[11] R. C. DARWIN / DIE ENTWICKLUNG DES PRIESTERTUMS UND DER PRIESTERREICHE

In diesem Beitrag kann man folgende Kapitel aus dem Buch “Die Entwicklung des Priestertums und der Priesterreiche” von Rudolf Cronau (Pseudonym “Randolph Charles Darwin”) lesen:

Ein komplettes Inhaltsverzeichnis des Buches befindet sich in Beitrag 1.

„Tief erschüttert über die Unsumme der in allen Ländern der Christenheit durch die Vollstrecker der Inquisition verübten Freveltaten schrieb der ehemalige Jesuit Graf von Hoensbroech in seinem Werk: „Das Papsttum in seiner sozial-kulturellen Wirksamkeit“ folgende Zeilen:

„Innerhalb der 400 Jahre des Bestehens der Inquisition sind im Namen Gottes und des Christentums viele Tausende Menschen lebendig verbrannt und Ungezählte an Leib, Geld und Gut schwer geschädigt worden. Was diese Zahlen enthalten an Leibes- und Seelenqualen, an Vernichtung menschlichen Glückes, an Zerreißung von Familienbanden, an Zerstörung nationalen Wohlstandes, ist unausdenkbar. Das menschliche Elend, die menschliche Verzweiflung, der menschliche Jammer, die hier vor uns stehen, sind riesengroß. Lasse man die Flammen aller in diesen 400 Jahren entzündeten Scheiterhaufen zusammenschlagen, lasse man das Blut der hingemordeten Christenmenschen zusammenfließen: ein Meer von Feuer, ein Meer von Blut würde entstehen. Und aus diesem Meer würden aufsteigen, schrecklicher als das Heulen des gewaltigsten Sturmwindes, die Schmerzensschreie der Gefolterten, das Todesröcheln der Gemordeten, das Wehklagen der Witwen und Waisen! Wo ist die Einbildungskraft, die das Bild solcher Schrecknisse auch nur annähernd der Tatsächlichkeit entsprechend zu schildern oder zu zeichnen vermöchte?“ —“,

„Das Interdikt war eine furchtbare Waffe, die das Papsttum bereits seitdem 11. Jahrhundert erwogen hatte. Traf der Bann einzelne Personen, so traf das Interdikt hingegen ganze Gemeinden, ganze Provinzen oder ein ganzes Land. Es war ein Fluch, der von herrschsüchtigen, rücksichtslosen Pfaffen geschleudert wurde, in deren Herzen jede Spur von Liebe für ihre Mitmenschen erstorben war; die nicht darnach fragten, daß mit einem einzigen Schuldigen Millionen unbeteiligte Menschen leiden müßten. Das Interdikt traf eine Stadt oder ein Land schwerer, als wenn in demselben die Pest ausgebrochen wäre.“,

„Das Priestertum verstand es vortrefflich, diese Heiligenverehrung zu seinem Vorteil auszunützen. Man lehrte, daß solche Heilige sowohl Fürbitte bei der dreieinigen Gottheit um Vergebung der Sünden wie auch in allen Krankheitsfällen tun könnten. Deshalb baute man über ihren Gräbern und jenen Orten, wo Teile oder Teilchen ihrer Überreste als Reliquien aufbewahrt wurden, Kapellen und Kirchen, brachte Kranke dorthin und legte sie, wie man das während des Altertums im Heiligtum des Äskulap tat, in diesen Orten nieder, in der Hoffnung, daß ihnen hier durch die Fürsprache der Heiligen oder durch die von den Überresten der Heiligen ausgehende Wunderwirkung Genesung zuteil werden möge. Wie früher in den heidnischen Göttertempeln, so hing man auch hier aus Wachs, Silber und Gold geformte Nachbildungen der erkrankten Körperteile als Weihegaben auf; man trug Amulette, die mit den Reliquien der Heiligen in Berührung gebracht worden waren, und flehte um Beistand, wenn man Reisen und gefahrvolle Unternehmungen auszuführen hatte.“,

„So wenig glaubwürdig die Enthauptung Pauli ist, ebensowenig ist auch nachgewiesen, daß der Apostel Petrus in Rom gelebt habe und dort gekreuzigt worden sei. Das Neue Testament enthält keine dahin lautenden Angaben. Die „Acta Apostolorum“ (XII, 19) sagen vielmehr, Petrus habe sich von Judäa nach Cäsarea gewendet und dort seinen ständigen Wohnsitz gehabt. —“,

„Römische Schriftsteller aus den ersten Jahrhunderten des Christentums wissen auch nichts von den angeblichen Christenverfolgungen in Rom durch Nero und andere Kaiser. Dagegen ist von neueren Forschern nachgewiesen worden, daß derartige Angaben schon von den Urhebern der obengenannten Kirchen- und Apostelgeschichten frei erfunden und verbreitet wurden, ja, daß Notizen über angebliche Christenverfolgungen und die Leiden der Märtyrer schon während des ersten Jahrtausends der christlichen Kirche den Werken der älteren römischen Schriftsteller eingefügt wurden.“

Ab hier geht es weiter mit dem Originaltext des Buches:


DAS ZEITALTER DER KREUZZÜGE UND DER INQUISITION, ZUGLEICH DAS ZEITALTER DER GEISTLICHEN RITTER- UND NEUER MÖNCHSORDEN

Nach dem von Helena, der Mutter des Kaisers Konstantin, gegebenen Beispiel war es Sitte geworden, Wallfahrten nach jenen Stätten zu unternehmen, wo der Erlöser gelebt und gelitten hatte. Glaubte man doch, durch eine solche mit vielen Entbehrungen und Gefahren verbundene fromme Handlung von der Last aller Sünden befreit zu werden.

Für längere Zeit störte niemand die gläubigen Christen in solchen Pilgerfahrten. Erst als im 10. und 11. Jahrhundert die seldschukischen Türken Syrien und Palästina eroberten, begannen die Pilger über Mißhandlungen zu klagen. Dadurch erwachte in den Christen das Verlangen, jene heiligen Stätten aus der Gewalt der Mohammedaner zu befreien und für alle Zeiten den Ländern der Christenheit einzuverleiben. Schon der beständig auf die Erweiterung seiner Macht sinnende und auf die Gründung eines päpstlichen Weltreiches versessene Papst Gregor VII. hatte sich mit dem Plan getragen, das „Heilige Land“ zu erobern, war aber an der Ausführung dieser Absicht durch seine beständigen Streitigkeiten mit dem Kaiser Heinrich IV. verhindert worden.

Erst seinem Nachfolger Urban II. gelang es, für den Gedanken, Palästina vom Islam zu befreien, die nötige Begeisterung zu entfachen. Das geschah auf einer im Jahre 1095 zu Clermont in Frankreich veranstalteten Kirchenversammlung, zu der außer dem Papst auch ein soeben von einer Pilgerfahrt nach dem Heiligen Lande heimgekehrter belgischer Einsiedler, „Peter von Amiens“, erschien. Derselbe behauptete, während seiner Wallfahrt so viel Ungemach seitens der Mohammedaner erlitten zu haben, daß er den Entschluß faßte, die gesamte Christenheit zu einem Kampf gegen die „Ungläubigen“ aufzurufen.

In ein mit einem dicken Strick umgürtetes Pilgergewand gekleidet, barfuß und mit einem Kruzifix in der Hand, hielt er auf freiem Felde eine feurige Ansprache, in der er die Entweihung des allerheiligsten Bodens durch die Türken schilderte. Dieselben hätten die christlichen Tempel zu Ställen umgewandelt, das Grab des Erlösers durch Hunde verunreinigen lassen und die christlichen Wallfahrer geschändet und gemartert. Als darauf der Papst selber auftrat, den vom Himmel kommenden Befehl verkündigte, die furchtbaren Greuel zu rächen, mit feurigen Worten zu den Waffen rief und mit der Ermahnung schloß, „daß jeder sich selbst verleugnen und das Kreuz auf sich nehmen müsse, damit er Christus gewinne“, da erscholl aus aller Munde der begeisterte Ruf: „Dio lo volt!“ — „Gott will es!“ —

Denen, die sich bereiterklärten, an dem frommen Krieg gegen die Ungläubigen teilzunehmen, ward Vergebung aller Sünden und ewiger Lohn im Himmel zugesichert. Um die Gottesstreiter auch für jedermann kenntlich zu machen, wurde ihnen gleichzeitig ein rotes Kreuz auf die rechte Schulter geheftet, woher ihr Name „Kreuzfahrer“ und die Benennung der nachfolgenden Kriege als „Kreuzzüge“ rührt.

Wie man es während des in unserem 20. Jahrhundert entfachten Weltkriegs erlebte, daß ein Band im Knopfloch oder ein gewisses Abzeichen einen bestimmenden Einfluß auf den Willen eines Menschen ausübte, so geschah es damals im großen. Nachdem in dem sichtbaren Symbol des roten Kreuzes ein gemeinsamer Sinnesausdruck gewonnen war, der beständig an die treibende Idee erinnerte, entstand ein hastiges Drängen, sich den Kreuzfahrern anzuschließen. Das heilige Feuer zu schüren, verbreitete das Priestertum Nachrichten von allerlei Zeichen am Himmel, die angeblich Gottes Willen verkündigten. Ein Priester wollte am Himmel ein Schwert, ein anderer ein ganzes Heer, ein dritter zwei Ritter fechtend und den mit dem Kreuze siegend gesehen haben; ja, es wurde das Gerücht verbreitet, Kaiser Karl der Große sei von den Toten auferstanden, um sich selber an die Spitze der Gottesstreiter zu stellen. Eine damals ausbrechende Seuche, das „heilige Feuer“ genannt, wurde als göttliche Strafe für solche ausgelegt, die aus irgendwelchen Gründen zögerten, sich jenen abenteuerlichen Unternehmungen anzuschließen, die vielen Millionen Menschen den Untergang brachten, ohne einen dauernden Erfolg herbeizuführen.

Wohl wurde am 15. Juli 1099 Jerusalem wirklich erobert und dort Gottfried von Bouillon zum König des Heiligen Landes ausgerufen, aber die fanatischen Mohammedaner fügten sich nicht in den Verlust, sondern bedrängten mit starken Heeren die Kreuzritter so gewaltig und unablässig, daß immer aufs neue Hilferufe an die abendländische Christenheit ergehen mußten. So kam es, daß insgesamt sieben Kreuzzüge unternommen wurden, die sich über einen Zeitraum von nahezu 200 Jahren erstreckten. Das Ergebnis war, daß Jerusalem im Jahre 1244 und die letzten an der Küste Palästinas gelegenen christlichen Stützpunkte im Jahre 1291 wieder geräumt werden mußten. Der ungeheure Aufwand an Begeisterung, Kraft, Gut und Blut, den das Christentum auf das Geheiß des Papsttums gezeigt hatte, war vergebens gewesen. Es hatte im Orient einen Gegner gefunden, der ihm an Machtmitteln wie an Begeisterungsfähigkeit ebenbürtig war. —

Es war während dieser kampferfüllten Jahrhunderte, daß die „streitende Kirche“ auch zur Schaffung eines stehenden Heeres überging, dessen Truppen die strenge, asketische Selbstzucht der frühmittelalterlichen christlichen Mönche mit der Tapferkeit und todesfreudigen Kühnheit der Ritter in sich vereinigten. Es entstanden zunächst drei geistliche Ritterorden, die im Jahre 1099 gegründeten Johanniter, deren rote Waffenröcke mit einem weißen Kreuz versehen waren; die im Jahre 1118 gestifteten Templer oder Tempelherren, kenntlich durch ein rotes Kreuz auf weißem Mantel; und die im Jahre 1190 gegründeten Deutsch-Ordensritter, deren Kennzeichen ein schwarzes Kreuz auf weißem Mantel war. Dem Beispiel dieser in Frankreich und Deutschland gestifteten Orden folgten in Spanien die Orden von Calatrava (1175); Alcantara (1176) und Compostela (1175); ferner in Portugal die Orden von Evora (1166) und Avis (1181).

Diesen Ritterorden, die sich sowohl den Schutz der nach Palästina wallfahrenden Pilger wie die Bekämpfung des Islam im Orient, in Nordafrika und auf der Pyrenäenhalbinsel angelegen sein ließen, reihten sich gleichzeitig zahlreiche Mönchsorden an, von denen besonders die im Jahre 1084 gestifteten Kartäuser, ferner die Zisterzienser (1098), die Prämonstratenser (1121), die Karmeliter (1150), die Dominikaner (1215), die Franziskaner (1223) und die Augustiner (1256) hervorzuheben sind.

Dieses ganze, im Lauf der Zeit auf viele hunderttausend Köpfe anwachsende stehende Heer, dessen Unterhaltung in den immer zahlreicher werdenden Klöstern und Abteien den gläubigen Völkern überlassen blieb, wurde vom Papsttum nicht bloß zur steten Ausbreitung und Befestigung seiner Macht und zur Vermehrung seiner Einkünfte verwendet, sondern auch zur rücksichtslosen Bekämpfung aller jener christlichen Sekten, die von dem von der katholischen Kirche vorgeschriebenen einheitlichen Dogma, dem „allein wahren Glauben“ irgendwie abwichen und darum als ketzerische zu verdammen und auszurotten seien. Um sein Endziel, die Errichtung eines weltweiten einheitlichen Priesterreiches herbeiführen zu können, wollte das Papsttum keinerlei noch so geringe Unterschiede von der Schablone dulden. Derartige Sekten hatten sich in verschiedenen Ländern des westlichen Europa gebildet. Da waren zunächst die Waldenser, die sich nach einem in der französischen Stadt Lyon wohnhaft gewesenen Bürger Petrus Waldus benannten und, angewidert von dem in den Städten offenbarten kirchlichen Pomp und der Zuchtlosigkeit der Bischöfe und Priester, nach einer Rückkehr zu den Grundwahrheiten und den einfachen Bräuchen des Urchristentums verlangten. Da waren ferner die ebenfalls in Frankreich entstandenen, aber auch nach der Lombardei und Deutschland verzweigten Katharer, d.i. der „Reinen“, und endlich die nach dem in Südfrankreich gelegenen Ort Albi benannten Albigenser, die sowohl Wallfahrten wie den Heiligen-, Reliquien- und Bilderdienst mißbilligten und bloß Gebete und Geistestaufe als Mittel gelten lassen wollten, um zur Seligkeit zu gelangen. Auch der vom Papsttum eingeführte schmachvolle Ablaßhandel, das Messelesen und der Glaube an das Fegfeuer wurden von diesen Sektierern verworfen. —

Da das Beispiel dieser Sektierer und ihre rasch zunehmende Ausbreitung den Päpsten gefährlich schien und zugleich ihre wichtigsten Einnahmequellen zu unterbinden drohte, so scheuten sie sich nicht, zum Kreuzzug auch gegen diese verruchten Ketzer zu predigen und den Teilnehmern an solchen Strafzügen ähnlichen Sündenablaß und die gleichen Aussichten auf das Jenseits zu verheißen, wie solche den nach dem Orient gezogenen Kreuzfahrern zugesichert worden waren. Da die Rachezüge gegen diese frommen Christen völlig gefahrlos schienen, so fand sich bald genug verkommenes Gesindel aller Art zusammen, um über die obendrein mit dem Bann bestraften Ketzer gleich Wölfen herzufallen. Angebliche Prediger der christlichen Liebe, mehrere päpstliche Legaten sowie der Abt von Citeaux stellten sich an die Spitze der Fanatiker und verübten, vornehmlich im Kampf gegen die Albigenser, 20 Jahre lang Greueltaten, die zu den scheußlichsten des ganzen Mittelalters gehören.

Den Höhepunkt der Grausamkeiten bildete im Juli und August 1209 die Eroberung der Ortschaften Beziers und Garcassone, in denen neben Albigensern auch viele „rechtgläubige“ Christen lebten. Als ihretwegen die Belagerer Bedenken erhoben, wies der anwesende Legat sie mit den Worten ab: „Tötet sie alle, Gott wird die Seinen schon zu erkennen wissen!“ Dadurch wurden an die 20000 Menschen, Männer, Frauen und Kinder Opfer des aufs höchste gesteigerten religiösen Fanatismus. 7000 dieser Unglücklichen wurden in der Maria-Magdalena-Kirche abgeschlachtet, wohin sie sich geflüchtet hatten, in der Hoffnung, am Altar vor dem Wahnsinn ihrer Verfolger sicher zu sein. Mehrere hundert der angeblichen Ketzer wurden lebendig verbrannt. —

In dem Ausrottungskrieg gegen die Waldenser kam es zu ebenso abstoßenden Greueltaten. In dem Tal Vallouise hatten sich gegen 1500 Waldenser, darunter viele Frauen und Kinder, in eine große Höhle des Mount Pelvoux geflüchtet. Der päpstliche Kardinal Albert von Cremona ließ am Eingang der Höhle mächtige Feuer anzünden, wodurch die Eingeschlossenen im Rauch erstickten. Die wenigen, die es wagten, den Feuerkreis zu durchbrechen, wurden mit den Schwertern niedergemacht. Ähnlich erging es 25 Waldensern, die sich in einer Höhle bei Cabrieres verborgen hatten. Und in der Kirche jener zum päpstlichen Gebiet von Avignon gehörenden Ortschaft wurden zwischen 400—500 Menschen, meist Frauen und Kinder, niedergemetzelt.

Ähnliche Schandtaten wurden gegen die in Norddeutschland auf dem linken Ufer der unteren Weser seßhaften Stedinger Friesen begangen, die, getreu ihrem altgermanischen Losungswort: „Liewer düd üs Slaw“ = „Lieber tot als Sklave!“ dem Erzbischof von Bremen bisher die Abgabe des Zehnten verweigert und sogar seinen Bannfluch unbeachtet gelassen hatten. Da man ihnen nichts anderes vorwerfen konnte, so wurden auch sie der „Ketzerei“ beschuldigt: nicht nur seien sie mit dem Teufel im Bunde, sondern verehrten auch eine scheußliche Kröte und einen schwarzen Kater. Das war Grund genug, um den damaligen Papst Gregor IX. zu veranlassen, zu einem Kreuzzug gegen diese Heiden aufzurufen. Es kam ein Heer von 40000 Bewaffneten zusammen, das am 27. Mai 1234 die nur 11000 Mann starken Stedinger nach furchtbarem Kampfe erdrückte. Dieselben fanden fast alle im großen herrlichen Todeskampf ihren Untergang. Die wenigen Überlebenden mußten sich den Forderungen der Kirche unterwerfen, die abermals Veranlassung hatte, über einen glorreichen Sieg triumphieren zu können. Im Dom zu Münster ist ein aus jener Zeit stammendes Wandgemälde zu sehen, das einen Zug friesischer Bauern darstellt, die zwei höheren Geistlichen, von denen einer mit einem Schwert bewaffnet ist, Tribut entrichten[Eine Abbildung dieses Wandgemäldes ist in L. Stackes „Deutscher Geschichte“ (Band I, S. 498) wiedergegeben.].

Um dieselbe Zeit, wo sich in Frankreich, Deutschland und Oberitalien derartige Greueltaten abspielten, wurde durch Papst Gregor IX. auch ein Zuchtmittel zur Bekämpfung und Ausrottung der Ketzerei ins Leben gerufen, das mit vollstem Recht als die scheußlichste aller jemals von irgendeiner weltlichen oder geistlichen Macht in Anwendung gebrachten Gewaltmaßregeln bezeichnet worden ist: die Inquisition. Sie war bestimmt, jede gegen die Interessen des Papsttums verstoßende unabhängige Gedankenäußerung mit rücksichtsloser Strenge niederzumachen. Es sollte niemanden gestattet sein, in der Art seines Gottesdienstes eigene Wege zu gehen und von jenen drakonischen Vorschriften abzuweichen, die von den Päpsten für die gesamte Christenheit erlassen wurden. Um in allen Sachen des Glaubens die Alleinherrschaft zu behaupten, wollte die päpstliche Hierarchie es gewaltsam verhindern, daß der menschliche Geist irgendwo sich unabhängig, frei entwickle. Alle Gemüter sollten rücksichtslos in die päpstliche Form eingeschraubt werden und für immer in derselben verbleiben.

Schon Innozenz III. (1198—1216) hatte an sämtliche Bischöfe bei Strafe der Amtsentsetzung den Befehl erlassen, in ihren Sprengeln darüber zu wachen, daß der Sauerteig der ketzerischen Bosheit überall entfernt werde. Auf einer im Jahre 1229 zu Toulouse unter dem Vorsitz des päpstlichen Legaten, des Kardinals Romanus, abgehaltenen großen Synode wurde dieser Befehl erneuert und bestimmt, daß in jeder Pfarrei ein Priester und mehrere Laien eidlich zu verpflichten seien, nach Ketzern zu forschen und solche dem Bischof anzuzeigen. Außerdem sollten auch alle Knaben vom 12. Jahre an und alle Mädchen vom 14. Jahre an einen alle zwei Jahre zu wiederholenden Schwur ablegen, daß sie behilflich sein würden, etwaige Ketzer ausfindig zu machen! — Weiter wurde bestimmt, daß jeder Fürst, Gutsherr, Bischof oder Richter, der versuchen würde, einen Ketzer zu schonen, seines Landes, Gutes oder Amtes verlustig gehen solle. Unter Androhung gleicher Strafen ward es Anwälten und Notaren verboten, ihre Dienste Ketzern zu leihen. Jedes Haus, in dem ein Ketzer gefunden werde, sei niederzureißen. Zu Ketzern und zu Ketzerei Verdächtigen dürfe auch bei tödlichen Krankheiten kein Arzt zugelassen werden. Aufrichtig reuige Personen sollten, um der Gefahr einer Übertragung ihres Irrglaubens vorzubeugen, aus ihren Wohnsitzen ausgetrieben und durch eine besondere Tracht mit zweifarbigen Kreuzen gekennzeichnet werden. Auch sollten sie so lange aller öffentlichen Rechte verlustig bleiben, bis sie durch eine besondere Dispension seitens des Papstes wieder zu Gnaden aufgenommen seien.

Mit der strengen Durchführung dieser „Inquisition“ (von inquirere = aufspüren, untersuchen) wurden in erster Linie die Dominikaner beauftragt, die von nun an als echte Domini canes, d. i. „Hunde des Herrn“, sich das Ziel setzten: „alle in die Kirche eingedrungenen Füchse und Raubtiere zur Strecke zu bringen und zu zerreißen.“

Die über mehrere Jahrhunderte sich erstreckende Geschichte der Inquisition bildet in der Geschichte der gesamten Menschheit zweifellos das abstoßendste, grauenhafteste Kapitel; denn nirgendwo anders auf Erden wurden mehr Menschenleben in so ausgesucht grausamer Weise abgeschlachtet und mehr kulturelle und soziale Verwüstungen angerichtet, als in den dem Papsttum unterworfenen Ländern der Christenheit. Und zwar „im Namen Gottes“ und „im Namen Christi“, jener Gottheiten, die wegen ihrer allumfassenden Liebe und Barmherzigkeit von allen Anhängern des Christentums verehrt und angebetet wurden.

Nur mit tiefem Widerstreben kann sich der Verfasser dieses Buches entschließen, in großen Zügen auf das Wesen und Wirken der Inquisition einzugehen. Er unterzieht sich dieser Aufgabe nur in dem Bewußtsein, daß ohne eine solche Darstellung eine Charakterisierung des mittelalterlichen Papsttums und der durch dasselbe hervorgerufenen Zustände unmöglich wäre. Wer sich eingehender mit dem Studium dieser Zustände befassen will, sei auf die Schrift des ehemaligen Jesuiten Grafen von Hoensbroech: „Das Papsttum in seiner sozialkulturellen Wirksamkeit“ (Berlin 1904) sowie auf die von dem amerikanischen Historiker Henry Charles Lea auf Grund langjähriger sorgfältiger Studien verfaßten Werke verwiesen: „A History of the Inquisition of the Middle Ages“ (drei Bände, Neuyork 1888); „History of the Inquisition of Spain“ (vier Bände, Neuyork 1906); „The Inquisition in the Spanish Dependencies“ (Neuyork 1908); „The Moriscos of Spain, their conversion and expulsion“ (Philadelphia 1916). Ferner auf das von A. S.Turberville verfaßte Werk: „Mediaeval Heresy and the Inquisition“ (Neuyork 1921).

Mit den weitestgehenden päpstlichen Vollmachten ausgestattet, begaben sich die Inquisitoren an das Ausspüren, Verhören und Bestrafen ihrer Opfer. Wie sie dabei zu verfahren hätten, wurde ihnen durch verschiedene Handbücher vorgeschrieben, die von den päpstlichen Leitern der Inquisition verfaßt und verbreitet wurden. Graf Hoensbroech macht von solchen Handbüchern sechs namhaft: die „Practica Inquisitionis haereticae pravitatis“ des Inquisitors Bernhard Guidonis; das „Directorium Inquisitorum“ des Dominikaner-Inquisitors Nikolaus Eymeric; der „Tractatus de Officio sanetissimae Inquisitionis“ des Thomas Carena; die „Resolutiones morales“ des Antonius Diana; das „Sacro Arsenale“ des Dominikaners Thomas Menghini und eine „Strafrechtliche Anleitung, um in heiliger Weise die Gerechtigkeit anzuwenden“.

Vertieft man sich in den Inhalt dieser Anleitungen, so wird man von Grauen über die wahrhaft teuflische Gesinnung ihrer Urheber erfaßt. Zur Feststellung der Ketzerei sei die Tortur anzuwenden, zur Aburteilung die Todesstrafe durch Feuer. „Gäbe es eine noch grausamere Strafe als den Feuertod, so wäre sie gegen den Ketzer anzuwenden, damit er und sein Verbrechen um so schneller aus dem Gedächtnis der Menschen verschwände.“

In der Behandlung bereits verstorbener Ketzer gehen die Anleitungen noch ein gut Teil über die in Toulouse erlassenen Vorschriften hinaus; denn „wegen der Unmenschlichkeit des Verbrechens der Ketzerei höre mit dem Tode des Ketzers auch die Bestrafung nicht auf“. Folgerichtig seien die Güter solcher verstorbenen Ketzer zu konfiszieren und der Inquisition zuzuführen, obendrein ihre Leichen auszugraben und wegzuwerfen und ihre Bilder zu verbrennen. Wer immer Ketzer und ihre Begünstiger kirchlich beerdigt habe, solle der Exkommunikation verfallen und nicht eher losgesprochen werden, als bis er mit eigenen Händen deren Leichen ausgegraben und weggeworfen habe. Das Haus eines Ketzers sei dem Erdboden gleichzumachen und die Stelle, wo es stand, mit Salz zu bestreuen, damit sie für immer wüst bleibe — und sich dadurch als die Stätte eines Verruchten kennzeichne. —

Sehr übel wurde auch stets mit den Kindern angeblicher Ketzer verfahren. Wo solche nicht den eigenen Vater angezeigt hatten, gingen sie des Erbrechtes verlustig. Papst Innozenz III. bestimmte selbst, daß Kindern von Verächtern der irdischen Majestät nur aus Barmherzigkeit das Leben gelassen werden solle. Dagegen solle die Enterbung selbst katholisch gebliebener Kinder in keiner Weise unter dem Vorwand des Mitleids verhindert werden, „da nach göttlichem Urteil Kinder oft für die Sünden der Eltern gestraft werden“. Dem fügte Paul Ghirlando, der Beirat des päpstlichen Generalvikars zu Rom, noch hinzu:

„Solche Kinder, auch wenn sie gut katholisch sind und von dem Verbrechen ihres Vaters nichts wissen, sind gesetzlich so unfähig zu machen, ihre Väter zu beerben, daß sie nicht einmal einen Denar erben können. Sie sollen vielmehr beständig in Armut und Dürftigkeit dahinleben; nichts soll ihnen bleiben als das nackte Leben, das ihnen aus Barmherzigkeit gelassen wird; sie sollen sich in dieser Welt in einer solchen Lage befinden, daß ihnen das Leben zur Pein und der Tod zum Tröste wird.“ —

Wer könnte angesichts solcher Verordnungen es wagen zu bestreiten, daß das Papsttum des Mittelalters auf eine noch weitaus tiefere Stufe herabgesunken war, als sie von irgendeiner anderen Hierarchie jemals eingenommen wurde. Schlimmer noch! Von keiner anderen Hierarchie, die irgendwann und irgendwo bestand, ist bekannt, daß ihre Priester sich ähnlicher Brutalitäten und so unzähliger Giftmorde und Massenschlächtereien schuldig gemacht hätten wie die Priester Roms.

In vielen von katholischen Priestern und Schriftstellern verfaßten Darlegungen, die zur Entlastung der Kirche von diesen Greueltaten dienen sollen, wird behauptet, die mit der Durchführung der Inquisition beauftragten Priester und Mönche hätten sich im Hinblick auf den Satz: „Ecclesia non sitit sanguinem!“ „Die Kirche vergießt kein Blut!“ keiner Teilnahme an den Hinrichtungen der Ketzer schuldig gemacht, sondern die Ketzer nach ihrer Überführung stets den weltlichen Richtern zur Aburteilung übergeben und damit die Bitte verbunden, Leib und Leben der Ausgelieferten zu schonen.

In seinem bereits mehrfach angezogenen Werk „Das Papsttum“ bezeichnet der ehemalige Jesuit Graf von Hoensbroech diese Darlegungen als „ein frevelhaftes Spiel mit Worten, als einen geradezu beispiellos dastehenden systematischen Mißbrauch der Sprache und eine der schändlichsten Unaufrichtigkeiten, welche die lange Geschichte menschlichen Lugs und Trugs kennt“. Nachdem er diese Behauptung durch ein ganzes Kapitel füllende Belege bewiesen, verleiht er seiner Empörung weiter in folgenden Sätzen Ausdruck :

„Die Auslieferung des Ketzers an den weltlichen Arm“ und die an die weltliche Obrigkeit gerichtete „Bitte um Schonung des Ketzerlebens“ hatten nicht den Sinn, den diese Worte auszudrücken scheinen, nämlich Blutvergießen zu verhindern, sondern ihr Sinn war nur der, die päpstlichen Inquisitoren vor der kanonischen Irregularität zu bewahren, die sich Priester und Geistliche dadurch zuziehen, daß sie in irgendeiner Weise sich an der Tötung oder Verwundung eines Menschen beteiligen. Wehe dem „weltlichen Arm“, der die „Bitte um Schonung des Lebens“ ernst genommen, der sie erfüllt und dem Ketzer das Leben geschenkt hätte! Bannfluch und Interdikt wären auf ihn niedergefallen.“ —

Unserer Meinung nach war die Aburteilung resp. Verbrennung der Ketzer durch die weltlichen Behörden nicht das Schlimmste, was diese Unglücklichen traf. Man vergesse nicht, daß sie vor ihrer Hinrichtung tagelang die entsetzlichsten Torturen erdulden mußten, die, um Geständnisse zu erpressen, von den verhörenden Priestern angeordnet und in ihrer Gegenwart vollzogen wurden. An Grausamkeit übertrafen diese Torturen alle Racheakte, die von sogenannten „Wilden“ gegen besiegte Feinde verübt wurden.

In Spanien wurde ein systematischer Vernichtungskrieg gegen die mohammedanischen Mauren und die Juden eröffnet, die als angebliche Gegner des heiligen Glaubens gewaltsam bekehrt werden müßten. Das Hauptverbrechen dieser Unglücklichen bestand wohl darin, daß viele derselben durch Handel und Ackerbau bedeutende Vermögen erworben hatten, die natürlich nach der Überführung der Ketzer deren Richtern resp. der Kirche als Sühne anheimfielen. Infolgedessen feierte hier die Inquisition unter den Großinquisitoren Diego Perez, Cisneros, Torquemada und Pedro Arbues ihre grausigsten Triumphe. Durch diese Scheusale wurden in Spanien gegen 500000 Familien, zusammen an die 2000000 Menschen umfassend, zugrunde gerichtet. Von diesen wurden viele Tausende aus dem Lande vertrieben, viele Tausende eingekerkert oder an die Galeeren geschmiedet und viele Tausend mit dem Schwert hingerichtet oder mittelst der Garotte erdrosselt. Außerdem wurden 31912 Personen lebendig verbrannt. Torquemada allein verurteilte 105285 Personen und ließ über 6000 verbrennen.

Die blutgierigste der obengenannten menschlichen Bestien, Pedro Arbues, wurde — ein Hohn auf die Anschauungen des 19. Jahrhunderts — von dem Papst Pius IX. unter die Heiligen der katholischen Kirche versetzt[H. C. Lea, „The Martyrdom of San Pedro Arbues“.]!

Im dritten Bande seiner „History of the Inquisition in Spain“ gibt H. C. Lea die wörtlichen Aufzeichnungen über den Verlauf eines am 6. April 1568 vor dem Tribunal zu Toledo abgehaltenen peinlichen Verhörs, dem eine Frau Elvira del Campo unterworfen wurde. Sie war beschuldigt, verschiedene Male Samstags saubere Unterwäsche angelegt zu haben. Da sie obendrein Abneigung gegen den Genuß von Schweinefleisch empfand, so stand sie im Verdacht, eine Jüdin zu sein, welche die Vorschriften des jüdischen Gesetzes beachte. Die jüdische Religion, aus der doch das Christentum hervorgegangen war, und deren Überlieferungen es übernommen hatte, galt aber als Ketzerei und wurde als solche mit dem Tode bestraft. Obwohl die Unglückliche jede ketzerische Absicht verneinte, wurde sie, um ihr das Bekenntnis der Zugehörigkeit zur jüdischen Religion abzuzwingen, entkleidet und mehrere Tage lang Torturen der verschiedensten Art unterworfen. Trotz des flehentlichen Gewinsels der Ärmsten, daß sie nicht wisse, was sie bekennen solle, wurde sie fortgesetzt gemartert, bis sie, unter den entsetzlichen Qualen am Ende ihrer körperlichen und seelischen Kräfte angelangt, die ihr abgeforderte Zugehörigkeit zum Judentum bejahte. Darauf wurde sie als Ketzerin verbrannt!

Pedro Arbues verurteilt eine Ketzerfamilie zum Feuertod. Nach einem Gemälde von Wilhelm von Kaulbach

Pedro Arbues verurteilt eine Ketzerfamilie zum Feuertod.

Nach einem Gemälde von Wilhelm von Kaulbach.

Daß die Wut der Ketzerrichter auch nicht vor dem Grabe haltmachte, ergibt sich aus der Tatsache, daß die Dominikaner Peter de Tonenes und Peter de Cadireta „die ketzerischen Gebeine“ des Grafen Raimond de Urgel sowie des Grafen von Castelbon und seiner Tochter ausgraben und verbrennen ließen, obwohl die beiden letzteren schon seit 28 Jahren tot waren! Im Jahre 1484 wurden auch in der spanischen Stadt Ciudad Real Verhandlungen gegen 40 bereits längst verstorbene Ketzer geführt. Richter waren die päpstlichen Inquisitoren Pedro de la Costana, Domherr in Burgos, und Franzisco Sanchez, Domherr in Zamora. An die Angehörigen der Verstorbenen war die Aufforderung ergangen, „die Verteidigung des Gedächtnisses, des Vermögens und der Gebeine der Angeklagten zu übernehmen“. Aber der Schrecken vor der Inquisition war derart groß, daß niemand sich einzustellen wagte. So wurde das folgende Urteil gesprochen: „Da die genannten Toten in geweihter Erde liegen und kein Ketzer, kein Exkommunizierter dort liegen darf, so befehlen wir, daß jeder einzelne dieser Toten ausgegraben werde und daß ihre Überreste und Gebeine in den Flammen umkommen sollen, wie auch jede Erinnerung an sie.

„Das Urteil wurde am 15. März 1485 vollstreckt. 40 Leichname wurden „im Namen Christi“ verbrannt. Molenes , der das Urteil aus den Akten mitteilte, schrieb dazu: „Wenden wir unsere Augen weg von diesem Autodafé, bei dem man Skelette und faulende Leichen an 40 Pfählen den zweiten Tod, den Feuertod, erleiden machen will. Schrecklicher noch als dieses grausige Bild erscheint uns das Schicksal der lebenden Angehörigen dieser Toten, die das grauenhafte Urteil vernahmen, aus ihren Wohnungen vertrieben, ihres Vermögens beraubt wurden und nun rechtlos umherirren und Zuflucht in der Fremde suchen!“ —

Und zu solchen Untaten stachelten Gregor IX. und seine Nachfolger ihre Glaubensgenossen noch schriftlich auf. Graf Hoensbroech gibt einen am 16 . Juni 1233 von Gregor an den in Deutschland seines Amtes waltenden Inquisitor Konrad von Marburg gerichteten Brief wieder, in dem es heißt:

„Umgürte deine Hüfte mit dem Schwert des Heiligen Geistes, welches ist das Wort Gottes. Bemühe dich, die Ketzer durch emsige Sorge auf bessere Wege zu bringen. Falls jedoch die Leuchte des Herrn diese verpesteten Leute nicht mehr erhellt und leichte Mittel nicht mehr nützen, so müssen starke gebraucht und das faulende Fleisch mit Eisen und Feuer entfernt werden.“

Gleichzeitig forderte er den König Heinrich und den Erzbischof von Mainz mit folgenden Worten zu energischem Vorgehen auf:

„Wo ist der Eifer eines Moses, der an einem Tage 23000 Götzendiener vernichtete? Wo ist der Eifer eines Phineas, der den Juden und die Medianiterin mit einem Stoße durchbohrte? Wo ist der Eifer eines Elias, der die 450 Baalspropheten mit dem Schwerte tötete? Wo ist der Eifer eines Matatias, der in Begeisterung für das Gesetz Gottes am Altar jenen Juden tötete, der den Göttern opferte?“ —

So wenig Achtung die Inquisitoren vor den Toten zeigten, so wenig Achtung zeigten sie auch gegenüber den kostbaren Büchersammlungen, die von arabischen Kalifen, Gelehrten und Freunden der Wissenschaft in Südspanien zusammengebracht worden waren. Wohl die berühmteste Bibliothek der damaligen Zeit befand sich in Kordova, jener andalusischen Wunderstadt, deren Ruhm als ein Hauptmittelpunkt der Wissenschaft die ganze damalige Welt erfüllte. Die mit ungeheuren Kosten gesammelte Bibliothek soll mehrere hunderttausend Werke umfaßt haben, was um so mehr bedeutet, als jedes Buch damals mit der Hand geschrieben werden mußte. Sie fiel in gleicher Weise der Vernichtung anheim wie die Bücherschätze Granadas und der Alhambra, die der Erzbischof Ximenes auf dem Marktplatz bergehoch aufschichten und verbrennen ließ.

In gleich brutaler Weise zerstörten die mit den spanischen Eroberern nach Mexiko und Yukatan gekommenen Erzbischöfe Zumarraga und Landa die umfangreichen Handschriftensammlungen der Mayas und Azteken. Sie verfuhren dabei mit solcher Gründlichkeit, daß kaum dreißig dieser eigenartigen, das Wissen weit vorgeschrittener Völkerschaften enthaltenden Schriften auf unsere Tage gekommen sind[Prescott, „History of Conquest of Mexico“, p. 49.].

Tief erschüttert über die Unsumme der in allen Ländern der Christenheit durch die Vollstrecker der Inquisition verübten Freveltaten schrieb der ehemalige Jesuit Graf von Hoensbroech in seinem Werk: „Das Papsttum in seiner sozial-kulturellen Wirksamkeit“ folgende Zeilen:

„Innerhalb der 400 Jahre des Bestehens der Inquisition sind im Namen Gottes und des Christentums viele Tausende Menschen lebendig verbrannt und Ungezählte an Leib, Geld und Gut schwer geschädigt worden. Was diese Zahlen enthalten an Leibes- und Seelenqualen, an Vernichtung menschlichen Glückes, an Zerreißung von Familienbanden, an Zerstörung nationalen Wohlstandes, ist unausdenkbar. Das menschliche Elend, die menschliche Verzweiflung, der menschliche Jammer, die hier vor uns stehen, sind riesengroß. Lasse man die Flammen aller in diesen 400 Jahren entzündeten Scheiterhaufen zusammenschlagen, lasse man das Blut der hingemordeten Christenmenschen zusammenfließen: ein Meer von Feuer, ein Meer von Blut würde entstehen. Und aus diesem Meer würden aufsteigen, schrecklicher als das Heulen des gewaltigsten Sturmwindes, die Schmerzensschreie der Gefolterten, das Todesröcheln der Gemordeten, das Wehklagen der Witwen und Waisen! Wo ist die Einbildungskraft, die das Bild solcher Schrecknisse auch nur annähernd der Tatsächlichkeit entsprechend zu schildern oder zu zeichnen vermöchte?“ —

DAS INTERDIKT ALS MITTEL ZUR UNTERWERFUNG DER HERRSCHER UND LÄNDER

Wie Papst Innozenz III. als der eigentliche Begründer der Inquisition und Ketzerverfolgungen der Menschheit für viele Jahrhunderte in grauenhafter Erinnerung blieb, so kennt die Geschichte ihn auch als denjenigen, der zuerst das Interdikt gegen solche Herrscher und Länder in Anwendung brachte, die sich seinen Anordnungen und Forderungen nicht sofort bedingungslos fügen wollten.

Das Interdikt war eine furchtbare Waffe, die das Papsttum bereits seitdem 11. Jahrhundert erwogen hatte. Traf der Bann einzelne Personen, so traf das Interdikt hingegen ganze Gemeinden, ganze Provinzen oder ein ganzes Land. Es war ein Fluch, der von herrschsüchtigen, rücksichtslosen Pfaffen geschleudert wurde, in deren Herzen jede Spur von Liebe für ihre Mitmenschen erstorben war; die nicht darnach fragten, daß mit einem einzigen Schuldigen Millionen unbeteiligte Menschen leiden müßten. Das Interdikt traf eine Stadt oder ein Land schwerer, als wenn in demselben die Pest ausgebrochen wäre. Sämtliche Kirchen mußten geschlossen und alle Altäre ihres Schmuckes entkleidet werden. Die Glocken wurden abgenommen, damit kein Klang die Lüfte durchhalle. Die Bilder der Heiligen und Kreuze wurden mit schwarzen Tüchern verhangen, die Sakramente nicht länger ausgeteilt, die Friedhöfe verschlossen und die Toten außerhalb derselben wie Vieh in ungeweihter Erde verscharrt. Taufen wurden nicht länger vollzogen und Ehen nicht mehr am Altar, sondern auf den Gräbern eingesegnet. Alles, alles sollte daran gemahnen, daß der Fluch des Papstes auf dem Lande ruhe, der Fluch des Vertreters jenes Heilandes, der zufolge der Bibel gesagt habe: „Liebet eure Feinde; segnet die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen!“

Das Interdikt hatte außer den kirchlichen Strafen aber auch noch schwere wirtschaftliche Störungen zur Folge. Denn kein Bauer ging mehr seiner Beschäftigung nach, da jedermann glaubte, daß der verfluchte Boden nur noch Unkraut, Dornen und Disteln hervorbringen werde. Und keine Schiffe verließen die Häfen, weil die Kaufleute fürchteten, die Fahrzeuge würden von wütenden Stürmen und von Blitzen zerschlagen.

Der erste Monarch, der mit dem herrschgierigen Papst Innozenz in Zwiespalt geriet, war Philipp II. von Frankreich. Derselbe hatte sich mit Ingeborg, einer dänischen Prinzessin, vermählt, dieselbe aber schon am Tage nach der Hochzeit aus einem nie bekannt gewordenen Grunde wieder verlassen. Nachdem er durch den Erzbischof von Reims eine Scheidung erlangt hatte, vermählte er sich im Jahre 1196 aufs neue mit Agnes von Meran. Als der König von Dänemark sich darüber beim Papst beklagte, ließ dieser an Philipp die Aufforderung ergehen, Agnes zu verstoßen und Ingeborg als seine rechtmäßige Gattin zurückzunehmen. Da der König diese Zumutung abwies, drohte Innozenz, über ganz Frankreich das Interdikt zu verhängen. Und dasselbe wurde, als der König sich weigerte, der päpstlichen Forderung zu entsprechen, tatsächlich auf den Kirchenversammlungen zu Dijon und Vienne ausgesprochen. Tief empört setzte der König sämtliche Bischöfe und Priester, die dem Interdikt zugestimmt hatten, ab und ließ ihre Güter einziehen. Erst als Innozenz den König mit dem Bann bedrohte, unterwarf sich derselbe dem päpstlichen Gebot, nahm Ingeborg wieder auf, hielt aber trotz alledem seine Beziehungen zu der schönen Agnes bis zu deren im Jahre 1201 erfolgenden Tod aufrecht. —

Was das Interdikt zu bedeuten habe, sollten im Jahre 1208 auch die Bewohner Englands erfahren, als es sich um die Neubesetzung des durch den Tod des bisherigen Inhabers frei gewordenen Erzbistums Canterbury handelte. Bisher war es das Recht der englischen Bischöfe gewesen, sich ihren Erzbischof selber wählen zu dürfen. Und es war das Recht des Königs, diese Wahl zu bestätigen. Nunmehr aber hatten die Mönche von Canterbury mit Umgehung der Bischöfe in geheimer Sitzung ihren Subprior zum Nachfolger des verstorbenen Erzbischofs erwählt und dann nach Rom gesandt, damit er sich vom Papst bestätigen lasse. Erbittert über diese Nichtachtung seines Rechtes stieß der damalige König John die Wahl der Mönche um und veranlaßle, daß die Bischöfe seinen Günstling, den Bischof von Norwich, zum Oberhaupt der englischen Kirche erkoren. Papst Innozenz III. verwarf beide Wahlen und ernannte den Kardinalbischof Stephen Langton, einen geborenen Engländer, unter der Erklärung, daß die Bischöfe mit der Wahl nichts zu tun hätten und daß die Verfügungen des Apostolischen Stuhles einer königlichen Zustimmung nicht bedürften. Diese Erklärung versetzte den leidenschaftlichen König so in Wut, daß er die Mönche zu Canterbury verjagte, die Güter des Erzbistums für die Krone mit Beschlag belegte und dem Papst wegen der Nichtachtung seiner Rechte ein trotziges Schreiben zugehen ließ. Heftige Briefe flogen hin und her. Schließlich spitzten sich die Gegensätze derart zu, daß am 24. März 1208 die Bischöfe von London, Ely und Worcester einer Forderung des Papstes nachkamen und über ganz England das Interdikt aussprachen.

Trotz der dadurch heraufbeschworenen Zustände wollte der König doch nicht vor dem Papste zu Kreuze kriechen. Er belegte nicht nur sämtliche Güter jener Bischöfe, die auf Befehl des Papstes das Interdikt ausgesprochen hatten, mit Beschlag, sondern er wies auch die weltlichen Gerichte an, gegen alle geistlichen Personen, ohne Ansehen des Ranges, ebenso wie gegen die Laien zu verfahren.

Ergrimmt über diese Maßnahmen, schleuderte der Papst nunmehr auch noch den Bann gegen den König, erklärte ihn seines Thrones verlustig und entband sämtliche Vasallen und Untertanen ihres Treueides. Gleichzeitig forderte er den König Philipp von Frankreich sowie alle geistlichen Fürsten der Christenheit auf, an dem Gebannten das Urteil zu vollstrecken und ihn in einem „heiligen Krieg“ zu verjagen.

Unter den päpstlichen Gesandten, die den Auftrag hatten, den König von seiner Verbannung und Absetzung zu unterrichten, befand sich ein Subdiakon, Pandulf. Diesem gelang es, den König von der gegen ihn aufgebotenen Machtfülle so zu überzeugen, daß der auch von innerer Seelenangst Befallene sich zur Demütigung vor dem Papst entschloß. Es war am 13. Mai 1213 in Dover, wo König John dem päpstlichen Abgesandten eidlich gelobte, sich nicht nur dem Urteil des Papstes unterwerfen zu wollen, sondern voll Reue wegen seiner Sünden gegen Gott und die Kirche den Papst Innozenz wie dessen Nachfolger fortan als Lehnsherren über das Königreich England und Irland anzuerkennen. Gleichzeitig verpflichtete er sich, jährlich einen Tribut von 1000 Mark zu entrichten, alle vertriebenen Geistlichen wieder in ihre Ämter einzusetzen und sie in entsprechender Weise zu entschädigen. Der Papst fühlte sich durch diesen kaum erhofften Triumph so hochbefriedigt, daß er am 2. Juli 1214 durch einen Legaten vor einer aus der gesamten Geistlichkeit Englands bestehenden Versammlung die Aufhebung des Interdikts wie die Lossprechung des Königs vom Bann verkündigen ließ.

Nun zeigte es sich aber, daß eine derartige knechtische Unterwerfung des Königs unter eine fremde Lehnsherrschaft, sei es auch die des Papstes, durchaus nicht dem freiheitlichen Sinn des englischen Volkes entsprach. Ohnedies war sein Gefühl durch das sämtliche Bewohner des Landes betreffende Interdikt schwer verletzt worden. Man begann zu murren: „The king has become the Pope’s man, — from a free man he has degraded himself into a serf; — he has forfeited the very name of a king!“ Man erinnerte sich, daß im Jahre 1100 König Henry I. bei seiner Thronbesteigung einen Freibrief ausgestellt hatte, bei dessen Annahme sich alle Anwesenden durch Handschlag und Eid verpflichteten, für die alten sächsischen Rechte und Freiheiten sowohl mit den Waffen wie mit ihrem Leben einzustehen. Auf Grund geheimer Verabredung erschienen nun am Weihnachtstag des Jahres 1214 sämtliche weltlichen und geistlichen Vasallen des Königs in Worcester und verlangten von ihm die Einhaltung aller Privilegien, zu denen der Freibrief Henrys I. sie berechtige. Trotz heftigen Widerstrebens mußte der König sich zu einer öffentlichen Besprechung des Freibriefes bequemen. Die Zusammenkunft fand am 15. Juni 1215 auf der Wiese von Runnymede statt. Die bewaffneten Scharen des englischen Adels lagerten auf der einen Seite der die Wiese durchströmenden Themse, der König und sein Gefolge hingegen auf der anderen Seite des Flusses.

Nach dreitägigen Unterhandlungen entschloß der König sich am 19. Juni zur Unterzeichnung des Freibriefes, der seitdem als „Magna Carta libertatum“ die eigentliche Grundlage zu der freien Verfassung Großbritanniens bildet. Diese Magna Carta enthält in 63 Abschnitten die uralten Grundsätze der germanischen Freiheit aus der angelsächsischen Zeit, verbunden mit den ständischen Rechten des normannischen Lehnssystems. Der englische Klerus erlangte dadurch vollkommene Freiheit in allen seinen Wahlen, deren Bestätigung der König ohne gesetzmäßig bewiesene Einwände nicht versagen durfte. Die Gerichte sollten fortan jedermann offen sein; kein freier Mann durfte gefangengesetzt, seines Besitzes beraubt, geächtet oder sonstwie geschädigt werden, es sei denn durch ein Gericht seiner Standesgenossen und nach den Landesgesetzen. In Friedenszeiten wurde jedermann Freizügigkeit zu Wasser und zu Lande zugesichert.

Mit der Durchführung der Bestimmungen dieses Charters wurde ein aus 25 Baronen bestehender Rat betraut, der Vollmacht besaß, dem König Krieg anzusagen, falls er es an der Erfüllung des Vertrags fehlen lasse. —

Aber kaum war die Tinte des königlichen Namenszuges unter dem wichtigen Dokument trocken geworden, als in dem leidenschaftlichen Gemüt des Herrschers wilde Wut über die doppelten schweren Demütigungen emporflammte, denen er sich hatte unterwerfen müssen. Er beschloß, den Vertrag nicht zu halten und es auf einen Krieg ankommen zu lassen. Darin wurde er nun vom Papst unterstützt, der, als ihm der Inhalt der Magna Charta vorgelegt wurde, das Dokument für ungültig erklärte, den König von der Einhaltung seines feierlich gegebenen Eides entband, sämtliche englischen Barone exkommunizierte und das Interdikt über England erneuerte. Die Folge war ein heftiger Bürgerkrieg, der sich erst legte, nachdem am 16. Juli 1216 der Papst und am 19. Oktober desselben Jahres König John aus dem Leben geschieden waren.

DIE HEILIGENVEREHRUNG DER ALLEINSELIGMACHENDEN KIRCHE

Wie man in allen Ländern des Orients jene Asketen, die sich unter beschaulichen Betrachtungen und selbstauferlegten Martern eines gottgefälligen Lebens befleißigten, von jeher als besondere, außergewöhnliche Wesen betrachtete, so auch während des frühen Mittelalters in den Ländern der Christenheit. Hatten derartige Asketen sich durch standhaftes Beharren im Glauben, durch eifrigen Dienst im Interesse der Kirche besonders hervorgetan oder gar durch die Hand der andersgläubigen Heiden den Tod erlitten, so steigerte sich die Bewunderung zur Verehrung. Die Erinnerungen an sie wurden aufgezeichnet; man betete an den Stätten, wo sie gelebt hatten oder begraben lagen, um im Andenken an diese glaubenstreuen Vorbilder den eigenen Glauben zu stärken.

Während der ersten Jahrhunderte des Christentums war eine besondere Heiligsprechung bestimmter Personen nicht bekannt. Man reihte einfach alle in der Bibel erwähnten Personen, die sich für die Wahrheit irgendwie hervorgetan hatten, in die Schar der Heiligen ein, vor allem die Apostel, die Evangelisten, die drei Weisen, Johannes den Täufer, die Makkabäer, später auch hervorragende Kirchenlehrer und solche Männer, die für den allein wahren Glauben gekämpft und gelitten hatten; ferner die Stifter von Mönchsorden sowie mehrere weltliche Herrscher, wie Karl den Großen und verschiedene andere, die sich als Förderer der Kirche erwiesen hatten. Für mehrere Jahrhunderte stand den Bischöfen das Recht der Heiligenernennungen zu. Nach und nach wurde es aber ein ausschließliches Vorrecht der Päpste. Diese trafen auch eine Unterscheidung dahin, daß als „Sancti“ oder „Heilige“ solche zu betrachten seien, die ohne eine Läuterung durch das Fegefeuer sofort mit ihrem Tode in den Himmel eingehen; ferner „Beati“ oder „Selige„, das heißt solche, die vor ihrem Eingang ins himmlische Reich noch einige Zeit im Purgatorium oder Fegfeuer zugebracht haben; endlich noch Märtyrer, die um der Wahrheit willen gewaltsamen Tod erlitten; und „Confessores“ oder „Bekenner„, welche ein Bekenntnis der Wahrheit ablegten, ohne dafür den Tod erlitten zu haben.

Das Priestertum verstand es vortrefflich, diese Heiligenverehrung zu seinem Vorteil auszunützen. Man lehrte, daß solche Heilige sowohl Fürbitte bei der dreieinigen Gottheit um Vergebung der Sünden wie auch in allen Krankheitsfällen tun könnten. Deshalb baute man über ihren Gräbern und jenen Orten, wo Teile oder Teilchen ihrer Überreste als Reliquien aufbewahrt wurden, Kapellen und Kirchen, brachte Kranke dorthin und legte sie, wie man das während des Altertums im Heiligtum des Äskulap tat, in diesen Orten nieder, in der Hoffnung, daß ihnen hier durch die Fürsprache der Heiligen oder durch die von den Überresten der Heiligen ausgehende Wunderwirkung Genesung zuteil werden möge. Wie früher in den heidnischen Göttertempeln, so hing man auch hier aus Wachs, Silber und Gold geformte Nachbildungen der erkrankten Körperteile als Weihegaben auf; man trug Amulette, die mit den Reliquien der Heiligen in Berührung gebracht worden waren, und flehte um Beistand, wenn man Reisen und gefahrvolle Unternehmungen auszuführen hatte.

Um diese nach vielen Richtungen hin sehr einträgliche Heiligenverehrung zu fördern, ernannte die Kirche besondere Schutzheilige sowohl für die einzelnen Länder, wie für Städte, Zünfte und Kirchen. St. Peter und St. Paul wurden die Patrone Roms; St. Jakobus der Schutzheilige Spaniens; St. Denis der Schutzheilige Frankreichs; St. Andreas Griechenlands; St. Patrik Irlands usw. St. Johannes Evangelista und St. Augustinus wurden die Schutzherren für die Theologen; St. Lukas für die Maler; St. Phokas für die Seefahrer; St. Frumentius für die Kaufleute; St. Sebastian für die Schützen; St. Hubertus für die Jäger; St. Johannes für die Schneider; St. Georg für die Reisenden; die heilige Cäcilia für die Musikanten; St. Crispin für die Schuster; St. Gertrude für die Rattenfänger; St. Zita für die Küchenmädchen usw. Andere Heilige konnten als bewährte Helfer gegen bestimmte Krankheiten angerufen werden. Erasmus half gegen Schmerzen des Unterleibs; Apollonia gegen Zahnschmerzen; Mauritius gegen Podagra; Ottilia gegen Augenleiden; Liborius gegen Gallen- und Blasensteine; Florian schützte gegen Feuersbrünste; Johannes Chrysostomus gegen Fallsucht ; St. Gumprecht gegen den Biß toller Hunde usw. Sogar manche Tiere empfingen ihre Schutzpatrone, so schützte Ambrosius die Gänse, Stephanus die Pferde, Johannes der Täufer die Lämmer und Antonius die Schweine.

Um solche Heilige den Herzen der nach Mirakeln hungernden Christen näher zu bringen, wurden allerhand Wundergeschichten verbreitet, die geeignet schienen, die verehrungswürdigen Tugenden, vor allem auch die erhebende Standhaftigkeit dieser Heiligen im wahren Glauben in das rechte Licht zu rücken.

Unter den hauptsächlichsten Urhebern solcher Wundergeschichten befanden sich Abdias, Bischof der christlichen Sekte zu Babylon, dem man ein zehn Bücher umfassendes Werk über das Leben und Sterben der Apostel verdankt. (Historia Certaminis Apostolici.) Ferner Dorotheus, Bischof von Tyrus, der eine ähnliche Geschichte der Apostel verfaßte ; und Eusebius, Bischof von Cäsarea, der während seines Lebens (260—340) außer vielen anderen Schriften auch eine zehn Bücher umfassende „Historia Ecclesiae“ oder „Kirchengeschichte“ lieferte.

Welche Fabeln die Urheber dieser Schriften ihren Zeitgenossen aufzutischen wagten, zeigen beispielsweise die Mitteilungen, die über die angebliche Hinrichtung des Apostels Paulus durch Nero in die Welt gesetzt wurden. Noch nachdem der durch das Schwert abgehauene Kopf des Apostels auf den Boden gefallen, habe derselbe nicht nur den Namen Jesu Christi ausgerufen, sondern noch drei weite Sprünge zu Ehren der heiligen Dreieinigkeit ausgeführt. Und aus den Adern des Enthaupteten sei nicht etwa Blut, sondern reine Milch geflossen. (Apost. History II, 455.) Dem entgegen steht die in den Acta Apostolorum (XXVIII, 31) enthaltene Bemerkung, Paulus habe in Rom in seinem Hause gelebt und das Reich Gottes verkündigt, ohne daß jemand ihm das verwehrt hätte. —

So wenig glaubwürdig die Enthauptung Pauli ist, ebensowenig ist auch nachgewiesen, daß der Apostel Petrus in Rom gelebt habe und dort gekreuzigt worden sei. Das Neue Testament enthält keine dahin lautenden Angaben. Die „Acta Apostolorum“ (XII, 19) sagen vielmehr, Petrus habe sich von Judäa nach Cäsarea gewendet und dort seinen ständigen Wohnsitz gehabt. —

Römische Schriftsteller aus den ersten Jahrhunderten des Christentums wissen auch nichts von den angeblichen Christenverfolgungen in Rom durch Nero und andere Kaiser. Dagegen ist von neueren Forschern nachgewiesen worden, daß derartige Angaben schon von den Urhebern der obengenannten Kirchen- und Apostelgeschichten frei erfunden und verbreitet wurden, ja, daß Notizen über angebliche Christenverfolgungen und die Leiden der Märtyrer schon während des ersten Jahrtausends der christlichen Kirche den Werken der älteren römischen Schriftsteller eingefügt wurden. So enthielt eine im 8. Jahrhundert angefertigte Abschrift der „Annalen“ des Tacitus solche von unbekannter Hand eingeschobene Zusätze über angebliche Christenverfolgungen unter Nero. Diese Abschrift befand sich im Jahre 1468 im Besitz des in Venedig ansässig gewordenen deutschen Druckers Johannes von Speier (de Spiro) und wurde von diesem durch Druck vervielfältigt[Vergl. den in „Haldeman – Julius Monthly“ vom Dezember 1925 enthaltenen Aufsatz „The Myth of Christian Martyrdom“ von Maynard Shipley, President of the „Science League of America“.].

Von welcher Art die Leiden gewesen seien, welche die christlichen Märtyrer angeblich hätten bestehen müssen, ist aus der von Eusebius (V, 2) erzählten Geschichte der heiligen Blandina zu ersehen, die im Jahre 177 unter der Regierung des römischen Kaisers Mark Aurel wegen ihres christlichen Glaubens zu Tode gefoltert worden sei. Man habe sie zuerst nahezu in Stücke zerrissen und so vielen verschiedenen Torturen unterworfen, daß die erschöpften Folterknechte in Verlegenheit gewesen wären, was noch sie an ausgesuchten Martern hätten ersinnen können. Aber all diese Leiden habe Blandina geduldig ertragen und bei dem fröhlichen Bekenntnis verharrt: „Ich bin eine Christin, und unter uns wird nichts Böses getan!“ — Darauf habe man sie neuen Qualen unterworfen, ihren Körper in einer glühenden Pfanne gebraten, sie dann im Amphitheater an einen Pfahl gebunden und wilde Bestien auf sie losgelassen. Da diese aber die Heilige nicht anrührten, hätten die darüber ergrimmten Peiniger Blandina schließlich in ein Netz gewickelt und einem wütenden Stier vorgeworfen, der mit seinen Hörnern das Bündel wiederholt in die Höhe geschleudert habe. All diese Martern habe Blandina so freudig ertragen, als ob sie einem Hochzeitsmahl beiwohne. Keinerlei Schmerzen habe sie empfunden, weil sie bis zu ihrem letzten Atemzug in Verkehr mit Christus dem Erlöser gestanden habe. —

Eine ähnliche ergreifende Geschichte hat den heiligen Sanktus zum Helden. Obwohl man die empfindlichsten Stellen seines Körpers mit rotglühenden Kupferplatten bedeckte, so daß derselbe schließlich eine einzige versengte und verbrannte menschenähnliche Masse bildete, hielt Sanktus unbeirrt fest an seinem Glauben, in dem er durch den aus dem Schoß Christi hervorbrechenden himmlischen Tau gestärkt wurde. Und obwohl man ihn wieder und wieder allerlei Qualen unterwarf, konnte man seinen Tod doch nicht herbeiführen. Im Gegenteil, alle Leiden, an denen er früher gekrankt hatte, verschwanden; ja, er erlangte die verlorene Beweglichkeit seiner Glieder und Muskeln wieder zurück, so daß die geduldig ertragenen Martern ihm anstatt zum Unheil zum wahren Segen wurden! —

Der hervorragende Gelehrte Prof. Andrew D. White, Präsident der Cornell-Universität zu Ithaka, Neuyork, wies im 13. Kapitel seines weitverbreiteten Werkes „A History of the Warfare of Science with Theology in Christendom“ nach, wie die frommen Kirchenväter des Mittelalters einander überboten, die Lebensbeschreibungen solcher „Heiligen“ mit allerhand Legenden auszuschmücken. Und in der Neuzeit war es nicht anders. Als Beispiel zieht er das Leben des in Spanien geborenen Francis Xavier an, der sich während der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts als Missionar nach Indien begab, wo er im Jahre 1552 starb. Weder einer der mit ihm hinausgezogenen Kollegen noch er selber hätten in ihren Briefen über irgendwelche Wunder zu berichten gehabt, die sich während ihrer Tätigkeit zutrugen und auf ihre Gebete zurückgeführt werden könnten. Dagegen hätten spätere Gottesmänner, die es sich angelegen sein ließen, den gläubigen Christen Europas Xavier als Heiligen zu schildern, ihm allerlei Wundertaten angedichtet, die er in Asien verrichtet habe. Zunächst sei vernommen worden, Xavier habe einen Mann vom Tode erweckt und einen Blinden sehend gemacht. Späteren Biographen genügte das nicht; deshalb wurde die Zahl dieser Totenerweckungen verdoppelt und verdreifacht, bis schließlich die im Jahre 1682 von dem Pater Dominic Bonhours verfaßte Lebensbeschreibung Xaviers zu berichten wußte, derselbe habe 14 Tote zu neuem Leben erstehen lassen!

Als im Jahre 1622 in Rom der Antrag auf die Heiligsprechung Xaviers gestellt wurde, ließ insbesondere der Kardinal Monte es sich angelegen sein, die vielen Wundertaten desselben hervorzuheben. Durch das Schlagen des Kreuzes habe er das Wasser des Meeres in süßes Trinkwasser verwandelt. Einen Ort, der sich Xaviers Lehren gegenüber ablehnend verhielt, habe er gestraft, indem er ein Erdbeben verursachte, das sämtliche Bewohner unter einem vulkanischen Aschenregen begrub. Lampen, die vor dem Bildnis Xaviers gestanden und mit Weihwasser gefüllt gewesen, hätten gebrannt, als ob sie voller Öl seien.

Mehr noch! Eines Tages habe Xavier, als er sich an Bord eines Schiffes befand, sein Kruzifix verloren, das in die See gefallen sei. Aber bei der Landung sei ihm das Kruzifix durch eine Krabbe wieder zugestellt worden, die es ihm mit ihren Scheren feierlich überreichte. Das gleiche Histörchen wurde von dem Pater Bonhours im Jahre 1682 mit der Abänderung wiedergegeben, Xavier habe das Kruzifix während eines schweren Orkans über Bord geworfen, um die turmhohen Wogen zu beschwichtigen, was dank seiner Wunderkraft auch gelungen sei. Die Zurückerstattung des Kruzifixes durch die fromme Krabbe wurde natürlich beibehalten.

Nicht genug konnten derartige Chronisten auch über die ungewöhnliche Frömmigkeit Xaviers berichten. Eines Tages sei er beim Abendbrot vermißt worden. Die nach ihm ausgesandten Leute fanden ihn an einer einsamen Stelle in tiefstem Gebet versunken, aber nicht etwa kniend, sondern frei in der Luft schwebend, mit gen Himmel gerichteten Augen und das Gesicht von einem wundersamen Glanz umgeben! —

In seinen eigenhändigen Briefen beklagte Xavier wiederholt seine Unkenntnis mit den Sprachen der Eingeborenen, wodurch ihm in der Erfüllung seiner Missionstätigkeit fast unüberwindliche Schwierigkeiten erwuchsen. Meist müsse er sich Dolmetscher oder gar der Zeichensprache bedienen, um sich einigermaßen verständlich machen zu können. Dieses offene Bekenntnis hielt die späteren Biographen Xaviers aber keineswegs ab, ihn in ein Sprachgenie seltenster Art zu verwandeln. Er habe jede Sprache so meisterlich gehandhabt, als hätte er sein ganzes Leben unter jenen fremden Völkern zugebracht. Ja, der Jesuitenpater Coleridge weiß in seiner im Jahre 1872 erschienenen Lebensbeschreibung Xaviers sogar zu melden, dieser habe eines Tages vor den Angehörigen sprachlich ganz verschiedener Stämme gepredigt, trotzdem habe ein jeder dieser Leute ihn in der Sprache seines eigenen Stammes reden hören und verstehen können! Woraus zu ersehen, daß einem wirklichen Heiligen kein Ding unmöglich ist.

Demnach kann es auch nicht befremden, daß die Leichen solcher Heiligen sich anders als jene gewöhnlicher Sterblichen verhalten. So strömte z. B. jene Xaviers noch nach vielen Monaten einen entzückenden Wohlgeruch aus. Auch wehrte sie sich aufs hartnäckigste gegen alle Versuche, sie durch in den Sarg hineingelegten ungelöschten Kalk zu zerstören. Obwohl man damit den Sarg wiederholt füllte, zeigte sich beim späteren Öffnen des Sarges, daß alles Fleisch unversehrt, das Blut in Farbe und Beschaffenheit unverändert und der Wohlgeruch der gleiche geblieben waren. So wurde wenigstens gelegentlich der am 19. Januar 1622 durch den Papst Gregor XV. erfolgten Heiligsprechung Xaviers vom Kardinal de Monte berichtet, und so steht es noch heute auf Seite 512 des von Cocham Brewer im Jahre 1916 in Philadelphia veröffentlichten „Dictionary of Miracles“ zu lesen. —

Ähnliches wurde von der am 23. Februar 1270 gestorbenen seligen Elisabeth, der Schwester des heiligen Ludwig, Königs von Frankreich, berichtet. Nachdem man sie in der Klosterkirche der Abtei Lang Champs begraben hatte, wurde neun Tage später ihr Grab geöffnet, um es mehr zu verzieren. Man fand all ihre Gliedmaßen weich, das Antlitz schön und blühend, die Augen voll milden Blickes, und ein überaus lieblicher Wohlgeruch entstieg ihrer Gruft.

Solche schon während der ersten Jahrhunderte des Christentums durch den Geschichtschreiber Eusebius von Cäsarea betriebene Verherrlichung angeblicher Märtyrer und Heiligen artete während des Mittelalters geradezu ins Phantastische aus. Wußten bereits die älteren Werke von diesen Heiligen allerhand fabelhafte Begebenheiten zu berichten, so strotzt die während des 13. Jahrhunderts von Jakobus de Voraigne geschriebene, damals vielgelesene „Goldene Legende“ von geradezu haarsträubenden Fabeleien. Aber auch dieses Sammelsurium wurde noch übertroffen durch ein von dem Jesuiten Johann van Bolland im Jahre 1643 begonnenes und von seinen Ordensbrüdern, den sogenannten Bollandisten, fortgesetztes Riesenwerk, das den Titel „Acta Sanctorum“ trägt. Infolge von allerhand Kriegswirren erfuhr es mehrfache Unterbrechungen, aber die Arbeit wurde immer wieder von anderen „glaubensstarken“ Männern aufgenommen und war im Jahre 1902 bis zum 63. Großfolioband fortgeschritten!

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