligen Rockes in Trier gedruckten Flugblattes

Titel eines im Jahre 1512 gelegentlich der Ausstellung des Heiligen Rockes in Trier gedruckten Flugblattes.

In dem Bestreben, diese Kirche zu einem Wallfahrtsort ohnegleichen zu machen, fand Friedrich der Weise aber in dem Kardinal Albrecht von Brandenburg einen gefährlichen Nebenbuhler. Hatte dieser doch in seiner Residenz Tausende und aber Tausende von Reliquien angehäuft. Unter denselben befanden sich nicht weniger als 42 vollständige Leichname, darunter sogar „der wahre Körper Christi, den er zur Lösung der Sünden der Menschen dargebracht habe“[Weitere Nachrichten über den heiligen Rock zu Trier sind in fast allen Konversationslexika zu finden, insbesondere auch in der „Biblical, Theological und Ecclesiastical Cyclopaedia“ (Neuyork 1891), vol. IV.]. Hauptstücke der Sammlung waren ferner eine Flasche voll Milch aus den Brüsten der Jungfrau Maria[Gräbner, Th., „The Dark Ages“ (St. Louis 1917).]; ein Krug Wein von der Hochzeit zu Kana; ein Teilchen jener Erde, aus der Adam erschaffen worden war; desgleichen 20 Fragmente jenes Dornbusches, den Moses brennen sah; Proben jenes Manna, das den Kindern Israels in der Wüste als Speise diente; ein Stück vom Stabe Josephs, der wunderbarerweise Knospen getrieben habe usw. Redlich hebt in seinem Werk: „Kardinal Albrecht und das neue Stift zu Halle“ (Seite 260) hervor, daß im Jahre 1521 die Schloßkirche zu Halle 21483 Reliquien umschlossen habe! —

Im Jahre 1645 ließ der Kölner Propst Gelenius eine Schrift erscheinen: „De admiranda sacra et civili magnitudine Coloniae“, in der er außer den im Dom aufbewahrten Reliquien der heiligen drei Könige auch die großen Reliquienschätze in 15 anderen Kirchen und sechs Klöstern der Stadt Köln beschreibt. Darunter sind nicht nur Überreste von sämtlichen Aposteln und Evangelisten, sondern auch Haare und Milch Marias; ferner Steine, mit denen der heilige Stephanus gesteinigt wurde; ein Stück vom Stabe des Moses; Erde von jener Stelle, wo der Engel die Jungfrau Maria mit der Botschaft begrüßte, daß sie einen Sohn gebären werde; eine Zehe des mythologischen Riesen Christophorus sowie eine reiche Sammlung von vorwiegend weiblichen Zähnen, wie z. B. der Brigitte, Barbara, Agathe, Balhina, Petronella, Justina und anderer.

Daß eine derartige Sammelwut und Reliquiennarrheit von gewissenlosen Schwindlern auf die fürchterlichste Weise ausgebeutet wurde, und daß aus irgendeiner Trödelkammer herrührende Lappen, irgendeinem Richtplatz entnommene Gebeine sich zu „Heiligen Reliquien“ verwandelten, war unausbleiblich. Es stellte sich heraus, daß ein und dieselben Gegenstände, dieselben Schädel und Körperteile dieser oder jener Heiligen in mehrfachen Exemplaren und an den verschiedensten Orten existierten. So ist z. B. der vollständige Körper des heiligen Dionysius sowohl in St. Denis wie auch in St. Emmeran zu sehen. Außerdem rühmen sich die Kathedralen in Prag und Bamberg, Köpfe von ihm zu besitzen, während in München eine seiner fünf Hände verwahrt wird.

Die Professoren Gildemeister und Sybel lieferten auch den Nachweis, daß die heilige Ursula eine fünfköpfige Mißgeburt gewesen sein müsse; denn ihr vollständiger Leichnam werde in St. John d’Angely verehrt, während außerdem ihre Schädel sowohl in Köln wie in Tours, Mons und Bergerac besichtigt werden könnten. Der heilige Sebastian, der Schutzherr aller Bogen- und Scharfschützen, ist viermal vollständig vorhanden; außerdem existieren noch zwei seiner Schädel. Der arme Lazarus hat drei Leichname hinterlassen, von denen einer in Marseille, ein andrer in Autin, ein dritter in Avalon aufbewahrt sind. Die Schädel der heiligen drei Könige, die, von einem Stern geleitet, an der Krippe zu Bethlehem erschienen, werden sowohl im Dom zu Köln wie im Dom zu Mailand verehrt. Das Skelett des heiligen Georg macht sogar in nicht weniger denn 26 Exemplaren die Kirchen unsicher, obwohl bereits Papst Gelasius im Jahre 494 das irdische Dasein dieses Drachentöters als eine Legende bezeichnet hatte. Ferner muß erwähnt werden, daß auch Christus nicht nur mehrere Nabel der Nachwelt hinterließ, sondern auch mehrmals jene Vorhaut, die ihm bei der Beschneidung abgetrennt wurde. Alle diese angeblichen Reliquien werfen einander ihre Unechtheit vor, welcher Streit insofern unnütz ist, als sie wahrscheinlich alle unecht sind.

Der Reliquienschrein der Heiligen Drei Könige im Dom zu Köln

Der Reliquienschrein der Heiligen Drei Könige im Dom zu Köln.

Die Kirche hat selbst wiederholt die Möglichkeit öfteren Betruges zugestanden, aber zugleich einen erheblichen Schaden derartiger Vorkommnisse geleugnet, da es bei der Verehrung weniger auf die Echtheit solcher Reliquien, sondern auf die Echtheit des Glaubens ankomme. Selbst die mehrfache Ausstellung derselben Reliquie hat sie niemals anstößig gefunden: denn einmal könne man nicht wissen, welche die echte sei, und andererseits könne sich eine Reliquie, welche Wunder wirke, auch durch ein Wunder Gottes vervielfältigt haben. In jedem Falle aber müssen die Reliquien verehrt werden; denn das Konzil von Trient (1563) hat gegen alle diejenigen, die ihnen nicht die schuldige Verehrung erweisen, den Fluch der Kirche geschleudert.

Derartige Reliquien, die man mit Gold, edlen Steinen und Stickereien aufs kostbarste verzierte und so auf den Altären aufstellte, bildeten die Hauptzugmittel, die Hauptreklamen der Kirchen und Klöster. Die tollsten Fabeln von der Wunderkraft dieser Reliquien wurden verbreitet, und war nur erst der Glaube an die Wunderkraft derselben gehörig ins Volk eingedrungen, so strömte dieses aus meilenweiten Entfernungen zu dem Schauplatze der unerhörten Begebenheiten. Dies war dann für die Kirche sehr lukrativ; denn kein Pilger verließ den Ort seiner Wallfahrt, ohne Opfer darzubringen aus Gold, Silber oder Kupfer, in Landschenkungen, Stiftungen, oder in riesigen Kerzen, in Armen, Beinen oder anderen Gliedern von Wachs, welche jenen erkrankten Körperteilen entsprachen, für die man Heilung suchte. —

In der Erkenntnis, daß solche Wallfahrten demnach für den gesamten Klerus einen sehr realen Hintergrund besaßen, ließen die Priester es sich mit wachsendem Eifer angelegen sein, die Heiligen- und Reliquienverehrung nach Kräften zu pflegen, ohne es dabei immer allzu genau mit der Wahrheit zu halten.

In der Kirche des St. Johannes im Lateran zu Rom befindet sich beispielsweise eine 28 Stufen zählende Marmortreppe, die „Skala Santa“ genannt. Von ihr wird behauptet, daß sie ursprünglich zum Palast des Pilatus in Jerusalem gehört habe und daß Christus auf ihr emporgestiegen sei, als er zum Verhör vor Pilatus gebracht wurde. Niemand geringeres als die Kaiserin Helena habe die Treppe im Jahre 326 nach Rom gebracht und in der Laterankirche einfügen lassen. Weiter heißt es, Papst Leo IV. habe während des 9. Jahrhunderts erlaubt, daß die Treppe von solchen Gläubigen, die ihren frommen Eifer besonders bekunden wollten, kniend emporgestiegen werden dürfe. Papst Pascal II. verfügte durch eine am 5. August 1100 erlassene Bulle, daß für das Erklimmen jeder der 28 Stufen ein neunjähriger Ablaß bewilligt werde. Diese Verfügung wurde durch Pius VII. am 2. September 1817 erneuert; zugleich bestimmte er, daß dieser Ablaß auch den bereits im Fegfeuer befindlichen Seelen zugute geschrieben werden könne. Da durch das Erklimmen der Treppe ihre Marmorstufen im Lauf der Jahrhunderte stark abgenutzt wurden, man auch die heiligen Steine vor jeder profanen Berührung schützen wollte, so wurden sie mit Brettern verkleidet. Aber den im Glauben Starken ist es auch heute noch vergönnt, nach alter Weise der Treppe ihre Verehrung zu erweisen. —

Eine noch weitaus größere Forderung an den Glauben frommer Pilger verbindet sich mit dem ebenfalls in Italien verehrten „Casa Santa“, dem „Heiligen Haus“. Dasselbe steht innerhalb einer prächtigen Kirche der auf der Ostküste Italiens gelegenen Stadt Loreto. In seinem Aussehen und Baumaterial unterscheidet sich dieses Häuschen nicht wesentlich von den alten Bauernhäuschen der dortigen Gegend. Aber die Überlieferung behauptet, es habe ursprünglich in Bethlehem gestanden und der Jungfrau Maria als Wohnung gedient. Als nun Palästina im Jahre 1291 in die Gewalt der ungläubigen Sarazenen geriet, hätten mehrere Engel diese „Casa Santa“ emporgehoben und seien mit ihr über Länder und Meere bis nach dem in Dalmatien gelegenen Örtchen Tersato geflogen. Von dort hätten dieselben Engel das Haus einige Jahre später über das Adriatische Meer hinweg nach der italienischen Ortschaft Loreto getragen, wo es noch heute von ungezählten Scharen von Pilgern aus allen Teilen der Erde aufgesucht wird. Nichtsdestoweniger blieb Tersato einer der berühmtesten Wallfahrtsorte; denn in jener Kirche, die später über der Stelle errichtet wurde, wo die Engel das Wohnhaus der Jungfrau zuerst niedergesetzt hatten, verrichtet die Mutter Gottes angeblich noch heute zahllose Wunder. Für solche Kummerbeladene und Hilfesuchende, die durch Überwindung besonderer Schwierigkeiten die Erfüllung ihrer Wünsche ganz bestimmt zu erlangen hoffen, ist ein zur Kirche emporführender Treppenaufgang vorhanden, dessen 471 Stufen auf den Knien erklommen werden müssen. Um diesen überaus mühseligen Leidensweg noch zu erschweren, rutschen manche Pilger nach Überwindung von je zwei Stufen eine wieder abwärts. Da kann man auf dem Drittel der steilen Höhe viele dieser armen Pilger hocken sehen, die blutenden Knie mit Tüchern umwunden, oder die Steine umklammernd, während sie sich schweißtriefend die Stufen emporheben. Sind sie endlich an den Kirchenpforten angekommen, so warten dort ihrer ganze Haufen arm- und beinloser Krüppel, die mit flehenden Stimmen Almosen von jenen heischen, die noch zu hoffen nicht verlernt haben. —

Zu jenen Wallfahrten, bei denen außergewöhnliche körperliche Kraftleistungen vollbracht werden müssen, gehört auch die berühmte Springprozession in dem luxemburgischen Städtchen Echternach. Wie F. W. Kortüm in einem längeren Aufsatz schilderte, findet sie am „weißen Dienstag“, dem Dienstag nach Pfingsten jedes Jahres statt. Der Ausgangspunkt der Prozession ist ein uraltes Steinkreuz, das auf dem linken Ufer des jene Landschaft durcheilenden Sauerflusses steht. Das Ziel der Prozession ist eine ziemlich weit entfernte Abteikirche, die im Jahre 689 von dem aus England stammenden Bekehrer der Friesen, dem heiligen Willibrord, gegründet wurde und in der er auch begraben liegt. Seine Fürsprache wird besonders bei Störungen des Nervensystems, bei Fallsucht und Veitstanz angerufen.

Geführt von ihren Pfarrern, stellen sich viele Teilnehmer an der Prozession meist schon tags zuvor in Echternach oder den umliegenden Ortschaften ein. Oft kommen sie aus weiten Entfernungen, aus den Dörfern der Eifel, der Mosel und Saargebiete, aus Lothringen, dem Elsaß und aus Belgien. Nachdem sie sich am Morgen des Festes in der Umgebung des Kreuzes versammelten, erscheint unter Glockengeläute die Geistlichkeit der Willibrordkirche in vollem Ornat, um die Führung der Prozession zu übernehmen. Der oberste Geistliche tritt zum Kreuz, segnet die niederkniende Menge, hält eine kurze Ansprache und schließt mit der Anrufung des heiligen Willibrord, welcher die Wünsche der von weither gekommenen Gläubigen erfüllen möge. Dann mit sonorer Stimme die St.-Willibrordus-Litanei anstimmend, schreitet er durch die sich langsam erhebende andächtige Menge zu seinen Amtsbrüdern zurück, die sich, in Doppelreihen geordnet, unter Vorantritt einiger hundert Chorsänger und der Schuljugend sowie unter allgemeiner Abbetung der Litanei langsam über die den Fluß überspannende Brücke der Stadt zubewegt. Die der Geistlichkeit folgende Stadtmusik fällt in den Litaneirefrain „Heiliger Willibrord, bitt‘ für uns!“ ein und gibt damit das Zeichen zum Tanze, zum Beginn der eigentlichen Springprozession. Die während der ganzen Dauer der Prozession erschallende Melodie, nach welcher gehüpft und gesprungen wird, bleibt unaufhörlich dieselbe und ist von alters her all die Jahrhunderte hindurch die gleiche geblieben. Nach ihrer Weise geht der rhythmische Tanz vor sich: drei Schritte vorwärts, dann zwei zurück, gefolgt von einem Luftsprung. Diese Vor- und Rückwärtsbewegungen nebst dem Hochsprung werden unablässig wiederholt, bis in zwei oder drei Stunden der ganze durch die Straßen und über den Marktplatz der Stadt führende Weg bis zur Abteikirche zurückgelegt ist. Je weiter die Prozession ins Innere der Stadt gelangt, desto größer wird die Zahl der Springenden; denn hunderte, ja, tausende Mitglieder eben erst ankommender Gemeinden schließen sich unterwegs mit ihren Musikanten an. Dazu große Massen mit- und nachziehender „Beter“, die nicht tanzen, so daß die Prozession oft 12—15000 Personen zählt, von denen etwa ein Drittel oder die Hälfte „Springer“ sind. Wie eine endlose Riesenschlange wälzt es sich einher, mit dem Vor- und Rückwärts nebst dem Hochsprung die steten Krümmungen einer solchen Schlange täuschend versinnbildlichend. Dadurch, wie durch die Monotonie der Musik, das Stampfen der Füße, das Murmeln der vielen tausend Stimmen wie auch durch den Anblick der zahllosen erhitzten, oft verzückten Gesichter wirkt das Ganze auf Unbeteiligte schließlich sinnverwirrend.

Eine Wallfahrt im Mittelalter. Nach einem Holzschnitt von Michael Ostendorfer (1519-1559)

Eine Wallfahrt im Mittelalter.

Nach einem Holzschnitt von Michael Ostendorfer (1519-1559).

Je tiefer die Prozession ins Innere des Städtchens dringt, um so aufregender wird das Schauspiel. Mit der endlosen Musikmelodie und dem Bodengestampfe mengt sich das Murmeln der vielen Andächtigen, welche, ohne mitzuspringen, als Rosenkranz- und Litaneienbeter sich mit dem Hin- und Hergewoge der Springenden vorwärtsschieben. Seltsame Szenen sieht man da. Acht oder zehn Frauen und Mädchen haben sich an den Händen angefaßt und kommen, als geschlossene Kette fast die ganze Breite der Gasse füllend, aufgeregt dahergesprungen. Viele Männer halten sich, um durch die stete Tanzbewegung nicht schwindlig zu werden, mit zusammengedrehten Tüchern aneinander fest. Jünglinge, Männer und Greise, Mädchen, junge Frauen und Matronen ziehen in rastloser Bewegung vorbei. Rotglühend vor übermäßiger Anstrengung, oder totenbleich vor Erschöpfung tauchen die Menschenköpfe auf und nieder, die Trägen in langsamem Schritt, die Fanatischen in wilden Sprüngen. Dort schnellt sich ein junger Mann hoch über den in Schweiß gebadeten Menschenstrom empor, die Augen starr und blutunterlaufen, der Mund weit auf — kaum seiner Sinne noch mächtig. Ein peinlicher Anblick! noch übertroffen durch jenes Weib, welches mit wogendem Busen und dunkelgerötetem Angesicht auf und nieder springt. Manche Jünglinge und Männer sind hemdsärmelig; Frauen suchen sich durch aufgespannte Schirme gegen die Sonnenstrahlen zu schützen, wodurch manche Springenden einen grotesken Anblick gewähren. Trotz der mannigfachen Vorkehrungen zum Schutz gegen die Hitze und Überanstrengung gibt es doch viele Ohnmächtige, oft genug auch Schlaganfälle. Die selten fehlenden Todesopfer der Springprozession aufzunehmen, schwankt hinter den Wallfahrern, von vier Männern getragen, ein einfacher Sarg[„Gartenlaube“, Jahrgang 1872, S. 194.].

Trotz solcher Unfälle ist der bis zur Verzückung sich steigernde Eifer all der Springer und Springerinnen staunenswert. Man sieht weißhaarige, vom Alter niedergebeugte Männer und Frauen, die aber trotzdem nach Kräften mithüpfen, wobei auf ihren überhitzten Gesichtern die religiöse Begeisterung sich widerspiegelt. Bald abstoßend, bald mitleiderregend wirken die vielen Kranken im Zuge, die durch eine letzte gewaltige Anstrengung auf Heilung hoffen. Man sieht in den Reihen epileptische Kinder mit kraftlos herabhängenden Armen und Beinen, mit irrem, ja, idiotischem Lächeln auf ihren bleichen Gesichtern in den Armen der Eltern getragen, die ihnen zu Liebe über das schlechte Pflaster dahinspringen, so gut es geht. Gar manchem Springenden, mancher Hüpferin steht das Leiden deutlich in den vor Anstrengung krampfhaft verzerrten Gesichtszügen geschrieben; aber wie von unsichtbarer Kraft getrieben, tanzen sie weiter, in der Hoffnung, sich durch die Fürbitte des heiligen Willibrord doch noch Gesundheit zu ertanzen.

Unaufhörlich bewegt sich die Prozession in zunehmender Sonnenglut weiter. Nur auf dem Marktplatz pflegt eine kurze Ruhepause einzutreten, im wörtlichen Sinne ein „Ausschnaufen“ nach der Anstrengung der Atmungsorgane und der Erschütterung des ganzen Körpers. Sobald aber das Zeichen zum erneuten Aufbruch gegeben wird, geht es mit abermaligem monotonen Litaneigesang und dem fortwährenden nervenbetäubenden Spiel der endlosen Tanzmelodie der Kirche zu. Eine Reihe steinerner Stufen führen empor. Früher wurde auch auf diese hinauf der Springtanz fortgesetzt. Jetzt ist eine gewisse Abmilderung eingetreten. Die Musik hält ein, mit ihr das Tanzen, und die abgehetzten Pilger steigen ermattet die Treppe zum Hauptportal hinan. Kaum hat der Zug das Innere erreicht, so beginnt die Musik von neuem ihre Zauberweise. Ihre an den mächtigen Gewölben widerhallenden Töne elektrisieren die Müdesten und man bietet die letzten Kräfte „zu Ehren des heiligen Willibrord“ auf. Wird doch behauptet, daß innerhalb der Kirchenmauern die Wirksamkeit des ganzen Festes, was wundertätige Heilungen anbelangt, am stärksten zutage trete. Unter dem betäubenden Widerhall all der Musikinstrumente zieht die tausendköpfige Menge im Innern der Kirche umher, zuerst im rechten Seitenschiff dem Chore zu und dann um den Hochaltar herum, hinter dem sich das durch eiserne Gitter geschützte Grabmal des heiligen Willibrord befindet. Hiernach geht es durch das linke Seitenschiff und ein anderes Tor wieder hinaus ins Freie, wo die letzten Tänze gemacht werden und der sogenannte „Endsprung“ erfolgt. Der Geistliche, welcher das Ganze leitete, erteilt den Schlußsegen, und die Springprozession, die zwischen zwei und drei Stunden in Anspruch nahm, ist zu Ende. —

Zweifellos geht der Ursprung dieser Springprozession bis in jene Zeiten zurück, wo infolge der Wirksamkeit exaltierter Mönche und Wanderprediger die Menschheit von allerhand krankhaften Geistesepidemien erfaßt wurde. Christi Geißelung, als eine Bußübung von den Insassen vieler Klöster nachgeahmt, wurde auch von zahlreichen Laien aufgenommen. In Italien fingen die durch die fanatischen Predigten eines Antonius von Padua mächtig erregten Menschen an, scharenweise sich zu geißeln und geistliche Lieder singend in Prozessionen durch die Straßen zu ziehen. Mit entblößtem Oberkörper einherschreitend, schlugen sich Jünglinge, Männer und Greise mit ledernen Geißelriemen über die Schultern, daß das Blut herabfloß. Wie von Ansteckung ergriffen, schlössen sich ihnen immer neue Massen an und zogen, angeführt von Priestern mit Kreuzen und Fahnen, zu Hunderten, zu Tausenden, ja, zu Zehntausenden von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt. Von Perugia zog das Geißlerheer nach Rom, von da nordwärts durch die Lombardei und Piemont nach der Provence. Im Jahre 1261 erschienen die ersten Geißlerzüge in Süddeutschland, in Böhmen, Mähren und Ungarn. Zu förmlichen Lawinen wuchsen diese sogenannten Flagellantenzüge, als im Jahre i348 der „Schwarze Tod“ — vielleicht verursacht durch die unbeschreibliche Unsauberkeit der indischen Fakire und der von Palästina und Ägypten ausschwärmenden christlichen Asketen — über Europa hereinbrach und viele Millionen Menschen hinwegraffte.

Diese in den Chroniken jener Zeit „das große Sterben“ genannte Pestseuche bestand in einem hochgradigen Fieber, während dem auf der Haut des Erkrankten überall Brandblasen und schwarze Flecken erschienen. Die Lymphdrüsen schwollen an; Beulen brachen unter den Achseln und in den Weichen hervor; Blutbrechen setzte ein, und in drei Tagen war der von der schrecklichen Krankheit Befallene eine Leiche.

Die Seuche erschien zuerst an den Südküsten Italiens, von wo sie sich nach Frankreich, der Schweiz, Deutschland, England und Skandinavien verbreitete. Vornehmlich in den Städten, wo auf geringem Flächenraum große Menschenmassen eingepfercht waren, wo Schmutz, Elend und Unsittlichkeit herrschten und alle Maßregeln der Hygiene fehlten, richtete dieser „Schwarze Tod“ entsetzliche Verheerungen an. Zweifellos trugen die damaligen Einrichtungen der katholischen Kirche in hohem Grade zur raschen Ausbreitung der entsetzlichen Seuche bei. Dem Aufkommen und der Entwicklung eines wirklichen, wissenschaftlich gebildeten Ärztestandes hatte sie von jeher entgegengearbeitet. Wie sie sich als das einzige Universalmittel gegen alle seelischen Leiden anpries, so hatte sie auch die Behandlung aller körperlichen Beschwerden zum ausschließlichen Privilegium ihrer Priester gemacht. Die frühesten Ärzte waren allüberall Geistliche, die jede Art von Krankheiten als vom Teufel und dessen Spießgesellen verursacht erklärten und diese Übeltäter nach Schamanenart durch Beschwörungen und durch Besprengen der Kranken mit Weihwasser auszutreiben suchten. In hartnäckigen Fällen wurden die Kranken veranlaßt, an Wallfahrten zu den Grabstellen der Heiligen teilzunehmen und dort durch Anrufen derselben, durch Berühren ihrer Reliquien und durch reiche Opfer Genesung zu suchen.

Wie Götzinger in seinem „Reallexikon der Deutschen Altertümer“[Götzinger, Dr. Ernst, „Reallexikon der Deutschen Altertümer“, Leipzig 1881, Seite 722.] ausführte, verstand es die Kirche, auch während der Heimsuchung der Völker durch die Pest ihre eignen Interessen im Auge zu behalten. Die Seuche wurde als eine göttliche Strafe für die Verderbtheit der Menschen bezeichnet, und es gelte jetzt, durch allerhand Opfer und Stiftungen den göttlichen Zorn zu besänftigen.

„Daß die Kirche sich die allgemeine Todesangst zunutze zu machen wußte, davon legt eine Unzahl von Testamenten und Immunitäten beredtes Zeugnis ab. Niemals war der klingende Erfolg größer als im Jahre 1350, wo eine ungeheure Menschenmenge in Rom zusammenströmte. Ferner wuchsen der Grundbesitz und das Vermögen der Kirchen und Klöster an, was sich in der ungeheuren Bautätigkeit derselben nach dem Ausbruch der Pest offenbarte.“

Bald nach dem Wüten des Schwarzen Todes verbreiteten sich neue Krankheiten, die als Ausbrüche des krankhaft erregten religiösen Volksgefühls bezeichnet werden müssen: der St. Johannstanz und der St. Veitstanz. Der erste trat im Jahre 1374 in der Kirchenstadt Aachen in Erscheinung. Männer und Frauen begannen sowohl in den Gotteshäusern wie in den Straßen ein seltsam Schauspiel darzubieten. Die Anfälle begannen mit fallsüchtigen Zuckungen, nach welchen die damit Behafteten mit Schaum vor dem Munde, bewußtlos und schnaubend zu Boden fielen. Dann sprangen sie auf und begannen unter schrecklichen Verzerrungen in geschlossenen Kreisen einen Tanz, der stundenlang anhielt und sich zu wilder, bacchantischer Raserei steigerte, bis die Teilnehmer vor Erschöpfung niederstürzten. Während des Tanzes riefen sie beständig den heiligen Johannes an. In der Ekstase hatten sie auch allerhand Erscheinungen; so wollten manche den Himmel offen gesehen haben, mit dem Heiland und der Maria im Glorienschein. Von Aachen verbreitete sich die Krankheit über die Niederlande, wo die stetig wachsende Schar der Johannistänzer allmählich so große Besorgnis erregte, daß man anfing, zu Beschwörungen und Bittgebeten seine Zuflucht zu nehmen, um zu verhüten, daß die krankhafte Erscheinung auch die höheren Stände ergreife. Einen Monat später zeigte sie sich auch in Köln, wo 500 Menschen von ihr befallen wurden. Gleich darauf auch in Metz, wo die Zahl auf 1100 anstieg. Landleute, Handwerker, Dienstboten, Knaben und Mädchen, verheiratete und unverheiratete Frauen schlossen sich dem unheimlichen Reigen an, der bald zur Brutstätte wilder Begierden und Leidenschaften wurde. Erst nach vier Monaten gelang es, dieses dämonischen Treibens Herr zu werden, ohne jedoch seine gänzliche Unterdrückung zu erreichen.

Der St. Veitstanz, ein ähnlicher religiöser Wahnsinn, trat zuerst im Jahre 1418 in Straßburg auf, sprang aber auch bald auf andere rheinische Städte über. Er äußerte sich in ähnlicher Weise. In seinen heftigen Formen hätten sich viele an Ecken und Wänden die Köpfe zerschmettert oder sich in die Flüsse gestürzt, um den gesuchten Tod zu finden. Lebhafte Musik steigerte die Erregung der Kranken, die nicht anders gebändigt werden konnten, als daß man die Rasenden mit Tischen und Stühlen umstellte und sie dadurch zu so hohen Sprüngen zwang, daß sie bald in äußerster Erschöpfung zu Boden stürzten. Um die Anfälle rascher zu beenden, mieteten die Ortsbehörden oft Musikanten, unter deren Führung die einzelnen Haufen nach den Kapellen des heiligen Veit nach Zabern und Rotestein geleitet wurden, wo ihnen durch Messen, Umzüge um den Altar und Opfer von ihren Almosen Heilung erfleht werden sollte. Noch im Jahre 1623 wurde von Frauen in der Umgegend von Ulm berichtet, daß sie alljährlich zu den Kapellen des heiligen Veit hinwanderten, um ihre Tanzanfälle abzuwarten und dann Tag und Nacht bis zur Erschöpfung zu tanzen. Erst allmählich verschwanden diese Krankheitserscheinungen mit der zunehmenden Aufklärung der Geister[Götzinger, E., „Reallexikon der Deutschen Altertümer“, Leipzig 1881, S. 724. Stumpf, R., „Historia Flagell. praecipue in Thuringia“, 1780. Förstemanns „Neue Mitteilungen historisch antiquarischer Forschungen“, Band II, Heft 1. Hecker, „Die Tanzwut“ (Berlin 1832).].

Reliquienbehälter Karls des Großenim Dom zu Aachen

Reliquienbehälter Karls des Großen im Dom zu Aachen.

DAS PRIESTER- UND PAPSTTUM DES MITTELALTERS

Seitdem die Päpste Gregor VII. und Innozenz III. mit ihren Ansprüchen und Forderungen gegen die deutschen Herrscher so bedeutsame Erfolge erzielt hatten, ließen ihre Nachfolger in den Bemühungen nicht nach, sämtliche weltlichen Fürsten, Könige und Kaiser des Christentums zu ihren Lehnsmännern, zu ihren Vasallen zu degradieren. Wohl der anmaßendste aller Päpste war ein in den Geschäften der Kurie ergrauter, rechtsgelehrter Priester, Cajetanus von Anagni, der es bis zum Kardinal gebracht hatte und am 24. Dezember des Jahres 1294 als Bonifazius VIII. den apostolischen Stuhl bestieg. Von Hochmut gebläht, ritt er auf einem kostbar aufgezäumten, von den Königen von Apulien und Ungarn geleiteten Schimmel zur Kirche, um sich hier die päpstliche Krone, die Tiara, aufsetzen zu lassen. Hatten seine Vorgänger eine nur mit einem Goldreifen umgebene Tiara getragen, so fügte Bonifazius einen zweiten Reifen hinzu, um dadurch zum Ausdruck zu bringen, daß er nicht nur die geistliche, sondern auch die weltliche Oberherrschaft beanspruche. Bei der öffentlich abgehaltenen Festtafel standen die beiden genannten Könige hinter seinem Stuhl und warteten ihm auf[Einer der Nachfolger dieses Bonifazius fügte dieser Tiara noch einen dritten Goldreifen hinzu, zum Zeichen, daß der Papst sowohl auf Erden wie im Himmel und in der Hölle Macht habe und die leidende, streitende und triumphierende Kirche repräsentiere.].

Eine der ersten Handlungen dieses Papstes bestand darin, daß er die ihm unfreundlich gesinnte Fürstenfamilie Colonna, die mächtigste im Kirchenstaat, vertrieb, mit dem Bann belegte und ihr Besitztum an die ihm ergebene Familie der Orsini gab. Seitdem warteten die nach allen Himmelsgegenden geflüchteten Colonnas auf die Stunde der Rache.

Eine Demütigung des hochmütigen Hierarchen, der auch die Gesandten des deutschen Kaisers Albrecht in geradezu nichtachtender Weise behandelte, sollte bald erfolgen. Er fand nämlich einen sehr widerborstigen Gegner in der Person des französischen Königs Philipp IV. Als derselbe einen Krieg gegen England führte, verbot Bonifazius dem französischen Klerus, den König durch eine Beisteuer zu unterstützen. Der König rächte sich, indem er dem Klerus untersagte, Geld aus Frankreich auszuführen, wodurch der Papst nicht minder hart geschädigt wurde, da Frankreich stets einen Hauptbeitrag zur Bestreitung des päpstlichen Hofhalts leistete. Als der Papst gegen die ihn schädigende Maßregel protestierte und durch eine Bulle die höhere französische Geistlichkeit auf den 1. November 1302 nach Rom beschied, damit sie gemeinsam mit dem römischen Klerus über den König zu Gericht sitze, ließ Philipp dem päpstlichen Legaten die Bulle entreißen und öffentlich verbrennen. Zugleich verbot er allen Geistlichen, die Reise nach Rom anzutreten. Eine von allen drei Ständen des Königreiches, darunter dem Klerus, besuchte Reichsversammlung bestätigte das Verfahren des Königs. Zum erstenmal stand die Geistlichkeit eines Landes Schulter an Schulter mit einem weltlichen Herrscher gegen den Papst!

Darüber erbittert, erließ Bonifazius in der an die gesamte Christenheit gerichteten Bulle „Unam Sanctam“ die Erklärung, der Papst als Stellvertreter Gottes auf Erden sei die Quelle aller Rechte, weshalb auch die Verleihung des Königtums sowie des Wahlrechts der Fürsten dem Papst zustehe und allein durch ihn zu erfolgen habe. Selbstredend könne er diese Vergünstigungen auch jederzeit widerrufen. Es gäbe zwei Schwerter, ein geistliches und ein weltliches; beide aber befänden sich in der Gewalt der Kirche. Das geistliche Schwert werde allein von der Kirche geführt, das weltliche dagegen müsse von den Königen und Kriegern für die Kirche gehandhabt werden, aber nur dann und nur so lange, als vom Papst bestimmt werde. Die geistliche Macht habe auch die Befugnis, die weltliche einzusetzen und über sie zu richten, wenn sie sich deren Anordnungen nicht füge oder unfähig zeige.

Gleichzeitig richtete der Papst an den König ein Schreiben, das folgendermaßen begann:

„Bonifaz an Philipp, König von Frankreich!

Fürchte Gott und halte seine Gebote! Du sollst hiermit wissen, daß Du uns in allen weltlichen und geistlichen Angelegenheiten unterworfen bist! Andersdenkende betrachten wir als Ketzer!“ —

Man vergegenwärtige sich die maßlose Entrüstung des Statthalters Gottes, als er bald darauf folgende Antwort empfing:

„Philipp, von Gottes Gnaden König von Frankreich, an Bonifaz, der sich für den Papst ausgibt!

Wenig oder gar keinen Gruß! Du Erzpinsel (Maxima tua fatuitas) solltest wissen, daß wir in weltlichen Dingen niemanden unterworfen sind. Andersdenkende halten wir für einfältige Narren!“ —

Die Entwicklung des päpstlichen Ornats. II

Die Entwicklung des päpstlichen Ornats. II.

Obere Reihe: Fig. 1. Papst mit Hirtenstab. 11. Jahrh.; Fig. 2. Papst im 12. Jahrh.; Fig. 3. Papst mit Hut ohne Kronreifen. 12. Jahrh.

Untere Reihe: Fig. 4. Papst mit Tiara und einfachem Kronreifen. 13. Jahrh.; Fig. 5. Papst mit doppeltem Kronreifen. 14. Jahrh.; Fig. 6. Papst mit dreifachem Kronreifen und Kreuzstab. 15. Jahrh.

Aber noch schlimmere Demütigungen sollten dem Papst widerfahren. Philipp sandte im geheimen seinen Vizekanzler de Nogaret nebst mehreren Mitgliedern der vom Papst verbannten italienischen Fürstenfamilie Colonna nach Rom. Dort stifteten sie in Gemeinschaft mit vielen anderen unzufriedenen Großen des Kirchenstaates eine Verschwörung an, überfielen den allgemein verhaßten Papst in seinem Schloß Anagni, setzten ihn auf ein ungesatteltes Pferd, das Gesicht dem Schwanz zugekehrt, und trieben ihn so durch die Straßen in ein elendes Gefängnis. In demselben enthielt der Papst sich mehrere Tage lang jeder Nahrung, aus Furcht, vergiftet zu werden. Endlich durch die Mitglieder der mächtigen Familie Orsini befreit, ward er nach Rom zurückgebracht, wo der in seiner Würde so arg gekränkte Halbgott am Morgen des 11. Oktober 1303 tot in seinem Zimmer aufgefunden wurde. Da seine weißen Haare voller Blut klebten, so nahm man an, daß er in Tobsucht verfallen sei und daß er Selbstmord begangen habe, in dem er mit dem Kopf gegen die Wände rannte. —

Zwischen den beiden römischen Patrizierfamilien Colonna und Orsini entspann sich nun ein erbitterter Kampf, dem der Nachfolger des verstorbenen Papstes, der fromme Benedikt XI., ratlos zuschauen mußte. Schließlich mußte er sich dazu bequemen, die Colonnas von dem von seinem Vorgänger verhängten Bann loszusprechen und ihnen ihre Besitzungen zurückzugeben. Ferner mußte er alle von Bonifazius erlassenen Bullen widerrufen, die Frankreich und den französischen Klerus zum Widerstand gereizt hatten. Da er sich obendrein in Rom nicht sicher fühlte, so begab er sich nach Orvieto, wo er bereits im Juli 1304, angeblich nach dem Genuß von vergifteten Feigen, starb.—

Bei der nun folgenden Neuwahl, die in Perugia abgehalten wurde, zeigte es sich, daß die französische Partei unter den versammelten Kardinälen über Stimmenmehrheit verfügte und den Ausschlag gab. Sie erkor den Erzbischof von Bordeaux, Bertrand de Got, der alle Vorbedingungen, die ihm vom König Philipp gestellt worden waren, stillschweigend eingegangen hatte. Nachdem er als Clemens V. ausgerufen worden, erwies er sich in jeder Beziehung als ein gefügiges Werkzeug der französischen Politik. Ja, er ging sogar auf das Verlangen des Königs ein, seinen Sitz von Rom nach der französischen Stadt Avignon zu verlegen. Hier, während des bis zum Jahre 1378 dauernden sogenannten siebenzigjährigen „babylonischen Exils“ entartete unter dem Einfluß des leichtfertigen französischen Lebens der päpstliche Hof zu einem förmlichen Sumpf von Liederlichkeit.

Der berühmte italienische Dichter Francesco Petrarca († i347), der sich für längere Zeit in Avignon aufhielt, verlieh seinem bitteren Groll über die dort gesehenen Zustände in einer Anzahl vertraulicher, an seine Freunde gerichteter Briefe („Epistolae sine Titulo“) Ausdruck. Rom sowohl wie Avignon seien eine Neuauflage von Sodom und Babylon, wo Gold das Alpha und Omega bilde und den Schlüssel zum Himmel bedeute. Für Gold werde daselbst Christus verkauft. Das Christentum werde als eine gewinnbringende Fabel betrachtet und alles, was sich auf Hölle, das Ende aller Dinge, die Auferstehung der Toten und ein Weltgericht beziehe, gelte als Altweibergeschwätz. In dem achten dieser Briefe schildert Petrarca die in Avignon herrschende moralische Verkommenheit. Schwelgerei, Trunksucht, Verführung, Ehebruch, Blutschande und Vergewaltigung seien daselbst an der Tagesordnung. Reiner Lebenswandel werde als bäuerische Dummheit, Bescheidenheit als ein Fehler betrachtet. Avignon sei ein Treibhaus der Lüge, ein Tempel der Unzucht, eine Hölle auf Erden, in der die Päpste durch ihr Treiben allen anderen vorangingen. —

Auch andere Geschichtschreiber jener Zeit berichten von der in Avignon herrschenden Unmoral, betonen dabei aber auch, daß sie die schlimmsten Dinge aus Schamgefühl verschweigen müßten. Um die Mittel zur Bestreitung des hier entfalteten weltlichen Glanzes zu erlangen, führte man die schamlosesten Erpressungen ein, verkaufte kirchliche Ämter gegen hohe Abgaben und erließ kirchliche Strafen für begangene Verbrechen gegen Geldzahlungen. Auch veranstaltete man Massenpilgerfahrten zu den in Avignon ausgestellten Reliquien angeblicher Heiligen, wobei die Gläubigen, die hier Erlösung von allen Übeln zu finden hofften, von den geistlichen Hirten kunstgerecht geschoren wurden. —

Selbstverständlich empfanden die in Italien sitzenden Kardinäle die Verpflanzung des Papsttums von Rom nach Frankreich auf das tiefste; waren sie damit doch auch in ihren Einnahmequellen schwer geschädigt worden. Sie bemühten sich deshalb auf das energischste, eine Rückkehr der Päpste nach der Ewigen Stadt herbeizuführen. Da das trotz aller Überredungskünste nicht gelang, so erwählten sie am 9. April 1378 einen besonderen Papst, Urban VI., mit dem Sitz in Rom. Damit führten sie allerdings eine förmliche Kirchenspaltung, „Schisma“ genannt, herbei, die 40 Jahre lang bestand. Während dieser Zeit wurden die in Avignon residierenden Päpste von Frankreich, Schottland, Spanien und Portugal anerkannt, wohingegen die weltlichen und geistlichen Behörden Italiens und Deutschlands die in Rom residierenden Päpste als die rechtmäßigen Statthalter Gottes betrachteten. Während dieser Zeit der Spaltung ward der frommen Christenheit ziemlich häufig das wenig erhebende Schauspiel zuteil, daß die verschiedenen Stellvertreter Gottes die fürchterlichsten Bannflüche gegeneinanderschleuderten, wobei sie es auch an greulichen Beschuldigungen aller Art nicht fehlen ließen.

Um diesen widerwärtigen Zuständen ein Ende zu machen, wurde im Jahre 1409 eine allgemeine Kirchenversammlung nach Pisa einberufen. Hier wurde beschlossen, daß die zu der Versammlung erschienenen Kardinäle, Erzbischöfe, Bischöfe und Äbte als eine über den derzeitigen Päpsten stehende Behörde betrachtet werden solle, mit der Befugnis, Päpste ein- und absetzen zu können. Um für weitere Entschließungen völlig freie Hand zu haben, wurden die zur Zeit in Avignon und Rom ihres Amtes waltenden Päpste aufgefordert, zunächst abzudanken und die weitere Entscheidung dem Konzil zu überlassen. Da aber beide Päpste sich weigerten, diesem Ersuchen nachzukommen, so erklärte das Konzil sie für abgesetzt, worauf man zur Wahl eines neuen Papstes schritt. Aber die zu Avignon und Rom sitzenden Päpste ignorierten alle Beschlüsse und Maßnahmen des Konzils; so hatte man nunmehr drei Päpste und eine schlimmere Verwirrung denn je zuvor. —

Die Zerfahrenheit und die daraus entstehenden Übelstände wurden derart unerträglich, daß man die Einberufung eines neuen Konzils als notwendig erachtete. Im Jahre 1414 zu Konstanz am Bodensee eröffnet, gestaltete es sich zu der glänzendsten, großartigsten und langandauerndsten Versammlung, die wohl jemals irgendwann und irgendwo abgehalten wurde. Aus allen Ländern der Christenheit waren endlose Scharen geistlicher und weltlicher Würdenträger herbeigeströmt, um über die zum Himmel schreienden, unhaltbar gewordenen Zustände der Kirche zu beraten. Unter den Erschienenen befanden sich 1 Kaiser, 1 Papst, 3 Patriarchen, 29 Kardinäle, 33 Professoren der Kirchenwissenschaften, alle Kurfürsten, 153 Fürsten, 132 Grafen, über 700 Freiherren und Ritter, 18000 Mönche und Priester und 2400 Ordensritter. Außer diesen stellten sich aber auch gegen 80000 Laien ein, darunter ganze Heere gewerbsmäßiger Dirnen, Mätressen, Glücksritter, Abenteurer, Seiltänzer, Spaßmacher und Komödianten. Da solche Menschenmassen in der Stadt nicht untergebracht werden konnten, so errichtete man auf den vor der Stadt sich ausbreitenden Geländen zahlreiche Baracken und Zeltlager, in denen das bunt zusammengewürfelte Gesindel vier volle Jahre lang ein gar lustiges Dasein führte. Da gab es weltliche und geistliche Komödien, ritterliche Turniere, glänzende Gastmähler und allerhand andere Unterhaltungen. Zwischendurch auch die öffentliche Verbrennung mehrerer Ketzer, unter denen jene der beiden Böhmen Johann Hus und Hieronymus weltweites Aufsehen erregten. —

Auf dem Konzil sollten drei Hauptpunkte zur Besprechung und Entscheidung kommen: die Sache des Glaubens (causa fidei), die der Einheit der Kirche (causa unionis) und die Verbesserung der kirchlichen Zustände (causa reformationis). Ehe diese wichtigen Fragen in Angriff genommen werden konnten, mußte man aber versuchen, die drei noch vorhandenen Päpste zu bewegen, ihre Ämter und Würden niederzulegen, damit das Konzil für alle weiteren Maßnahmen freie Hand habe. Der in Rom residierende Papst Gregor XII. verstand sich freiwillig zum Rücktritt. Der zur Zeit in Spanien weilende französische Papst Benedikt XIII. konnte dazu erst nach langwierigen Verhandlungen bewogen werden. Dagegen mußte man den auf dem Konzil zu Pisa erwählten Papst Johann XXIII., der persönlich in Konstanz erschienen war, für abgesetzt erklären, nachdem 37 Zeugen ausgesagt und beschworen hatten, daß er nicht nur den scheußlichsten Ämterschacher, sondern auch Ehebruch, Blutschande und Sodomiterei getrieben habe. Ferner wurde behauptet, er habe mehrere hundert Nonnen verführt und sie dann zu Äbtissinnen und Priorinnen gemacht. Desgleichen wurde er beschuldigt, seinen Vorgänger Clemens II. vergiftet zu haben. Sein eigener Sekretär, Niem, bekundete, der Papst habe in Bologna einen Harem von 200 Mädchen unterhalten.

Erst nachdem man diesem Gottesmann sein langes Sündenregister vorgehalten hatte, bequemte er sich dazu, am 1. März 1415 in der Kirche vor allem Volk am Altar seine Abdankungsformel zu verlesen. Daß er aber in Wirklichkeit nicht gesonnen sei, auf die päpstliche Tiara zu verzichten, bewies er bereits am 20. Tage desselben Monats, wo er, als Postknecht verkleidet, nach Schaffhausen entfloh, seine Entsagung widerrief und kraft seines päpstlichen Amtes sämtliche Beschlüsse des Konzils für ungültig erklärte. Darob entstand im Konzil eine so grenzenlose Bestürzung und Verwirrung, daß man an die Auflösung der Versammlung dachte. Erst nachdem es dem Markgrafen Friedrich von Brandenburg gelang, den entflohenen Papst gefangenzunehmen, und das Konzil abermals seine Absetzung verfügte, konnten die Verhandlungen über die Reformation der Kirche aufs neue aufgenommen werden. Aber wiederum verursachte die Wahl eines neuen Papstes außerordentliche Schwierigkeiten, da die Vertreter der verschiedenen christlichen Völkerschaften — Italiener, Deutsche, Franzosen, Spanier und Engländer — ihre stark voneinander abweichenden Ansichten und Wünsche durchzudrücken suchten. Darüber vergingen abermals viele Monate. Erst nach 40 sehr erregten Sitzungen konnte ein aus 23 Kardinälen und 30 Mitgliedern des Konzils gebildetes Wahlkomitee die eigentliche Wahl vornehmen. Aus derselben ging am 11. November 1417 ein Mitglied der römischen Fürstenfamilie Colonna hervor. Seine Krönung erfolgte am 21. November im Dom zu Konstanz mit ungewöhnlicher Pracht, wobei der neue Papst den Namen Martin V. annahm.

Gar bald wurde aber offenbar, daß auch dieser neue Stellvertreter Gottes den alten Traditionen seiner Vorgänger folgen werde. Anstatt sich die so dringend nötige Reform der Kirche angelegen sein zu lassen, vereitelte er dieselbe, indem er nach dem uralten römischen Rezept: „divide et impera“ = „teile und herrsche“ mit den Vertretern der verschiedenen Völker einzeln unterhandelte und mit ihnen besondere Verträge, sogenannte „Konkordate“ abschloß, wodurch er das Spiel in seine Hand bekam. Als endlich im April des Jahres 1418 das Konzil auseinanderging, waren die Hoffnungen der Teilnehmer auf eine Erneuerung, eine Reformation der Kirche in keiner Weise erfüllt. Ebensowenig trat in der verschwenderischen Hofhaltung der Päpste eine Änderung ein. Im Gegenteil, sowohl ihre Prasserei wie jene der ihrem Beispiel folgenden Kardinäle, Erzbischöfe, Bischöfe und Prälaten gestaltete sich immer üppiger. Insbesondere unter den den Fürstengeschlechtern der Borgia und Medici entstammenden Päpsten wurde im Lateran eine verschwenderische Pracht entfaltet, wie an keinem anderen Herrschersitz der Welt. Hand in Hand damit ging eine beispiellose sittliche Verkommenheit. Befaßt man sich mit dem näheren Studium der Geschichte des römischen Papsttums während des Mittelalters, so eröffnen sich dem Forscher derartige Abgründe moralischer Entartung, daß er, von Grauen über das Unmaß der von den vorgeblichen Statthaltern Gottes begangenen Verbrechen erfaßt, sich schaudernd abwendet und darauf verzichten möchte, in die sich offenbarenden, abscheuerregenden Vorkommnisse näher einzugehen. Die Geschichten keiner noch so entarteten Fürstengeschlechter, keiner noch so schlecht verwalteten weltlichen Reiche sind derart erfüllt mit so vielen Verrätereien, hinterlistigen Giftmorden, brutalen Gewalttaten und blutigen Kriegen, als wie sie von den Päpsten des 15. und 16. Jahrhunderts angezettelt und verübt wurden.

Auf den niedrigsten Tiefstand sittlicher Verkommenheit sank das Papsttum unter seinen Oberhäuptern Paul II. (1464—1471); Sixtus IV. (1471-1484); Innozenz VIII. (1484— 1492); Alexander VI. (1492-1503); Julius II. (1503—1513); Leo X. (1513—1522) und Clemens VII. (1523—1534). Habgier, Herrschsucht, Mordlust und Unzucht waren für diese „Päpste der Renaissance“ bezeichnend, ganz insbesondere für den aus dem spanischen Geschlecht der Borgia hervorgegangenen Alexander VI. Man hat denselben „den Virtuosen des Verbrechens“ genannt, da Verrat, Meineid, heimliches Gift und Mord oft von ihm angewendete Mittel waren, um seine niedrigen Leidenschaften zu befriedigen. Mit Vanozza dei Cattanei, einer seiner zahlreichen Mätressen, hatte dieser Papst eine Tochter, Lukrezia, sowie vier Söhne, von denen er den ältesten, Cesare Borgia, nicht nur zum Kardinal machte und später auch zum Herzog von Romagna erhob, sondern auch völlig unbestraft ließ, als derselbe sowohl seinen eigenen Bruder, wie auch den Gatten seiner Schwester Lukrezia ermordete.

Wie es in Rom, insbesondere im Vatikan zuging, ist aus handschriftlichen Aufzeichnungen des als Zeremonienmeister beim Papst Alexander fungierenden Bischofs Burchard von Orta zu ersehen[„Diarium Curiae Romanae“ in Eccardi corp. hist. med. aevi, S. 2144. Gräbner, Th., „The Dark Ages“ (St. Louis 1917), p. 215. — Von den vielen Geschichtswerken über das Papsttum der Renaissancezeit seien folgende genannt: Symonds, J. A., „The Renaissance in Italy“ (Neuyork 1881); Gregorovius, „Geschichte der Stadt Rom“. — Über das Geschlecht der Borgias erschienen folgende Werke: Portigliotti, G., „Die Borgias“ (Englische Übersetzung von Bernard Miall, Neuyork 1904). Gregorovius, „Lucretia Borgia“ (London 1904).]. Derselbe schreibt : „Wollte ich all die in Rom vorkommenden Mordtaten, Räubereien und Greuel aufzählen, so fände ich kein Ende. Wieviel der Vergewaltigung und Blutschande! Wieviel Verdorbenheit macht sich in diesem päpstlichen Palast breit, ohne Scheu vor Gott oder den Menschen! Welche Herden von Kupplerinnen und Prostituierten treiben sich in diesem Palast St. Peters herum! Am Tage Allerheiligen 1501 waren 50 Prostituierte in den päpstlichen Palast eingeladen, wo sie zwischen auf den Fußboden gestellten brennenden Leuchtern nackend allerlei Tänze aufführten, die schließlich in widerliche Orgien ausarteten. Seine Heiligkeit der Papst sowie dessen Tochter Lukrezia befanden sich unter den Zuschauern.“ —

In demselben Tagebuch ist unter dem 27. Juli 1501 vermerkt: „Bevor seine Heiligkeit, unser Herr, die Stadt verließ, um sich auf eines seiner Landgüter zu begeben, übertrug er die Obhut über den Vatikan seiner Tochter Lukrezia und ermächtigte sie gleichzeitig, sämtliche einlaufende Briefe zu öffnen und alle Geschäfte zu erledigen. In besonders wichtigen Fällen möge sie sich an den Kardinal von Lisbon wenden.“

Mit Recht bemerkte der Historiker Gregorovius, es müsse für die nach Rom kommenden Kardinäle ein seltsamer Anblick gewesen sein, die Geschäfte des Vatikans durch eine junge, schöne Frau, des Papstes eigene Tochter, gehandhabt zu sehen.

Wohl niemals spielten Giftphiole und Giftringe eine so verhängnisvolle Rolle, als zu Lebzeiten Alexanders und seines Sohnes Cesare Borgia. Der berüchtigte Ring, welcher der Überlieferung zufolge dem Sohn des Papstes gehörte und sich jetzt in einer englischen Sammlung befindet, ist das typische Beispiel eines venezianischen Giftringes, ein goldener Reif mit schöner Emailverzierung, der ein kleines erhabenes Siegel trägt, auf dem der Name Borgia eingraviert ist. Unter diesem Siegel befindet sich ein winziges Behältnis, das mit Hilfe eines Schiebers leicht geöffnet oder geschlossen werden kann. In diesem kleinen Fach soll der Sohn des Papstes Alexander VI. die tödlichen Pillen verborgen haben, die er unbemerkt aus dem Ring in das Weinglas seines Feindes gleiten ließ, den er töten wollte. Ein anderer historischer Giftring soll aus dem Besitz des Papstes Alexander VI. selbst stammen; er ist in der Form eines alten römischen Schlüsselringes gehalten. Diese Ringe, die als Schlüssel benutzt wurden, bestanden manchmal aus schwerem Gold, häufig aber auch aus Eisen und anderen Metallen und werden jetzt in italienischen Antiquitätenläden eifrig aufgespürt und hoch bezahlt. Der Schlüssel steht in einem rechten Winkel von dem Ring ab. Der Schlüsselring Alexanders war innen hohl und konnte mit einem flüssigen Gift gefüllt werden; ein leiser Druck setzte eine Feder in Bewegung, die die Spitze einer hohlen Nadel hervortreten ließ. Wenn der Papst einen Besucher ins Jenseits befördern wollte, dann lud er ihn ein, irgendwelche neuen Kunstschätze zu bewundern, die sich in einem Schrank befanden. Er händigte ihm dann den Schlüsselring ein, damit er den Schrank öffnen könne. Da das Schloß nicht leicht nachgab, mußte der ahnungslose Gast mit dem Schlüssel fest aufdrücken; dadurch wurde die Nadelspitze hervorgeschoben, die nun leicht die Haut ritzte und ein paar Tropfen des Giftes in die Blutbahn eindringen ließ, die sehr bald den Tod herbeiführten.

Papst Alexander starb selbst an Gift, das ihm am 18. August 1503 versehentlich kredenzt wurde und ursprünglich für einen bei ihm zu Gast geladenen Kardinal bestimmt gewesen war. Nach den von Dupin zitierten handschriftlichen Aufzeichnungen eines im Vatikan Angestellten namens Guicciardini seien nach dem Tode des Papstes sämtliche Bewohner der Stadt Rom herbeigeströmt, um voll unbeschreiblicher Freude die zu einer schwarzen geschwollenen Masse aufgedunsene Leiche des allgemein Gefürchteten und Verhaßten zu betrachten[Dupin, L. E., „History of the Church“ (3. Ausgabe, London 1724, 3. Band, S. 304). Gräbner, Th., „The Dark Ages“ (St. Louis 1917, S. 197).]. —

Papst Alexander hat seinen Namen noch durch zwei weitere Handlungen in die Geschichte eingetragen, zunächst durch seinen von ihm im Jahre 1493 abgegebenen Machtspruch in bezug auf die von Kolumbus entdeckte „NeueWelt“. Da das Papsttum die Oberherrschaft über die ganze Erde beanspruchte, so erstreckte sich nach Ansicht Alexanders sein angebliches Besitzrecht auch über alle Länder, deren Bewohner Nichtchristen waren, darum für rechtlos galten und nur als einstweilige Nutznießer des Bodens betrachtet wurden, der von Rechts wegen der alleinseligmachenden Kirche und ihren Kindern gehöre. Wenn auch die Kirche ihren Anhängern die Verpflichtung auferlegte, den christlichen Glauben und die Macht der Kirche immer weiter ausbreiten zu helfen, so sollten sie sich doch nur dann in den Besitz der Länder der Heiden setzen dürfen, nachdem die Kirche ihre Zustimmung dazu gegeben habe.

Dementsprechend hatten sich die Portugiesen bereits wiederholt den Besitz der von ihnen in Afrika entdeckten Gebiete durch päpstliche Verordnungen verbriefen lassen. Nachdem Kolumbus von seiner gen Westen unternommenen Entdeckungsreise heimgekehrt war, blieb dem strenggläubigen spanischen Königspaar Ferdinand und Isabella nichts übrig, als gleichfalls die päpstliche Genehmigung zur Besitzergreifung der neuentdeckten Länder einzuholen. Deshalb wurde eine Gesandtschaft an den Papst Alexander geschickt, um von diesem die gewünschte Bewilligung zu erbitten.

Im Hinblick auf die zu erwartende weitere Ausbreitung der päpstlichen Macht und auf die Zunahme der ihr zufließenden Reichtümer wurde dem Gesuch der spanischen Herrscher bereitwilligst entsprochen. Schon am 3. Mai des Jahres 1493 wurde eine Bulle ausgefertigt, wonach der Papst „aus freiem Antriebe und aus apostolischer Machtvollkommenheit“ die von Kolumbus entdeckten Länder den spanischen Monarchen verlieh und bei Strafe der Exkommunikation allen anderen verbot, ohne Erlaubnis der spanischen Regenten dorthin zu fahren und Handel zu treiben.

Schon am folgenden Tage kam aber dem Papst die Erleuchtung, daß es wegen dieser raschen Entscheidung zwischen Portugal und Spanien möglicherweise zu Konflikten kommen möge. Um dem vorzubeugen, wurde sofort eine vom 4. Mai datierte Verfügung erlassen, welche eine „Demarkationslinie“ vorsah, durch welche die östlich von dieser Linie gelegene Erdhälfte portugiesisches und die westlich von der Linie gelegene Erdhälfte spanisches Entdeckungs- und Eroberungsgebiet sein solle. Die Trennungslinie dachte man sich als meridional vom Nord- bis zum Südpol, und 100 Leguas westlich von den Azoren und Kap Verdischen Inseln gezogen.

Über diese Teilung der Erde zeigte sich das kleine Portugal aber sehr ungehalten. Es glaubte von Spanien übervorteilt zu sein und ruhte nicht eher, bis am 7. Juni 1494 ein Vertrag zustande kam, wonach die ursprüngliche Demarkationslinie noch um 270 Leguas weiter gen Westen hinausgeschoben wurde. Die Unbestimmtheit der Linie führte späterhin trotzdem bezüglich des Anrechtes auf Brasilien zu mancherlei Streitigkeiten zwischen Spanien und Portugal. Bekanntlich kümmerten sich auch die später in den Wettbewerb um das Besitzrecht an die Neue Welt eintretenden Engländer, Holländer und Franzosen nicht im geringsten um die vom Papst vollzogene Teilung der Erde[Cronau, R., „Amerika, die Geschichte seiner Entdeckung“ (Leipzig 1892), Bd. I, S. 249.].

Von den weiteren Handlungen Alexanders ist noch zu erwähnen, daß er einen der frömmsten Mönche Italiens, einen wegen der vielen Missetaten des Papstes tief bekümmerten Wahrheitsucher, Girolamo Savonarola, der gegen ihn gepredigt und eine Reformation der ganzen Kirche gefordert hatte, mit dem Bann belegte, aufgreifen und am 23. Mai 1498 öffentlich verbrennen ließ. —

Daß die damalige Menschheit sich nicht wider das in Grund und Boden verdorbene Papsttum erhob und es hinwegfegte, dürfte lediglich auf die Tatsache zurückzuführen sein, daß es der so wohlorganisierten, über ganze Heere von Priestern und Mönchen gebietenden römischen Klerisei gelang, die Völker über das Treiben seiner Oberen, der Päpste, Kardinäle, Erzbischöfe, Bischöfe und Äbte in Unwissenheit zu erhalten. Zu diesem Zweck führte Papst Alexander VI. schon bald nach der Verbreitung der Buchdruckerkunst am 1. Juni 1501 die Bücherzensur ein, durch welche es allen Katholiken aufs strengste verboten wurde, sich mit solchen Schriften zu beschäftigen, die von den das öffentliche Leben streng überwachenden geistlichen Behörden auf den „Index librorum prohibitorum“ gesetzt wurden. Als Strafen für das Lesen solcher anrüchigen Bücher wurden Exkommunikation, Verlust aller Ämter und immerwährende Infamie angedroht. Selbstverständlich waren die verbotenen Schriften in erster Linie solche, die sich gegen das unwürdige Treiben der Geistlichkeit wendeten oder in irgendeiner Weise gegen die Interessen der alleinseligmachenden Kirche verstießen. —

Unter den bereits seit langer Zeit verbotenen Büchern befand sich auch die Bibel, insbesondere Übersetzungen derselben aus dem Urtext in die verschiedenen Sprachen der christlichen Länder. Schon im Jahre 860 hatte Papst Nikolaus I. das Lesen der Bibel verboten und Übertreter dieses Verbots mit dem Bann bedroht. Gregor VII. erneuerte dieses Verbot im Jahre 1073; Innozenz III. erließ im Jahre 1198 sogar den Befehl, daß alle Laien, die beim Lesen der Bibel betroffen würden, mit dem Tode zu bestrafen seien. Das im Jahre 1229 zu Toulouse abgehaltene Konzil verbot sogar den Besitz der Heiligen Schrift; das gleiche geschah durch das von 1545—1568 währende Konzil zu Trient. Als Grund für diese Maßnahmen wurde angeführt, daß Übersetzungen der Bibel aus dem Originaltext in die Sprachen der verschiedenen Länder vielfach ungenau seien, darum dem „wahren Wort Gottes“ nicht völlig entsprächen und Anlaß zu falschen Auslegungen und zu Zweifeln geben könnten. In Wirklichkeit war es den Päpsten wohl mehr darum zu tun, der Bildung irgendwelcher Sekten vorzubeugen, die gleich den Waldensern und Albigensern sich durch das Lesen der Bibel bewogen fühlen möchten, zu der Einfachheit des Urchristentums zurückzukehren. Mit anderen Worten, die katholische Kirche wollte die „alleinseligmachende Kirche“ sein und für alle kommenden Zeiten bleiben.

Wohl nicht zuletzt wollte man auch der Möglichkeit vorbeugen, daß durch das Lesen der Bibel das Volk zu unliebsamen Vergleichen zwischen dem armen Leben Jesu und seiner Jünger mit dem Treiben der in Luxus und Schwelgerei versunkenen Kirchenfürsten angeregt werde. Waren doch bereits in manchen Städten Bilderbücher in Umlauf, in denen Szenen aus dem sündhaften Prassen der Prälaten solchen aus dem Leben Jesu gegenübergestellt waren. Auch hatte man eines Tages in Rom an der Ecke des Orsini-Palastes folgende Gegenüberstellung der Person Christi mit jener des Papstes angeheftet gefunden:

Christus sagte: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt!“

Der Papst hingegen erobert Städte durch Gewalt! —

Christus trug eine Dornenkrone;

Der Papst trägt eine Krone mit drei goldenen Reifen!

Christus wusch die Füße seiner Jünger und der Armen;

Der Papst läßt seine Füße von den Königen küssen!

Christus zahlte Tribut;

Der Papst erpreßt solchen!

Christus weidete seine Schafe;

Der Papst schert sie zu seinem Vorteil!

Christus war arm;

Der Papst strebt nach der Herrschaft über die ganze Welt!

Christus trug auf seinen Schultern das Kreuz;

Der Papst läßt sich auf den Schultern seiner

in goldstrotzende Livreen gekleideten Diener einhertragen!

Christus verachtete Reichtümer;

Der Papst hat keine andere Leidenschaft als Gold.

Christus trieb die Wechsler zum Tempel hinaus;

Der Papst heißt sie willkommen!

Christus predigte den Frieden;

Der Papst ist eine Kriegsfackel!

Christus war die verkörperte Demut;

Der Papst ist die verkörperte Hochmut!

Christus verkündigte die Gesetze;

Der Papst tritt sie mit Füßen! —

Nicolo Machiavelli, der bedeutendste Staatsmann und Geschichtschreiber jener Zeit, klagte in seinen „Discorsi“, daß, je mehr man sich der Stadt Rom, dem Hauptsitz der Christenheit, nähere, die Frömmigkeit der Bevölkerung abnehme. Es scheine, der Untergang der Kirche stehe bevor. Infolge der von den Päpsten und den Priestern gegebenen üblen Beispiele seien Italien alle Begriffe von Moral und Religion abhanden gekommen. —

Ähnlich ließ der Karmeliter Baptista zu Mantua sich in seinem Gedicht „Über die Nöte dieser Zeiten“ (De horum temporum calamitatibus) vernehmen:

„Nun, da die Tugend vertrieben, herrscht einzig der Mammon in Roma,

Und im ganzen Gebiet bleibet für Gott nicht mehr Raum.

So viel Menschen du schauest in Rom, so viel Diebe erblickst du;

Wo du meinst Christen zu sehn, triffst du jetzt Wölfe nur an!“ —

Daß in anderen Ländern der Christenheit die Stimmung gegenüber dem Priestertum nicht günstiger war, geht aus den Äußerungen mancher damals lebenden Dichter und Chronisten hervor. Schon zu Anfang des 13. Jahrhunderts, als die von päpstlichen Legaten schlau aufeinandergehetzten Gegenkönige Otto IV. und Philipp von Schwaben sich um die deutsche Kaiserkrone stritten und die deutsche Nation dadurch in zwei Heerlager geteilt wurde, stellte Walter von der Vogelweide sich den Papst vor, wie er zu Rom im Kreise seiner Kardinäle sich seiner schlauen Politik rühme und die Deutschen lachend verhöhne. Mit Schmerz über die Zerrüttung Deutschlands und mit Entrüstung über die Hinterlist des Papsttums erfüllt, verlieh Walter seiner bitteren Stimmung in folgenden Worten Ausdruck:

„Hört, wie christlich jetzt der Papst wohl lacht,

Wenn er seinen Welschen sagt: „Ich hab’s also gemacht:

Zwei deutsche Kön’ge hetzte ich auf eine Kron‘,

Damit ihr Reich sie stören und verwüsten soll’n.

Wir derweilen füllen unsre Kasten!

Ihr Hab und Gut wird alles mein,

Ihr deutsches Silber fährt in meinen welschen Schrein!

Hört, Priester! Hühner eßt, dazu trinkt guten Wein,

Doch laßt die dummen Deutschen — fasten!“ —

In dem von Sebastian Frank im Jahre 1534 zu Tübingen gedruckten „Weltbuch, spiegel und bildnis des ganzen Erdbodens“ lautet es folgendermaßen:

„Germania hat jetz viererlei Völker und fürnäme Ständ. Zuerst geistliche Pfaffen und Münch. Die Pfaffen tragen lange weite Röck, zirkelrunde paret (Barett), auch kappenzipfel von seidem und wullenem tuch, gehn gemeinklich auf pantoffeln, müßig, ehrlos, unnütze Leut, die wenig studieren, ihre Zeit mit spilen, essen, trinken und schönen frawen hinbringen. Sie haben große freiheiten von den Bäpsten, also daß Niemant sy wegen einiger sachen strafen noch für gericht ziehen oder antasten darf, denn allein ihre Oberkeit, der Bischof und Bapst. Nun wär viel zu sagen von ihren mehr denn heidnischen privilegien, wesen, leben, rechten, und mit was gewalt und listen sy alle welt sich underworfen; so gar, daß auch der Keiser irem Oberen und Gott, dem Bapst, zu füß fallen, die küssen, von ihm die Krone und das Lehen des Kaisertumbs und Römischen Reichs empfahen muß; von welcher büberei das geistlich Recht und all ire bücher voll ist. Der gemein Mann in Germania ist fast allen diesen rechten und falschen Geistlichen feind: den rechten, weil sie eine Rute des Volks seind; den vermeinten Geistlichen, ob sie wol äußerlich benedeien, seind sie doch innerlich darumb gram, weil sie täglich ihre durchtribne böse schalkheit, bosheit, geiz, laster, untreu, betrug und bubenstück zu irem Schaden erfahren, also daß, wie in allen landen, diesen Geistlichen wenig getraut wird. Dadurch seind beim gemeinen Mann vil böse Sprüchwörter entstanden, nämlich: ,Es kumpt nimant von eim pfaffen unbetrogen!‘ — ,Die gelehrten die verkehrten!‘ — ,Was ein münch denken darf, das darf er auch tun!‘ — ,Wer eim pfaffen vertrawet, der ist selbst nit fromm!‘ — ,Wer sein haus will sauber haben, der mög sich für pfaffen hüten!‘ — ,Es tut kein gut, wir schlagen dann die pfaffen all zu tot!'“ —

Grabmal im Mainzer Dom, Erzbischof-Kurfürst Peter von Aspelt und die von ihm gekrönten Könige Heinrich VII., Ludwig von Baiern und Johann von Böhmen

Grabmal im Mainzer Dom, Erzbischof-Kurfürst Peter von Aspelt und die von ihm gekrönten Könige Heinrich VII., Ludwig von Baiern und Johann von Böhmen.

Aus dem Werke Kautzsch-Neeb, Der Dom zu Mainz.

Der aus diesen Worten hervorleuchtende Ingrimm des Chronisten Sebastian Frank wird verständlich, wenn man den ihm zweifellos bekannten Schleichwegen nachspürt, die von den Päpsten, ihren Legaten und Erzbischöfen beständig eingeschlagen wurden, um das deutsche Volk zu zersplittern, um es dann um so leichter zu beherrschen. Keine Gelegenheit blieb ungenützt, um durch Intrigen aller Art sich in die Politik, in die Regierung der deutschen Staaten, des ganzen Reiches einzumischen. Handelte es sich gar um die Wahl neuer Herrscher, so hatten insbesondere die Erzbischöfe von Mainz, Köln und Trier beständig ihre Hände im Spiel. Im vollsten Sinne des Wortes waren sie die „Königsmacher“, und verschiedene dieser hochmächtigen Herren unterließen es nicht, das auch auf ihren Grabmalen für die nachfolgenden Geschlechter veranschaulichen zu lassen. So bekundet das im Dom zu Mainz befindliche Grabmal des im 13. Jahrhundert regierenden Erzbischof Sigfrid von Eppstein, daß er zwei Könige krönte: Heinrich Raspe und Wilhelm von Holland. Mehr noch vollbrachte einer seiner Nachfolger, der dem 14. Jahrhundert angehörende Erzbischof Peter von Aspelt. Sein gleichfalls im Dom zu Mainz vorhandenes Grabmal zeigt ihn, wie er mit erhabener Gebärde den demütig ihm zu beiden Seiten stehenden, zwerghaft kleinen Königen Heinrich VII., Ludwig dem Baiern und Johann von Böhmen die Kronen auf ihre Häupter drückt. In der Tat, ein für die Nachwelt berechneter, überaus wirksamer Anschauungsunterricht! —

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